Ohrenbeichte, Buße, Bußsakrament

Für die Buße wird im Hebräischen des Alten Testamentes das Wort "schub" gebraucht. Es bedeutet: hinkehren, umkehren oder zurückkehren. Buße im alttestamentlichen Sinne ist Bekehrung oder Rückkehr zu dem einen und wahren Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Urquell allen Lebens und Heils. In dieser Bedeutung wird es besonders von den Propheten gebraucht, die das Volk Israel immer wieder zur Abkehr von selbstgemachten Götterbildern hin zu dem einen, wahren und unsichtbaren Gott aufrufen. So sagt z.B. der Prophet Jeremia im Auftrag Gottes zu seinem Volk: "Willst du dich bekehren, Israel, spricht der Herr, so bekehre dich zu mir" (Jer 4, 1). Die Schriften des Neuen Testamentes gebrauchen für Buße den griechische Begriff "metanoia", wörtlich "Sinnesänderung". Jesus Christus beginnt die Verkündigung seiner Botschaft: "Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße (= ändert eure Gesinnung) und glaubt an das Evan­gelium!" (Mk 1, 15). Buße, Umkehr in diesem ursprünglichen Sinne meint also nicht nur die reuige Rückkehr nach der Übertretung eines Gesetzes oder Gebotes, sondern sie ist ein ganzheitlicher Akt, eine Grundhaltung: Der Mensch, der bislang irgendwelchen vordergründigen, kurzlebigen Zielen nachgelaufen ist, der Mensch, der vielleicht angstbesetzt ein rücksichts- und liebloses Leben geführt hat, ändert seine Gesinnung und kehrt um auf den Weg Gottes, wie er uns in Jesus Christus erschie­nen ist, auf den Weg des Vertrauens und der Liebe. Diese Grundhaltung der Umkehr verbindet sich eigentlich und ursprünglich mit der Taufe beziehungsweise mit der bewussten Annahme des christlichen Glaubens. In der Kirche der ersten Jahrhunderte war es nach der Taufe, die ja in der Regel Erwachsenen gespendet wurde, nur noch ein einziges Mal im Leben möglich, die Umkehr, die Buße, die Wieder­versöhnung mit der Gemeinde zu vollziehen: Wer durch ein schweres Vergehen seine Abkehr vom christlichen Lebensweg signalisiert hatte, konnte nach Ableistung oft langwieriger Bußübungen wieder in die Kommuniongemeinschaft der Kirche aufgenommen werden. Vom sechsten Jahrhun­dert an wurde der Empfang des Bußsakramentes dann immer häufiger unter geringeren Auflagen erlaubt, allerdings wurden auch immer geringfügigere Vergehen in langen Gesetzeskatalogen aufge­listet. Der umkehrbereite Sünder bekannte schließlich vom frühen Mittelalter an sein Versagen nicht mehr der ganzen Gemeinde, sondern dem Priester allein ("Ohrenbeichte"), und die Beichte entwi­ckelte sich mehr und mehr zu einem formalistischen Akt, in welchem der "Sünder" in regelmäßigen Abständen (mindestens einmal jährlich in der österlichen Zeit) bestimmte, durch kirchliche Verlaut­barungen genau als "leicht" oder "schwer" definierte "Sünden" seinem "Beichtvater" zu bekennen hatte. Dass Beichtstühle mit Gittern und Vorhängen aufkamen und vorgeschrieben wurden, ist übrigens Datum der unheilvollen Zölibatsgeschichte der römischen Kirche: Frauen mussten vor der sexuellen Belästigung durch beichthörende Priester geschützt werden. Schon die frühen Alt-Katholiken wandten sich gegen ein solch formalisiertes, gesetzesorientiertes und "privates" Verständnis von Buße und Umkehr. Die Verpflichtung zur regelmäßigen Ohren­beichte, die in der vorgefundenen Form als Instrument zur Entmündigung der Christen angesehen wurde, wurde darum schon bald nach 1870 in den meisten alt-katholischen Bistümern aufgehoben. Stattdessen führte man gelegentliche Bußgottesdienste (heute auch "Feier der Versöhnung" ge­nannt) entweder vor der Eucharistiefeier oder auch als separate Gottesdienste ein, in welchen die Gläubigen in einem gemeinsamen Schuldbekenntnis ihre Bereitschaft zu Buße und Umkehr bekun­den und vom Priester die Vergebung Gottes zugesprochen bekommen. Daneben gibt es auch weiterhin, freilich als Angebot, nicht als Pflicht, die Möglichkeit, einem Priester als Vertreter der Kirche und Gemeinde unter Wahrung des Beichtgeheimnisses das eigene Schuldgefühl und die eigene Umkehr­bereitschaft zum Ausdruck zu bringen und sich (unter Umständen nach einem beratenden Gespräch) die Vergebung Gottes zusagen zu lassen. Damit die Bußfeier nicht zu einer neuen Formel anstelle der einstigen Ohrenbeichtpflicht erstarrt und auch, um den Gemeinschaftscharakter von Versagen und Umkehr wieder zu beleben, bieten einige alt-katholische Gemeinden schon seit Jahren darüber hinaus noch eine dritte Form der Versöhnungsfeier an, bei welcher der einzelne Teilnehmer in kleiner, vertrauter Gemeindegruppe über seine persönliche Verstrickung sprechen und sich zu seiner Angst und Schuld bekennen kann. Der Priester legt dann allen Teilnehmern die Hände auf und spricht ihnen Gottes und der Gemeinde Vergebung zu. Auch diese Form des Bußsakramentes hat inzwischen neben den anderen Formen Eingang gefunden in die offiziellen alt-katholischen Vorlagen für Versöhnungsfeiern.

Bei alledem bleibt zu ergänzen, dass Umkehr im psychologischen Sinne nur greifen kann, wenn der schuldiggewordene oder sich beladen fühlende Mensch die konkrete christliche Gemeinde als möglichst angstfreien Raum, als Spiegel göttlichen Vertrauens, als Gemeinschaft, welche Geborgen­heit und Angenommensein vermittelt, erlebt. Nur in solcher Atmosphäre kann er sich letztlich wirk­lich selbst zu seiner Verzweiflung, Verstrickung oder Belastung stellen und sich (und dann auch anderen) die Ängste ergründen bzw. mitteilen, die ihn unversöhnlich, habgierig, verletzend, verein­nahmend oder wie auch immer sonst "schuldig" werden ließen. Heilung wird nur dort möglich, wo der Heilsbedürftige sich mitteilen kann und nicht, wo er von vorneherein ausgeschlossen wird. Hier liegt eine große Chance, aber auch eine große Verantwortung der meist kleinen, überschaubaren alt-­katholischen Gemeinden, nämlich den einzelnen belasteten Menschen als Individuum zur Kenntnis zu nehmen und nicht einfach als "Fall" der Institution "Beichte" zu überlassen, ihn vorschnell an Fachleute weiterzugeben oder ihn gar auszugrenzen, zu exkommunizieren.