„… dass wir mitschuldig geworden sind“

Bekenntnis zur Mitschuld der Alt-Katholischen Kirche im Nationalsozialismus

Die Pastoralsynode in Bad Herrenalb im Jahr 2000 hat in Anwesenheit von Landesrabbiner Dr. Walter Homolka ein deutliches Schuldanerkenntnis für das Versagen der Alt-Katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus abgelegt. Bischof Joachim Vobbe sagte damals in seiner Ansprache zur Einleitung der Vergebungsbitte: „Es gab eben nicht nur die Schuld dieses oder jenes Christen, dieses oder jenes Alt-Katholiken, die ganz persönliche Schuld, die die Betroffenen mit sich selbst abmachen müssen oder mussten. Es gab und gibt auch die Schuld der Institution und ihrer offiziellen Vertreter in offizieller Mission! Es wurde von Pfarrern und synodalen Gremien hier und da der Anbruch der neuen Zeit bejubelt! Es wurde die öffentliche Stellung einiger missbraucht zu Lobeshymnen auf den Führer. ... Es wurde auch vor dem Heiligsten nicht haltgemacht: Vereinzelt wurden Predigten missbraucht zur Hetze, Sakramente zum Ausschluss!“ Und bis auf einzelne Ausnahmen sei die Suche nach einigermaßen mutigen Äußerungen oder wenigstens deutlichen Abgrenzungsversuchen der Kirche in der fraglichen Zeit gegenüber dem Nationalsozialismus vergeblich.

In dem Schuldbekenntnis der Synode wurde deutlich gemacht, dass damit auch die kleine Alt-Katholische Kirche mitschuldig daran geworden ist, dass jüdische Frauen, Männer und Kinder in Konzentrationslagern und im Terror ermordet wurden. Die Synode bekannte dieses Versagen und bat Gott darum, uns Schritte in eine bessere Zukunft mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern zu schenken.

Rabbiner Homolka sagte damals in Erwiderung auf das Schuldbekenntnis: „Dass wir uns nach diesen schrecklichen Geschehnissen die Hand wieder reichen können, ist ein Anfang, von dem ich hoffe, dass wir in der Zukunft vor Wiederholungen des Vergangenen verschont bleiben.“

Text des Schuldbekenntnisses

(Die Synode betete zuvor Psalm 130)

Gott, Vater und Mutter aller Menschen,

als Synode unseres Bistums stehen wir heute vor Dir, um uns in besonderer Weise der jüdischen Menschen zu erinnern, die mit vielen anderen Opfer des Naziterrors wurden. Wir tun dies in Ehrfurcht vor den Ermordeten und als Ausdruck unseres eigenen Gewissens.

Wir bekennen, dass unsere Kirche nicht nur durch einzelne Privatpersonen, sondern auch durch ihre offiziellen Repräsentanten, durch Mitglieder ihrer Geistlichkeit und ihrer synodalen Organe Gutes unterlassen und Böses geduldet oder sogar gefördert hat. Aus Angst oder auch aus blinder Begeisterung, oft genug wider besseres Wissen, wurde Unrecht nicht Unrecht, Terror nicht Terror und Mord nicht Mord genannt. Wie so viele, haben auch offizielle Vertreter unseres Bistums weggeschaut, wenn jüdische Nachbarn bei Nacht verschwanden, Geschäfte geplündert und Synagogen angesteckt wurden. Einige haben in Missbrauch ihres geistlichen Amtes der Bürokratie der Gewalt gedankenlos zugearbeitet.  So ist auch unsere kleine Kirche als Institution mitschuldig geworden an den jüdischen Frauen, Männern und Kindern, deren Leben im Grauen der Konzentrationslager und im Terror ein Ende fand.

In aufrichtigem Erinnern und in Kenntnis unserer Geschichte stehen wir zu diesem Versagen.

Wir können die Mitschuld unserer Kirche und die besondere Schuld einzelner Mitglieder nicht ungeschehen machen, Du Gott der Gerechtigkeit. Wir tragen sie in Trauer und Demut vor Dich hin.

Wir wissen, dass jede Bitte um Vergebung gegenüber den Opfern vermessen ist, schaut man die Maßlosigkeit der Verbrechen an.

Doch wo immer es möglich wäre, auch jetzt noch den Opfern des Terrors unsere Vergebungsbitte vernehmlich zu machen, möchten wir es tun.

Auch wenn wir die Zeit der Gewaltherrschaft nicht mehr oder nicht verantwortlich miterlebt haben: Als Synode übernehmen wir die Verantwortung, die uns unsere Geschichte aufbürdet.

Wir bekennen uns zu diesem kirchlichen Versagen.

Wir bitten Dich, Gott, unser Bekenntnis zu hören und anzunehmen.

Wir bitten Dich, Gott, dass Du uns hilfst, aus unserer Geschichte zu lernen und mit allen Menschen guten Willens dazu beizutragen, dass Menschenverachtung und Rassenwahn keine Chance mehr bei uns haben.

Wir bitten Dich, Gütiger, schenke uns mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern Schritte in eine bessere Zukunft.

Herr der Welt, damit uns der Weg in diese Zukunft gelinge, möge Dein lebensschaffender Geist unsere Schritte begleiten. Am Ende aller Zeiten, das ist unsere Hoffnung, wirst Du uns gemeinsam erwarten, um diese brüchige und sündige Welt und in ihr uns unvollkommene Menschen zu vollenden. Amen. 

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