Detailansicht

24.12.2015 08:27 Alter: 214 days

Weihnachtsbotschaft von Bischof Dr. Matthias Ring: Unser Glaube hat mit der Sehnsucht nach umfassendem Frieden zu tun

Liebe Schwestern und Brüder,

„Edeka zeigt uns, worauf es an Weihnachten ankommt“ – so kommentierte die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen den mittlerweile wohl allgemein bekannten Werbespot. Für diejenigen, die ihn trotzdem nicht kennen: Ein älterer Herr sitzt allein am weihnachtlich gedeckten Tisch; die Kinder haben alle abgesagt. Da hat er eine Idee: Er versendet seine eigene Todesanzeige, woraufhin die Kinder flugs in die väterliche Wohnung eilen und dort den vermeintlich Toten lebend vorfinden. Die Freude ist groß. Fröhlich vereint sitzt die Großfamilie schließlich an der Festtafel und lässt sich die Gans (sicherlich von Edeka) schmecken. – Sie können sich den Clip bei YouTube anschauen.

Viele Menschen schreiben, dieser Spot habe sie zu Tränen gerührt. Andere finden ihn kitschig, manche geschmacklos (weil jemand seinen Tod vortäuscht). Kein Wunder, dass es bereits mehrere Persiflagen gibt. Man mag dazu stehen, wie man will, doch der Werbespot verrät, was viele Menschen mit Weihnachten – unabhängig vom seinem christlichen Kern – verbinden: die tiefe Sehnsucht nach Harmonie und Frieden, und zwar nach einem umfassenden Frieden, der nicht nur die eigene Familie an diesem Tag um den Tisch versammelt, sondern sich auf die ganze Welt erstreckt. Weihnachten und Frieden – diese beiden Worte gehören zusammen.

Wenn in der Heiligen Schrift von Frieden, Schalom, die Rede ist, dann geht es um mehr als die Abwesenheit von Streit, Konflikt oder Krieg. Es geht um eine tiefgehende Harmonie, wie sie Jesaja in einem schönen Bild beschreibt: „Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein, der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen; gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf, ein kleiner Junge kann sie hüten. Die Kuh wird neben dem Bären weiden und ihre Jungen werden beieinander liegen; der Löwe frisst dann Häcksel wie das Rind. Der Säugling spielt beim Schlupfloch der Schlange, das Kleinkind steckt die Hand in die Höhle der Otter. Niemand wird Böses tun und Unheil stiften auf dem Zion, Gottes heiligem Berg.“ (Jesaja 11, 6-9)

Weihnachten als Sehnsuchtsfest – das mag man als Kitsch ablehnen. Ich bin froh, dass diese Grundsehnsucht (noch) lebt, auch unter säkularen Menschen. Es wäre unsere Aufgabe zu zeigen, dass unser Glaube etwas mit dieser Sehnsucht zu tun hat. Ich verstehe die Botschaft Jesu als Einladung, einen Weg zu gehen, der zu Schalom, zu Frieden im umfassenden Sinn führt. Es müsste uns gelingen, zu diesem Weg einzuladen, denn sich nur im Wohlgefühl der Sehnsucht einzurichten, funktioniert ja nicht. Dann schweigen zwar an Weihnachten an allen Fronten die Waffen, aber danach geht es weiter. Und das gilt im Großen wie im Kleinen.

Es gibt Zeiten, da spürt man mehr als sonst, wie groß die Differenz zwischen der Wirklichkeit und der beschriebenen Sehnsucht ist. Auf politischer Ebene machen uns die Flüchtlingsströme und die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus deutlich, wie weit diese Welt vom biblischen Schalom entfernt ist. Politische Patentrezepte haben wir als Christinnen und Christen angesichts der konkreten politischen Herausforderungen nicht anzubieten, auch wenn die Versuchung groß ist, das eine oder andere als das unbedingt Richtige anzupreisen. Im Zweifelsfall müssen auch wir miteinander ringen, was denn von Evangelium her das Gebotene ist. Vor allem aber sind wir gehalten, die christliche Stimme im gesellschaftlichen Diskurs zu Gehör zu bringen. Und das gilt bereits für Diskussionen im Freundes- und Bekanntenkreis. Wie sich zum Beispiel das gesellschaftliche Klima gegenüber den Flüchtlingen entwickelt, liegt nicht nur an den Politikerinnen und Politikern; das bestimmen wir mit durch das, was wir in unserem Alltag dazu sagen – oder eben nicht sagen.

Doch das Fehlen einer Patentantwort darf uns nicht daran hindern, da, wo es uns möglich ist, zu helfen, und sei die Hilfe scheinbar noch so klein. Deshalb dürfen wir dankbar sein, dass sich viele Menschen in verschiedener Weise in unserem Land für Flüchtlinge engagieren, aber auch für Menschen, die aus anderen Gründen in Not sind. In der bescheidensten Hilfe kann etwas aufleuchten von dem, was die Bibel „Schalom“ nennt.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte diesen Weihnachtsgruß verbinden mit dem Dank an alle, die sich in diesem Jahr für unsere Kirche engagiert haben. Sie haben das alles nicht für eine abstrakte Institution getan, sondern für die Menschen und – auch wenn das im täglichen Kleinklein nicht immer erkennbar ist und jetzt vielleicht etwas hochgestochen klingt – um die Botschaft Jesu zu verbreiten und ein wenig von dem aufleuchten zu lassen, was Schalom bedeutet.

Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und Gottes Segen für das kommende Jahr wünscht Ihnen

Ihr

+ Matthias Ring