Zeichen und Wort

- Evangelium Jesu Christi

- Weihrauch
Unsere europäische Kultur lebt aus einer doppelten Wurzel: der jüdischen (semitischen) und der indogermanischen. Vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, dass Sehen, Wahrnehmen, staunendes Erkennen für Kelten, Germanen, Romanen und alle aus der indogermanischen Wurzel hervorgegangenen Völker vordringlich ist, für das Volk der Bibel wie für alle Semiten das Hören und Aufnehmen im Schweigen. Immer wieder rufen die Propheten: 'Höre, Israel, Sch'ma, Israel', und sie beginnen viele ihrer Reden mit "Spruch des Herrn". Die Antwort, die der Knabe Samuel auf den Anruf seines Namens gibt, ist die Antwort des frommen Juden: "Rede, Herr, dein Diener hört."
In unserer Liturgie kommen beide Verhaltensweisen zum Tragen: das Hören auf Gottes Wort und An-Spruch und das Erkennen der Zeichen. Viele Zeichen sind uns so geläufig, dass wir sie oft gedankenlos üben, so das Bezeichnen mit dem Kreuz, das Stehen, Sitzen oder Knien. Andere sind uns weniger geläufig wie das Salben mit Öl (bei Taufe, Firmung, Ordination, Krankensalbung, Kirch-, Altar- und Glockenweihe), wieder andere nehmen wir oft gar nicht mehr als Zeichen wahr: brennende Kerzen, ein verhülltes Kreuz, reicheren oder kargen Kirchenschmuck. Da hilft nun nicht, dass die Zeichen mit vielen Worten erklärt werden.
Das macht die versammelte Gemeinde eher taub und blind für persönliches Erkennen und Hören. Eine Inflation von Worten verdeckt das Wort, auf das es ankommt. Wenn Begrüßung, Einleitung des Friedensgrußes, Erklärung besonderer Riten und Verabschiedung sich zu zusätzlichen Predigten auswachsen, erlahmt die Aufmerksamkeit für das Wort Gottes in den Lesungen und im Psalmengesang und für seine Auslegung. Niemand nimmt von dem Wortgeklingel etwas mit nach Hause.
Hilfreicher sind Minuten der stillen Besinnung, in denen das Wort in die Tiefe sinken und Wurzeln schlagen kann. Das gilt für die ganze Gemeinde ohne Unterschied ihrer Funktion.
Wir haben schon davon gesprochen, dass die Feier der Eucharistie in den frühen Gemeinden mit dem Lesen und Hören aus der Heiligen Schrift verbunden war. Im Wortgottesdienst spricht Gott uns an. Dies gilt auch dann, wenn die Lesungen keine unmittelbare Gottesrede enthalten, sondern von der Geschichte Gottes mit den Menschen berichten und wir die Antwort glaubender Menschen hören, die sie im Nachsinnen über das Wort und im Gebet gefunden haben. So geschieht Mit-Teilung. Gott teilt sich uns Menschen mit, Menschen teilen ihren Glauben mit uns. Wir hören miteinander und suchen miteinander Gott auf unserem Glaubensweg zu antworten und das Zeugnis unseres Glaubens den Schwestern und Brüdern mitzuteilen. Das setzt die Gemeinschaft der vielen einzelnen, ihr Eins-Werden als Gemeinde voraus, "damit die Welt glaube" (Joh 17,21).
Bereits die 4. Synode unseres Bistums im Jahre 1877 hat beschlossen, den bisher im Messbuch vorgelegten Lesungen eine weitere Jahresreihe anzufügen. So sollte der 'Tisch des Wortes', von dem die alte Kirche sprach, reichlicher gedeckt werden. Nach dem Versuch einer vierjährigen Lesereihe im Messbuch von 1959 liegt nun - wie in vielen anderen Kirchen der Ökumene - eine dreijährige Lesereihe vor, mit je drei Lesungen an Sonn- und Festtagen. Sie sind zumeist so aufeinander abgestimmt, dass sie keine thematische Überforderung bedeuten, vorausgesetzt, die Gemeinde wird pastoral sorgsam darauf hingeführt. Der jährliche liturgische Kalender und die entsprechenden Angaben in einigen Gemeindebriefen ermöglichen zudem, bereits zuhause die Texte in der eigenen Bibel zu lesen und sich so auf das Hören im Gottesdienst vorzubereiten. Gemeinden, die es mit ihrem Seelsorger wagen, auf die drei Lesungen zu hören, Prediger(innen), die sich auch von sperrigen Texten nicht abschrecken lassen, erfahren, dass sich ihnen neue Zugänge zum Glauben eröffnen.
Auf die erste Lesung folgt ein Antwortpsalm, zu dem die Gemeinde einen Kehrvers singt. Diese Art des Singens - die Ungezählte in Taizé wiederentdeckt haben - hilft dazu, dass biblische Kernsätze tief in uns eindringen. Vergessen wir dabei auch nicht, dass die Psalmen das tägliche Gebet Jesu, seiner Jünger(innen) und seiner Mutter gewesen sind. Neutestamentliche Lobgesänge, besonders das Magnificat, der Lobgesang Mariens, wurzeln in den Psalmen.Vor dem Evangelium - und sinnvoller Weise auch danach - grüßen wir den in seinem Wort gegenwärtigen Herrn mit dem Jubelruf des Halleluja, der mit einem biblischen Vers, aber nicht mit einem zweiten Psalm verbunden wird.
Dass wir im Evangelium den Worten und Zeichen des Herrn unmittelbarer begegnen als in anderen neutestamentlichen Schriften, wird in der Frühzeit der Kirche durch besondere Zeichen leibhaftig zum Ausdruck gebracht: Das Evangelienbuch wird bei der Bischofsweihe von zwei Diakonen/innen über den Weihekandidaten gehalten und bei der Ordination Diakon und Diakonin überreicht. Ihre Aufgabe ist es deshalb, das Evangelium der Gemeinde vorzulesen. Die Gemeinde hört das Evangelium stehend. Das Evangeliar, ein besonderes Buch, das nur die Evangelientexte enthält, wird mit brennenden Kerzen zum Lesepult begleitet, oder es werden dort Kerzen entzündet. An Festtagen kann das Evangeliar auch beräuchert werden. In einer Zeit, in der wir die nonverbale Kommunikation neu zu schätzen gelernt haben, sollten wir die alten liturgischen Zeichen nicht vernachlässigen oder einebnen, sondern sie für uns wieder zum Leben erwecken, ehe wir krampfhaft nach 'modernen' Ausdrucksformen suchen.