Maria, Marienverehrung

Die Alt-Katholiken stützen sich in der Marienverehrung auf das biblische Zeugnis und auf die Ehren­titel, die ihr die ökumenischen Konzile der ersten Jahrhunderte zugesprochen haben. Deshalb kom­men den Dogmen von der Unbefleckten Empfängnis - der Auffassung, daß Maria ohne Erbsünde empfangen sei (1854) - und von der "leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel" (1950) in der alt-­katholischen Kirche keine Verbindlichkeit zu. Maria ist die Mutter des Sohnes Gottes. Sie wird wegen ihres Glaubens seliggepriesen (Lk 1, 45); alle Geschlechter stimmen in ihr Lob ein (Lk 1, 48). Aus ihrem Mund ertönt das Magnificat, das zu den schönsten und gleichzeitig aktuellsten Dichtungen des Neuen Testaments zählt. Sie, und nicht Josef, gibt dem Neugeborenen den Namen Jesus (Lk 1,31). Maria steht unter dem Kreuz (Joh 19, 25-27) und gehört nach Ostern zur betenden Gemeinde (Apg 1, 14), die am Pfingsttag vom Heiligen Geist erfüllt wird. Eine besondere Stellung Mariens allein auf Grund ihrer Mutterschaft wird schon im Neuen Testament abgewiesen (Lk 11, 27f; Mk 3, 31-35). Nicht die Blutsverwandtschaft zu ihm, sondern die Jüngerschaft und Nachfolge Jesu zählen. Die Kirchenväter sehen Maria als Bild der Kirche, stellen sie andererseits aber auch sehr menschlich dar, so im Unverständnis ihrem Sohn gegenüber. In den ersten Jahrhunderten wird die Gestalt Mari­ens in die Entfaltung des Christusdogmas einbezogen. Das Konzil von Ephesus (431) gibt ihr den Titel "Gottesgebärerin"; beiläufig nennt das fünfte ökumenische Konzil von Konstantinopel (553) sie "immerwährende Jungfrau. Aber daraus können keine besonderen Privilegien ab­geleitet werden, denn letztendlich verweisen alle Ehrentitel wie auch die "Marienfeste" auf die Erlöserschaft Jesu Christi. Die Mariologie ist somit immer verbunden mit dem Geheimnis der Mensch­werdung Gottes.

In der alt-katholischen Frömmigkeit gibt es keine übertriebene Verehrung Mariens. Als Mutter des Herrn, die durch ihr Ja zu Gott dazu beitrug, dass das Heil in die Welt kommen konnte, wird ihr ehrfurchtsvolle Liebe und Verehrung entgegengebracht. Die Kirchenväter sahen Maria als Bild der Kirche, für den Glaubenden kann Maria Vorbild und Schwester im Glauben sein. Die liturgischen Bücher enthalten die folgenden Marienfeste: Heimsuchung (2. Juli), Heimgang (15. August), Geburt (8. September); im Weihnachtsfestkreis sowie am Fest der Verkündigung des Herrn (25. März) wird ihrer ebenfalls besonders gedacht. Die alt-katholische Theologie und Spiritualität neigen nicht zu überzogener Marienverehrung. Die jungfräuliche Mutterschaft Mariens, die uns im Lukasevangelium (Lk 1, 26-38) und auch in den frühchristlichen Glaubensbekenntnissen als Glaubensartikel begegnet (Jesus Christus ist "geboren aus der Jungfrau Maria"), war nicht in erster Linie als biologische Aussage gemeint, sondern ver­sucht das Geheimnis der Gott-Menschheit Christi auszudrücken. Die erst im Mittelalter aufkommende Lehre über die Freiheit Mariens von der Erbsünde ist von den Alt-Katholiken immer als fromme Spekulation angesehen und ihre Dogmatisierung durch Pius IX. (1854) wie die Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel durch Pius XII. (1950) abgelehnt worden.
Diese nüchterne Haltung von Alt-Katholiken in Bezug auf Maria hat Auswirkungen auf die Frömmigkeit, sie ermöglicht zugleich eine theologisch ausgewogene Sichtweise der Frau.