Ehe, Scheidung, Wiederheirat

Die christliche Ehe nimmt teil an der Liebe Gottes zu den Menschen und zu seiner ganzen Schöp­fung. Im Alten Testament vergleicht sich Gott mit einem Bräutigam, sein Volk ist die Braut. Jesus vergleicht den Himmel mit einem Hochzeitsmahl und sieht sich auch selbst als Bräutigam. Nach dem Epheserbrief verwirklichen die Eheleute das große Geheimnis der Liebe Christi und seiner Kirche (Eph 5, 21-33). Gott selbst ist nach dem ersten Johannesbrief die Liebe (1 Joh 4, 8). Im Ja zueinander, in der gegenseitigen Liebe und Treue sind die Ehepartner auf besondere Weise hineingenommen in den neuen Bund, der in Tod und Auferstehung Jesu wurzelt und das christliche Eheverständnis begründet. Die in der Heiligen Schrift oft vertretene Auffassung, dass der Mann das Haupt der Frau sei und die Frau sich dem Mann unterzuordnen habe, ist allerdings zeitbedingt. Mit der Ehe verbun­den ist die Weitergabe des Lebens, die Gott am Anfang der Schöpfung segnete (Gen 1, 28).

Ursprünglich feierten die Christen ihre Eheschließung im Kreis der Familie. Schon in der Mitte des zweiten Jahrhunderts findet man die Auffassung, dass die Eheschließung unter Christen mit Kenntnis und Einwilligung des Bischofs geschehen sollte (Ignatius von Antiochien). Allmählich entwickelte sich die Sitte, die Trauung in der Kirche zu vollziehen und den Segen des Priesters zu empfangen. Es wurde schließlich als sehr sinnvoll empfunden, dies im Rahmen einer Eucharistiefeier zu tun, in der die Brautleute kommunizierten. Schon Augustinus nennt die Ehe ein "Sakrament". Er meint damit in erster Linie den Treueeid der Brautleute. Erst im 12. Jahrhundert wurde eine allgemeine Definiti­on der Sakramente als sichtbare Zeichen einer unsichtbaren Gnade aufgestellt und die Ehe trotz einiger Gegenstimmen in der Reihe der sieben Sakramente gezählt. Die Reformati­on stellte eine engere Sakramentendefinition auf: Sie verlangte für jedes Sakrament ein Zeugnis der unmittelbaren Einsetzung durch Jesus Christus in der Heiligen Schrift. In diesem engeren Sinne sind für die evangelischen Kirchen nur Taufe und Eucharistie Sakramente. Aber auch in den evangeli­schen Kirchen ist die Trauung eine der kirchlichen Handlungen ("Agenda"), die in der Kirche voll­zogen werden. Die Eheleute geben sich das Ja-Wort und werden durch den Pfarrer mit einem Schöpfungswort gesegnet. Die Ehe ist von der Schöpfungsordnung her grundsätzlich unauflöslich; das ist im Neuen Testament klar gegen die Ehescheidungsregelungen der Bücher Mose herausgestellt: "Am Anfang der Schöp­fung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen ... Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen." (Mk 10, 6ff.). Neu gegenüber den jüdischen Vorstellungen ist, dass die ehe­liche Treue gleichermaßen vom Mann verlangt wird, nicht mehr einseitig von der Frau. Diese Forde­rung Jesu, die bereits bei seinen Jüngern Erschrecken und Unverständnis hervorgerufen hat, ist als Zielgebot zu verstehen, das von den Menschen in ihrer Schwachheit, Begrenztheit und ihrem Eingebundensein in eine unheile Welt häufig nicht erfüllbar ist. Aus diesem Grund sprechen z. B. orthodoxe Theologen auch vom psychischen Tod, nicht nur vom physischen Tod, der eine Ehe scheidet. Freilich: Mit dem psychischen Tod kann wie mit dem physischen nicht leichtfertig umge­gangen werden.

Über das Zustandekommen des Sakramentes der Ehe gibt es seit dem Mittelalter zwei Auffassungen in der Kirche: Nach westlichem Verständnis sind die Eheleute selber Spender des Sakramentes (seit dem Konzil von Trient 1563 ist allerdings die Anwesenheit des zuständigen Pfarrers oder eines von ihm oder vom Bischof beauftragten Priesters zur Gültigkeit erforderlich; die römisch-katholische Kirche machte erst 1907 eine Ausnahme für Notfälle). Nach ostkirchlicher Auffassung, die von der niederländischen alt-katholischen Kirche geteilt wird, gehört der Segen des Priesters über die Braut­leute zum Wesentlichen des Sakramentes. Da der Notfall, in dem eine christliche Ehe ohne Geistli­chen geschlossen werden müßte, äußerst selten eintritt und auch dann die feierliche Eheschließung, wann immer möglich, nachgeholt wird, hat diese Diskussion keine allzu große Bedeutung für die Praxis.

Bei der Frage nach Ehescheidung und Wiederverheiratung muß folgendes bedacht werden: Beim öffentlich-bürgerlichen Eheversprechen Getaufter kann nicht unbesehen von einer sakramentalen und damit unauflöslichen Ehe gesprochen werden. Dieser in der heutigen Diskussion über konfessions­verschiedene Ehen von römisch-katholischer Seite gemachte Vorschlag übersieht, dass durch die Taufe nicht selbstverständlich alle späteren Lebensentscheidungen aus dem Geist des Evangeliums getroffen werden. Zu einer sakramentalen und damit unauflöslichen Ehe unter Christen gehört je­doch, dass die Brautleute in der christlichen Gemeinde (dafür stehen der Geistliche und die Zeugen) erklären, dass sie ganz bewusst einander ihr Jawort vor Gottes Angesicht geben. Mit einer solchen Feststellung ist einerseits die Gültigkeit der in einer anderen Kirche geschlossenen konfessions­verschiedenen Ehe unbestritten, andererseits erkennbar, wo eine Ehe im christlichen Sinne gar nicht beabsichtigt worden ist.

Wenn eine Ehe staatlich geschieden ist, gibt es in der alt-katholischen Kirche unter Umständen die Möglichkeit einer nochmaligen kirchlichen Eheschließung. Ihr muss ein Seelsorgsgespräch mit dem zuständigen Pfarrer vorausgehen.

Geschiedene und wiederverheiratete Gemeindeglieder wurden und werden nicht vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen.

Die Familienplanung gehört zur freien Entscheidung der Ehepartner, die sie vor Gott und ihrem Gewissen verantworten. Die bewußte Tötung ungeborenen Lebens ist dabei keine gerechtfertigte "Methode".