Das Kreuz als Markenzeichen


Die Tourismusbranche entdeckt religiöse Reisen


Das Land, in dem Milch und Honig aus der Eiscrememaschine fließen, liegt im US-Bundesstaat Florida. Im Bibelpark „Holy Land Experience“ kann der Besucher zuerst einen Goliath-Burger im Oasis-Palm-Café futtern, hinterher durch die Via Dolorosa zum Grab Jesu schlendern und dort dessen Auferstehung beiwohnen. Die wird täglich gleich acht Mal inszeniert.

Der bigotte Rummel ist in den USA auf der Stelle zur Touristenattraktion avanciert. Hierzulande wirbt Harald Hensel vom Deutschen Seminar für Tourismus Berlin, einer Bildungseinrichtung der Reisebranche, zwar für eine verstärkte „Einbeziehung religiöser Bräuche und kirchlicher Räume“ in die Tourismuswerbung. Eine Vermarktung a la Disneyland verbiete sich jedoch. Schließlich gehe es um emotionale und moralische Werte.


Chance


Branchenkenner Hensel begrüßt, dass die Kirche sich momentan vermehrt öffnet und Gebäude wie Inhalte einem breiten Publikum präsentiert. Dies begreift er auch als Chance für die Institution selbst. „Denn der Tourist, der ein Gotteshaus betritt, sich hinsetzt und zur Ruhe kommt, finde vielleicht auch etwas von den Werten wieder, für die die Kirche steht.“ Darüber hinaus fördere das religiöse Reisen die mittelständische Wirtschaft. Man stelle sich vor, schwärmt der Tourismusexperte, jeder Protestant würde nur einmal in seinem Leben die Lutherstadt Wittenberg besuchen.


Wittenberg


Als „evangelisches Mekka“ hat sich der mittelalterliche Ort längst profiliert. Auch nach dem Buchungsboom im Lutherjahr 1996 reisten jährlich noch immer etwa 150.000 Menschen an, um vor allem die Thesentür der Schlosskirche zu sehen, weiß Verkehrsamtsleiter Stephan Schelhaas. Wittenberg sei auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen und treibe daher den Ausbau der „Event-Schiene“ voran. Neben dem Reformationsfest und dem Fußballereignis „Luther Cup“ habe sich das Stadtfest „Luthers Hochzeit“ zum Glanzlicht entwickelt.

Die touristische Verwertung des Reformators weckt bei Matthias Zentner, vormals Pfarrer im Luther-Zentrum Wittenberg, zwiespältige Gefühle. Einerseits falle ihm in diesem Zusammenhang Friedrich Schorlemmers Bemerkung ein, „die DDR hat Luther vermarxt, heute wird er vermarktet, auf jeden Fall wird er vermurkst!“ Andererseits gebe es zwischen Kirche und Tourismus eine „sinnfällige Kooperation“. Die Kirche sei in der Lage ein Segment zu bedienen, das die Tourismusbranche von sich heraus nur schwer befriedigen kann: die Sinnstiftung. „Hier verfügen beide Konfessionen über zahlreiche Angebote, die in die Tiefe gehen und nachhaltige Spuren hinterlassen.“


Sakralimmobilien


Kunst-, kultur- und architekturgeschichtlich gleichermaßen interessant, haben sich Kirchen und Klöster als regelrechte Besuchermagneten entpuppt. Wolfgang Isenberg, Direktor der katholischen Thomas-Morus-Akademie, zählt die „Sakral-Immobilien“ zu den derzeit wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Deutschland. Wissbegierige Kulturmenschen wüssten deren Atmosphäre und den Erlebniswert zu schätzen.

Wie erfolgreich entsprechende Offerten sein können, zeigt unter anderem das Projekt „Klösterreich“. Unter diesem Namen offerieren 20 österreichische Ordenshäuser seit etwa fünf Jahren ein rares Gut: Stille. Rückzug in ein Kloster sei als aktueller Trend gefragter denn je, konstatiert der Initiator Hermann Paschinger. Für gestresste Zeitgenossen seien Klöster eine Art Gegenwelt zum Alltag, die ihre Sehnsucht nach Innerlichkeit und Verwandlung erfüllt.

Der Leiter des „Arbeitskreises Freizeit, Erholung und Tourismus“ der Evangelischen Kirche in Deutschland, Klaus-Peter Weinhold, plädiert dafür, „stärker auszubauen, was man touristische Produkte nennt“. „Die Kirche muss selbstbewusster darstellen, was sie zu bieten hat.“ Dazu trügen beispielsweise qualifizierte Kirchenführer bei, die die kunstgeschichtliche Bedeutung der Gebäude ebenso vermitteln können wie die religiösen Inhalte.

Eine paradoxe Situation. Während den Kirchen die Mitglieder entschwinden, haben ihre steinernen Wahrzeichen wie auch ihre Riten und Bräuche Konjunktur. Schlägt der Kulturtourismus also eine Brücke zwischen säkularer Gesellschaft und christlichem Glauben? Zentner ist überzeugt, dass zumindest jene Menschen, denen die Religion fremd geworden ist, durch derartige Reisen wieder mit christlichen Aussagen und Traditionen vertraut werden könnten.

Insgesamt aber hält er die Liaison zwischen Kirche und Tourismus für ein „sensibles Geschäft“ mit klaren Grenzen. Das Kreuz sei zwar ein weltweit bekanntes Markenzeichen, doch lasse sich Religion nicht als folkloristisches Beiwerk eines Städtebesuchs vermarkten.


Doris Stickler (epd)