Zwei Karrieren

Leopold Karl Goetz (1868-1931), alt-katholischer Theologe und Slawist

 

Er war ein Mann mit zwei Karrieren. Als Theologe machte er sich in der alt-katholischen Kirche einen Namen, als Slawist ist er noch heute bekannt. Eine einfache Persönlichkeit scheint er freilich nicht gewesen zu sein, sonst hätte der Bonner Slawistikprofessor Richard Salomon in einem Nachruf nicht den bemerkenswerten Satz geschrieben: „Er war in seiner Art viel zu eigen, als dass er einen Nachfolger finden könnte.“ Ein anderer Kollege, Levison, schrieb: „voll Temperament liebte er es zu widersprechen und Widerspruch zu erfahren, so dass seine ungestüme Beweglichkeit mitunter wohl abstach von der Gemessenheit weniger urwüchsiger Naturen“.

 

Theologe

 

Leopold Karl Goetz wurde am 7. Oktober 1868 in Karlsruhe geboren. Nach dem Studium der alt-katholischen Theologie in Bonn wurde er in Bern zum Lizentiaten promoviert und erhielt 1891 die Priesterweihe. Im darauf folgenden Jahr wurde er zunächst Pfarrverweser, dann Pfarrer der Gemeinde in Passau. Bereits in dieser frühen Phase zeigte sich sein wissenschaftliches Talent. In Passau schrieb er eine Reihe von theologischen Arbeiten, vor allem zu kirchenrechtlichen Fragen. Auch der Auseinandersetzung mit der römisch-katholischen Kirche galten seine Schriften, und ein erstes größeres Werk kündigte seine späteren slawistischen Forschungen an: 1897 veröffentlichte Goetz eine quellenmäßige Darstellung der „Geschichte der Slavenapostel Konstantinus (Kyrillus) und Methodius“.

Als die Berner Theologische Fakultät Leopold Karl Goetz am 18. November 1899 den Titel eines Doktors der Theologie honoris causa verlieh, galt diese Ehre zwar einem gerade erst Einunddreißigjährigen, aber auch jemandem, dessen wissenschaftliches Arbeiten neben dem Pfarramt einen ungewöhnlichen Umfang angenommen hatte und damit der Hoffnung Nahrung gab, dass von ihm noch weitere wertvolle Beiträge zu erwarten seien. Seine Berufung zum Professor am Bischöflichen Seminar (1900) und schließlich zwei Jahre später auf den neu errichteten Lehrstuhl für philosophische Propädeutik bzw. für alt-katholische Theologie (so sein heutiger Name) an der Uni Bonn war insofern keine Überraschung. Goetz enttäuschte die Erwartungen nicht und publizierte fleißig, so zum Beispiel ein Lebensbild seines theologischen Lehrers Franz Heinrich Reusch, eine quellenmäßige Darstellung des Ultramontanismus und eine Untersuchung des Laienelements im Ultramontanismus. Die Übernahme der Redaktion des Alt-katholischen Volksblattes und des Deutschen Merkurs 1907 macht Goetz’ Stellung in der Kirche deutlich.

 

Slawist

 

Doch immer mehr rückte die Slawistik in den Mittelpunkt seines Interesses. Goetz regte 1901 die Gründung einer Zeitschrift für osteuropäische Geschichte an, die zehn Jahre später mit ihm als Mitherausgeber erschien. 1903 reiste er erstmals zu einem Slawistenkongress nach Petersburg. Er begann Russisch, Altbulgarisch, Bulgarisch, Ruthenisch und Serbokroatisch zu lernen und – teilweise – später an der Uni zu lehren. Seine vierbändige Übersetzung des russischen Rechts des 12. Jahrhunderts (1910 bis 1913 erschienen) brachte ihm eine Reihe von Ehrungen ein. So ernannte ihn 1913 die Juristische Fakultät der Universität Kiev zum Ehrendoktor. Im selben Jahr wurde er einstimmig zum ordentlichen Mitglied der „Kaiserlichen Gesellschaft für Geschichte und Altertümer Russlands“ in Moskau gewählt. Zugleich erwählte ihn das Moskauer „Archäologische Institut Nikolaus II.“ zum Ehrenmitglied.

Das „Russische Recht“ verhalf Goetz auch zu einer Erweiterung seines akademischen Aufgabenfeldes. Auf Antrag der Philosophischen Fakultät erteilte ihm das Ministerium 1914 einen Lehrauftrag für „Osteuropäische Geschichte und Landeskunde“. In der Folgezeit beschäftigte er sich intensiv mit der Geschichte der deutsch-russischen Handelsbeziehungen und der serbo-kroatischen Folkloristik. Zahlreich sind seine Veröffentlichungen auf diesen Feldern. Doch mit einem beschäftige sich Goetz nicht mehr: Mit alt-katholischer Theologie.

 

Entfremdung

 

Bereits 1906 war Goetz theologisch verstummt. Unverkennbar ist ein zunehmender Entfremdungsprozess zwischen ihm und seiner Kirche: Zunächst überwarf sich mit dem Bischof Theodor Weber, ohne dass die Gründe dafür aus den Quellen erkennbar sind. 1912 legte er sich mit führenden Männern der Jungmannschaften an, die Erwin Kreuzer ins Bischofsamt hieven wollten. Nach heftigen Auseinandersetzunge legte er die Redaktion des Volksblattes und des Deutschen Merkurs nieder. In diesem Zusammenhang bescheinigte ihm der evangelische Theologe Friedrich Nippold, der ein großer Freund des Alt-Katholizismus war, alles andere als teamfähig zu sein: „ein hochbegabter, leistungsfähiger, aber durch und durch krankhaft angelegter Mann.“

 

Am 2. April 1931 verstarb mit Goetz ein geachteter Fachmann für osteuropäische Geschichte und Slawistik. Und der Theologe Goetz? – Es ist symptomatisch, dass Kürschners Gelehrten-Kalender ihn in seiner Ausgabe von 1928/29 nur als Historiker und Slawisten, aber nicht als Theologen aufführt. Und auch in den Nachrufen von Seiten der Slawisten ist über sein theologisches Arbeiten wenig zu vernehmen. Es spricht eher Hilflosigkeit aus den Zeilen, so aus jenen von Richard Salomon: „Der andere Teil seiner Lebensarbeit, seine Tätigkeit in der altkatholischen Theologie und Kirchenpolitik, ist uns fremd geblieben; ihre Tatsache dürfen wir nicht übergehen; ihre Würdigung müssen wir anderen überlassen.“ – Diese Würdigung, insbesondere seines literarischen Werkes, steht noch heute aus.

 

Matthias Ring