Zölibat

Unter "Zölibat" (von "caelebs", Unverheirateter) versteht man gemeinhin die Verpflichtung zur Ehelosigkeit bei kirchlichen Amtsträgern. In der römisch-katholischen Kirche ist der Zölibat die für Priester und Bischöfe verbindliche Lebensform. Gerade in der jüngsten Zeit wurde die Zölibats­pflicht für Priester von den Päpsten immer wieder neu bekräftigt. Priester, die nach ihrer Weihe dennoch heiraten, werden definitiv vom Dienst ausgeschlossen und nur nach einem umständlichen Verfahren wieder zum Empfang der Sakramente, keinesfalls aber zum Dienst zugelassen. In der alt-katholischen Kirche Deutschlands beschloss die fünfte Synode im Jahr 1878, diese automa­tische Koppelung von Priester- bzw. Bischofsamt und Zölibat aufzuheben und Diakonen, Priestern und Bischöfen gleichermaßen freizustellen, ob sie in Ehe und Familie leben wollen oder nicht. Die Freigabe wurde so begründet: Das Neue Testament kennt - auch für die Gemeindeleiter - beide Lebensformen: Ehelosigkeit und Ehe. Sicher ist, dass einige der Apostel verheiratet waren (Mt 8,14; 1 Kor 9,5). In der Kirche des ersten Jahrtausends gab es keine verpflichtende Verbindung von Priester­amt und Ehelosigkeit. Erst das Zweite Laterankonzil erklärte im Jahre 1139 für die westliche Kirche die Diakonats-, Priester- und Bischofsweihe zu trennenden Ehehindernissen und jeden Versuch eines Geweihten, eine Ehe einzugehen, für ungültig und nichtig. Die Ostkirchen fühlten sich an dieses Pflichtzölibatsgesetz nie gebunden; die orthodoxen Priester und sogar die Priester der mit Rom unierten Ostkirchen können bis heute vor der Ordination die freie Wahl zwischen Ehe und Ehelosig­keit treffen. Im Westen bedurfte es auch nach 1139 noch vieler autoritärer Maßnahmen, um dem Pflichtzölibatsgesetz Geltung zu verschaffen. Noch bis weit in die Neuzeit geschah es, dass Gemein­den dennoch tolerierten, dass ihre Priester heirateten. Zudem kam es selbst bei vielen Bischöfen und Päpsten vor, dass diese sich ihre "Frau zur linken Hand" hielten und so den Sinn des Zölibats unter­liefen.

Für die theologische Argumentation ist es zweifellos bedeutungsvoll, dass die Ehelosigkeit in neutes­tamentlicher Zeit als ein besonderes Zeichen der nahen Erwartung des kommenden Gottesreiches verstanden wurde (Mt 19,12; 1 Kor 7,32). In der Vollendung bei Gott und in seiner alles erfüllenden und übergreifenden Liebe spielen menschliche Einzelbindungen nur noch eine untergeordnete Rolle. Andererseits wurde die Ehelosigkeit schon zur Zeit der Apostel nie als "Standeszeichen", das sich automatisch mit einem bestimmten "Amt" verknüpft hätte, begriffen. In den alt-katholischen Be­gründungen zur Aufhebung dieser Verpflichtung wurde deshalb hervorgehoben, dass für die innere Nähe des Gottesreiches eine im Geist Jesu gelebte Ehe und Familie im gleichen Maße zeichenhaft sein kann. Dies gilt umso mehr, als gerade in den westlichen Kulturen das Verbindliche und Verbin­dende von Ehe und Familie immer mehr in Vergessenheit zu geraten droht. Darüber hinaus gilt bis heute: Die gesetzliche Koppelung von einem allgemein erforderlichen kirchlichen Dienst (Gemeinde­leitung, Dienst am Wort und Sakrament) und einem bestimmten Lebensstand (Zölibat) wird oftmals dem Dienst oder der Glaubwürdigkeit der Lebensform schaden. Dass erzwungenes Unverheiratetsein der Amtsträger zu fast unglaublichen sittlichen Missständen geführt hat und führt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Zwangszölibates bis heute.

In jüngster Zeit ist zudem durch eine psychoanalytische Betrachtungsweise der Pflichtzölibat für Priester in zusätzlichen Misskredit geraten: Der Verdacht, dass mit einem zölibatspflichtigen Priester­tum oft ein "amtlich" verbrämter Unterschlupf für ichschwache, zu partnerschaftlicher Bindung unfähige und für hierarchische Gängelei besonders empfängliche Menschen geschaffen wird, ist nach der Lektüre von Eugen Drewermanns "Kleriker" nicht von der Hand zu weisen.

In der Praxis hat die alt-katholische Kirche im Nebeneinander von verheirateten und unverheirateten Priestern (und Bischöfen) in den vergangenen hundert Jahren durchweg gute Erfahrungen gemacht: Das Problem eines langfristigen und extremen Priestermangels, wie es durch den Pflichtzölibat ent­steht, ist in den alt-katholischen Kirchen unbekannt. Oft arbeiten die Pfarrersfrauen in den Gemein­den mit. Über der (zwar in der alt-katholischen Verfassung nicht vorkommenden) Mitarbeit von Pfarrersfrauen wuchs in vielen Gemeinden auch das Verständnis für den seelsorglichen Dienst der Frau. Schließlich schafft ein Pfarrer mit Familie in vielen Fällen durch seine eigene Erfahrung eine gute Brücke zu den familiären Freuden und Sorgen seiner Gemeindemitglieder. Die Aufhebung der Zölibatspflicht hat in den alt-katholischen Kirchen nie zu einer Diskriminierung der Unverheirateten geführt: Es gibt nach wie vor unverheiratete Priester, und es gibt gute Kontakte zu ökumenisch offenen klösterlichen Gemeinschaften. Was hier über die Aufhe­bung des Pflichtzölibats für Männer gesagt worden ist, gilt selbstverständlich auch in umgekehrter Weise für Frauen, die in den alt-katholischen Kirchen zu besonderen Diensten ordiniert werden.