Reiseleiter gesucht

Brief des Bischofs an die Gemeinden über den geistlichen Beruf

 

Liebe Schwestern und Brüder, „Wir sind keine Kirche, wir sind eine Bewegung!“ rief ein verdienter Synodale aus Hessen einmal erregt in den Saal, als auf einer Synode vor mehr als zwanzig Jahren zum hundersten Mal langweilige Geschäftsordnungsfragen debattiert wurden.

Natürlich sind wir auch eine Kirche. Aber mit einer Bewegung hat es angefangen. Unser Bistum ist aus der Protestbewegung der Menschen entstanden, die sich nach dem Ersten Vatikanum aus ihrer kirchlichen Heimat vertrieben sahen. Von diesem Ansatz her verstehen wir Alt-Katholiken uns bis heute als Exilkirche, als Katholiken, die in diesem Exil von einer anderen Kirche träumen, einer Kirche, die weder in wichtigen Fragen aus der Ferne von einem Einzelnen gelenkt wird, noch sich vor Ort in wohlorganisierter Anonymität verliert.

 

Missverständnisse

 

Doch von Anfang an gab es auch bei uns ein Missverständnis, das sich mit der Zeit immer mehr ausbreitete: Die erzwungene Unabhängigkeit wurde von vielen nur noch als „Freiheit von“ autoritären Strukturen, nicht mehr als „Freiheit zu“ eigenem Mittun und zur Mitverantwortung begriffen. Diese Verwechslung von Freiheit mit Unverbindlichkeit hat tatsächlich dazu geführt, dass vereinzelte Gemeinden allmählich aushungerten und an der geistlichen Diätkost, die sie sich selbst verordneten, fast zugrunde gingen. Langfristig wäre von unserem Bistum dann nur noch ein sakrales Dienstleistungsunternehmen übrig geblieben, eine „Man-muss-nix-Kirche“, wie mal jemand spöttisch gesagt hat. Wo Kirche so erstarrt, ihren Bewegungscharakter verliert, hat sie am Ende weder lebendige Gemeinden und Gottesdienste, noch braucht sie Priester oder Priesterinnen, die sie leiten. Es ist kein Wunder, dass sich mit zunehmender Ausbreitung dieses Missverständnisses nur noch sehr wenige junge Menschen für den (geistlichen) Dienst in unserer Kirche begeistern ließen. Für einen sakralen Servicebetrieb würde es ja auch reichen, Eventmanager für Familienfeiern oder Bestattungsredner einzustellen. Ein Verschönerungsverein für Lebenswenden und Familienfeste hat keine wirkliche Ausstrahlung und zieht auch keine jungen Menschen mehr als Hoffnungsträger an.

Zum großen Glück ist es nicht bei dieser negativen Entwicklung geblieben. Ausgelöst durch geistliche und missionarische Impulse von innen wie von außen, sind seit mittlerweile mehr als 20 Jahren zunehmend die Zeichen eines neuen Aufbruchs spürbar. Viele Neu-Beigetretene und auch viele Alt-Mitglieder, die sich neu begeistern ließen, haben das Selbstverständnis unserer Kirche als einer Bewegung für sich wieder neu entdeckt. Sie erwarten, dass sie in der Gemeinde nicht nur sakrale Dienstleistungen erhalten, sondern dass sie dort mit anderen eine Weg-Erfahrung teilen. Sie erwarten, dass sie in den Gottesdiensten, im Gespräch und in gegenseitiger diakonischer Solidarität wegweisende und sinnstiftende Antworten auf die Fragen ihres Lebens finden. In den meisten unserer Gemeinden ist in den letzten zwanzig Jahren - Gott sei Dank - wieder die Einsicht gewachsen, dass wir ohne geistliches Profil nicht glaubwürdig Kirche sein können.

 

Neuer Schwung

 

Dieser neue Schwung drückt sich ganz konkret aus in gestiegenen Beitrittszahlen, in einer steigenden Anzahl von Gottesdiensten und deren Besuchern. Gestiegen ist seither auch die Zahl der Priester und Priesterinnen, Diakoninnen und Diakone, die bei uns ein Amt anstrebten und/oder sich haben ausbilden und weihen lassen. Es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Hoffnung und Lebendigkeit einer Kirche und der Motivation derer, die in ihr Dienst tun wollen.

 

Manche Metaphern, die die biblischen Schriften für das Gottesvolk verwenden, sind uns heutigen Menschen ohne zusätzliche Erklärung fast unverständlich geworden. Das Bild der Pilger- oder Reisegesellschaft aber ist seit den Aufbrüchen Abrahams und Moses von einer zeitlosen Gültigkeit,  - auch für eine Kirche von heute auf ihrem Weg.

Daher können wir vor unserem geistigen Auge auch durchaus das Bild einer modernen Reisegesellschaft und ihres Leiters abrufen: Völlig verschiedene Menschen, Junge und Alte, Männer und Frauen, handwerklich Begabte und Geistesarbeiter, Bedrückte und Fröhliche machen sich auf die Reise zu einem gemeinsamen Ziel. Das Ziel verbindet sie. Zu einer gelungenen Reise gehört ein guter Reiseleiter oder eine gute Reiseleiterin. Er/Sie ist mitverantwortlich dafür, dass die Reisegesellschaft zusammenbleibt und niemand verloren geht. Um die Kranken und Fußlahmen bemüht er/sie sich besonders. Auf großen Plätzen, wo die Touristenmassen durcheinanderlaufen, sieht man den Reiseleiter, wie er/sie mit erhobenem Schirm die Reisegruppe durchs Getümmel führt. Gute Reiseleiter verfügen über Kartenmaterial, kennen die Sehenswürdigkeiten und wissen um Gasthäuser, wo es nicht nur Fastfood gibt. Ein Reiseleiter/Eine Reiseleiterin moderiert, wenn die Interessen in der Gruppe auseinander gehen. Er/Sie motiviert die Zurückhaltenden und macht die Neugierigen auf weitere Besonderheiten am Wege aufmerksam.

Kirche als Reisegemeinschaft

 

Das Bild ist fast eins zu eins übertragbar. Auch die Kirche und die Gemeinde sind so etwas wie eine Reise-, eine Pilgergemeinschaft.

Gemeinsames Ziel unserer Pilgerschaft ist das Reich Gottes, das Reich der Seligpreisungen, das Reich, in dem es keine Trauer, noch Klage, noch Schmerz mehr gibt und in dem der Tod keine Macht mehr hat. Priester und Priesterin sind in diesem Bild so etwas wie die Reiseleiter.

Sie haben zunächst die Reiseführer und Landkarten gut studiert; das heißt: Sie kennen die Heilige Schriften, die ja vielfach auch so etwas wie Weg-Berichte enthalten. Besonders vertraut sind sie mit dem Wort und Leben Jesu, der von sich selbst sagt: „Ich bin der Weg“. Ein Priester oder eine Priesterin als Reiseleiter unterhält zu diesem Weg und seinem Ziel eine lebendige Beziehung, das heißt übersetzt: Er/Sie ist ein Mensch des Gebetes. Aus dieser sich stets erneuernden Beziehung heraus können sie auch den anderen von diesem Weg und seinem Ziel erzählen.

Ein Reiseleiter kennt die Einkehrhäuser. Das heißt übersetzt: Ein Priester/ Eine Priesterin kennt sich aus in den Räumen der Liturgie, er/sie kennt Orte der Besinnung und der Meditation. Er/Sie versteht es, für die Gemeinde und mit ihr zusammen immer wieder ein Gastmahl zu zelebrieren, das die Weggenossen stärkt und ein Vorgeschmack auf das Ziel ist.

 

Priester/Priesterin ist ein Mensch, der seine Pilgergruppe, seine Gemeinde, zusammenhält, der sich für das Leben sowohl des jüngsten wie des ältesten Mitreisenden interessiert und sich dafür einsetzt, dass niemand verloren geht. Er/Sie kümmert sich um die Kranken, Einsamen und Sterbenden. Der Priester sorgt sich um das Seelenleben der Gemeinde. Er/Sie muss zuhören können und sich die Zeit dafür nehmen. Ein Geistlicher, der sich die Zeit zum Zuhören nimmt, wird so etwas wie ein Garant stressfreier Zonen und Zeiten für seine Reisegruppe, seine Gemeinde sein.

 

Der Priester moderiert wie ein Reiseleiter bei gegenläufigen Interessen in der Gemeinde und bemüht sich um eine Harmonie, die nicht oberflächlich, sondern ziel-führend ist. Er/ Sie ist ein Mensch des Friedens und der Versöhnung.

 

Teamspieler

 

Die „Stellenbeschreibung“, die ich hier gebe, hört sich vielleicht nach einer Überforderung für den Einzelnen an. Doch in unserer synodal verfassten Kirche sind die Amtsträgerinnen und Amtsträger bei all diesen Aufgaben und Erwartungen ja keine „Einzelkämpfer“, sondern „Teamspieler“. Sie stehen im Austausch und im Gespräch mit der Gemeinde, mit den Menschen, mit denen sie gemeinsam auf dem Weg sind, mit den Mitschwestern und –brüdern im geistlichen Dienst und mit dem synodalen Geschehen der ganzen Kirche.

 

Priester/Priesterin ist ein Mensch, der vom Reiseziel derart begeistert ist, dass er auch andere für die Reise gewinnen kann - und der auch mal mutig und entschlossen vorangeht. Priester sollen Hoffnungsträger und Hoffnungsträgerinnen sein. Es ist ihre Aufgabe, unermüdlich von dem Land zu erzählen, in dem die Blinden sehen, die Stummen Lieder singen und die Lahmen tanzen werden. Hoffnungsträger entschlüsseln unsere alltäglichen Lebenserfahrungen als lauter kleine Anfänge dieses Gottesreiches. Sie suchen in den Dingen und Begebenheiten unseres Alltags nach dem Echo Gottes.

 

Hoffnungsträger

 

Priester/Priesterinnen sollen Hoffnungsträger sein – das heißt schließlich: In einer Gesellschaft, in der Traditionen, Herkömmlichkeiten und selbstverständliche Lehren verblassen, braucht es Menschen, die erkennbar sind, die mit ihrer Person für etwas einstehen. Wir kennen das aus der Werbung: Ein bekannter bayrischer Babynahrungshersteller wirbt für die Qualität seiner Produkte mit den Worten: Dafür stehe ich mit meinem Namen. Das ist sein Gütesiegel.  Die Geistlichen unserer Kirche stehen mit ihrem Namen, das heißt mit ihrer Person für die Hoffnung ein, die sie trägt. Sie stehen persönlich mit dafür ein, dass die Kirche von dem Weg, der bei den Aposteln, den Jüngerinnen und Jüngern seinen Anfang genommen hat, nicht abkommt. Sie lassen sich mit ihrer Person dafür „haftbar“ machen, dass die Gemeinde im apostolischen und katholischen Glauben unterwegs ist. Das ist das Gütesiegel unserer Kirche.

 

Mit meinem Brief wende ich mich heute zum einen an die Jugendlichen in unserer Kirche. Der Beruf des Priesters/der Priesterin ist ein ungeheuer spannender und schöner Beruf. Er ist zwar kein Beruf, mit dem man materiell reich werden kann (wie übrigens auch der des Reiseleiters), er ist aber dafür außerordentlich abwechslungsreich und ausfüllend.  Ich wünsche uns, dass junge Menschen, die neugierig und kontaktfreudig sind, die mit offenen Augen durch die Welt gehen und Freude daran haben, die Spuren Gottes im eigenen Leben und im Leben der Kirche zu entdecken, sich für diesen Beruf der Kirche begeistern und sich in die Nachfolge Jesu Christi be-rufen lassen.

 

Zum zweiten wende ich mich auch an die Eltern und Familien. Bitte unterstützen Sie Ihre Söhne und Töchter, lassen Sie sie eigenständig ihren Weg ins Leben finden und begleiten Sie sie in den weichenstellenden Entscheidungen. Und ich bitte Sie von Herzen: Wenn in Ihrem Sohn, ihrer Tochter der Wunsch wach werden sollte, Priester oder Priesterin zu werden, weisen Sie sie nicht ab. Bleiben Sie mit ihnen im Gespräch und nehmen sie diesen Wunsch ernst.

 

Schließlich wende ich mich an Sie alle, liebe Brüder und Schwestern. Seien sie als Gemeinde offen dafür, geistliche Talente in ihrer Mitte zu entdecken und zu fördern. Berufungen zum geistlichen Dienst sind auch Zeichen einer lebendigen Gemeinde. Fördern Sie die Jugendarbeit in ihren Gemeinden, die oft eine Quelle geistlicher Berufe ist. Bitte fördern Sie die Aus- und Fortbildung unserer Theologen auch mit Ihren Spenden. Vor allem aber: Beten Sie mit mir darum, dass Christus junge Menschen aus unserer Kirche in den Dienst an seinem Evangelium beruft.

Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement in dieser Sache.

Es segne und beschütze Sie und alle, die Ihnen verbunden sind, Gott, unser Hirte, der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. Amen.

 

Joachim Vobbe