Vor zehn Jahren – und dann?

Zehn Jahre Frauenordination

Vor zehn Jahren, an Pfingsten 1996, wurden in Konstanz die ersten beiden Frauen unseres Bistums zu Priesterinnen geweiht: Dr. Angela Berlis und Regina Pickel-Bossau. Für Christen heute schildern beide und Alexandra Caspari, welche Erfahrungen sie als Frauen im Dienst der Kirche machen.



Vor 10 Jahren wurden Angela Berlis und ich in Konstanz zu Priesterinnen geweiht. Spontan fällt mir dazu ein Kameramann ein. Für eine Großaufnahme beugte er sich bei der Großen Litanei über uns Liegende und ich betete inniglich: „Jesus Christus, lass ihn nicht über das Kabel stolpern, sonst können wir hier unten den Dienst für dich vergessen.“ Bei aller Freude, ja überspringender Be-„geist“-erung, der offen bekundeten Zustimmung und herzlichen Segenswünsche aus aller Welt, Religionen, Kirchen – die Mediensensationsgier war grausam.

Unser Bistum versuchte den Rummel zu verhindern, leistete stattdessen fundierte Öffentlichkeitsarbeit. Über unsere Kirche, die Entscheidung zur Priesterinnenweihe konnte sich jeder umfassend in den Medien informieren. Viele in unserer Kirche erwarteten darum einen spürbaren Mitgliederzuwachs. Kritischer Denkende warnten vor der Euphorie – mit Recht. Heute wie damals beantworte ich gleiche Fragen, lade die Gesprächspartner in unsere Gemeinden ein. Damals waren sie neugierig. Heute sind sie interessiert und dann oft sehr bald engagierte Gemeindemitglieder. „Sensationen“ haben ein kurzzeitiges Leben, Wort und Tat – ruhend in Christus, vor Ort, im Alltag, jederzeit – wirken letztendlich überzeugend.

Wie wichtig der langwährende, intensiv geführte Prozess bis zu unserer Priesterinnenweihe, wie notwendig u.a. das unermüdliche sachbezogene, aber auch ins Herz sprechende Engagement unseres baf gewesen war, erlebte ich in den vielen Gemeinden, bei den Kollegen, die mich nach der Weihe einluden. Es gab keine Vorurteile, Ressentiments. Das „Ja zur Priesterin“ war verinnerlicht, die Anrede „Schwester“ kein reines Lippenbekenntnis. Beeindruckend: die überreiche Gastfreundschaft, die vielen partnerschaftlichen Gespräche, das innigliche Miteinanderfeiern von Eucharistie – in der Mitte Jesus Christus, nicht „die Frau“. Wohl wissend, dass ich keine „Volltheologin“ bin, haben mich alle Kollegen – ohne Wenn und Aber – in den „Kreis der Brüder“ aufgenommen – ein Geben und Nehmen in voller Akzeptanz.

So empfinde ich nun unser Bistum als eine große Familie, in der jede Person mit ihren Schwächen und Stärken angenommen wird, man in der gemeinsam erlebten Freude, aber auch im miteinander getragenen Leid immer stärker werden kann. Selbstverständlich traf ich auch Menschen, mit denen ich in Streit geriet. Zum einen kommt Streit in den besten Familien vor (Friede-Freude-Eierkuchengemeinschaften sind mir äußerst suspekt geworden!), zum anderen bin ich nicht leicht zu händeln, und schließlich müssen wir in jeder Gemeinschaft lernen, auch Individuen zu integrieren, die sich mit allen und mit allem schwer tun, sich eigentlich stetig selbst und anderen im Wege stehen. Eine wesentliche Hilfe hierzu ist für mich das Bibellesen, dabei und anschließend betend die Besinnung auf christliches Handeln, auch auf christliche Streitkultur, die wir meines Erachtens noch mehr pflegen und einsetzen lernen müssen.

Eingeladen zu Gesprächen in Kreise, mit denen wir ökumenisch verbunden sind, hörte ich oft: „Endlich Priesterinnen! Frauen in der Kirche brauchen die Seelsorgerin, ihren Beistand im Glauben und Leben – so von Frau zu Frau!“ Dahinter verbirgt sich meines Erachtens ein Trugschluss: „Frau am Altar, Probleme in Männerkirchen gelöst.“ In unserer Kirche wuchsen wir nämlich zum „Ja zur Priesterin“, weil zuvor die viel wesentlichere Entscheidung gefallen war, dass unsere Priester verheiratet sein dürfen. Unsere engagierten Pfarrersfrauen haben hier Basisarbeit geleistet, arbeiten seit Jahren seelsorgerisch im Team mit ihren Männern. Ich wehrte mich auch gegen diese an mich gerichtete Erwartungshaltung und interessanterweise haben in den zehn Jahren mehr Männer als Frauen in mir seelsorglichen Beistand gesucht, wünschen ihn, vielfach damit begründet, dass ich in meinem Beruf als Sonderschullehrerin und dank der ehrenamtlichen Tätigkeit in der Behindertenarbeit doch die besonderen Sorgen und Nöte von „Vätern“ und „plötzlich beeinträchtigten Männern“ besser verstehen könne, ich sei halt ein „Praktiker“. In den Gesprächen spüre ich verstärkt tiefe Verunsicherung, die Suche nach der eigenen „Rolle“ im Zusammenleben mit emanzipierten Ehefrauen, Kolleginnen, Frauen im Alltag. Oft kommt der Satz: „Ich brauche einen Männerkreis, in dem man geistreich miteinander redet, ich mich auch einmal fallen lassen kann - BAM muss gegründet werden!“

Kummer hat mir der Titel „Pastorin“ eingebracht. Im Rheinland ist „Pastor“ dasselbe wie „Pfarrer“. Seit zehn Jahren muss ich mich immer wieder rechtfertigen, gegen fehlgeleitete Erwartungen angehen, dass ich - staatskirchenrechtlich gesehen - „Kuratin“ bin, die Andernacher Gemeinde vom hauptamtlich tätigen Pfarrer von Koblenz geleitet wird. Ich sähe keine Degradierung darin, wenn ich in Zukunft als „Priesterin m.Z.“ geführt würde. Ich brauche keinen Titel, will mich nur voll im Dienst einsetzen, so wie der Herr mir dazu die Kraft, die Talente gibt.

Regina Pickel-Bossau



Ein geistlicher Meilenstein

In den letzten fünfzehn Jahren war ich oft zu Vorträgen und Erfahrungsberichten vor alt-katholischem oder ökumenischem Publikum eingeladen, die mehr über die Argumente für die Frauenordination, den Weg dorthin und über meine eigenen Erfahrungen als Frau im Amt wissen wollten. Eine Frage, die mir als verheirateter Frau und Mutter immer wieder gestellt wurde, ist die nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Wie machst Du das?“ „Wie schaffst Du das?“, lautet die Frage. „Ganz normal“, antworte ich dann. Mein Mann und ich haben die Familienarbeit passend zu meiner vollen und seiner halben Stelle aufgeteilt. Früher brachte er die Kinder zur Schule und holte sie ab, heute ist sein Anteil an der Hausaufgabenbegleitung größer als meiner. Die Verteilung bedeutete auf beiden Seiten auch eine Entlastung: Er hat manches mit ihnen getan, woran ich weniger Spaß habe und umgekehrt. Für viele steht fest, dass ich einen ganz besonderen Mann haben muss, da er seine Frau so unterstützt. Ganz abgesehen davon, dass ich den ersten Teil dieser Aussage voll unterschreibe, bedeutet eine solche Reaktion, dass meine Gegenüber offensichtlich ein anderes Rollenverständnis haben. Sonst würden sie nicht so erstaunt reagieren. Oder sie sind vielleicht selbst auf der Suche, wie sie Beruf und Familie vereinbaren können. Ich sehe in unserer Rollenverteilung wesentliche Vorteile: Viele Frauen meiner Generation sind mit einem voll berufstätigen und dadurch oft abwesenden Vater aufgewachsen. Aber: Mädchen brauchen ihre Väter, nicht zuletzt als Vertreter des anderen Geschlechts. Ich erfahre es jedenfalls als sehr bereichernd, dass meine Töchter von kleinauf die sorgende Anwesenheit ihres Vaters so stark erlebt haben, und hoffe, dass sie in beiden Eltern Rollenvorbilder für ihr eigenes Leben finden.

Zwischen alltäglich und besonders

Es ist nicht sehr üblich, dass wir in unserer Kirche über die Familiensituation der Pfarrfamilie nachdenken. Im Allgemeinen sind wir nur pauschal stolz darauf, dass es bei uns keinen Zölibat gibt und dass wir die Frauenordination „haben“. Der Stolz ist berechtigt, beides wurde in einem synodalen Prozess errungen. So wie nach 1878 viele Gemeinden sich darauf einstellen mussten, dass im Pfarrhaus nun nicht mehr ein zölibatärer Priester wohnte, sondern ein Priester mit Frau und Kindern, so gilt dies auch für die Gewöhnung an Frauen im Amt. Ich habe 1996 und danach in unserer Kirche immer wieder den Stolz gespürt, dass wir diesen Weg beschritten haben, und die Bereitwilligkeit, uns Frauen im Amt anzunehmen und willkommen zu heißen. Dieses Gefühl des Getragenseins und der Solidarität hat denn auch manche Enttäuschung, manchen Rückfall in alte Muster wettgemacht, die wir natürlich auch erlebt haben.

Da wir Frauen im Amt noch so wenige sind, fallen wir immer noch auf. Ich arbeite in der Ausbildung unserer Amtskandidaten und leite deshalb keine Gemeinde (mehr). So komme ich sonntags immer mal wieder an Orte, wo man mir nach der Eucharistiefeier bekennt: „Das war mein erstes Mal mit einer Priesterin.“ Für mich selbst, mit meiner inzwischen achtzehnjährigen Erfahrung im Amt (1988 wurde ich zur Diakonin geweiht), ist das, was ich tue, hingegen ganz alltäglich. Von mir wird erwartet, mich auf mein Gegenüber einzustellen, der soeben eine neue Erfahrung gemacht hat. Das erfordert Fingerspitzengefühl, denn ich weiß ja zunächst nicht, was jemand mit dieser Aussage sagen will. „War ja gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte“ oder: „Endlich war es soweit!“ Und wie reagiere ich und mache deutlich, dass es zu unterscheiden gilt zwischen der konkreten Person und der Sache an sich? Es geht ja nicht darum, dass Menschen wegen der Erfahrung mit mir oder einer anderen Frau nunmehr für oder gegen die Frauenordination an sich sind. Genausowenig steht oder fällt das Priestertum ja mit unseren männlichen Kollegen. Doch ist es gleichzeitig natürlich so, dass Menschen sich von Personen überzeugen lassen.

Geistliche Autorität von Frauen

Uns Frauen wird (nicht nur hier) viel an Geduld, freundlichem Entgegenkommen und Durchhaltevermögen abverlangt. Und gleichzeitig ist auch genau das sehr spannend. Denn es ist eine Herausforderung, sich auf eine neue Situation, auf einen anderen Menschen einzustellen und zu hören, was ihn oder sie bewegt und was gebraucht wird. Auch dafür sind wir da – denn wir sind nicht nur Frauen, sondern auch Seelsorgerinnen und Vorsteherinnen.

Von uns wird erwartet (wie von unseren männlichen Kollegen auch), dass wir auch im Glauben vorangehen. Das heißt nicht, dass wir bessere (oder gar die besten) Gläubige sein müssen. Statt dessen bedeutet es, dass von uns als Priesterinnen (ähnlich wie von unseren männlichen Kollegen) erwartet wird, dass wir die Schrift auslegen, dass wir die Glaubenstradition kennen und sie vermitteln, dass wir mit Menschen heute eine Verbindung zwischen dem Glauben der Kirche aller Zeiten und ihrem eigenen Glauben herstellen, und dass in unserem Tun und Leben etwas von dem aufscheint, woran wir selbst glauben. Hier liegt für mich die wesentliche Bedeutung unseres Schrittes als Kirche: Mit der Einbeziehung von Frauen ins Amt haben wir angefangen, der geistlichen Autorität von Frauen, die ja auch anderswo ernst genommen wird, einen Platz zu geben in der ordentlichen Amtsstruktur der Kirche. Was meine ich damit? Aus der Kirchengeschichte ist bekannt, dass es viele Frauen mit geistlicher Autorität gegeben hat: eine Maria Magdalena, die den anderen Aposteln die Auferstehung verkündet hat; eine Blandina, die als Martyrerin im 2. Jahrhundert starb und in der viele Christus selbst erkannten; eine Hildegard von Bingen oder Catharina von Siena, die den männlichen (weltlichen und geistlichen) Machthabern ihrer Zeit viel zu sagen hatten; eine Gertrud von Helfta, Angela von Foligno oder Lukardis von Oberweimar und etliche andere Frauen, die in ihren Visionen von Christus selbst die priesterliche Autorität zur Feier der Eucharistie, zu Beichte und Absolution sowie zu Lehre und Predigt zugesprochen bekamen. Doch es blieb bei Visionen, Frauen erfuhren die Berufung durch Christus, aber nicht durch die Kirche. Die Frauen, die geistliche Autorität ausübten und zum Teil viel Einfluss hatten, wurden zu charismatischen Einzel- und Ausnahmegestalten stilisiert. Sie konnten ihrer Berufung nicht folgen, konnten nicht in Wirklichkeit Priesterin werden. Heute dagegen haben wir die Chance, die geistlichen Fähigkeiten und Erfahrungen von Frauen auch amtsstrukturell zu integrieren und sie dort zum Wohl (und zur Veränderung) der Kirche zur vollen Blüte kommen zu lassen. Dies ist nicht nur ein Fortschritt gegenüber früheren Zeiten, sondern ein synodal gesetzter, geistlicher Meilenstein für die Kirche, der sich auf der symbolischen und der sichtbaren Ebene immer stärker bemerkbar macht.

Angela Berlis



Exotisch oder „normal“?

Kennen Sie auch solche Situationen? Sie sagen etwas – und Ihr Gegenüber schaut Sie nur mit großen Fragezeichen in den Augen an. Für mich ist das fast schon Normalität. Es passiert mir nämlich immer dann, wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt.

Als ich vor ca. 10 Monaten nach Augs-burg gezogen bin, fragten mich zum Beispiel meine Nachbarn, was ich beruflich mache. Nachdem ich ihnen erklärt hatte, ich sei Vikarin, waren eigentlich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Die erste Reaktion war einfach nur Erstaunen, dass eine junge Frau heute noch so einen Beruf haben kann. Dann meinten meine Nachbarn schon zu wissen, was Sache ist: „Ach so, sie sind evangelisch!“. Und mit der Erklärung, ich sei alt-katholisch, musste ich schon wieder etwas sagen, was weitere fragende Blicke auslöste ...

So ergeht es mir sehr oft: Ich muss gleich zwei Missverständnis aus der Welt schaffen. Nämlich dass es sehr wohl katholische Priesterinnen gibt und dass alt-katholisch nichts mit besonders verstaubt zu tun hat – aber das letztere Problem kennen Sie ja auch aus eigener Erfahrung.

Aber auch innerhalb unserer Kirche fühle ich mich manchmal als Exotin. Sowohl im ersten Abschnitt meines Vikariats in Nordbaden als auch in Bayern bin ich die einzige Frau in den Pastoralkonferenzen. Und ich werde als alt-katholische Priesterin sehr häufig zu den verschiedensten Veranstaltungen eingeladen, in denen es manchmal auch um das Thema Frauenordination geht oder die Menschen etwas über mein Dasein als Priesterin hören möchten.

Und wie aber sieht es konkret in den Gemeinden aus, in denen ich arbeite? Dort stellt sich die Sache nämlich ganz anders dar: Da war die Tatsache, dass ich als Frau die Seelsorgerin der Gemeinde sein werde, irgendwie völlig „normal“. Obwohl ich manchmal einen gewissen Stolz in den Gemeinden spüren kann, die einzige hauptamtliche Priesterin in der eigenen Gemeinde zu haben.

Aber niemals wurde mir gegenüber irgendetwas Negatives geäußert, nur weil ich eine Frau bin. Ganz im Gegenteil: Überall kann ich eine große Akzeptanz der Frauenordination feststellen, die ich darauf zurückführe, dass der Wunsch nach Frauen in den geistlichen Ämtern unserer Kirche ganz stark von der Basis kam. Und somit bewege ich mich täglich in einem Raum zwischen Exotentum und Normalität.

Alexandra Caspari