Frauenordination

Am Pfingstmontag, 27. Mai 1996, weihte Bischof Joachim Vobbe die Diakoninnen Regina Pickel-Bossau und Angela Berlis in Konstanz zu Priesterinnen. Am eigentlichen Weiheakt beteiligten sich sein Vorgänger Bischof em. Dr. Sigisbert Kraft, Bischof Bernard Heitz (Österreich), die Priester des deutschen Bistums und zahlreiche Priester aus den benachbarten alt-katholischen und anglikanischen Bistümern.

Dazu finden Sie im folgenden historische Eckdaten sowie den Verlauf des synodalen Prozesses bis zur Weihe der ersten Priesterinnen.

Weihegottesdienst der ersten beiden Frauen zu Priesterinnen; von links: Angela Berlis, Mitte Bischof Joachim Vobbe, rechts Regina Pickel-Bossau
Weihegottesdienst der ersten beiden Frauen zu Priesterinnen; von links: Angela Berlis, Mitte Bischof Joachim Vobbe, rechts Regina Pickel-Bossau
Weihe von Alexandra Caspari
Weihe von Alexandra Caspari

Historische Eckdaten:

  • 1515 bis 1582

Teresa von Avila in ihren Schriften:

"Herr meiner Seele! Als du noch in dieser Welt wandeltest, hast du den Frauen immer deine besondere Zuneigung bewiesen. Fandest du doch in ihnen nicht weniger Liebe und mehr Glauben als bei den Männern. Die Welt irrt, wenn sie von uns verlangt, daß wir nicht öffentlich für dich wirken dürfen noch Wahrheiten aussprechen, um derentwillen wir im Geheimen weinen, und daß du, Herr, unsere gerechten Bitten nicht erhören würdest.

Ich glaube das nicht, Herr, denn ich kenne deine Güte und Gerechtigkeit, der du kein Richter bist wie die Richter dieser Welt, die Kinder Adams; kurz, nichts als Männer, die meinen, jede gute Fähigkeit bei einer Frau verdächtigen zu müssen.

Aber es wird der Tag kommen, mein König, wo dieses alles bekannt wird. ... ich sehe die Zeit kommen, da man starke und zu allem Guten begabte Geister nicht mehr zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt."

  • 1578

Der päpstliche Nuntius Sega über Teresa von Avila:

Teresa von Avila sei 'eine ruhelose Vagabundin', widerspenstig und verstockt, die unter dem Deckmantel der Frömmigkeit schlechte Lehren erfindet, sich entgegen den Anordnungen ihrer Vorgesetzten und des Tridentinums außerhalb der Klausur bewegt und doziert wie ein Professor, obwohl der Apostel Paulus den Frauen eine öffentliche Lehrtätigkeit verboten hat.

  • 1871

Dr. Johann Friedrich von Schulte, Prof. jur. in Bonn (Geschichte des Altkatholizismus, S. 343) zum Münchner Kongreß 1871:

"Die beiden öffentlichen Versammlungen im Glaspalast zählten an 8000 Zuhörer und zwar nur Männer, da der vorsichtige Vorstand des Münchner Komitees, Herr Oberstaatsanwalt v. Wolf, die Teilnahme von Frauen gemäß dem bairischen Vereinsgesetz für unzulässig hielt, weshalb ausdrücklich Frauen ausgeschlossen wurden."

  • 1890

Altkatholisches Frauenblatt Nr. 21 (1886 gegründet):

"Unser Meister und Heiland hat uns alle gerufen, auch die Frauen, von denen zwar in religiösen Fragen nie viel die Rede war, die man beim Wirken am geistigen Wohle der Menschheit kaum mitzählt, die aber doch, wie unser hochverehrter Herr Geheimrath von Schulte am Vorabend der letzten Synode öffentlich anerkannte, für unsere Nation eine große Bedeutung haben."

"Um hier den rechten Weg zu finden, müssen sich die Frauen vor allem selbst klar werden über das, was sie Gott, sich selbst und der Menschheit schuldig sind, eingedenk des höchsten Gebotes: Liebt Gott über Alles und deinen Nächsten wie dich selbst."

"Die Frauen haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht am Wohl und Wehe ihrer Mitmenschen teilzunehmen und tatkräftig mitzuwirken, daß das Reich Gottes, d. h. Liebe und Wahrheit, sich immer mehr ausbreitet auf Erden."

  •  1912

Gründung des Bundes Alt-Katholischer Frauen Deutschlands.

  •  1918

Allgemeines deutsches Frauenstimmrecht.

  • 1919

Der Vorstand des Bundes Alt-Katholischer Frauen Deutschlands stellt bei Bischof Moog den Antrag, Frauen das kirchliche Wahlrecht zu gewähren.

  • 1920

Die Synode beschließt das Frauenstimmrecht.

  • 1921

wird zum erstenmal am 1. Advent der Frauensonntag (durch bischöfliche Anordnung genehmigt) gefeiert.

  • 1957

Bischof Demmel an die Frauenvereine:

" ... daß ich die Mitarbeit der Frauen nicht nur begrüße und für wünschenswert, sondern für lebensnotwendig halte, habe ich schon öfters ausgesprochen ... ich habe die Gemeinden aufgefordert, den Frauen die Gleichberechtigung durch die Berufung in die verantwortlichen Stellen (wie der Gemeindeleitung) mehr als bisher gewähren zu wollen ..."

  • 1974 bis 1978

Angeregt durch die ÖRK-Studie "Männer und Frauen in der Kirche" beschäftigt sich der Bund Alt-Katholischer Frauen Deutschlands intensiv mit dem Thema.

  • 1976

Erklärung der Internationalen Alt-Katholischen Bischofskonferenz (IBK):

"... kann, in Übereinstimmung mit der alten, ungeteilten Kirche, einer sakramentalen Ordination von Frauen zum katholisch-apostolischen Amt eines Diakons, Presbyters und Bischofs nicht zustimmen."

Der Protest gegen diesen Beschluß - er kommt von der Synodalvertretung und vom Bund Alt-Katholischer Frauen Deutschlands und vielen einzelnen - konzentriert sich in erster Linie auf das Diakonat der Frau.

  • Seit 1977

nehmen Frauen am theologischen Fernkurs teil.

  • 1984

nimmt die 24. Internationale Alt-Katholische Theologenkonferenz fünf Thesen zur Frauenordination an:

"... Der ordinierte Amtsträger repräsentiert sowohl Christus, den Sohn Gottes, als auch die Gemeinde ... Die Beschränkung dieser Repräsentation auf Männer allein wird als Mangel empfunden. Wir suchen nach einem Weg, diesen Mangel zu beheben. ... Mann und Frau ergänzen sich gegenseitig und sind aufeinander angewiesen, so daß sich in einem so erweiterten Amt die Fülle der Menschheit zeigt."

  • 1986

Der Bund Alt-Katholischer Frauen Deutschlands (baf) stellt bei Bischof und Synodalvertretung den Antrag, eine Beauftragte für Mission und Entwicklung zu bestellen. Dr. Ilse Brinkhues wird zur ersten Beauftragten für Mission und Entwicklung berufen.

  • 1988

Am 26. November wird die erste Diakonin in Deutschland geweiht.

Am 8. Dezember findet in Bonn ein Gespräch zwischen dem Büro der Internationalen Bischofskonferenz (IBK-Büro) und den Vorsitzenden der Frauenverbände von Niederlande, Schweiz und Deutschland statt, in dem die Frauen darauf drängen, die Gespräche, in den Kirchen der Utrechter Union zur Frauenordination nicht zu verschleppen.

  • 1989

sammelt der baf viele Unterschriften, mit denen sich die Unterzeichnenden mit dem Wunsch auf baldmögliche Behandlung in der IBK solidarisch erklären.

lehnt das IBK-Büro die 1988 vereinbarten weiterführenden Gespräche mit den Frauenverbänden ab. Es verweist auf die Zuständigkeit der Ortsbischöfe.

Am 3. Mai beschließt die deutsche Bistumssynode in Mainz die Ordination der Frauen für das dreigeteilte Amt: Diakonin, Priesterin, Bischöfin. Mit Rücksicht auf die Schwesterkirchen wird die sofortige Ausführung zurückgestellt. Der Bischof erhält den Auftrag, die Einvernehmlichkeit mit den anderen Kirchen der Utrechter Union anzustreben.

  • 1991

findet in Wislikofen (Schweiz) eine internationale Konferenz der Kirchen der Utrechter Union zur Frage der Frauenordination statt, auf der die Bischöfe zu keinem Ergebnis kommen.

beschließt die deutsche Bistumssynode auf Antrag des Bischofs Dr. Sigisbert Kraft einen nochmaligen unbefristeten Aufschub.

  • 1992

Der Bund Alt-Katholischer Frauen Deutschlands (baf) begründet die "Projektgruppe Dekade - International -", um für die Frauenanliegen in unseren Kirchen mehr Grundlagen zu erforschen und Visionen zu entwickeln. In dieser Projektgruppe arbeiten Frauen aus den Niederlanden, Österreich und Deutschland zusammen.

  • 1994

Die 51. Ordentliche Bistumssynode beschließt in geheimer Abstimmung mit 130 Ja-Stimmen, fünf Nein-Stimmen und einer Enthaltung:

"In der Kirche haben Männer und Frauen die gleichen Rechte. Insbesondere können Frauen und Männer gleichermaßen zum apostolischen Dienst des Diakonats, Presbyterats und Episkopats ordiniert werden."

Der 2. Beschluß dieser Synode erklärt in geheimer Abstimmung mit 124 Ja-Stimmen, 10 Nein-Stimmen und 2 Enthaltungen:

"... Frauen im Bereich des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland von jetzt an den gleichen Zugang zum ordinierten Amt [haben] wie Männer."

  • 1995

Ende Januar findet in Rastatt das Seminar "FRAUEN ALS BOTSCHAFTERINNEN UM GOTTES WILLEN" statt, das dem Austausch über unsere Vorstellungen, Angste und Wünsche in bezug auf das noch ungewohnte Amt einer Pfarrerin dient. Dieses Seminar sollte auch eine Reflexion über die Bedeutung der Frauenordination für das Leben in der Kirche innerhalb der 'Ökumenischen Dekade Solidarität der Kirchen mit den Frauen' ermöglichen.

  • 1996

Am 27. Mai haben Angela Berlis und Regina Pickel-Bossau als die ersten Frauen der Alt-Katholischen Kirche in der Christuskirche zu Konstanz die Priesterinnenweihe empfangen.

 

Der Synodale Prozess in den alt-katholischen Kirchen:

Fröhliche Runde: Priesterinnen und Diakoninnen im Gespräch
Fröhliche Runde: Priesterinnen und Diakoninnen im Gespräch
  • In den sechziger Jahren

Anlässlich der Unionspläne zwischen bischöflichen und nichtbischöflichen Kirchen in Sri Lanka und Nordinidien/Pakistan gibt es eine kurze, die Frauenordination ablehnende Stellungnahme der Internationalen Alt-Katholischen Bischofskonferenz (IBK) der Utrechter Union.

 

 

  • 1971

Während der Internationalen Alt-Katholischen Theologenkonferenz hält der niederländische Pfarrer Teunis Horstman ein Referat zugunsten der Frauenordination, das in der deutschen "Alt-Katholischen Kirchenzeitung" abgedruckt wird und Leserreaktionen hervorruft.

  •  1976

Die Internationale Alt-Katholische Bischofskonferenz der Utrechter Union (IBK) beschließt die Nichtzulassung von Frauen zum dreifachen apostolischen Amt des Diakons, Priesters und Bischofs.

Begründung: Die Tradition der Kirche kennt keine Frauen im sakramentalen Amt; Jesus hat zu Aposteln nur Männer berufen.

Obwohl die Geschäftsordnung der IBK bei solchen Beschlüssen Einstimmigkeit vorsieht, wird dieser Beschluss trotz einer Gegenstimme veröffentlicht. Der Beschluss löst in den nachfolgenden Jahren einen lebhaften und sehr intensiven Gesprächsprozess aus. Neue exegetische und historische Erkenntnisse führen dazu, dass sich in Deutschland 1981 die Bistumssynode für eine (Wieder-)Einführung des Diakonats der Frau ausspricht.

  • 1982

Die IBK stellt fest, dass dem Diakonat der Frau nichts im Wege steht; sie überlässt eine eventuelle Wiedereinführung den jeweiligen Ortskirchen. Der Beschluss von 1976 bleibt weiterhin bestehen; auf eine Klärung des Verhältnisses beider Beschlüsse zu einander wird bis heute (Juni 1997) verzichtet.

  • 1987

In der Schweiz findet die erste Ordination einer Diakonin statt, 1988 geschieht dies in Deutschland, 1991 in Österreich.

  • 1984

Die Internationale Alt-Katholische Theologenkonferenz stellt fest, dass die Argumente, aufgrund derer Frauen vom priesterlichen Amt ausgeschlossen worden sind, auf überholten nichttheologischen Voraussetzungen beruhen. Dies mache ein Überdenken der Frauenordinationsfrage notwendig. Damit setzt ein neuer Gesprächsprozeß ein, der nicht nur in den Kirchen der Utrechter Union geführt wird, sondern auch einen theologischen Diskurs und Erfahrungsaustausch mit anderen Kirchen der Ökumene, insbesondere mit der anglikanischen Kirchengemeinschaft, umfasst.

  • 1989

Die deutsche Bistumssynode spricht sich für die Einbeziehung der Frau in das dreifache priesterliche Amt aus.

Begründung: Weder eine lokale Synode noch ein ökumenisches Konzil haben im Laufe der Kirchengeschichte Einwände aus Glaubensgründen vorgebracht. Die Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen und die Berufung der Getauften zur Teilnahme am Priestertum Jesu Christi erfährt im besonderen Amt einen sichtbaren Ausdruck.

  • 1991

Die IBK beschließt, dass das Gespräch über das Thema "Frauenordination" in allen Mitgliedskirchen der Utrechter Union und mit den anderen christlichen Kirchen durchgeführt und 1995 (ein späteres Kommunique sagt: 1996) abgeschlossen sein soll.

Nach einer ausführlichen Diskussion und einem eindringlichen Appell des amtierenden Bischofs Dr. Sigisbert Kraft zur Rücksichtnahme auf die noch laufenden Gespräche in der Utrechter Union vertagt die 50. Ordentliche Bistumssynode die Einführung der Frauenordination auf die nächste Synode. Sie beauftragt aber eine Kommission zur Überarbeitung aller Bestimmungen in den kirchlichen Ordnungen und Satzungen, damit auch Frauen das Apostolische Amt innehaben können; die Überarbeitungen sollen der nächsten Synode zur Beschlussfassung vorgelegt werden. Bischof und Synodalvertretung sollen insbesondere in der Utrechter Union auf eine Klärung der anstehenden Fragen bis zur nächsten Synode hinwirken.

  • Mai 1994

Die deutsche Bistumssynode erklärt, dass in der Kirche Männer und Frauen die gleichen Rechte haben und insbesondere Frauen und Männer gleichermaßen zum apostolischen Dienst des Diakonats, Presbyterats und Episkopats ordiniert werden können. Diese Bestimmung wird in der Synodal- und Gemeindeordnung des deutschen Bistums festgeschrieben (vgl. § 1 Abs. 5 SGO).

  • Januar 1996

Bischof Joachim Vobbe kündigt nach Befragung verschiedener Gremien die Priesterinnenweihe von Angela Berlis und Regina Pickel-Bossau endgültig für Pfingstmontag 1996 an.

  • Februar 1996

In einem Hirtenbrief an die Gemeinden des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland erläutert Bischof Joachim Vobbe ausführlich die biblischen, theologischen und kirchengeschichtlichen Aspekte, die für die Ordination von Frauen richtungweisend sind.

  • Pfingstmontag 1996

Bischof Joachim Vobbe weiht die Diakoninnen Regina Pickel-Bossau und Angela Berlis zu Priesterinnen.

  • Juli 1997

Die IBK trifft sich zum zweiten Mal zu einer Sondersitzung über die Frauenordination. In einer Erklärung stellt die IBK fest, "dass in der Frage der Frauenordination zur Zeit keine einstimmige Entscheidung möglich ist".

  • Oktober 1997

Die Synode der Altkatholischen Kirche Österreichs beschließt die Einführung der Frauenordination. Die erste Weihe erfolgt noch im selben Jahr.

  • Juni 1998

Die Synode der Christkatholischen Kirche der Schweiz beschließt in erster Lesung: "Mit dem apostolischen Amt von Bischof, Priester und Diakon werden durch die Kirche sowohl Männer als auch Frauen betraut." Dieser Beschluss wird erst durch Bestätigung der nächsten Synodensession (1999) rechtskräftig

  • Oktober 1998

Die Synode der Alt-Katholischen Kirche der Niederlande empfiehlt den Bischöfen die Einführung der Frauenordination. Die Bischöfe hatten zuvor erklärt, dass sie für die Weihe von Frauen sind.

  • 1999

Die Synode der Christkatholischen Kirche der Schweiz bestätigt in zweiter Lesung ihren Beschluss von Juni 1998. Damit ist dieser rechtskräftig.

  • September 1999

Die erste Frau in der Alt-Katholischen Kirche der Niederlande erhält die Priesterweihe.

  • 19. Februar 2000

Die erste Frau in der Christkatholischen Kirche der Schweiz erhält die Priesterweihe.