Philippinischer Bischof Ramento ermordet

Welle politischer Attentate bricht nicht ab

Auf den Philippinen nimmt die Zahl der Morde an Oppositionellen, Kirchenmitgliedern und Menschenrechtsaktivisten nicht ab. Nunmehr scheint die Situation mit der Tötung eines hochrangigen Bischofs eine neue Dimension anzunehmen. Am Morgen des 3. Oktober fand man Bischof Alberto Ramento erstochen im Pfarrhaus von San Sebastian in Tarlac-City. Obwohl offizielle Stellen den Mord an Ramento als einen Raubmord darstellen, weisen viele Indizien darauf hin, dass der Bischof einem politischen Attentat zum Opfer fiel. Ramento war das ehemalige Oberhaupt, der neunte Obispo Maximo, der Unabhängigen Kirche der Philippinen (IFI), der größten alt-katholischen Kirche weltweit mit über sieben Millionen Kirchenmitgliedern.

Bischof der Arbeiter und Bauern

Primebishop Godofredo J. David zeigte sich entsetzt über die feige Tat und verurteilte die Darstellung der Polizei, Ramento sei einem Einbrecher zum Oper gefallen, als gezielte Verzerrung der Tatsachen. Die Diözese von Tarlac sowie die Familie des Getöteten hätten genügend Hinweise, um von einem politisch motivierten Mord auszugehen. „Wir glauben“, so beteuerte Bischof David, „dass der brutale Mord eine unvermeidbare Folge seines unerschütterlichen Engagement für bedürftige und notleidende Menschen ist.“ Der elfte Obispo Maximo fand klare Worte: „Bischof Ramento war nicht nur ein beliebter und warmherziger Seelsorger, er gilt uns allen als sozialer Prophet und Ikone für das nationale Ringen des philippinischen Volkes um Souveränität und Selbstbestimmung“. Ramento war in der Tat ein engagierter Mann. So war er Vermittler bei den Friedensgesprächen zwischen der philippinischen Regierung und der oppositionellen „National Democratic Front“. Auch in der ökumenischen Bewegung war er eine bekannte Figur. Er war Vorsitzender der Bischofskonferenz seiner Kirche, des Nationalen Rates der philippinischen Kirchen ebenso wie des Ökumenischen Bischofsforums (EBF), einer Vereinigung, der Bischöfe aller Kirchen des Landes angehören. In all seinen Aufgaben wurde er nie müde, die eklatanten Menschenrechtsverletzungen in seinem Land zu kritisieren und auf die Morde hinzuweisen, die die Todesschwadronen im Auftrag der Regierung an Rechtsaktivisten, Anwälten, Journalisten, Kirchenmitgliedern und anderen unschuldigen Bürgern begingen. Er war ein Bischof für die Unterdrückten und kleinen Leute. Als „Bishop and Advocate of the Poor Peasant and Workers“ erntete er viel Zuneigung und Dank bei den Menschen in den Zuckerrohrplantagen von Tarlac und der Hacienda Luisita.

Die Welt entsetzt

Kirchliche Kreise im In- und Ausland sind entsetzt und empört. „Wir waren schockiert als wir die schreckliche Nachricht erhielten“, sagt Canon Margret S. Larom, Direktorin der Episcopal Church für anglikanische Beziehungen. „Wir haben eine Stimme des Gewissens verloren“, formuliert der Sekretär der christlichen Studentenbewegung der Philippinen. Mervin Toquero, Vorsitzender des Nationalrats der Philippinischen Kirchen würdigte Ramentos Engagement für die ökumenische Bewegung des Landes und bezeichnete seinen Tod als großen Verlust. Auch die europäischen Kirchen traf der Tod Bischof Ramentos unvorbereitet. Die Erzbischöfe von Canterbury und Utrecht verurteilten die unmenschliche Tat zutiefst und feierten in spontanen Gottesdiensten das Gedächtnis seines Lebenswerks. Auch die römische und protestantische Kirche war erschüttert über die Hinrichtung dieses hervorragenden Christen. Mittlerweile häufen sich die Statements und Trauerbekundungen zum Tod des neunte Obispo Maximo in Presse und Internet. Dies ist auch gut so, denn auch auf diese Weise wird Druck ausgeübt auf Regierung und Polizeistellen. Der Welt ist es nicht egal, was auf den Philippinen geschieht.

Unhaltbare Beteuerungen

Vor dem Hintergrund des feigen Attentats wirkt die Einladung von Präsidentin Arroyo, die sie auf der Sitzung des sechsten ASEM (Asia-Europe-Meeting) in Helsinki an Vertreter des Europäischen Parlamentes richtete, wie ein Hohn. Eine europäische Kommission solle ihr Land bereisen und sich selbst vor Ort ein Bild machen von den verbesserten Menschenrechtsverhältnissen. Unterdessen gab ihr Pressesprecher Ignacio Bunye bekannt, dass die Philippinen bereit seien, sich vor jedem Forum gegen Vorwürfe der Menschenrechtsverletzungen zu verteidigen und auf die Fortschritte in der Bekämpfung politischer Morde aufmerksam zu machen.

Kommunistenhatz

Die Situation auf den Philippinen, so betonte der Amnesty-Experte Jochen Range auf einer Sitzung des NRW-Philippinenforums in Bonn, ist weit schlimmer als ehedem unter dem Diktator Marcos. Das Töten macht auch vor Kirchen nicht halt. Christen heute berichtete im Sommer letzten Jahr über den Mord an Priester William Tadena, der den Maschinengewehrsalven regierungstreuer Vigilanten zum Opfer fiel. Auch er kritisierte wie Bischof Ramento die massiven Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung unter Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo. Solche Kritik übt man auf den Philippinen nicht ungestraft. Die Meuchelmorde folgen stets einem gleichen Muster und geschehen im Kontext einer verstärkten Offensive gegen kommunistisch geprägte Guerillatruppen. Dabei werden auch legale Parteien und auch Kirchen als Frontorganisationen der Guerilla diffamiert und bekämpft. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Regierungskreise sogar die römisch-katholische Kirche kommunistischer Machenschaften bezichtigen.

111 Morde unaufgeklärt

Reverend Tadena und Bischof Ramento von der Aglipay-Kirche sind nicht die einzigen Opfer. Auch Vertreter anderer Kirchen fielen der Hexenjagd zum Opfer, wie die Pfarrer Edison Lapuz, Jemias Tinambacan, und Andy Pawican von der protestantischen Vereinigten Kirche Christi. Allein für das erste Halbjahr dieses Jahres meldete Amnesty International 50 politische Morde. Im vergangenen Jahr waren es 66 Menschen, die durch Killerkommandos hingerichtet wurden. In ihrem 51-seitigen Report berichtet die Menschenrechtsorganisation davon, dass selbst in den 114 Mordfällen, die eine Sondereinheit zur Untersuchung politischer Morde seit 2001 dokumentiert habe, es nur in drei Fällen zu Verhaftungen gekommen sei. Nur halbherzig beschäftigen sich die Behörden mit solchen Fällen. Meist kommt es gar nicht erst zu ernsthaften Ermittlungen und nur allzu oft verweigern Polizeikräfte bedrohten Personen jeglichen Schutz. Auch Bischof Ramento fühlte sich bedroht. Noch einige Tage vor seiner Ermordung sagte er zu seiner Familie: „Ich weiß, dass sie vorhaben, mich als nächsten zu töten, doch ich werde deshalb in meinem Dienst gegenüber Gott und den Menschen nicht nachgeben“. Gegen vier Uhr am Morgen erwachte Bischof Ramento aus dem Schlaf, umringt von Attentätern, die ihm mit sieben Messerstichen das Leben nahmen.

Pro Deo et Patria

Bischof David betonte: „Die Menschen, die verantwortlich sind für seinen Tod, mögen denken, sie haben ihn zum schweigen gebracht und damit der prophetische Stimme der Kirche das Wort abgeschnitten. Doch sie irren sich. Sein Tod wird für uns zu einem Fanal, das unsere Herzen entflammt und unsere Kirche verweist auf ihr Erbe im Engagement für die Menschen und Arbeiter in unserem Land ... Pro Deo et Patria!“

Bischof Alberto Ramento, die Iglesia Filipina Independiente und alle Ermordeten seien unserem Gebet empfohlen.

André Golob

50 Morde in sechs Monaten

„Ich weiß, dass sie vorhaben mich als nächsten zu töten, doch ich werde deshalb in meinem Dienst gegenüber Gott und den Menschen nicht nachgeben“ (Bischof Alberto Ramento)

Folgende Philippinos verloren von Januar bis Juni 2006 durch politischen Mord ihr Leben:

(Name, Todesdatum, Zugehörigkeit)

Armando Leabres, 10. Jan. (Partei Bayan Muna) / Ysrael Bernos, 13. Jan. (Bürgermeister) / Ofelia „Nanay Perla“ Rodriguez, 16. Jan. (Aktivistin für Bauernrechte) / Antonio Alde, 16. Jan. (Partei Bayan Muna) / Rolly Canete, 20. Jan. (Radiojournalist) / Graciano Aquino, 21. Jan. (Journalist) / Mateo Morales, 24. Jan. (Aktivst für indigene Gemeinschaften) / Roberto de la Cruz, 25. Jan. (Vorstand Gewerkschaft) / Audie Lucero, 13. Febr. (Jugendaktivst) / Melanio Evangelista, 17. Febr. (Führerin Bauernorganisation) / Cristobal Jensen, 18. Febr. (Partei Bayan Muna, Beamter) / Napoleon Pornadoro, 27. Febr. (früherer Generalsekretär einer Linkspartei) / Luis Anthony Biel III., 3. März (Bürgermeister) / Arturo Caloza, 4. März (Partei Bayan Muna) / Nestor Arinque, 7. März (Führer Bauernorganisation) / Santiago Teodoro, 10. März (Dachverband Bayan) / Tirso Cruz, 17. März (Führer Bauerngewerkschaft) / Cris Hugo, 19. März (Liga philippinischer Studenten) / Agnes Abelon, 20. März (Frau von Amante Abelon) / Amante Abelon jr. 20. März (Koordinator Anakpawis) / Vicente Denila, 27. März (setzte sich ein für Landreform) / Liezelda Estorba-Cunado, 3. April (Frauenpartei Gabriela) / Florencio Perez Cervantes, 5. April (Bauer, Mitglied des Dorfrates) / Elpidio de la Victoria, 12. April (Direktor Umweltorganisation) / Rico Adeva, 15. April (Organisator einer Landreform) / Marilou Rubio-Sanchez, 22. April (Partei Bayan Muna) / Virgilio Rubio, 22. April (Partei Bayan Muna) / „Tatay“ Porferio Maglasang jun., 22. April (Vorsitzender einer lokalen Bauernorganisation) / Porferio Maglasang sen., 22. April (Vorsitzender einer lokalen Bauernorganisation) / Enrico Cabanit, 24. April (Aktivist für Landreform) / Jesus Talaboc, 8. Mai (Bauer) / Rev. Jemias Tinambacan, 9. Mai (United Church of Christ (protestantisch)) / Elena “Baby” Mendiola, 10. Mai (Generalsekretärin Bayan Muna) / Ric Balauag, 10. Mai (Partei Bayan Muna) / Manuel Nardo, 10. Mai (Partei Bayan Muna) / Pedro Angcon, 16. Mai (Partei Anakbayan) / José Doton, 16. Mai (United Church of Christ) / Mario Domingo, 17. Mai (Lokaler Führer einer Landreform) / Annaliza Abandaor-Gandia, 18. Mai (Aktivistin Kaisa Ka) / Rev. Andy Pawican, 21. Mai (United Church of Christ) / Noel „Noli“ Capulong, 27. Mai (United Church of Christ) / David Costuna, 4. Juni (Aktivist für Landrechte) / Arcadio Macale, 4. Juni (Freund von Costuna) / Rafael Markus Bangit, 8. Juni (Allianz der Völker der Cordillera CPA und Bayan Muna) / Tito Marata, 17. Juni (Aktivist einer Bauerorganisation und Mitglied der Landmission) / George Vigo, 19. Juni (Entwicklungsarbeiter und Journalist) / Maricel „Macel“ Vigo, 19. Juni (Entwicklungsarbeiter und Journalist) / Eladio „Jazz“ Dasi, 20. Juni (Partei Bayan Muna) / Wilfredo Cornea, 26. Juni (Führer einer Bauernorganisaton) / Delfinito Albano, 27. Juni (Bürgermeister) .......... Alberto Ramento, 3. Okt. (Bischof)

Sie mögen ruhen in Frieden!

Quelle: „Philippinen – Politische Morde, Menschenrechte und der Friedensprozeß“ (Amnesty International Index ASA 35/006/2006, Anhang)