Einen weiten Raum bieten

Ein Interview mit Erzbischof Rowan Williams

Zuerst lebendige Kirche und dann Institution: In einem Interview mit den Pfarrern Joachim Pfützner und Thomas Walter am Rande des Alt-Katholiken-Kongresses in Freiburg hat der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, dazu aufgerufen, sich am Beispiel der orthodoxen Kirchen zu orientieren, um die Kirche den zahlreichen suchenden Menschen als geistliche Heimat nahe zu bringen.

Herr Erzbischof, Sie repräsentieren nicht nur die Kirche von England, sondern sind auch Primas der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft. Als Primas haben Sie es mit ganz unterschiedlichen Kirchen zu tun, sowohl innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft als auch über diese hinaus. Seit 75 Jahren gibt es die volle Sakramentsgemeinschaft mit den Alt-Katholischen Kirchen, deren Bischöfe sich in der Utrechter Union zusammengeschlossen haben. Dabei handelt es sich um zahlenmäßig kleine Kirchen. Mit welchen Gefühlen begegnen Sie als Repräsentant einer so großen Kirchengemeinschaft diesen kleineren Kirchen und was erwarten Sie sich sowohl für die Kirche von England als auch für die Anglikanische Gemeinschaft von den Begegnungen mit den alt-katholischen Kirchen?

Erzbischof Rowan Williams: Lassen Sie mich zu Beginn zitieren, was ich gesagt habe, als ich unsere Kirche in Malaysia vor zwei Jahren besuchte: „Es gibt keine kleine Kirche; es gibt nur kleine Christen.“ Wenn wir glauben – wie wir es auch tun –, dass jede Ortskirche in sich das Wesen der gesamten katholischen Kirche trägt, dann ist die erste Frage die nach dem katholischen Leben, das heißt nach Gebet, Anbetung, gemeinsamem Zeugnisgeben und Gottesdienst. Ich glaube nicht, dass die Größe der Kirche in dieser Hinsicht von Bedeutung ist. Es ist nicht so, als wäre die alt-katholische Kirche klein, weil sie eine exotische Glaubensform ist oder weil sie eine Glaubensminderheit darstellt. Vielmehr ist es eine ihrer großen historischen Stärken, dass sie – wie unsere anglikanische Kirche – auf die Wurzeln der alten Kirche zurückgeht und Verbindungen zur orthodoxen Kirche hat. Das halte ich für wichtig. Das ist der erste Punkt. Wie wir im Englischen sagen: „Size does’nt matter – die Größe ist nicht von Bedeutung.“

Der zweite Punkt ist: Der eigentlich spannende Unterschied, der zählt, liegt in einer etwas anderen Gewichtung: Wir verkörpern eine reformatorische Tradition, die unter anderem Elemente eines radikalen Protestantismus in sich trägt. Die alt-katholischen Kirchen haben diese Geschichte nicht und haben deshalb nicht diesen Beigeschmack an Meinungen und Überzeugungen. Und ich denke, dass dies hier auf dem europäischen Festland manchmal zu Spannungen zwischen den anglikanischen und alt-katholischen Gemeinden vor Ort führt, weil die anglikanischen Kirchen geprägt sind von dieser Tradition. Es ist sehr hoffnungsvoll und hilfreich für die anglikanische Kirche, eine Form des reformierten Katholizismus zu erfahren, die nicht diese spezielle Geschichte durchlebt hat. Und für die alt-katholische Kirche ist es ebenso hilfreich, das Erbe der Reformation in einer katholischen Weise verkörpert zu sehen.

Herr Erzbischof, sie gelten als ein Mann tiefer Spiritualität. Menschen, die sich wieder der Kirche zuwenden, suchen vor allem eine spirituelle Heimat; so erfahren wir es als Pfarrer vor Ort. Die Pastoralsynode unserer Kirche im Herbst des kommenden Jahres wird sich mit dieser Frage befassen. Was sind Ihrer Meinung nach und aus Ihrer Erfahrung heraus dabei die wesentlichen Stichworte, die wir als Kirche beachten müssen, wenn wir für Menschen eine spirituelle Heimat sein wollen?

Williams: Sie haben ganz Recht. Ich denke, dass die Leute nach Spirituellem suchen und unsere Kontroversen nicht sehr einladend finden. Als Erzbischof Vercammen gestern über die Kirche als Herberge sprach, war das ein sehr kraftvolles Bild.

Als erstes möchte ich sagen: Die Kirche muss einen weiten Raum bieten für die Anliegen der Leute; sie muss sie in ihrer Würde ernst nehmen. Und, wie Joris Vercammen sagte, sie muss ein Ort sein, an dem die Menschen wirklich wachsen können. Es ist ein Problem, dass wir im westlichen Christentum vor allem den Gedanken der Institution betont haben. In unserer Zeit sind Institutionen aber nicht sonderlich populär. Wir haben das Christentum nicht als Lebensform vermittelt. Was wir von den östlichen, den orthodoxen Kirchen lernen können, ist folgendes: Sie sind in erster Linie lebendige Kirche und dann erst Institution, ein Stück Leben also, in einem Netzwerk von Beziehungen, in der Anbetung. Ich glaube, es ist nötig, in unseren Gottesdiensten ein Gefühl von Raum zu vermitteln, ein Gefühl von Güte. Die Leute fühlen sich abgestoßen von Gottesdiensten, die gehetzt sind. Sie sind abgeschreckt von Gottesdiensten, in denen alles um Ideen und Vorstellungen kreist. Was sie suchen, ist eine langsamere Gangart. Wenn ich an einen Besuch in einem buddhistischen Kloster denke, kommt mir folgendes in den Sinn: Buddhistische Mönche üben das langsame Gehen. Sie tun das, was sie tun, bewusst. Sie bringen die Spiritualität mit ihrem Körper zum Ausdruck. Und ich meine, das teilt uns etwas mit. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir unsere Gottesdienste gestalten, so ist das eine ziemliche Herausforderung für uns alle. Das ist heutzutage wichtiger denn je. Das ist ein Aspekt.

Als zweites möchte ich Folgendes herausgreifen: Man muss den Menschen Zeit geben. Sie nehmen den Glauben nicht einfach so an. Sie gehen nicht einfach so Verpflichtungen ein. Wir müssen ihnen Glauben und Tradition vermitteln, aber nicht als vorgegebene Liste zum Abhaken, sondern als Einladung: Hier ist der Raum, den ihr braucht.

Und das letzte, was ich über Spiritualität sagen möchte und darüber, wie Menschen sich im Glauben heimisch fühlen können, ist dies: Wir müssen Lebensgeschichten erzählen, in denen Grenzen überschritten und Herausforderungen angenommen werden, um zu verdeutlichen: Hier ist ein Leben, das deshalb eine außergewöhnliche Note erhalten hat, weil es vom christlichen Glauben geprägt ist. Es ist vielleicht nicht immer ein konventionelles Leben, aber es ist darin etwas Außergewöhnliches passiert. Was macht dieses Leben von der christlichen Überzeugung her so außergewöhnlich? Nehmen wir Martin Luther King, Dorothee Day, Mother Maria Skobotska in Paris. Ich habe in letzter Zeit des öfteren über jemanden gesprochen, der kein ausgesprochener Christ war: Etty Hillesum, eine junge jüdische Frau aus Holland, die im Zweiten Weltkrieg nach Auschwitz deportiert wurde und dort gestorben ist. Deren Tagebuch war voll von Entdeckungen über Gott, ausgedrückt in Gedanken aus der christlichen Tradition, ohne dass sie Christin geworden wäre. Und ich möchte, dass Sie sich dieses Leben anschauen und sich sagen: Das ist ein bemerkenswertes Leben.