Schöpfung und Evolution

Herdentage 2006 in Fouday

Achtzehn Personen aus verschiedenen Regionen des Bistums trafen sich auch in diesem Jahr wieder, um sich mit mir über ein aktuelles Thema des Glaubens auszutauschen. Es ging dieses Mal um die Frage „Schöpfung und Evolution“. Es zeigte sich bald, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Überzeugung mitbrachten, dass der Kosmos und damit unsere Erde naturwissenschaftlich betrachtet Produkt einer Jahrmilliarden währenden Entwicklung sind, die immer noch andauert. Niemand also teilte die Auffassung fundamentalistischer Kreise, die Welt sei erst wenige tausend Jahre alt, und die einzelnen Gestirne und Geschöpfe seien durch besonderes, unmittelbares Eingreifen Gottes entstanden. Gleichwohl maßen alle den biblischen Schöpfungserzählungen einen hohen Stellenwert bei. Sie seien zwar naturwissenschaftlich bedeutungslos, spiegelten dafür aber umso mehr den (religiösen) Glauben, dass die Welt nicht aus sich selbst entstanden sei, dass sie eine Ordnung habe, und dass Gott Welt und Menschen begleite und zu einem Ziel führe. Dies stehe grundsätzlich in keinem Widerspruch zu heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Während die erste (jüngere) Schöpfungserzählung die Erschaffung von Mann und Frau als gleichwertig und in gleicher Weise gottebenbildlich berichtet, rief die Aussage des zweiten (älteren) Schöpfungsmythos, in welchem Gott die Frau aus einer Rippe des Mannes erschafft, bei der Mehrheit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen doch einigen Widerspruch hervor. Sie wurde als Abwertung der Frau empfunden und konnte nur hingenommen werden, weil sich in diesem Mythos die gesellschaftlichen Zustände von vor etwa 3000 Jahren spiegeln. Heute würde man eine solche Geschichte vermutlich anders erzählen.

Fragen

Erst im Laufe der Woche wurde uns jedoch bewusst, welch eine Fülle weiterer Fragen sich an die Anerkennung der Evolution einerseits und das Festhalten an unserem Glauben andererseits knüpft:

Meint „Evolutionstheorie“, dass am Ende alle Entwicklung von Kosmos nur ein Ablauf zufälliger physikalischer und chemischer Prozesse ist nach dem Prinzip Versuch und Irrtum? Meint Schöpfung nicht doch auch, dass alles letztlich auf ein Ziel („Vollendung“) zustrebt? Was bleibt auf diesem Hintergrund von der Freiheit des Menschen? Kann der Mensch überhaupt schuldig werden? Welche Rolle spielt das menschliche Einzelschicksal in einer solch unermesslichen Entwicklung? Es gibt unermessliches Leid in der Evolution, nicht erst seit der Entstehung des Menschen. Warum lässt ein „allmächtiger“ und „barmherziger“ Gott dieses Leid zu? Ist Leiden gottgewollt oder will er es eigentlich nicht? Welche Rolle spielt das Christusereignis in einer Jahrmilliarden währenden Entwicklung? Lässt sich annehmen, dass Jesus von Nazareth, eine historische Person, für alle Zeiten für alle Welten von höchster Bedeutung (Gottes Sohn) ist und bleibt? Was meint die Aussage im Glaubensbekenntnis „durch ihn (den Sohn) ist alles geschaffen“?

Etliche dieser Fragen konnten nur ansatzweise mit dem Verstand beantwortet werden, andere blieben. Wir lasen zuletzt Texte des berühmten Paläontologen, Theologen und Evolutionsforsches Pierre Teilhard de Chardin, in denen dieser die ganze Entwicklung von Erde und Kosmos als ein gewaltiges Streben auf einen Zielpunkt „Omega“, in dem alles mit Gott und dem verherrlichten, jetzt aber in und mit seiner Schöpfung noch leidenden Christus vereint sein wird, deutet.

Praktische Erfahrung

Bemerkenswert aber war wohl für uns alle die begleitende praktische Erfahrung dieser sechs Schöpfungs- und Evolutionstage: Am Anfang der Woche erlebten wir das Erschreckende der Naturgewalten, als es wie aus Eimern schüttete, die Bäche der Umgebung über die Ufer traten und den sie überquerenden Brücken bedrohlich nahe kamen. In der zweiten Hälfte aber konnten wir auf unseren Wanderungen in der ins Sonnenlicht getauchten Vogesenlandschaft grandiose Ausblicke genießen, die uns einen Eindruck von Gottes überwältigender Schöpferphantasie vermittelten. Das Dabeisein von Kindern machte uns Gottes Freude am Spiel und am Wachstum deutlich, unsere eigenen Diskussionen führten uns vor, welch ein Wunder das menschliche Bewusstsein in seinen fortschreitenden Erkenntnissen darstellt. Es bleibt freilich der doppelte Eindruck, den uns Kreuz- und Auferstehungsflügel des Isenheimer Altars vermittelten: Noch kann es Ereignisse geben, die uns als völlige Gottesfinsternis erscheinen und die uns nur den Aufschrei der Gottverlassenheit gestatten. Es gibt aber auch den Regenbogen, das Bundes- und Überwindungszeichen allen Chaos, den Matthias Grünewald in sein Auferstehungsgemälde komponiert hat, und der vom Antlitz des Todesüberwinders grenzenlos ausstrahlt in den Kosmos. Diese Ausstrahlung im Herzen zu bewahren, darauf kommt es wohl an. Die gemeinsam gefeierten Tagzeiten und die Abschlusseucharistie, aber auch die gemeinsam bewältigten Alltagstätigkeiten und die unbeschwerte Gemeinschaft gestatteten uns diesen zuversichtlichen Ausblick.

Eine persönliche Bemerkung möchte ich mir am Schluss gestatten: Auch wenn die Frucht der „Herdentage“ sich nicht immer unbedingt in Gestalt einer Broschüre niederschlagen muss und kann, so sind diese Tage doch für mich von unabdingbarer Wichtigkeit: Das Bischofsamt bringt mit überwiegender Konferenz- und Bürotätigkeit und der Präsenz bei Festtags- und anderen offiziellen Anlässen ja die Gefahr mit sich, dass man nicht mehr mit dem „normalen“ Leben der Menschen und dem, was sie dabei in ihrem Glauben bewegt, in Berührung kommt. Die jährlichen Herdentage (ähnlich wie Episkopussy und Episkoplus und gelegentliche Besinnungstage für andere Gruppen aus der Ökumene oder den Dekanaten) bleiben daher für mich auch ganz wichtige „Erdentage“, und das nicht nur, wenn von der Schöpfung die Rede ist. Sie helfen mir, die Bodenhaftung zu bewahren. Dafür danke ich allen, die sie mit vorbereiten und daran teilnehmen.

Joachim Vobbe