Wie wir feiern

- Verkündigung des Evangeliums
Der Gottesdienst ist Feier in Gemeinschaft. Wir kennen auch in unserem täglichen Leben verschiedene Arten, miteinander zu feiern. Da gibt es das Zusammensein im kleinsten Kreis bei einem Glas Wein im Schein einer Kerze, ein festliches Frühstück oder eine Mahlzeit am Geburtstag am Familientisch bis hin zu einer großen Festtafel. Ähnlich ist es auch im Gottesdienst. Die Skala reicht von der Feier am Krankenbett zum Wochentags- oder Diasporagottesdienst mit nur wenigen Anwesenden über die Tischmesse bis zur festlichen Liturgie bei großen Anlässen und mit vielen Teilnehmern.
Jede dieser Feiern hat ihre eigenen Stilgesetze. Es wirkt peinlich, wenn versucht wird, Elemente großer Liturgien in eine Kleingruppe zu übertragen und umgekehrt. Die entfaltete Liturgie aber kann mit vielerlei Elementen ausgestaltet werden: mit Bewegung (Einzug, verschiedene Orte für Vorsitz, Wortverkündigung und Mahlfeier, auch mit liturgischem Tanz), mit entfalteten Zeichen (Kerzen, Weihrauch, - auch in außergottesdienstlichen Feiern werden Kerzen und Duftstoffe mehr und mehr geschätzt), dazu eine geordnete Rollenverteilung, mit Schola, Chor oder/und passender Instrumentalmusik. Dazu kommt der festliche Schmuck des Raumes.
In keinem Fall aber darf der Gottesdienst zur Veranstaltung einer allein agierenden Person werden. Selbst bei der Tischmesse sollten Lesung und Fürbitten nicht vom Priester übernommen werden. Es gibt seit alters bis heute keine Synagogengemeinde ohne Kantor, auch nicht in der Diaspora. Der meditative Wechselgesang zwischen Vorsänger und Gemeinde gilt von jeher als unverzichtbarer Ausdruck gottesdienstlichen Feierns. So haben Jesus und seine Jünger den Gottesdienst erlebt. Auch in profanen Feiern (einschließlich Karneval) finden wir solche Elemente: Vorsitz, Wechsel zwischen Vorsängern und Refrain (Kehrverse) für alle, Aufteilung von Rollen, Bewegungsabläufe und andere mehr.
Die Grundregel heißt auch für die Liturgie: Alle Beteiligten tun ihren je eigenen Dienst. Das Wort, von dem sich "Ordination" herleitet, Ordo, Ordnung, gilt für alle, die im Gottesdienst eine besondere Funktion übernehmen. Zum priesterlichen Dienst gehören die "Präsidialgebete" (Liturgischer Gruß, Tagesgebet, Gebet über die Gaben und nach der Kommunion, das mit der "Präfation" beginnende Eucharistiegebet und der Segen), die Verkündigung des Evangeliums steht dem/der Diakon/in zu, ebenso die Ankündigung der Akklamation im Eucharistiegebet und der Entlassungsruf. Ist kein(e) Diakon/in da, übernimmt ein Priester diese Aufgaben. Bei der Bereitung der Gaben können Kinder beteiligt werden. Schale und Kelch werden nach der Kommunion nicht am Altar gereinigt (niemand spült am Esstisch!).
Der Introitus ist das Eingangslied, ein Begleitgesang zum Einzug des Altardienstes. Das Halleluja begleitet den Weg mit dem Evangeliar vom Altar zum Ambo. Das Kommunionlied sollte während des Kommuniongangs gesungen werden.
Erfahrungen aus Gottesdiensten in großer Gemeinschaft wirken auch auf die Liturgie im kleinen Kreis. Umgekehrt hilft die Feier im kleinen Kreis dazu, den entfalteten Gottesdienst besser zu verstehen und ihn von sinnentleerten Zeremonien freizuhalten.
Zu jedem Gottesdienst gehören verschiedene Elemente: Lesen und Hören, Lobpreis und Bitte, das Gebet aller und das zustimmende Amen zum Gebet des Vorstehers/der Vorsteherin. Es gibt auch verschiedene Arten gottesdienstlichen Singens: Hier ist zuerst der meditative Gesang der Psalmen zu nennen. Sie sind biblisches Wort, waren das Gesangbuch Jesu und seiner Jünger! Psalmen sind keine Lesungen, sie gehören gesungen oder langsam gesprochen. Es gibt den Wechselgesang Vers um Vers zwischen zwei Gruppen (Chören) oder zwischen Vorsängern und der Gemeinde. Sehr gut hat sich auch bewährt, wenn die Psalmverse von Vorsängern gesungen werden und die Gemeinde das Gehörte immer wieder mit einem Kehrvers aufnimmt. Dass lange Psalmen in der Eucharistiefeier nicht zur Gänze gesungen werden und das "Ehre sei dem Vater" nur im Stundengebet den Psalm abschließt, dürfte selbstverständlich sein. Ebenso gehört zum Halleluja vor (und nach) dem Evangelium kein Psalm, sondern ein Vers, am besten aus dem folgenden Evangelium. Es sei hier nur angemerkt, dass die Einführung in die Psalmen durch Bibelgespräche, aber auch durch die Predigt nicht versäumt werden darf.
Wenn Psalmen, nichtliedmäßige Gesänge (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Gesang zur Brotbrechung) und Strophenlieder miteinander abwechseln, wird der Gottesdienst lebendiger, Monotonie vermieden. Dabei ist der besondere Charakter der einzelnen Gesänge zu beachten: Das Gloria ist kein beliebiges Loblied, sondern der Lobpreis des Vaters durch Christus. Die Engel und Vollendeten singen das "heilig, heilig, heilig" aus der Vision des Jesaja, und wir stimmen in Ehrfurcht und Freude ein. Der Wegbereiter unserer Liturgiereform, Adolf Thürlings, schreibt, wir sollten nicht "zum" Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus singen, vielmehr d a s Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus Dei.
Die sorgfältige Auswahl aller Gesänge einschließlich der passenden Strophen ist ein wesentlicher Teil der Gottesdienstvorbereitung.
Ebenso wichtig ist die rechtzeitige Verteilung der Dienste des Vorsingens, Vorlesens. Wer vorsingt, vorliest und vorbetet, muss die Fähigkeit dazu haben, damit die Gemeinde Wort und Gesang auch verstehen kann. Es darf sich aber auch niemand damit hervortun, vielmehr immer wissen, dass es ein Dienst vor Gott für die Schwestern und Brüder ist.
Seit alters erkennt die Gemeinde an Schlussformeln bei Gebeten und Lesungen, wann sie ihre zustimmende Antwort geben soll. Bei den Orationen sind die Schlussformeln das Bekenntnis, dass wir unser Gebet im Heiligen Geist durch Christus, unsern Herrn und "Fürsprecher beim Vater" (1 Joh 2,1) vortragen. "Er kann die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten; denn er lebt allezeit, um für sie einzutreten" (Hebr 7,25). Deshalb darf zumindest beim Tagesgebet dieser ausführliche Schluss nicht fehlen.
In unserer Liturgie lautet die Schlussformel der ersten beiden Lesungen: "Soweit die Worte der (1. bzw. 2.) Lesung". Nach unserem Schriftverständnis sind in die biblischen Texte immer auch die Verfasser und ihr zeitgeschichtlicher Hintergrund eingegangen. "Das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14) gilt nicht nur für Gottes Sohn, sondern ebenso für die heilige Schrift. Deshalb übernehmen wir nicht die Formulierung "Wort des lebendigen Gottes", die für viele vorausgehende Texte unangemessen ist:
Der seit der ersten alt-katholischen Liturgiereform übliche Evangelienschluss "Das sind die Worte des Heiligen Evangeliums. Es sind Worte ewigen Lebens" macht unüberhörbar deutlich, dass das Evangelium d i e Gute Nachricht, die Heilsbotschaft für uns ist. Das muss auch zum Ausdruck kommen, wenn eine andere Schlussformel gewählt würde.
Ein wichtiges, unverzichtbares Element des Gottesdienstes ist die Stille. Manches Unbehagen an herkömmlichen Gottesdiensten entsteht, weil sich die Menschen hier wie in ihrem Alltag einer ununterbrochenen Berieselung ausgesetzt fühlen. Das müsste nicht sein. Schon das Tagesgebet ist dreigliedrig angelegt: Nach der Aufforderung "Lasset uns beten!" folgt eine längere Stille zum persönlichen Beten der Einzelnen, das durch die "Oratio collecta", das "Sammelgebet" geschlossen und mit dem Amen aller Schwestern und Brüder bestätigt wird.
Auch für die Fürbitten gilt: Lieber einige Rufe weniger, dafür dazwischen oder vor dem Abschlussgebet einige Zeit Stille.
Nach den Lesungen und nach der Predigt sollte eine kurze Zeit der Stille eingehalten werden, immer aber nach dem Empfang der Kommunion. Zur Ruhe im Gottesdienst trägt es auch bei, wenn die Gabenbereitung in Stille geschieht oder dabei meditative Musik erklingt. Selbstverständlich gehört es zur pastoralen Führung der Gemeinde, dass auf diese Stille als Teil des gottesdienstlichen Feierns immer wieder hingewiesen wird.
Die Zurufe (Akklamationen: Sanctus, Ruf zum Gedächtnis der Heilstaten, großer Lobpreis "Durch ihn...") der ganzen Gemeinde im Eucharistiegebet können verschieden geordnet, dürfen aber kein inhaltlicher Fremdkörper sein, etwa eine Liedstrophe, gar ein Kanon, das Benedictus oder ein anderer Chorgesang.
Zu den Elementen leibhaftigen Gottesdienstes gehören auch Gesten: die ausgebreiteten Hände beim liturgischen Gruß, das uns ganz umspannende Kreuzzeichen als Taufgedächtnis, die anbetende Kniebeuge. Diese Gesten dürfen nicht zu gedankenlosen "Zeremonien" verkümmern. Sie sollen "Ausdrucks-Formen" sein, also deutlich machen, was uns zuinnerst bewegt. Das gilt auch für die Weitergabe des Friedensgrußes. Dabei stört es die Gemeinschaft empfindlich, wenn Unterschiede in der Herzlichkeit des Austausches gemacht oder wenn manche Mitfeiernde durch allzu intensive Umarmungen überfordert werden.
Die Speise am Tisch des Herrn ist die Eucharistie. Das darf nicht überdeckt werden. Es ist deshalb unangebracht, Kindern an dieser Stelle Keks oder ähnliches anzubieten. Wir sollten vielmehr ernsthaft über die Voraussetzungen und den rechten Zeitpunkt der Zulassung zum Mahl des Herrn nachdenken.
...Die beste Ordnung wird sinnentfremdet, wenn die vorderen Bänke frei bleiben und ein leerer Raum zwischen Altarbereich und Gemeinde entsteht. Das hindert die Kommunikation. Wir sollten auch im Blick auf die Plätze, die wir einnehmen, darüber nachdenken, dass wir den Empfang der eucharistischen Speise "Kommunion" nennen...