Ignaz von Döllinger

Ignaz von Döllinger

Johann Joseph Ignaz von Döllinger (1799 - 1890) 

Johann Joseph Ignaz von Döllinger, geboren am 28. Februar 1799 in Bamberg, war der geistige Führer der Opposition gegen die Papstdogmen des I. Vatikanischen Konzils und der wichtigste Theologe der alt-katholischen Bewegung. Er wurde 1822 zum Priester geweiht, 1826 zum Doktor der Theologie promoviert und im selben Jahr an die gerade neu eröffnete Universität in München als Professor für Kirchenrecht und Kirchengeschichte berufen.

Er vertrat mit Nachdruck eine wissenschaftliche Theologie und erwies sich dabei durchaus als Verfechter traditioneller kirchlicher Lehren, die er jedoch im Laufe seiner Forschungen schon hier und da korrigierte. Sein Leitgedanke war von Anfang an "was überall, immer und von allen geglaubt worden ist, ist wahrhaft und im eigentlichen Sinn katholisch" (Vinzenz von Lerin).

Im Revolutionsjahr 1848 wurde Döllinger als Abgeordneter in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Er war zu dieser Zeit auch theologischer Berater der deutschen Bischofskonferenz. Schon zuvor in München, ausführlicher jetzt in den Grundrechtsdebatten des Parlaments bei der Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Staat, sprach er sich für eine freie Kirche in einem freien Staat aus. Es ging ihm dabei vor allem um die Freiheit der Kirche von Eingriffen und Bevormundungen absolutistischer Staaten und Regierungen. In seinen Vorstellungen von einer »deutschen katholischen Kirche«, in der es wieder Nationalsynoden mit Geistlichen und Laien geben müsse, nannte er als eine spezielle Aufgabe dieser deutschen Nationalkirche die Pflege der theologischen Wissenschaft.

In Folge dieser Äußerungen wurde Döllinger erstmals in Rom von jesuitischen Theologen als unzuverlässig denunziert.

Dort war 1846 Giovanni Maria Mastai Ferreti als Pius IX. zum Papst gewählt worden. Auf ihn richteten sich nach dem konservativen Gregor XVI. die Hoffnungen vieler Liberaler. Die Ereignisse der Revolution von 1848 (Aufstand im Kirchenstaat und Vertreibung des Papstes, Ausrufung der Republik in Rom) bewirkten eine Sinnesänderung. Pius IX. stellte ab 1850 im Kirchenstaat das reaktionäre Polizeiregiment wieder her, verstärkte den hierarchischen Aufbau der Kirche und ihre Zentralisierung und verurteilte schroff alle modernen Ideen, auch die bürgerlichen Freiheiten.

1854 verkündete Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, über die - so Döllinger - der Kirche nichts geoffenbart und nichts überliefert worden ist. Viele deutsche Theologen waren wie Döllinger sehr befremdet, vor allem, weil erstmalig ein Papst ohne Konzil die Verkündigung eines Dogmas, also einen für alle Katholiken verbindlichen Glaubenssatz, beanspruchte. Die Münchner theologische Fakultät hatte in einem Gutachten von diesem Schritt abgeraten, dennoch hielt sich Döllinger zu diesem Zeitpunkt mit öffentlicher Kritik zurück.

Der Konflikt trat offen zutage, als Döllinger 1861 in zwei öffentlichen Vorträgen ("Odeons- Vorträge") darlegte, der Verlust des Kirchenstaates und damit der politischen Herrschaft des Papstes könne gegebenenfalls der Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche dienen. Der römische Nuntius in Deutschland reagierte empört.

1863 trafen sich auf Einladung Döllingers deutsche Theologen aller Richtungen in München. Es ging um die Frage der wissenschaftlichen Theologie, um den Stellenwert von Kirchengeschichte und Exegese die von der neuscholastischen Schule völlig der spekulativen Theologie untergeordnet wurde. Döllinger hielt eine große wegweisende Rede. Der Papst unterband durch autoritäre Auflagen weitere Versammlungen dieser Art. Die Kluft vergrößerte sich noch erheblich, als Pius IX. 1864 zusammen mit der Enzyklika "Quanta Cura" (einem Rundschreiben an die Weltkirche) einen Katalog von 80 Zeitirrtümern, den sogenannten »Syllabus«, verschickte. Der Papst verurteilt neben vielem anderen auch die Gewissens-, Kult-, Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit und Demokratie und betonte gegenüber Döllingers historisch-kritischer Methode die Autorität Roms und der scholastischen Doktoren des Mittelalters auch in rein wissenschaftlichen Fragen. 

Döllingers historisches Gewissen war nun schwer getroffen. Da er selbst an den mittelalterlichen Urkundenfälschungen forschte, die bei der Machtentfaltung des Papsttums eine erhebliche Rolle gespielt hatten, erfüllte ihn nun das Machtstreben dieses Papstes mit großer Sorge. Diese Sorge Döllingers und anderer Theologen wuchs, als sich in der Folgezeit die Gerüchte verdichteten, der Papst wolle sich für unfehlbar erklären lassen. 1869/70 kam es dann zum entscheidenden Schritt: Pius IX. lud zum I. Vatikanischen Konzil nach Rom. Döllinger, immer noch unbestrittener Kopf der deutschen Theologie, wurde nicht als Konzilsberater eingeladen. Seine Schüler, Professor Johannes Friedrich als theologischer Berater des liberalen Kardinals Prinz Hohenlohe, Lord John Acton und andere Freunde hielten ihn von Rom aus auf dem laufenden.

Unter dem Pseudonym "Janus" hatte sich Döllinger noch vor dem Konzil öffentlich in der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" mit der Papstfrage auseinandergesetzt und bereits die wichtigsten Gegenargumente gegen die römischen Beschlüsse geliefert: Die Unfehlbarkeit und Universaljurisdiktion des Papstes lasse sich weder biblisch noch kirchengeschichtlich begründen. Während des Konzils zeigten Döllingers Gutachten und die unter dem Pseudonym "Quirinus" veröffentlichten »Römischen Briefe vom Konzil«, daß das I. Vatikanum kein echtes ökumenisches und freies Konzil ist. Viele Wissenschaftler, darunter zahlreiche Theologen, schlossen sich Döllingers Argumentation an. Die päpstliche Unfehlbarkeit und der Jurisdiktionsprimat wurden dennoch auf die Tagesordnung gesetzt und nach dem Auszug der Minderheit als Dogmen verkündet.

Döllinger beugte sich trotz wiederholter Aufforderungen dem Unfehlbarkeitsbeschluß nicht und wurde am 17. April 1871 durch ein öffentlich in allen Kirchen des Erzbistums München zu verlesendes Dekret exkommuniziert.

Döllinger empfand diese Strafe als Unrecht und fühlte sich nach wie vor als Katholik. Aber er zog für sich die Konsequenz, die Strafe äußerlich zu respektieren und keinen priesterlichen Dienst zu tun. Er trat aber von seinen Ämtern nicht zurück und blieb Mitglied der katholisch-theologischen Fakultät in München.

Sein wissenschaftlicher Eifer und seine wissenschaftliche Anerkennung blieben ungebrochen. Er arbeitete nun erst recht an der Erforschung kirchlicher Irrwege und an den Quellen des Lebens der alten Kirche. Die Universität München wählte ihn 1871 zu ihrem Rektor, 1873 wurde er zum Präsidenten der Königlichen Akademie der Wissenschaften in München berufen.

An der Konstituierung der alt-katholischen Kirche nahm er lebhaften Anteil und bekannte sich zu ihr. Er war Mitglied des 1871 entstandenen Münchener alt-katholischen Zentralkomitees, billigte ausdrücklich die Wahl eines eigenen Bischofs und die Abhaltung der ersten Synode. Allerdings war er mit einigen ihm zu radikal erscheinenden Reformen, vor allem mit der Abschaffung des Zwangszölibates für die Priester, nicht einverstanden. Im Auftrag der alt-katholischen Unionskommission, die ihn 1872 zu ihrem Vorsitzenden wählt, leitete er in den Räumen der Bonner Universität 1874 und 1875 die »Bonner Unionskonferenzen«, bei denen er orthodoxe, anglikanische, evangelische und alt-katholische Theologen an einen Tisch brachte. Die ökumenische Arbeit wurde damit unter dem mittelalterlich-augustinischen Satz »Einheit im Notwendigen, in Zweifelsfragen Freiheit, über allem die Liebe« zu einem wichtigen Programmpunkt für die ganze spätere alt-katholische Bewegung.

Döllinger starb am 10. Januar 1890, von Johannes Friedrich seinem früheren Wunsch gemäß mit den Krankensakramenten versehen. Von ihm wurde er auch nach alt-katholischem Ritus auf dem Münchner Südfriedhof unter überwältigender Anteilnahme der Bevölkerung aus allen Ständen und Schichten beerdigt.

Weiterführende Literatur

Hubert Huppertz, Sehen, wie die Kirche in alten Tagen war, in: Christen heute, 43. Jahrgang, Februar 1999, S. 35 ff.

Johannes Friedrich, Ignaz von Döllinger, 3 Bde., München 1899 - 1901

Josef Lieser, Zwei Zeugen der Wahrheit. Ignaz von Döllinger, Joseph Hubert Reinkens, (Baden-Baden 1970)

Neuausgabe: J. Lieser, Zeugen der Wahrheit - Alt-Katholiken der ersten Stunde = Hefte für Gemeindearbeit und Theologie 5 (Bonn 1992)

Geschichtlichkeit und Glaube, Gedenkschrift zum 100. Todestag Ignaz von Döllingers, Hg. von Georg Denzler/Ernst Ludwig Grasmück, München 1990

Döllingers Veröffentlichungen

Von Döllingers umfangreichem Werk können hier nur einige ausgewählte Titel genannt werden, die unseren Zusammenhang unmittelbar betreffen:

Der Papst und das Concil. Von Janus. Eine weiter ausgeführte und mit dem Quellennachweis versehene Neubearbeitung der in der Allgemeinen Augsburger Zeitung erschienenen Artikel: Das Concil und die Civiltà. Leipzig 1869. Unveränderter Nachdruck Minerva GmbH, Frankfurt 1968

Das Papsttum. Neubearbeitung von Janus, im Auftrag des inzwischen heimgegangenen Verfassers von J. Friedrich, München 1892

Briefe und Erklärungen über die vatikanischen Dekrete, München 1890

Römische Briefe vom Konzil. Von Quirinus (Pseudonym), München 1870

Akademische Vorträge, 3. Bde., Nördlingen 1888

Über die Wiedervereinigung der christlichen Kirchen. Sieben Vorträge, gehalten in München im Jahre 1872, Nördlingen 1888

Kleinere Schriften, Stuttgart 1890

Die Papst-Fabeln des Mittelalters. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte, München 1863; Neuauflage Phaidon Akademische Verlagsgesellschaft, Essen 1991

Ignaz von Döllinger, Wegbereiter heutiger Theologie, Hg. von J. Finsterhölzl, Salzburg