Zum Primat

12. Internationale altkatholische Theologentagung in Bonn 8. bis 13. September 1969

 
Thesen zur Frage des Primats

 
1. Die Utrechter Erklärung von 1889 spricht in Artikel 2 nur die Anerkennung des historischen Primats des Bischofs von Rom aus, ohne weitere damit verbundene Fragen zu berühren. Deshalb haben wir uns angesichts der heutigen ökumenischen Situation darüber Rechenschaft zu geben, wie wir diese Formulierung verstehen.

 
2. Vor allem ist festzustellen, daß sich im neutestamentlichen Zeugnis eine Petrustradition vorfindet, nach der er als erster Bekenner, als einer der Grundzeugen der Auferstehung und als leitende Gestalt der Jerusalemer Gemeinde im Vollzug fundamentaler Entscheidungen der Kirche eine deutlich her­vortretende Initiative hatte.

 
3. Obwohl aus diesem Hervortreten nicht auf das Zugrundeliegen bestimmter rechtlicher Kompetenzen geschlossen werden kann und obwohl die Einmaligkeit der Stellung des Petrus als Apostel den Gedanken an eine Nachfolge im strikten Sinn ausschließt, glauben wir, daß der Sonderstellung des Petrus trotzdem eine für die Kirche signifikante Bedeutung zukomme.

 
4. Da Kirche nur im Hören auf den in der Heiligen Schrift bezeugten Auftrag lebt, müssen die Petrus erteilten Aufträge auch heute in der Struktur der Kirche zur Geltung kommen.

 
5. Ohne den Bereich dogmatischer Folgerungen zu berühren, kann festgestellt werden, daß die Funktion, die Rom in der Geschichte der Kirche zuwuchs, im Zeichen der Aufnahme dieses Auftrags stand. Diese Feststellung behält ihre Bedeutung für die ganze Geschichte des römischen Primats, wenn auch oft stark verdunkelt.

 
6. Trotz der zahlreichen fatalen Entwicklungen der Vergangenheit, die zu verschiedenen Schismen führten, darunter das von Utrecht, wurde auf dem I. Vatikanischen Konzil von einem axiomatischen Vorverständnis her ein Autoritätsdenken dogmatisiert, das sich aus Schrift und Tradition nicht be­gründen läßt. Erst in der neuesten, durch das II. Vatikanische Konzil ermöglichten Entwicklung wird auch in der römisch-katholischen Theologie nach einer der Kirche wirklich dienenden Um­schreibung der Primatialfunktion gesucht.

 
7. In Entsprechung zu der Funktion, die Petrus nach dem Zeugnis der Schrift erfüllte, müßte ein "Petrusamt" in der Aufgabe bestehen, in allen Entscheidungssituationen mit einer Initiative voran­zugehen, die es der Kirche ermöglichte und sie nötigte, zu gemeinsamer Entscheidung zu gelangen, ihren Glauben auszusprechen und ihre Einheit sichtbar darzustellen. Als reiner Dienst an Christus, seiner Kirche und der Welt wäre diese Funktion als Verpflichtung und nicht als Rechtskompetenz zu verstehen. Angesichts der ökumenischen Entwicklung, in der sich das Verlangen der Welt nach Ein­heit widerspiegelt, käme der Erfüllung dieses Dienstes eine umfassende Bedeutung zu.