Interessengemeinschaft?

Was ist eigentlich eine Kirchengemeinde?


Die Frage ist sicherlich nicht ganz unerheblich. Vor allem für solche, die gerade in einer Kirchenzeitung lesen. Was ist eine Kirchengemeinde? Es gibt da ja mehrere Antwortmöglichkeiten. Man könnte zum Beispiel sagen, und manche sagen das: Eine Kirchengemeinde ist ein Verein, eine eingetragene, festgeschriebene Organisation von Leuten. Das hat etwas für sich. Das verweist auf etwas, das man sehen, zählen, nachprüfen, verifizieren kann. Eine Kirchengemeinde ist ein Verein, so wie es andere eingetragene Gruppen gibt: Parteien, Institutionen, fassbare Karteigrößen. Insofern stimmt es dann, dass Jesus noch keine Kirche gegründet hat; seine Gemeinschaft mit den Jüngern, den Frauen und Männern, die ihm zugehört haben oder mit ihm gezogen sind, war etwas Derartiges nicht. Aber das muss ja nichts heißen. Kirche muss ja nicht unbedingt alles Jesus nachmachen. Oder doch?


Es gibt eine zweite Möglichkeit, Kirche zu definieren. Eine Kirchengemeinde, so sagen manche, ist ein Freundschaftskreis, ein Beziehungsfeld. So war das eben bei Jesus und so muss das auch heute sein. Eine Kirchengemeinde besteht aus Menschen, die sich kennen, die sich mögen, die sich vertragen und gerne miteinander durch die Gegend ziehen. Was halten wir davon?


Überlegen wir weiter. Eine Kirchengemeinde, das könnte zum Dritten natürlich auch ein gleiches Merkmal sein bei allen, eine Übereinstimmung in der Art, in der Meinung, in der Glaubensüberzeugung. Dann wäre Kirche so etwas wie eine bestimmte Schublade. Gerade Alt-Katholiken tun sich damit recht schwer. Alle sollen auf einer Linie liegen? Alle sollen dieselbe Meinung haben? Ich weiß nicht. Wie liest sich das: Kirchengemeinde als Kreis von Leuten mit gleichem Denken?

Vielleicht fallen Ihnen noch mehr Möglichkeiten ein? Stellt uns eine der bisherigen Ideen schon zufrieden? Kirchengemeinde als Verein, als Freundeskreis, als Glaubenstruppe.


Mir fällt noch ein Viertes ein: Kirche als Interessengemeinschaft. Das hört sich nach wenig an. Aber immerhin, auch das wäre eine Möglichkeit: Kirche als Interessensgemeinschaft.


Möglichkeiten


Jeder kann ja nun mal die eigene Wirklichkeit vor Ort in Beziehung setzen zu diesen vier Möglichkeiten. Fragen Sie sich doch, ob Sie so einem Verständnis von Kirchengemeinde zustimmen könnten, ob das für Ihre eigene Kirchengemeinde stimmt. Eingetragener Verein? Ja, das mag hinkommen. Aber reicht das? Wir haben in den meisten unserer Kirchen auch einige Leute, die regelmäßig kommen und sogar kräftig mithelfen und doch nicht eingetragen sind. Freunde, Nahestehende, Neugierige, Suchende. Gehören die nicht zur Gemeinde? Besteht Kirchengemeinde nur aus den Karteieintragungen? Gibt es da nicht Personen auf Karteikarten, die weniger dazugehören als nicht Eingetragene, die aber kommen und uns verbunden sind?


Die zweite Möglichkeit: die mit dem Freundschaftskreis. Die möchte ich nicht so schnell von der Hand weisen. Wenn ich an Traunreut denke oder Mundelfingen oder oder oder.... An vielen, gerade kleinen Orten ist Kirche wirklich mehr als nur Äußerliches. Da ist Beziehung und Sympathie mit drin, auch wirkliche Freundschaft. Oftmals besteht der Kern einer Gemeinde, der wirkliche tragende und Zukunft tragende Kern aus Leuten, die miteinander gut vertraut sind. Ob es jetzt die Älteren betrifft, die sich an Gründungszeiten erinnern und immer noch gern kommen, oder eben die Jüngeren, die beim Kirchenkaffee noch zusammenhocken, miteinander die Krippe aufbauen, sich einfach sehr gut leiden können. Kein Zweifel, ohne Freundschaft wären unsere Gemeinden nichts mehr. Aber bestehen sie deshalb notwendig und nur daraus? Was ist dann mit denen, die weit entfernt wohnen, keine Chance zur dauerhaften Nähe haben?


Das Dritte, das mit der festen Glaubenstruppe: Kirche als Übereinstimmung im Denken. Klar, alt-katholisch ist man selten von Geburt an. Für unsere Kirche entscheiden sich die meisten irgendwann im Leben. Also gibt es da vielleicht mehr als bei anderen Kirchen etwas Gemeinsames, eine gemeinsame Richtung und Meinung. Aber wenn man die mal genau unter die Lupe nähme, so würde man, wie ich vermute, doch auf viele Unterschiede stoßen. Es gibt bei uns Vorsichtige, sehr Konservative, totale Revoluzzer, Liberale, Freidenker, Fromme, Frömmelnde, Coole, Liturgiefanatiker, Fast-Atheisten ... Die Reihe ließe sich beliebig weiterführen. Kirchengemeinde als Truppe mit gleichem Glauben ist wohl heikel.


Tja, was bleibt noch? Das mit der Interessengemeinschaft? Stimmt das? Sind wir eine Interessengemeinschaft? Die Jünger zur Zeit Jesu, die waren so etwas. Frauen und Männer. Die hatten ein gemeinsames Interesse. Die waren gemeinsam interessiert. Und bei uns? Wir müssten es mal nachprüfen. Haben wir ein gemeinsames Interesse? Woran? Und wenn nicht? Könnten wir uns dann auflösen? Ich denke: ja. Entweder sind wir eine Interessengemeinschaft oder gar nichts.


Fragen


Woran aber sind wir interessiert? „Interesse“, das hört sich so oberflächlich an, so rein intellektuell. Ich interessiere mich für Briefmarken oder Literatur. Was ist unser Interesse?

Ich denke: Fragen. Wir haben ein Interesse an Fragen, an gemeinsamen Fragen. Fragen nach Zusammenhängen, nach Begründungen, nach Grundlagen. Wir interessieren uns für Brücken, für Brücken zwischen dir und mir, zwischen heute und gestern, zwischen Tod und Leben. Wir sind eine Interessengemeinschaft für Heimat. Wir suchen so etwas wie eine geistige und persönliche Heimat, Beheimatung. Wir möchten nicht wie ein Blatt oder Strohhalm im Wind herumwehen.

Noch etwas? Ja, wir interessieren uns auch für ihn, einen Menschen und Stellvertreter, von dem das Wort „Kirche“ überhaupt herkommt. „Kirche“ kommt von Kyrios, Christus, dem Herrn. Wir interessieren uns für ihn und sein Anliegen, seinen Zuspruch. Wir interessieren uns für Stille, für Kreativität, für gemeinsames und persönliches Einbringen und freies Ausprobieren.

Also da ist schon viel, was uns gemeinsam interessiert. Und nun will ich dazufügen, dass Interesse vom lateinischen Ursinn her eigentlich „dabeisein“ heißt, wörtlich „mitten dazwischen sein“. Und da merken wir dann schon, dass da doch auch ein Anspruch drin steckt. Nur da kann ich sagen, ich sei interessiert, wo ich auch mitmache, hinkomme, da bin.


Wachstum


Eine Kirchengemeinde ist eine Interessengemeinschaft. Nun hat aber vor einigen Jahren unsere Pastoralsynode den Gedanken nahe gelegt: Kirche sollte eine Interessengemeinschaft sein, die wächst. Was halten wir nun davon? Dass Kirchengemeinde etwas ist, das wächst? Dann wären unsere alt-katholischen Gemeinden vielerorts keine wirkliche Kirche. Denn ohne Zweifel schrumpfen manche Gemeinden. Durch die Vertreibung nach dem Krieg künstlich groß geworden oder überhaupt ins Leben gerufen, haben sie kontinuierlich Mitglieder verloren und verlieren sie immer noch wegen Überalterung. Sind solche Kirchengemeinden dann aber weniger Kirche als Gemeinden, die schon seit längerem Zuwächse haben und als Stolz unseres Bistums gelten? Ich behaupte: nein.

Kirche ist eine Interessengemeinschaft, in deren Mitte Zahlen unwichtig und langweilig sind. Wo Menschen wirklich dabei sind, mit dem Herzen, ist die Zahl bedeutungslos.


Es gibt von Heinrich Böll eine wunderschöne Geschichte, die heißt: Die ungezählte Geliebte. Darin erzählt Böll von einem Soldaten, der Fußgänger zählen muss, Tag für Tag. Aber immer lässt er eine aus: seine Freundin, seine Geliebte. Die zählt er nicht. Die ist für ihn nicht mit einer Zahl zu fassen.


So ist es auch bei uns. Die relativ kleine Zahl braucht uns nicht zu schrecken. Wo wir wirklich aus Interesse mitmachen, entsteht in uns und in unserer Mitte etwas, das durch keinen Massenauflauf nebenan geschmälert werden kann. Der Soldat in der Böllschen Geschichte möchte nicht, dass er mehr an Geliebten hat. Die Zahl soll nicht unbedingt wachsen. Was aber wachsen soll und möge, ist die Liebe, diese Liebe zu der einen.


Ein Wert, eine Sicherheit, ein gemeinsames Fragen. Wie eine Perle. Und diese Perle ist es, die wächst. Wir sind doch keine Austernfischer, die eine Perle wegwerfen, nur weil sie weniger häufig vorkommt als leere Schalen.

Nein, die Perle wächst. Darauf setzen wir. Sie soll auch wachsen: Unser Interesse, unser Glaube, unsere innere Beteiligung und Liebe. Wie bei der Geschichte vom Senfkorn. Dann kommt alles Andere von alleine (sprich: von Gott).


Harald Klein