Ökumene

Das Wort stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt: "die ganze bewohnte Erde". Die Welt ist der Ort der Kirche Jesu Christi. Die erste Versammlung (Konzil) der Vertreter aller Lokalkirchen nannte man "ökumenisch", d.h. ihre Entscheidungen galten für die ganze Kirche. Der Ausdruck steht für die Wirklichkeit der "einen, heiligen, katholischen (nicht "römisch-katholischen"!) und apostolischen Kirche". Heute meinen wir mit Ökumene auch die Bemühungen um die Einheit der christlichen Kirchen als Einheit in der Vielfalt oder als konziliare Gemeinschaft gleichberechtigter Einzelkirchen. Die ganze Kirche soll das Evangelium der ganzen Welt bringen. Inzwischen haben sich die Kirchen weltweit auf den Weg des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gemacht. Es wäre ein Traum, wenn sich die ganze Weltchristenheit in ver­söhnter Eintracht in einem Weltkonzil oder einer Weltversammlung zusammenfinden könnte. (Dabei könnte der Bischof von Rom in Gemeinschaft mit den anderen Patriarchen den Ehrenvorsitz inneha­ben.) Damit sind wir bei den Problemen der Ökumene. Die römisch-katholische Kirche ist z.B. nicht Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der 1948 gegründet wurde, und doch be­kennt sich das II. Vatikanische Konzil zur Ökumene. Die Orthodoxie, zu der 14 selbständige Kir­chen zählen, arbeitet sehr aktiv im ÖRK mit, stellt aber zugleich für sich fest, die Wahrheit der heiligen Schriften und der Vätertradition unverändert beibehalten zu haben. Dahinter verbirgt sich der leise Anspruch, die nicht-orthodoxen Kirchen sollten eigentlich wieder "orthodox" (rechtgläu­big) werden. Vom Standpunkt der römisch-katholischen Kirche aus meint man vielfach die "Vatika­nische Ökumene", d.h. alle nicht-römischen Kirchen sollten eigentlich unter die geistliche Oberherr­schaft des Papstes zurückkehren. Ob dies jemals der Fall sein wird?

In der frühen Kirche gab es die Vielfalt der urchristlichen Gemeindetraditionen, wie sie in den Evangelien niedergelegt sind und in den paulinischen Gemeinden zum Ausdruck kommen. In den ersten Jahrhunderten standen die Patri­archen von Jerusalem, Antiochien, Alexandrien, Konstantinopel und Rom als Bindeglieder der "Communio", der Gemeinschaft der Einzelkirchen, gleichberechtigt in Einheit miteinander. 451 wurde im Konzil von Chalcedon im 28. Kanon anerkannt, dass die Väter dem römischen Bischofssitz wegen der politischen Bedeutung der Stadt den ersten Rang zugesprochen hatten, was allerdings keine Herrschaft über die anderen Kirchen bedeutete. Später änderte sich dies, als es durch unterschiedli­che Ansprüche und Gewichtungen 1054 zur Trennung zwischen Ost und West kam. Hinzu kamen Verdunklungen des Evangeliums im Mittelalter in der Westkirche, und es erfolgte die "die Not der Kirche wendende" Reformation Martin Luthers. Die Heilige Schrift wurde wiederentdeckt. Aber es ging nicht ohne weitere Trennungen ab. Neben all diesen Entwicklungen gab es immer auch in der Kirchengeschichte Tendenzen der Selbständigkeit der einzelnen Ortskirchen. Jeder Bischof hatte danach den Einheitsdienst inne, und jede Kirche mit ihrem Bischof beanspruchte - wie in der frühen Kirche - voll und ganz katholische Kirche zu sein, wenn er in Kollegialität mit den anderen Bischö­fen verbunden war und blieb. Da Rom die legitimen Rechte der Einzelkirchen ignorierte, führte dies zu neuen Trennungen. Leider blieb man jedesmal nicht geduldig genug miteinander im Gespräch und grenzte die vermeintliche Minderheit aus. Damit sind von vornherein die unterschiedlichen Motive und zugleich auch die Einseitigkeiten und Grenzen der Ökumene angesprochen.

Erschwerend kommt hinzu, daß heute die Basis oft etwas anderes meint und praktiziert, als es die offiziellen Kirchen und Theologien vertreten. Ferner findet in Europa eine massenhafte Abwendung von der Kirche überhaupt statt. Dem Abbau von Ängsten, der Überwindung weitverbreiteter Gleichgültigkeit, dem gegenseitigen Kennenlernen und der ge­genseitigen Annäherung und Anerkenntnis der christlichen Bekenntnisse wollen deshalb der ÖRK und die "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen" (ACK) dienen. Die Alt-Katholiken sind seit der Gründung des ÖRK im Jahre 1948 überall maßgeblich beteiligt.

Natürlich gibt es auch eine Reihe entscheidender theologischer Fragen zu klären. Welche Bedeutung hat z.B. die ununterbrochene apostolische Amtsnachfolge im bischöflichen Dienst (Sukzession)? Gibt es auf der anderen Seite nicht auch ein inhaltliches Weitergehen dessen, was "apostolisch" ist und meint? Damit beschäftigen sich zur Zeit die theologischen Gespräche zwischen den anglikani­schen, alt-katholischen und lutherischen Kirchen. Ignaz von Döllinger hatte bereits 1848 als Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche die Erkenntnis: Freiheit der Kir­che und Friede der Konfessionen im Staat gehören zusammen. Weltfriede ohne Christenfrieden ist nicht möglich. In einem Brief vom 13. Oktober 1874 hinterließ er das Vermächtnis, als "Werkzeug(e)... einer künftigen Wiedervereinigung der getrennten Christen... zu dienen". Diesem Friedenswerk sind wir bis heute verpflichtet.

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