Fünf Sätze

... über die Unfehlbarkeit des Papstes

Quelle: Wochenzeitung »Rheinischer Merkur« Nr. 44-1870 vom 24. December 1870, Seite 408 (inklusive der damaligen Rechtschreibung).

Unter dieser Ueberschrift brachte die A. Allgemeine Zeitung letzter Tage die nachfolgenden Conclusionen: 

I. Wenn der Papst unfehlbar ist, so kommt diese Eigenschaft allen seinen Aussprüchen innerhalb der gezogenen Schranken (ex cathedra u. s. w.) zu, mögen diese Aussprüche gethan werden mit den Bischöfen, ohne die Bischöfe oder gegen die Bischöfe. 

II. Die Möglichkeit des letzten Falles, der Nichtübereinstimmung zwischen dem unfehlbaren Papst und den Bischöfen, muß angenommen werden; denn sonst würde auch die Gesammtheit oder die Mehrheit der Bischöfe ohne den Papst und für sich allein unfehlbar sein, und ihre Beschlüsse wären schon vor der Bestätigung durch den Papst als unfehlbare Entscheidungen anzuerkennen, was sie unbestrittenermaßen nicht sind. 

III. Wenn daher Papst und Bischöfe gemeinsam einen Ausspruch thun, so ist, was die Geltung des Ausspruchs als eines unfehlbaren anbelangt, die Zustimmung der Bischöfe kein essentiell mitwirkendes Moment. Ihre Aeußerung, ihr Ausspruch entbehrt jedes bindenden, autoritativen Charakters, bekundet vielmehr nur die Ansicht und Ueberzeugung hervorragender Mitglieder der Kirche, welche einzeln und in ihrer Gesamtheit irren, ja sogar der Ketzerei verfallen können. 

IV. Also, wenn der Papst unfehlbar ist, so kann man sich, falls irgend ein Glaubenssatz durch Berufung auf eine maßgebende Autorität dargethan werden soll, einzig und allein auf die Autorität des Papstes berufen. Sein Ausspruch ist es allein, selbst beim Hinzutritt eines Concils, welcher darüber die Entscheidung gibt, ob ein Satz als geoffenbarte Lehre in der Schrift oder Tradition enthalten ist. 

V. Wenn es sich also um den Lehrsatz der päpstlichen Unfehlbarkeit handelt, so kann auch dabei der Ausspruch der Bischöfe als ein autoritatives Fundament weder für sich allein noch neben dem Ausspruch des Papstes aufgestellt werden. Das Ja der Bischöfe ist für die Gläubigen ebensowenig bindend als ihr Nein. 

VI. Wenn also der Papst unfehlbar ist und man dieß nicht bloß im frommen Glauben annehmen, sondern auch als einen Glaubenssatz nachweisen und als zwingendes Dogma vorstellen will, so bieten sich hierfür nur zwei Wege dar: 

  1. Man beruft sich auf die Autorität des Papstes selber; man sagt: "Der Papst ist unfehlbar, weil er selbst dies ausgesprochen hat und seine Aussprüche unfehlbar sind." Mit anderen Worten: der Papst ist unfehlbar, weil er unfehlbar ist. Diese Deduction führt also zu keinem Ziel.
  2. Oder man sucht den Beweis direct aus der Schrift oder Tradition zu erbringen. Auch dies kann nicht gelingen. Denn wenn der Papst unfehlbar ist, so wird dadurch, daß Papst Pius IX. als Oberhaupt der ganzen Kirche und ex cathedra die Infallibilitätsfrage als einer Entscheidung bedürftig behandelt hat, der Beweis geliefert, daß diese Frage nicht schon durch Schrift und Tradition klar und zweifellos entschieden wird. Wenn also der Papst unfehlbar ist, so bietet Schrift und Tradition für sich allein dem Katholiken einen genügenden Beweis der Infallibilität nicht dar.

Einen dritten Weg gibt es nicht. Denn der katholische Christ kennt als Glaubenspunkte nur die Schrift und Tradition, deren maßgebender (autoritativer) Ausleger nach der hier gemachten Voraussetzung der Papst und zwar allein der Papst ist. 

VII. Wenn also der Papst unfehlbar ist, so ergeben sich folgende Sätze:

  1. Die Infallibilität kann weder durch Berufung auf den Ausspruch eines Papstes oder Concils, noch auch überhaupt bewiesen werden.
  2. Namentlich besitzt die Kirche in dem unfehlbaren Papst keine Instanz, welche die Infallibilität kraft ihrer Autorität als Glaubenssatz aufstellen kann, ohne daß diese Instanz den Satz, welchen sie ausspricht, schon vorher als feststehende Grundlage ihrer Competenz voraussetzen lassen muß.
  3. Jener Satz kann also nur durch den frommen Glauben des lediglich auf sich selbst und die göttliche Erleuchtung angewiesenen Christen angenommen werden.
  4. Es steht also auch dem christlichen Gehorsam keine Autorität gegenüber, welche nach der katholischen Lehre zwänge, jenen Satz als Glaubenssatz in Unterwerfung anzunehmen.
  5. Derjenige, welcher den Satz nicht annimmt, kann also wegen Abweichung vom Dogma oder wegen Ungehorsams nicht angefochten werden.

Wohlgemerkt, alles dieses, wenn der Papst unfehlbar ist.