Versammlung zum Gottesdienst

- Festgottesdienst
Das Gottesvolk des ersten Bundes hielt den Sabbat, den siebten Tag der Woche heilig. Nach den Berichten der Evangelien wurde Jesus am ersten Tag der Woche von den Toten auferweckt. Diesen Tag wählten nun die Christen zum bevorzugten Tag für ihre Versammlungen und zur Feier des Herrenmahles. Der Sonntag oder auch Tag des Herrn, wie er in den romanischen Sprachen heißt, erhielt einen neuen Inhalt. Die Juden behielten den Sabbat am letzten Tag der Woche bei. Die frühesten Zeugnisse für die Feier am ersten Wochentag finden wir im 1. Korintherbrief (16,2), in der Apostelgeschichte (20,7-12) und in der Johannes-Offenbarung (1,10). Im letztgenannten Text und in einer anderen frühchristlichen Schrift, der "Zwölfapostellehre" (Didache), ist bereits vom "Tag des Herrn" die Rede.
Seit 1975 beginnt aus betriebstechnischen Gründen die Kalenderwoche mit dem ersten Arbeitstag, also dem Montag, doch in unseren liturgischen Texten wird nach wie vor der Auferstehungstag erster Tag der Woche genannt. Das hat sich zu bestimmten Zeiten auch im Bewusstsein der Gesellschaft erhalten. Die erste Adventswoche fängt für alle selbstverständlich mit dem Sonntag an, ebenso die Kar- und Osterwoche.
In unserer Zeit ist das 'Wochenende' von reger Geschäftigkeit gekennzeichnet, wir sprechen von Freizeit und verlängertem Wochenende, der Ruhetag der Schöpfungsgeschichte und das 'kleine Ostern' jedes Sonntags ist uns weithin verloren gegangen. Dabei böte der Sonntag eine Chance, aus der Hektik unseres Alltags zur Ruhe, zu uns selbst und zu Gott zu finden. Die Christen der ersten vier Jahrhunderte, für die der Sonntag noch ein normaler Arbeitstag war, versammelten sich dennoch am frühen Morgen oder am späten Abend zum Gottesdienst.
Denken wir zurück an den Beginn der alt-katholischen Bewegung: Die Männer und Frauen, die die Dogmen von 1870 aus Gewissensgründen abgelehnt hatten, wurden von den Sakramenten ausgeschlossen. Sie stimmten aber nicht mit den Füßen ab und sagten: Wenn wir nicht mehr erwünscht sind, bleiben wir fort oder treten aus der Kirche aus. Sie bildeten vielmehr Vereine und schließlich Gemeinden und suchten sich gleichgesinnte Priester, um für sich und für ihre Kinder die Feier des Gottesdienstes und den Empfang der Sakramente zu gewährleisten. Es gibt Alt-Katholiken um des Gottesdienstes willen! Deshalb erklärte bereits die Synode von 1877, es sei nicht nur zulässig, sondern erwünscht, dass sich die Gemeinden auch an den Sonntagen zu einem Gottesdienst versammeln, an denen kein Priester die Eucharistie mit ihnen feiern kann (vgl. Gesangbuch "Eingestimmt.", Nr. 27, S.28). Deshalb müssten alt-katholische Christen gerade daran erkannt werden, dass ihnen die Feier des Sonntags unverzichtbar wichtig ist.
Ein weiteres kommt dazu: Wie viele andere Reformbewegungen in der Kirchengeschichte versucht auch die unsere, Glauben und Leben nach der Maßgabe der frühen Kirche zu erneuern. Spätere Entwicklungen müssen darauf geprüft werden, ob sie mit dem ursprünglichen Christuszeugnis übereinstimmen. Das gilt vor allem für den Gottesdienst, der Mitte des Christenlebens.
Die Gemeinden der Frühzeit verstanden Gottesdienst zuerst als Dienst Gottes an den Menschen, als seine Gabe an uns. Es lag ihnen fern, den Gottesdienst als verdienstvolle Eigenleistung für Gott anzusehen, um von ihm belohnt zu werden. Nicht minder fern lagen ihnen spätere Vorstellungen, die Kirche beziehungsweise der zelebrierende Priester bringe dem Vater Christus als Opfer dar und vollziehe damit eine unblutige Wiederholung des Kreuzesopfers. Wir haben in diesem Buch sorgsam darauf geachtet, dass solche Vorstellungen - vor allem in den Gebeten zur Gabenbereitung - nicht weitergetragen werden.
Die altkirchliche Gebetsrichtung lässt sich in zwei Sätzen ausdrücken: Der Vater schenkt uns durch Christus im Heiligen Geist sein Heil, und wir kommen im Heiligen Geist durch Christus zum Vater. Ähnlich wie in der Liturgiereform der anglikanischen und der reformatorischen Kirchen suchen wir in unseren liturgischen Texten diese Linie auszudrücken.