Begeistern und ermutigen

Heidi Herborn scheidet aus dem baf-Vorstand aus

Heidi Herborn wurde am 21. September 1943 in Breslau geboren. Sie arbeitete zunächst als Fernmeldeassistentin beim Fernmeldeamt München, später als Diplomverwaltungswirtin. Infolge der Eheschließung mit Friedhelm Herborn arbeitete sie als Pfarrfrau 1972 bis 1976 in Baden-Baden (die Pfarrstelle war damals nebenamtlich besetzt), 1976 bis 1979 in Stuttgart und 1980 bis 1987 in Mannheim. Nach der Erkrankung und Emeritierung ihres Mannes Ende 1987 arbeitete sie 1988 bis 1990 als Verkehrsamtsleiterin in Loffenau (Schwarzwald). Nach verschiedenen Zusatzausbildungen war sie bis 1993 Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und persönliche Referentin des Diakonie-Direktors bei der Evangelischen Kirche in Mannheim, nach weiteren Ausbildungen (u.a. in der Klinikseelsorge) leitete sie 1994 bis 2003 die Ökumenische Hospizhilfe in Mannheim.

Seit 1974 gehört Heidi Herborn dem Bund Alt-Katholischer Frauen (baf) an. 1976 wurde sie in den Vorstand gewählt und ist seit 1996 Vorsitzende. Im Oktober ist Heidi Herborn aus dem Vorstand ausgeschieden.

Frau Herborn, Sie sind seit 30 Jahren im baf-Vorstand, davon zehn Jahre als dessen Vorsitzende. In dieser Zeit hat es gesellschaftlich und kirchlich ungewöhnlich viele Umbrüche gegeben. Haben sich infolgedessen auch die Themen während in der Frauenarbeit verändert?

Herborn: Im Großen und Ganzen haben sich die Themen nicht wesentlich verändert, im Detail schon. Als ich vor 30 Jahren einstieg, ging es um das Thema „Männer und Frauen in der Kirche“, und das steht immer noch auf der Tagesordnung – inzwischen jedoch nicht nur bei Frauenverbänden, sondern auch in Männergruppen. Umstände, Inhalte und Sichtweisen haben sich allerdings seither schon verändert. So ist unsere Sprache sensibler geworden, was Frauen angeht. Die Selbstdarstellung unseres Verbandes ist selbstbewusster und peppiger geworden, die Mitgliedschaft hat sich verjüngt. Ein Meilenstein war natürlich die Einführung der Frauenordination. baf hat immer wieder Themen aufgegriffen, die gesamtkirchlich wichtig waren, oft aber in den Gemeinden und auf Bistumsebene wenig Widerhall fanden. So haben Katja Nickel und ich beim Internationalen Alt-Katholiken-Kongress in Münster 1986 unter dem Titel „Was uns unter den Nägeln brennt“ eine ad-hoc-Diskussion zum Thema „Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“ initiiert, weil es auf dem Kongress nicht vorkam. Zwei Jahre später haben wir dann für das ganze Bistum (und mit ideeller Unterstützung von Bischof und Synodalvertretung) eine ganze Tagung zum Thema organisiert. Auch die vom Weltkirchenrat angeregten Dekadethemen über die „Solidarität der Kirchen mit den Frauen“ und zur Gewalt haben wir uns zu eigen gemacht.

Hat sich durch baf im Bistum die Wahrnehmung von Frauenarbeit verändert?

Herborn: Die Wahrnehmung unserer Arbeit stand stets in engem Zusammenhang mit den Menschen, die gerade in der Verantwortung stehen. So erinnere ich mich, dass die Internationale Alt-Katholische Bischofkonferenz (IBK) vor einigen Jahren ein Gespräch über das Thema Frauenordination mit den Frauenverbänden der Niederlande, der Schweiz und Deutschlands mit der Begründung ablehnte, die Frauenverbände seien nicht die adäquaten Gesprächspartner, da die Ebenen nicht verwischt werden dürften. Die IBK spreche nur mit den jeweiligen Ortskirchen. Das war 1989. Heute ist kaum mehr vorstellbar, dass die alt-katholischen Bischöfe sich der Bitte um ein informelles Gespräch mit den Frauenverbänden verweigern würden.

Auf unseren Synoden herrscht weitaus mehr Sensibilität, wenn es um die Delegation von Frauen in verantwortungsvolle Ämter, etwa in die Synodalvertretung geht, oder um Schlüsselverantwortung im Finanzbereich.

Jahrzehntelang war die Missions- und Entwicklungsarbeit in unserem Bistum wie selbstverständlich bei baf angesiedelt und damit „Frauensache“. Erst als baf 1986 einen Antrag an die Bistumsleitung stellte, eine Beauftragte bzw. einen Beauftragten für Missions- und Entwicklungsarbeit zu ernennen, rückte das Thema plötzlich in die Ver-antwortung des Bistums und damit in die Öffentlichkeit. Die seit den 60er Jahren intensivierte Mitarbeit in der Weltgebetstagsarbeit – von Anfang an sind wir im nationalen WGT-Komitee vertreten – hat das Bewusstsein für Frauenfragen in anderen Ländern und für die Entwicklungs- und Missionsarbeit geschärft. So hat die WGT-Arbeit die inhaltliche und methodische Gestaltung von baf-Veranstaltungen beeinflusst und mitgeprägt.

Gab es besondere Ereignisse in der Frauenarbeit, die Ihnen in Erinnerung sind?

Herborn: Davon gab es eine ganze Menge! Ich erinnere mich gerne an die kreativen Bibelarbeiten bei unseren Tagungen, besonders an die Bibelarbeit zum 75-jährigen Jubiläum von baf 1987: „Vasthi“, die Frau, die Nein sagte (Esth.1,9; 2,1). Die Geschichte wurde für den Jubiläumsgottesdienst in Offenbach in ein szenisches Spiel umgesetzt. Gemeinsam mit anderen Frauen habe ich es damals erarbeitet und vorbereitet. Diese Erfahrung der gemeinsamen Erarbeitung einer Bibelstelle, die Gespräche, die Umsetzung und alles, was wir dabei gemeinsam erlebten, sind mir unvergesslich. Es hat mich immer wieder motiviert, besonders mit Frauen Bibelgeschichten kreativ und neu zu erarbeiten.

Ebenso unvergesslich ist für mich das Lydiafest bei der baf-Tagung im Jahr 1991. Lydia lud ihre Freundinnen zu einem Fest ein, das in eine festliche Agape mündete. Alle anwesenden Frauen waren aktiv daran beteiligt. Diese Idee – bei baf geboren – fand später durch Vermittlung von Katja Nickel Aufnahme unter dem Titel „Ein Fest bei Lydia“ im Heft „Lydia – Jahr der Bibel 2003“ (S. 46).

Besonders eindrucksvoll war für mich ein Frauengottesdienst im Freien im Juni 1981, in einem Wald bei Wilhelmsfeld im Odenwald, mit Texten und Elementen aus indianischer Tradition, entnommen den WGT-Texten aus Kanada.

Haben Sie einen „Lieblings“-Bibel-Text?

Herborn: Zwei biblische Erzählungen begleiten mich seit vielen Jahren und sind mir immer wieder aufs Neue begegnet: Die Geschichte von der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,1-41) und von der Begegnung der Emmausjünger mit Jesus (Lk 24, 13-35)

Warum?

Herborn: Die Geschichte von der Frau am Jakobsbrunnen war wichtig für mein Interesse an feministischer Theologie. Ich habe zu dieser Geschichte 1986 die hessischen Dekanatstage nach einem neuen, von mir entwickelten Konzept im Kloster Himmerod 1986 ausgerichtet.

Über die Geschichte von den „Emmausjüngern“ (von denen ich irgendwie glaube, dass es eigentlich zwei Frauen waren) habe ich wohl am meisten in all den Jahren in Seminaren erarbeitet und erlebt. Sie ist mir in der Zeit, als ich in der Hospizarbeit tätig war, ganz neu und sehr intensiv begegnet.

Wie haben Sie die Ordination von Frauen in unserem Bistum erlebt?

Herborn: Die erste Weihe einer Frau zur Diakonin 1988 ist mir, als erster Schritt, mehr in Erinnerung als die Weihe der ersten Priesterinnen. In den langen und intensiven Überlegungen, Diskussionen, Auseinandersetzungen und Gesprächen innerhalb unserer Kirche, mit anderen alt-katholischen und ökumenischen Frauenverbänden hat baf sich sehr engagiert. Auch in die Vorbereitungen für den Weihegottesdienst zur ersten Priesterweihe von Frauen zu Pfingsten 1996 in Konstanz war baf einbezogen. Einerseits dachte ich damals: „Na endlich – es wird ja wirklich auch Zeit!“ Andererseits war ich von den vorangegangenen Debatten und den Vorbereitungen für diesen Tag so „voll“, dass mich die Dimension dieses Ereignisses erst später, als darüber in den Medien berichtet wurde, wirklich erreicht hat. Manches an diesem Schritt wird noch Jahre brauchen, bis es als Selbstverständlichkeit erlebt wird. Bei diesem Prozess müssen auch die Erfahrungen der ordinierten Frauen immer wieder einbezogen und berücksichtigt werden.

Die Frauenarbeit hat Ihnen vieles zu verdanken. Sie haben zahllose Impulse gegeben und Erneuerungen angestoßen. Haben Sie selbst davon profitiert?

Herborn: Ganz am Anfang meiner Vorstandstätigkeit war es sicher das Wichtigste, das Rüstzeug für diese Tätigkeit zu erhalten. baf hat mir das in Form von Seminaren und Kursen im Haus der Evangelischen Frauenhilfe in Bonn ermöglicht. Damals habe ich meine ersten Schritte in punkto Rhetorik, Leitung von Gruppen und Sitzungen usw. gemacht. In Gwatt in der Schweiz habe ich später an Seminaren zu Exegese und methodischer Bibelarbeit teilgenommen. Darüber hinaus habe ich durch die Vorstandsarbeit auch selbst immer wieder Impulse und Motivation erhalten für die Weiter- und Fortbildung. Die Frauenfreundschaften und die große Solidarität, die ich erlebte und erlebe, sind zu einem tragenden Element in meinem Leben geworden. Etwas, das ich auch mitgenommen habe ist: kritisch zu hinterfragen und nicht alles zu schlucken. Mein Bewusstsein hat sich durch die Frauenarbeit verändert, wie etwa bei der geschlechtergerechten Sprache, da bin derzeit wieder „mittendrin“.

Haben sich Ihre Rolle und Ihre Aufgaben in der Vorstandsarbeit verändert?

Herborn: Es gab einige Aufgaben, die mir von Anfang an zufielen, etwa die Organisation von Tagungen und die Verhandlungen mit Tagungshäusern. Das hört sich vielleicht banal an, aber die Lage, die Ausstattung und nicht zuletzt der Preis eines Tagungshauses haben einen großen Einfluss auf die Atmosphäre und den Verlauf einer Tagung. Das heißt nicht, dass wir nicht auch immer wieder improvisieren mussten. Einmal wurde ein Tagungshaus wegen baulicher Probleme überraschend geschlossen und wir mussten ins Hotel Schriesheimer Hof in Wilhelmsfeld gehen. Ich kannte dort die Wirtin. Es war das einzige Mal, dass unsere Tagung in einem Hotel stattgefunden hat! Dank der Improvisationsgabe, der ungeahnten Flexibilität und positiven Einstellung der Teilnehmerinnen haben wir dann ein ganz besonderes Frauentreffen erlebt.

Auch die Neugestaltung der Tagungseinladungen vom drögen DIN A4-Anschreiben zum peppigeren Flyer habe ich angeregt und jahrelang gestaltet, bis Lydia Ruisch diese Aufgabe übernahm. Auch die feste Einrichtung eines Bunten Abends bei den Frauentagungen habe ich initiiert. Auf meine Anregung hin wurde die bei der Synode übliche Berichterstattung von baf bei der Pastoralsynode 1987 in Bad Herrenalb neu gestaltet, „bunt, anders, frech“. Seitdem wurden die Beiträge und damit die Anliegen, Ziele und Themen der Frauenarbeit von den Synodalen mit größerer Aufmerksamkeit wahrgenommen.

Pleiten, Pech und Pannen – gibt es auch Anekdotisches aus dieser Zeit zu berichten?

Herborn: Oh ja! Bei einem Bunten Abend spielte Bischof Josef Brinkhues die Rolle eines Denkmals. Eine legendäre Teilnehmerin, Leni Peter aus Köln, die es auch als über 90-Jährige noch schätzte, mit „Fräulein“ angeredet zu werden (Zitat: „Ich bin die letzte der elftausend Jungfrauen von Köln“), jagte in der letzten Szene als Putzfrau das „Denkmal“ durch das Publikum. Sie fand kein Ende. Nach anfänglicher Heiterkeit hielten wir alle peinlich berührt den Atem an. Am Ende griff ich ein, um den Verfall des Respekts vor dem Bischofsamt zu stoppen.

Eine andere, sehr lustige Begebenheit war die gemeinschaftliche Bettsuche für Frau Demmel, die Witwe von Bischof Josef Demmel. Während eines Frauentreffens in Bad Dürkheim suchte Mathilde Demmel zu später Stunde noch ihre Ruhestatt. Sie hatte aber leider die Zimmernummer vergessen. Die noch verbliebenen Teilnehmerinnen begleiteten sie daraufhin mit Gitarrenmusik und Gesang von Zimmer zu Zimmer. Wir klopften an, schauten: Ist eine drin? Ja, dann zum nächsten Zimmer. Dies taten wir so lange, bis das richtige Zimmer gefunden war.

1996 wurden Sie Vorsitzende von baf. Was haben Sie an Neuem eingebracht?

Herborn: Dr. Ilse Brinkhues hat als Vorsitzende in unserem Bistum ein klares Bewusstsein für frauenspezifische Fragen geschaffen. Auch die Entwicklungs- und Missionsarbeit lag ihr besonders am Herzen. Katja Nickels Vorstandsarbeit zeichnete sich durch theologisch-inhaltliche Schwerpunkte aus. Da ich, bevor ich Vorsitzende wurde, schon 20 Jahre im Vorstand war, brachte ich ein breites Spektrum an Erfahrungen mit. Neben den inhaltlichen Schwerpunkten, die die beiden Vorgängerinnen gesetzt haben, war mir zusätzlich auch immer das „Wie machen wir es“, die Umsetzung mit kreativen Mitteln wichtig. Bei den Tagungen sollte etwas erfahren und erlebt werden, das nachhaltig wirkt. Die Frauen sollten etwas mitnehmen, was sie auch zu Hause in den Frauengruppen, in den Gemeinden umsetzen können.

Wenn ich eine Begabung habe, zu der ich gut stehen kann, dann ist das die, andere zu begeistern, „anzustecken“ und sie zu ermutigen, sich etwas zuzutrauen. Es war eine große Freude zu erleben, wie Teilnehmerinnen zunehmend ihre eigenen, manchmal versteckten oder verschütteten schöpferischen und schauspielerischen Begabungen entdeckten und bestärkt und ermutigt in ihre Gemeinde, ihr Lebensumfeld zurückkehrten.

Unvergesslich bleibt mir Frau Schellinger aus Sauldorf (siehe Jahrbuch 1986, S. 47-49) bei einer Bibelarbeit zur Begegnung Jesu mit Maria und Martha (Lk 10, 38-42). Da sagte Frau Schellinger in ihrem badischen Dialekt: „Ich bin beides, Maria und Martha: Solange ich auf dem Hof g’schafft hab, war ich Martha, jetzt bin ich Maria.“ Frau Schellinger hatte nie in ihrem Leben etwas öffentlich vorgetragen. Sie ließ sich darauf ein, während des Tagungsgottesdienstes den Text eines alten Weisheitslehrers, eine Geschichte von A. de Mello, zu übernehmen. Ihre feste Stimme ist mir immer noch im Ohr: „Wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich stehe, dann stehe ich“ usw.

Wie hat sich die Vorstandsarbeit verändert?

Herborn: Die Vorstandsarbeit hat sich verändert: Von „Einzelkämpferinnen“ sind wir zu einem Team geworden. Das war dringend notwendig, denn bei der Übernahme des Vorstandsvorsitzes war ich vollzeitberufstätig. Letztendlich hat sich das jedoch als riesige Chance herausgestellt. Die Vorstands-Teamarbeit entwickelte sich zur Lern- und Übungsplattform für jüngere oder weniger erfahrene Frauen sowie für diejenigen, die sich das noch nicht so zutrauten.

Was bleibt unerledigt oder offen, was möchten Sie weiterverfolgen oder dem Vorstand mitgeben?

Herborn: Es gibt viel zu tun. Ich nenne als Stichworte: Kontakt mit den örtlichen Frauengruppen halten und ausbauen – vielleicht neue Wege ausprobieren; Fortbildungen und Weiterbildungen wahrnehmen und auch anbieten; gesellschaftliche Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Kirchen im Blick haben, insbesondere im Hinblick auf die Frauen; sich selbst immer wieder kritisch befragen; Prioritäten und Schwerpunkte bei der Arbeit setzen und Ergebnisse überprüfen; einen langen Atem haben; für Frauen relevante Themen aufgreifen; Solidarität und Verantwortung thematisieren und genau hinschauen; sich nicht von oberflächlichen Erfolgen blenden lassen; spirituelle Impulse setzen; über den eigenen Tellerrand schauen und Kompetenzen von Frauen einbeziehen, die reichlich und in großer Vielfalt vorhanden sind. Es ist wichtig den Blick offen zu halten für Begabungen, die vorhanden sind.

Vielen Dank für dieses Interview und Ihre Bereitschaft weiterhin baf zu begleiten und in der Frauenarbeit mitzuwirken.

Das Interview führte Mariette Kraus-Vobbe im September 2006.