Dogma

Unter Dogma versteht man eine von der Gesamtkirche verbindlich festgelegte Lehraussage, die die Funktion hat, "die freie Glaubensentscheidung vor dem Abgleiten in den Halb- oder in den Irrglau­ben zu schützen". Mit anderen Worten: Ein Dogma stellt die Übereinstimmung aller rechtgläubigen Christinnen und Christen in einem bestimmten Punkt der Glaubenslehre dar.

Um diese Übereinstim­mung richtig zu verstehen, muß man aber zweierlei berücksichtigen:

  • Dogmatische Entscheidungen sind getroffen worden, um eine Grenze gegen Irrlehren zu ziehen. "Definieren" kommt im Lateinischen von finis, Grenze; das entsprechende griechische Wort horos (vgl. "Horizont") bedeutet ebenfalls Grenze. Innerhalb dieser "Grenzen" soll und muß ein Freiraum bleiben, in dem verschiedene, oft auch immer neue Interpretationen des Glaubens entstehen.
  • Lehraussagen früherer Zeiten müssen vor dem Hintergrund der damaligen Sprache und Denkweise verstanden werden, sonst läuft man Gefahr, sie falsch zu deuten. In der modernen Philosophie ver­bindet sich z.B. das Wort "Person" mit dem einheitlichen Selbstbewusstsein eines Menschen; so könnte die altkirchliche Aussage, dass Jesus Christus eine einzige gott-menschliche Person ist, in dem Sinne missverstanden werden, dass er nur ein göttliches und kein menschliches Selbstbewusstsein hätte. Für die römisch-griechische Welt bedeutete aber Person nur das rechtsfähige Subjekt einer Handlung, nicht dessen Selbstbewusstsein (Jesus hat nach der altkirchlichen Lehre einen menschli­chen und einen göttlichen Willen und darum auch ein menschliches und ein göttliches Selbstbewusstsein, die freilich nicht im Gegensatz zueinander stehen).

Dogmen richtig zu verstehen verlangt also einige Übung.

Verantwortungsbewusste Christinnen und Christen sollten sich dieser Mühe unterziehen, anstatt unbesehen die gemeinsamen Lehraussagen, die seit der Früh­zeit der Kirche bis zum heutigen Tag alle großen Konfessionen verbinden, gering zu schätzen oder gar über Bord zu werfen.

Die alt-katholische Kirche hält darum fest an den allgemein anerkannten dogmatischen Entscheidungen der sieben ökumenischen Konzilien der ungeteilten Kirche des ersten Jahrtausends (Utrechter Erklärung, Artikel 1). Die Entscheidungen dieser sieben Konzilien betreffen hauptsächlich Aussagen über die Einheit der drei Personen in Gott und die Gott-Menschheit Christi. Sie wollen einerseits den einmaligen Charakter der Einheit Jesu mit Gott schützen, andererseits jede Anschauung ausschlie­ßen, die das volle Menschsein Jesu schmälern und ihn so zu einer Sagengestalt machen würde.