Spirituelle Impulse 2017

Staatsangehörigkeit: Geist-Reich

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

Staatsangehörigkeit: Geist-Reich – so überschrieb der im Juli 2017 verstorbene frühere alt-katholische Bischof Joachim Vobbe einen seiner sogenannten Herdenbriefe mit dem Untertitel Betrachtungen über die Firmung. In einer Zeit, in der nationale Identität neu betont wird, ist mir diese Formulierung wieder in den Sinn gekommen: Großbritannien verlässt die Europäische Union, die Katalanen erklären ihre Unabhängigkeit. Ein Präsident gewinnt die Wahl mit dem Slogan „Amerika first“, eine betont nationalistische Partei wie die AfD zieht in den Bundestag ein und diese Reihe ließe sich fortsetzen…

Mir gibt das nicht nur zu denken, sondern fordert mich auch als Christ heraus. Müsste nicht gerade für Christinnen und Christen, die Betonung des Völkischen, Nationalen längst Geschichte sein?

Bei einer Bistumssynode unserer Kirche wenige Jahre nach der Wiedervereinigung regte ein ­Synodaler bei der 1. Sitzung am 03. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit an, zur Eröffnung die Nationalhymne zu singen. Die meisten von uns hätten damit wahrscheinlich kein Problem gehabt, aber es gab auch andere Stimmen. Damals wurde noch viel mehr als heute diskutiert, ob der 03. Oktober wirklich das richtige Datum für diesen ­Nationalfeiertag ist. Einer klugen Eingebung folgend und um wohl auch eine längere Diskussion zu vermeiden, betonte Bischof Joachim daraufhin, dass Christen zuerst Bürger des Reiches Gottes seien und nicht eines Landes und ihre Nationalhymne dementsprechend das Lob Gottes sein müsse. Daraufhin wurde „Laudate omnes gentes“ angestimmt.

Was wäre das für eine Welt, wenn zumindest Christinnen und Christen immer zuerst betonen würden, dass sie Bürgerinnen und Bürger des Reiches Gottes sind, und erst dann Ukrainer, Russen, Serben, Kroaten, Iren oder Engländer oder wenn wir 100 Jahre zurückdenken, Deutsche und Franzosen?

Das Anbrechen des Reiches Gottes war ja die zentrale Botschaft Jesu. Mit seinem Wirken ist die in der Heiligen Schrift vorhergesagte Heilszeit (Jes 35,5–6) angebrochen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Mt 11,5). Wer die Bergpredigt (Mt 5,1–13) hört und den Blick auf Jesu Tun richtet, der merkt sehr schnell, was die Botschaft vom Reich Gottes und die Zughörigkeit dazu für das eigene Leben bedeutet. Es geht um Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität und die Bereitschaft dafür einzustehen.

Das sind doch auch die Ziele, die die Völker und Nationen nach den Erfahrungen der verheerenden Kriege im 20. Jhd. zusammengeführt haben in den Vereinten Nationen und auch in der Europäischen Union. In erster Linie waren und sind das Friedensprojekte, die es – so meine ich – zu unterstützen gilt, bei allen Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten.

Was der Beitrag der Kirchen dazu sein könnte, hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union 2012 so formuliert:

„Es ist an der Zeit, die Kraft des gemeinsamen Glaubens zu aktivieren. Wir müssen den Prozess der europäischen Integration, der maßgeblich auch von engagierten Christinnen und Christen gestaltet worden ist, zukunftsfähig halten. Die Kirchen – gerade in ökumenischer Verbundenheit – haben die Kraft und die Reichweite, Menschen zu einem gemeinsamen europäischen Weg zu ermutigen. Sie haben die Inspiration, den europäischen Gedanken zu leben. Und sie haben Erfahrungen, praktisch zu illustrieren, was Völkerverständigung, Einheit in Vielfalt und gemeinsames Handeln über Grenzen hinweg bedeuten kann“.

Uns hier einzubringen, sind wir eingeladen als Gemeinde, als Kirche, aber auch jede und jeder einzelne.

 

Dass uns das mehr und mehr gelingt, wünsche ich uns allen auch für das kommende Jahr 2018.

 

Ihr

Siegfried J. Thuringer, Pfr.

  

 

 

 

Der Adventshymnus von Thomas Müntzer

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

das Jubiläumsjahr der Reformation neigt sich zu Ende und so möchte ich Sie/Euch im Winter-Kirchenzettel 2017-2018 auf eine kleine Zeitreise mitnehmen.

Wir schreiben das Jahr 1523, also 494 Jahre zurück.

Und wir wechseln den Ort, wir begeben uns ins damals kursächsiche Allstedt. An der dortigen Johanniskirche wurde im Frühjahr 1523 ein neuer junger Pastor bestellt – kein „unbeschriebenes Blatt“, eher schon „berühmt berüchtigt“: Thomas Müntzer.

Mit Luther, den er anfangs hoch verehrte, hatte er sich bereits überworfen und 1521 war er vom Rat der Stadt Zwickau des Aufruhrs verdächtigt und der Stadt verwiesen worden.

Mit Luther stimmte er theologisch nicht völlig überein. Seine Ansichten wichen vor allem in zwei Punkten von Luthers theologischer Meinung ab: Im ersten Punkt ging es um den Glauben und die Bedeutung des Wortes. Das äußere Wort (verbum externum), auch das äußere Wort der Heiligen Schrift, war für Müntzer nicht entscheidend, sondern das innere Wort (verbum internum), das Gott in die Tiefe der einzelnen Menschenseele spricht und das dort Glauben und Handeln des Menschen bewirkt, darauf kam es Müntzer an. Spiritualismus nannte man später die Frömmigkeitsrichtung, die sich daraus entwickelt hat. Der zweite Punkt, in dem Müntzer nicht mit Luther übereinstimmen konnte, war seine Haltung gegenüber der weltlichen Obrigkeit. Missstände in Klerus und Kirche anzuprangern, war eine nachvollziehbare Haltung fast aller Reformatoren. Müntzer aber ging erheblich weiter. Er prangerte offen soziale Missstände an – auch im Angesicht seines eigenen Fürsten, was ihn erneut seine Stellung kosten sollte. Müntzer entwickelt sowas wie eine „Theologie der Revolution“. Das war brandgefährlich.

Kurz darauf wurde er zu einer zentralen Leitfigur in den Bauernaufständen 1524/25.

Nach der verlorenen Schlacht bei Frankenhausen wurde ihm in Mühlhausen/Thüringen der Prozess gemacht. Müntzer wurde gefoltert, geköpft und sein Leichnam öffentlich aufgespießt.

Doch zurück ins Jahr 1523 in Allstedt: Der neue Pastor an der Johanniskirche ist damit beschäftigt, die liturgischen Texte der römisch-katholischen Kirche ins Deutsche zu übersetzen – Mess-Texte, Stundengebet … alles. So revolutionär der junge Theologe in seinen theologischen und politischen Ansichten auch sein mag, in seinen Übersetzungen bleibt er den lateinischen Originalen erstaunlich treu, wenngleich er an bestimmten Punkten durchaus eigene Akzente setzt. Und er setzt im Gegensatz zu Luther und den Wittenberger Reformatoren nicht auf das deutsche Lied als neue Form des Hymnensingens, sondern er hält an der Melodik des gregorianischen Chorals fest. So übersetzt er auch den Adventshymnus des römischen Stundengebets „Conditor alme siderum“ (Kempten, 10. Jahrhundert; Verfasser unbekannt) so ins deutsche Reim-Schema, dass er auf die bekannte gregorianische Hymnus-Melodie gesungen werden kann:

“Conditor alme siderum,

aeterna lux credentium,

Christe, redemptor omnium,

exaudi preces supplicum. …“

„Gott, heylger schöpffer aller stern,

erleucht uns, die wir sind so fern,

zurkennen deynen waren Christ,

der vor uns hye Mensch worden ist. …“

Ins moderne Deutsch übertragen findet sich der Hymnus heute wie folgt in den aktuellen Gesangbüchern, der römisch-katholischen, der evangelischen und der alt-katholischen Kirchen im deutschen Sprachraum:

Gott, heilger Schöpfer aller Stern,

erleucht uns, die wir sind so fern,

dass wir erkennen Jesus Christ,

der für uns Mensch geworden ist.


Denn es ging dir zu Herzen sehr,

da wir gefangen waren schwer

und sollten gar des Todes sein;

drum nahm er auf sich Schuld und Pein.


Da sich die Welt zum Abend wandt,

der Bräut'gam Christus ward gesandt.

Aus seiner Mutter Kämmerlein

ging er hervor als klarer Schein.


Gezeigt hat er sein groß Gewalt,

dass es in aller Welt erschallt,

sich beugen müssen alle Knie

im Himmel und auf Erden hie.


Wir bitten dich, o heilger Christ,

der du zukünftig Richter bist,

lehr uns zuvor dein' Willen tun

und an dem Glauben nehmen zu.


Lob, Preis sei, Vater, deiner Kraft

und deinem Sohn, der all Ding schafft,

dem heilgen Tröster auch zugleich

so hier wie dort im Himmelreich.


Müntzers Hymnen-Übersetzung wurde also im Lauf der Jahrhunderte zum ökumenischen Allgemeingut. Das hätte sich der texttreue Sozialrevolutionär der frühen Neuzeit sicher nicht träumen lassen.

Worum ging es Müntzer in der Hymnus-Übersetzung? Worum ging es dem ursprünglichen unbekannten Dichter des lateinischen Originals, mutmaßlich Mönch im 10. Jahrhundert in Kempten?

Der ursprüngliche Hymnen-Dichter des 10. Jahrhunderts nennt Gott den wohlsorgenden Schöpfer aller Gestirne und das ewige Licht der Glaubenden, um dann Christus, den Erlöser alles Seienden anzurufen. Der Schöpfer-Gott wird im Original mit Christus gleichgesetzt, was der Lehre der Kirche durchaus entspricht. So heißt es im großen Glaubensbekenntnis von Jesus Christus: „Aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht … eines Wesens mit dem Vater. Durch ihn ist alles geschaffen.“ Der unbekannte Mönch des 10. Jahrhunderts stellt den allumfassenden und alle Zeiten umschließenden Heilsplan Gottes an den Anfang und ruft Christus, den Erlöser an, in dem das Wort des ewigen Gottes Fleisch geworden ist.

Thomas Müntzer hält an dieser Idee grundsätzlich fest, verwandelt aber den ursprünglichen Hymnus an Christus in einen Hymnus auf Gott, den Schöpfer. Nicht mehr Christus wird angeredet, sondern, Gott, der Schöpfer aller Gestirne. Müntzer hält diese Anrede allerdings nicht konsequent durch. In der 5. (ursprünglich 6.) Strophe, richtet er sich dann doch an Jesus Christus: „Wir bitten dich, o heilger Christ, der du zukünftig Richter bist …“ Und auch in der zweiten Strophe passiert es ihm, dass er mit „du“ eindeutig Christus meint und nicht den Vater.

Doch fahren wir fort mit der zweiten Strophe: „Denn es ging dir zu Herzen sehr …“

Gott geht etwas zu Herzen – im lateinischen Original übrigens ähnlich formuliert

„condolens interitu“ zeugt bei beiden, beim Dichter wie beim Übersetzer von einem sehr einfühlsamen Gottesbild. Es verweist auf das Wort „Erbarmen“, das im Hebräischen רחמים (rächämim) heißt und soviel bedeutet wie Mutterschoß. Diese mütterliche Seite ist schon in der ersten Strophe angeklungen im lateinischen Wörtchen „alme“, was auf eine nährende Mutter verweist. Gottes weibliche Seite ist nicht erst in den letzten Jahren entdeckt worden!

 

Im zweiten Teil der zweiten Strophe weicht Müntzer deutlich vom Original ab. Während ursprünglich von einem Heilmittel gegen die Todesverfallenheit des angeklagten Menschen, das Christus gebracht hat, die Rede ist, schreibt Müntzer (an Christus gerichtet!) „drum nahmst du auf die Schuld und Pein.“ Vielleicht ist es Luthers Kreuzestheologie, die hier bei Thomas Müntzer wieder durchschlägt.

In der dritten Strophe geht es um die Menschwerdung aus der Jungfrau Maria. „Da sich die Welt zum Abend wandt …“ Dichter und Übersetzer sind der Überzeugung, dass die Welt ihren Zenit überschritten hat und da tritt, wie ein Bräutigam aus dem Gemach der Braut Christus in die Welt ein, „aus seiner Mutter Kämmerlein“. Im Schoß Mariens wird die allerbarmende Mutterliebe Gottvaters (רחמים = Mutterschoß) sichtbar.

Die vierte Strophe verweist auf den Hymnus im Philipperbrief des Apostels Paulus (Phil 2,6-11), der auch das älteste Glaubensbekenntnis der Christenheit enthält: „Jesus Christus ist der Herr“.

Zwischenzeitlich folgte eine 5. Strophe über die Gestirne, die nicht vom ursprünglichen Dichter-Mönch aus Kempten stammte. Müntzer hat sie mit übersetzt. In den heutigen Ausgaben fehlt sie für gewöhnlich.

In der jetzt wieder 5. Strophe wird Christus angerufen als der künftige Weltenrichter. Im Original wird der Angerufene mit „Sancte“ bezeichnet „Heiliger“. Während der Mönch des 10. Jahrhunderts „den Heiligen“ anruft, dass er uns vor dem Zugriff des „bösen Feindes“ bewahren möge, bittet Müntzer um Wachstum im Glauben, das nach seiner Überzeugung nur von Gott selbst in der Seele des Menschen bewirkt werden kann (verbum internum), und um die Fähigkeit den Willen Christi zu erfüllen. Letzteres hatte für Müntzer keineswegs nur geistliche Folgen, sondern durchaus handfeste, zum Beispiel in der Beseitigung sozialer Missstände und Ungerechtigkeiten.

Ganz der liturgischen Tradition entsprechend endet der Hymnus in einer trinitarischen Lobpreis-Strophe auf den dreifaltigen Gott in Zeit und Ewigkeit.

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels, vielleicht hab ich Sie/Euch jetzt ein bisschen mit Textkritik und Theologie strapaziert. Wenn Sie es geschafft haben, bis hierher zu lesen, dann lohnt sich auch noch der Rest.

Diese kleine Zeitreise in die Folgejahre der Reformation und der Bauernaufstände und die genauere Betrachtung des uralten Adventshymnus in der Übersetzung des Reformators Thomas Müntzer zeigt, dass Advent und Weihnachten weit mehr bedeuten als romantische Christkindlmärkte, Glühwein und Jingle Bells. Nicht dass Sie mich falsch verstehen! Das darf auch alles sein und auch ich mag den Glanz der Advents- und Weihnachtszeit heute durchaus. Aber das allein kann’s ja wohl nicht sein. Der Mönch aus Kempten im 10. Jahrhundert kannte unseren Weihnachtszauber ganz sicher nicht und auch der Reformator Thomas Müntzer dürfte von der Oberflächlichkeit heutiger Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte eher enttäuscht sein. Aber ihre Botschaft hat überlebt. Sie finden sie in jedem Gesangbuch in fast jeder Kirche. Denn sie trifft auch für uns heute noch zu. Das 10. Jahrhundert war politisch unsicher und die Zeit der Reformation und der Bauernaufstände erst recht. Thomas Müntzer war 1½ Jahre nach seiner Hymnus-Übersetzung bereits tot – aus politischen Gründen.

Im Vergleich dazu leben wir in politisch sehr stabilen Zeiten. Doch auch wir spüren mehr und mehr, wie brüchig diese Stabilität letztendlich ist. Die unmittelbaren Generationen vor uns haben diese Brüchigkeit und Unsicherheit noch viel mehr erleben müssen. Ich hoffe, dass uns derartige Erfahrungen erspart bleiben. 72 Jahre Frieden und Demokratie in unserem Land sind ein hohes Gut, das es auch zu verteidigen gilt. Eine Garantie, dass das selbstverständlich so bleibt sind 72 Jahre Frieden und Demokratie nämlich nicht.

Der Blick auf den „alten“, den ursprünglichen Advent mit seiner herben Blickrichtung auf das Ende aller Dinge könnte das Herz weiten für die eigentliche Weihnachtsbotschaft. Und die spricht von „Menschwerdung“, von einer Mutter und ihrem Kind, von einem Gott der sich erbarmt (רחמים = Mutterschoß), sie spricht vom Frieden auf Erden.

Ich wünsche mir und uns allen, dass die eigentliche Botschaft des Weihnachtsfestes wieder ankommt und innere Sicherheit in unseren Herzen bewirkt:

„‘Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt.‘ Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das lobte Gott und sprach: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade!‘“

Besinnliche Adventszeit, ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest und Gottes Segen im neuen Jahr wünscht

Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

Welt ist nicht nur, was Menschenaugen sehn...

„Welt ist nicht nur, was Menschenaugen sehn und Ordnung mehr als wir davon verstehn …“ (Joachim Vobbe)


Diejenigen von Ihnen/Euch, die regelmäßig oder gelegentlich mit uns Gottesdienst feiern, kennen wahrscheinlich diesen Satz aus dem Lied „In deiner Schöpfung birgt sich dein Gesicht“, dessen Text unser kürzlich verstorbener Bischof em. Joachim Vobbe verfasst hat. Ich möchte diesen Gemeindebrief, auch um seiner zu gedenken, mit diesem Zitat beginnen, schließlich ist Joachim Vobbe ja sowas wie der „Gründer-Bischof“ unserer Filialgemeinde.

Meistens schreibe ich an dieser Stelle etwas Spirituelles oder Theologisches, oder auch einfach etwas Wissenswertes über die Zeit des Kirchenjahres, die im jeweiligen Kirchenzettel gerade dran ist. Oder ich versuche aktuelles politisches Geschehen, das die Welt bewegt, im Licht des christlichen Glaubens zu interpretieren.

Diesmal wollte ich was anderes machen und hatte bereits einen Gemeindebrief über die alt-katholische Kirche und ihre geistigen Wurzeln in der Aufklärung verfasst. Das schien mir dann beim Durchlesen doch zu philosophisch. Wen’s interessiert, der oder die kann den Beitrag gerne bei mir per Email anfordern – ein kleines philosophisch-theologisches „Traktätchen“, m.E. natürlich lesenswert, aber kein Gemeindebrief. (Bin gespannt, ob das jemand macht …)

Dann ist mir – weil’s um Aufklärung ging – genau dieses Lied eingefallen. Das mag manche verwundern, aber es ist so.

Ein aufgeklärter Glaube ist eben nicht, wie viele katholische Dogmatisten und reformatorische Evangelikale meinen, ein lauer Glaube oder eine laxe Lebenshaltung, sondern, ein nüchterner Glaube, der drei Dinge erfordert: Mut, Vertrauen und Demut. Aufgeklärter Glaube fordert den Mut, eigene Lebensentscheidungen zu treffen und angstfrei zu ihnen zu stehen. Das ist keineswegs immer leicht und fordert ein gewisses Maß an innerer Autonomie. Viele, die diese innere Autonomie erlangen, werfen den althergebrachten Glauben dann über Bord und gestalten ihr Leben weitgehend ohne Religion. Andere aber gewinnen diese Autonomie, dieses in sich und zu sich Stehen genau durch den Glauben – Glauben im Sinne von darauf vertrauen, dass ich von Gott geliebt und angenommen bin mit all meinen Stärken und Schwächen. Und ein solcher Glaube fordert eine innere Demut – nicht vor kirchlichen und weltlichen Autoritäten, sondern vor Gott und seinen Plänen mit dieser Welt und mit jeder einzelnen Menschenseele. Das hat konkrete Auswirkungen. Ein aufgeklärter Christ, eine aufgeklärte Christin muss nicht alle Phänomene in dieser Welt als gut oder schlecht bewerten. Maßstab für das Handeln ist der Respekt vor einander, vor dem Menschenbruder oder der Menschenschwester unabhängig davon wie sie oder er das Leben gestaltet. Natürlich kennt auch dieser bewertungsfreie Respekt Grenzen, nämlich genau da, wo der Mensch verachtet und in seiner Würde verletzt wird. Aber davor hat viel Platz, eine große Bandbreite bunt gestalteten Lebens.

„Welt ist nicht nur, was Menschenaugen sehn und Ordnung mehr als wir davon verstehn …“

Mit dem Lied von Bischof Joachim möchte ich Mut machen, zu glauben und zu leben in der – und jetzt zitier ich zum Reformationsjubiläum Luther – „Freiheit eines Christenmenschen“.

 

1. In deiner Schöpfung birgt sich dein Gesicht, / in stiller Ordnung, die den Kosmos hält, / in Pflanze, Tier und Vielfalt dieser Welt. / Was du geschaffen hast, verlässt du nicht.

2. Welt ist nicht nur, was Menschenaugen sehn, / und Ordnung mehr, als wir davon verstehn. / Anfang und Ziel – dir, Einziger, gehört’s, / denn größer bist du, Gott, als unser Herz.

3. Im Brot und Wein enthüllst du dein Gesicht. / In dem, was wir gesät auf unserm Feld, / kommt Christus, deine Liebe, in die Welt. / Du lässt dein pilgernd Volk verhungern nicht.

4. Brot bleibt nicht Brot und Wein bleibt nicht nur Wein: / Dein Kind macht Schwaches stark und Großes klein. / Auflebt die Saat, der Keim treibt himmelwärts, / denn größer bist du, Gott, als unser Herz.

5. Im Menschenantlitz schaun wir dein Gesicht. / In seinen Wunden und in seiner Angst / zeigst du, dass du um Heilung mit uns bangst. / Du löschst die schwache Glut des Dochtes nicht.

6. An unsren Kreuzen bleibt die Sehnsucht heil: / Wir nehmen, Gott, an deinem Leben teil. / Schuld bleibt nicht Schuld und Schmerz ist nicht mehr Schmerz, / denn größer bist du, Gott, als unser Herz.

Text: Joachim Vobbe (kath. Bischof der Alt-Katholiken in Deutschland 1995-2010, gest. 26.7.2017)

 

In diesem Sinn: Erfüllte Herbsttage und innere Gelassenheit!


Ihr / Dein / Euer                                                                                            Kurat Peter Priller

 

 

 

Gedenken an Bischof Joachim Vobbe

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

wir trauern um Bischof em. Joachim Vobbe, der am 26. Juli nach langer schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren in seiner Wohnung in Königswinter bei Bonn starb. Er hinterlässt seine Frau Mariette und seine zwei erwachsenen Söhne. Joachim Vobbe leitete das alt-katholische Bistum in Deutschland von 1995 bis 2010 und besuchte in dieser Zeit oft auch unsere ­Münchner Gemeinde und unsere Filiale Bad Tölz: zur Verabschiedung und Einführung des jeweiligen Pfarrers, um die Firmung zu spenden, zu Landessynoden oder um Jubiläen mit uns zu feiern. Sein ungezwungener Umgang mit Jung und Alt und sein rheinischer Frohsinn sind vielen von uns ebenso in lebendiger Erinnerung wie die von ihm geleiteten Gottesdienste, die von einer tiefen Spiritualität geprägt waren.

Während seiner Amtszeit wurde die von mehreren vorangegangenen Synoden beschlossene Priesterweihe für Frauen in die Tat umgesetzt: Am Pfingstmontag 1996 weihte Bischof ­Joachim in Konstanz die ersten beiden Frauen zu Priesterinnen.

 

Das Jahr 1997 rief er mit Bischof Dusan ­Heijbal (Tschechien) und Bischof Bernhard Heitz (Österreich) für ihre Kirchen zu einem Jahr der Versöhnung aus. Die Aufarbeitung der Rolle des alt-katholischen Bistums während der NS-Zeit mündete in einer bewegenden Feierstunde und einem Schuldbekenntnis auf der Synode im Jahr 2000.

 

Von 1995 bis 2004 lud Bischof Joachim Interessierte aus dem ganzen Bistum und aus der Ökumene zu „Herdenbrieftagen“ ins Steintal (Elsaß) ein. Bei diesen einwöchigen thematischen Treffen wurde die Vorarbeit für die zwischen 1996 und 2004 erschienenen Bischofsbriefe zu den sieben Sakramenten, zur Frauenordination und zur Jahrtausendwende geleistet. Sie sind im Sammelband „Brot aus dem Steinteil“ 2005 erschienen und machen deutlich, worin für Bischof Joachim die Grundlage alt-katholischer Spiritualität besteht:

„Was uns Alt-Katholiken miteinander geistlich verbindet und als Kirche auch international lebendig hält, ist nicht eine Institution wie etwa der Vatikan, aber auch kein gemeinsames Kirchenrecht und auch keine gemeinsame „Leitfigur“ wie Martin Luther oder Johannes Calvin, sondern die Feier der Sakramente. In der Verbindung von biblischem Wort und Sakrament finden wir den Sammel- und Sendepunkt unseres Kircheseins. Nur auf der Basis dieser sakramentalen Wurzeln gedeihen unsere anderen alt-katholischen Spezifika: Unser synodales Prinzip, unsere Integrationsbereitschaft, unsere diakonische Verantwortung und unsere Freiheit.“ (Brot aus dem Steinteil, S. 16)

 

Die geistliche Erneuerung der Kirche sowie die Stärkung der spirituellen Dimension des Alt-Katholizismus gehörten zu den Hauptanliegen Joachim Vobbes. Wichtige geistliche Quellen neben der Bibel waren für ihn die Werke von Hildegard von Bingen, Nikolaus Cusanus sowie Teilhard de Chardin. Auch dem Geist der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé fühlte er sich sehr verbunden. Vieles davon ist eingeflossen in das geistliche Leben der alt-katholischen Gemeinden.

Sein geistliches Vermächtnis findet sich in ­Liedern im Gesangbuch „Eingestimmt.“, im Gebetbuch „Gottzeit.“ sowie in Eucharistie­gebeten, die aus seiner Feder stammen und die Eingang in unser Altarbuch gefunden haben.

 

Was ihn bewegte, was er glaubte und hoffte, findet sich verdichtet in dem Lied (ES 636) wieder, das er anlässlich seiner Bischofsweihe zu seinem Weihespruch „Gott ist größer als unser Herz“ (1 Joh 3,20) verfasst hat:
 

 

In deiner Schöpfung birgt sich dein Gesicht,

in stiller Ordnung, die den Kosmos hält,

in Pflanze, Tier und Vielfalt dieser Welt.

Was du geschaffen hast, verlässt du nicht.

 

Welt ist nicht nur, was Menschenaugen sehn,

und Ordnung mehr, als wir davon verstehn.

Anfang und Ziel – dir, Einziger, gehört’s,

denn größer bist du, Gott, als unser Herz.

 

Im Brot und Wein enthüllst du dein Gesicht.

In dem, was wir gesät auf unserm Feld,

kommt Christus, deine Liebe, in die Welt.

Du lässt dein pilgernd Volk verhungern nicht.

 

Brot bleibt nicht Brot und Wein bleibt nicht nur Wein:

Dein Kind macht Schwaches stark und Großes klein.

Auflebt die Saat, der Keim treibt himmelwärts,

denn größer bist du, Gott, als unser Herz.

 

Im Menschenantlitz schaun wir dein Gesicht.

In seinen Wunden und in seiner Angst

zeigst du, dass du um Heilung mit uns bangst.

Du löschst die schwache Glut des Dochtes nicht.

An unsren Kreuzen bleibt die Sehnsucht heil:

Wir nehmen, Gott, an deinem Leben teil.

Schuld bleibt nicht Schuld
           
und Schmerz ist nicht mehr Schmerz,

denn größer bist du, Gott, als unser Herz.

 

In dieses Glaubensbekenntnis stimme ich gerne ein. Unsere Kirche hat Bischof Joachim Vobbe viel zu verdanken und seine geistlichen Impulse werden noch lange nachklingen.

 

            Siegfried J.Thuringer, Pfr.

 

 

 

 

Pfingsten – das „vergessene“ Fest

     

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen;

Es grünten und blühten Feld und Wald …“ (J.W. v. Goethe; aus Reineke Fuchs)

 

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

Pfingsten – das „vergessene“ Fest, so könnte man es nennen. Nun rein liturgisch und liturgiegeschichtlich ist Pfingsten auch gar kein selbständiges Fest. Pfingsten ist der 50. und letzte Tag des Osterfestkreises, darauf weist bereits der Name des Festes hin:

„Pentekoste“ ist griechisch und bedeutet ganz einfach fünfzig. Pfingsten schließt den Osterfestkreis ab. Gleichwohl hat dieses Fest am Abschluss der Osterfestzeit eigene Inhalte. Nur Welche?

Bereits Goethe beginnt seinen Reineke Fuchs mit Pfingsten, nimmt aber mit keiner Silbe Bezug zum Inhalt des Festes, sondern lediglich zur Jahreszeit, auf die es (jedenfalls auf der Nordhalbkugel des Planeten) fällt. Ich zitiere mal ausnahmsweise Angela Merkel: „Wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, dann würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis übers christliche Abendland nicht so weit her. Und sich anschließend zu beklagen, dass sich Muslime im Koran besser auskennen, finde ich irgendwie komisch.“ (Angela Merkel am 03.09.2015 in Bern)

Man mag zu diesen Sätzen der Bundeskanzlerin und auch zum Kontext, in dem sie gesprochen sind, stehen wie man will. Aber bei Weihnachten werden wir noch von relativ vielen Leuten auf der Straße zumindest halbwegs zutreffende Antworten erhalten, bei Ostern wird’s schon schwieriger und Pfingsten scheint heute eher etwas für „Kenner“ des Christentums zu sein, für die „Einser-Schüler“ in Religion.

Nun – ich unterstelle mal Ihnen bzw. Euch, den Leserinnen und Lesern unseres Kirchenzettels, dass Sie wissen, was wir an Pfingsten feiern und wo das Fest neutestamentlich verankert ist:

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.

Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren.

Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Pfingsten, das Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes, ist das Fest des Übergangs. Jesus Christus ist nicht mehr leibhaftig bei den Seinen, sie müssen auf eigenen Füßen stehen. Es beginnt das, was man später „Kirche“ genannt hat und nennt. Denen, die Pfingsten erlebt haben ging es nicht darum ein „christliches Abendland“ zu erschaffen. Dieser Begriff ist vom Machtanspruch der beiden christlichen Kaiser im Osten und im Westen geprägt und von Anfang an politisch und mit durchaus irdischen “Reichsideen“ verknüpft. Denen, die Pfingsten erlebt haben, ging es aber eben nicht um Macht und Politik, sondern um nichts Geringeres als um eine bessere Welt und um ein „Reich, das eben nicht von dieser Welt ist“. Und Pfingsten erlebt – das haben nicht nur ein paar zunächst verschreckte Jüngerinnen und Jünger Jesu vor fast 2000 Jahren, das haben alle, die irgendwann von der Botschaft des Mannes aus Nazareth, von der Botschaft des Gekreuzigten und Auferstandenen ergriffen worden sind, durch die Jahrhunderte bis heute.

Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche, der Kirche im besten und eigentlichen Sinn des Wortes: „Kyriakon oikon“ = Haus des Herrn, oder „ekklesia“, was ursprünglich in den griechischen Demokratien, sowas wie eine „Bürgerversammlung“ gemeint hat, wurde übertragen auf die Versammlung all derer überall auf der Welt, die ihre Hoffnung auf den Gekreuzigten und Auferstandenen setzen.

Mit Pfingsten beginnt das Christentum zu wachsen und zu grünen und zu blühen – über alle Grenzen und Sprachgrenzen und weltliche Machtbereiche hinweg. Und jetzt bin ich wieder bei Goethes Bild von Pfingsten als Fest, an dem alles grünt und blüht.

Lassen wir es Pfingsten werden, nicht nur am 50. Tag des Osterfestkreises, sondern an jedem Tag unseres Lebens, an jedem Tag, an jedem Tag, an dem die Welt sich dreht. Unser Leben und diese Welt brauchen Pfingsten – heute mehr denn je.


Ihr / Dein / Euer                                                                                            Kurat Peter Priller

 

 

 

Reformation und Alt-Katholisch

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde!

das Reformationsgedenken begegnet einem im Jahr 2017 auf Schritt und Tritt. Stimmen in den verschiedenen ökumenischen Gruppen werden laut, dass das vor allem eine Veranstaltung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der römisch-katholischen Kirche sei. Und doch hat die 500ste Wiederkehr der Reformation auch etwas mit uns, der alt-katholische Kirche zu tun.

 

Die alt-katholische Kirche ist zwar keine Kirche der Reformation, aber sie ist aus einem Protest hervorgegangen. Wie sehr haben sich unsere Eltern darum bemüht katholisch aber nicht römisch zu sein, eine Reform durchzuführen, aber keine Reformation!? Die alt-katholische Kirche wurde manchmal mit Schlagwörtern belegt, die eher als Kampfbegriffe zu verstehen waren: „Die alt-katholische Kirche ist eine neu-protestantische Kirche“; „sie ist weder alt noch katholisch“. Heute lässt sich sagen, dass ­beides gar nicht so falsch ist. Die alt-katholische Kirche ist im Wortsinn eine protestantische Kirche und zählt erst süße 145 Jahre. Und die Bezeichnung „katholisch“ passt auch nicht, wenn darunter konfessionell „römisch-katholisch“ verstanden wird.

 

Als sich die alt-katholische Bewegung nach 1870 zu einer eigenständigen Kirche entwickelte, waren Kontakte auch zu den evangelischen ­Kirchen wichtig. Ein Ziel war ja die Aussöhnung der getrennten Kirchen, insbesondere mit den orthodoxen und den protestantischen Kirchen. So gab es auch deutliche Einflüsse aus der evangelischen Tradition: Das biblische Wort rückte in den alt-katholischen Gemeinden wieder ­stärker ins Zentrum der Verkündigung. Die Geistlichen wurden verpflichtet ihrer Predigt den biblischen Text zugrunde zu legen. Es entstanden alt-katholische Andachtsbücher für das tägliche Gebet mit rein biblischen Betrachtungen. Bereits in die ersten alt-katholischen Gesangbücher wurde evangelisches Liedgut aufgenommen. Auch die synodale Verfassung der Kirche ist eine Gemeinsamkeit, die uns verbindet. 1985 folgte dann die gegenseitige Einladung zu Abendmahl bzw. Eucharistie und 2016 die gegenseitige Anerkennung von Firmung bzw. Konfirmation. Mit den anglikanischen Kirchen (1931) und der (ev.-luth.) Kirche in Schweden (2016) sind wir in voller Kirchengemeinschaft. Für uns als eine zahlenmäßig kleine Kirche ist auch die Zusammenarbeit mit der EKD in den diakonischen Werken wie z.B. „Brot für die Welt“ wichtig.

 

In den vergangenen Jahrzehnten definierte sich die alt-katholische Kirche so immer mehr als Brücken-Kirche zwischen der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche. Eine Brücke spannt sich zumeist über einen Fluss. So verbindet die alt-katholische Kirche den Schatz der Tradition und die Früchte ­synodaler Strukturen. Bewegen sich die Brücken­köpfe, tut sich für die Brücke die Gefahr auf, zerrissen oder zerquetscht zu werden. Die Statik ist auch in Gefahr, bewegt sich die Brücke selbst. So erlebte das unser Bistum im Nachgang zum Vaticanum II, so erlebt sie es, wenn die EKD neue Entscheidungen trifft und nicht zuletzt, wenn im Bistum selbst ein Kern-Thema der katholischen Tradition aufs Tablett kommt, wie die Sakramenten-Theologie. Worin zeigt sich dann aber die Brücken-Stellung unserer Kirche? Will sie zwischen der römisch-katholischen und den evangelischen Kirchen vermitteln? Will sie eine Mittelstellung „dazwischen“ einnehmen? Will sie mit möglichst allen Kirchen befreundet sein?

 

Ich fände es schade, wenn sich eine Kirche vorrangig über ihr Verhältnis zu „den anderen“ definieren würde. Die Brückenbögen, die geschlagen werden, können immer nur Beziehungen sein, die hüben und drüben einen Anker brauchen. Wir als alt-katholische Kirche können also lediglich eine ebenso selbständige Landmasse sein, wie es offensichtlich die anderen Kirchen sind, auf der dann solche Brückenbögen ankern können. In diesem Sinne erinnert auch uns das Reformationsgedenken 2017 daran: Wir können nur verlässliche Partnerin sein, wenn wir einen eigenen Stand haben und wissen, wer wir sind und wohin wir wollen.

 

Ihr Thomas Mayer, Pfarrvikar

 

 

 

Von der Asche zum Feuer - hier kehrt sich was um

Das müsste doch umgekehrt lauten: Zuerst kommt das Feuer und dann, als sein Ergebnis, bleibt die Asche übrig. So ist es ja auch in der Realität.

Die Symbole und Bilder des Osterfestkreises sind aber genau umgekehrt. Der Osterfestkreis beginnt mit dem Symbol der Asche. „Gedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zum Staub wirst du zurückkehren! – Kehr um und glaub an das Evangelium!“ Dann folgt die 40-tägige österliche Bußzeit. An deren Ende steht das Symbol des Feuers. In der Osternacht wird neues Feuer entzündet, gesegnet und seine Flamme über die Osterkerze an alle weitergegeben. Das Feuer führt uns hinüber von der 40-tägigen Zeit der Buße und Besinnung zur 50-tägigen Zeit des Festes und des Feierns. An deren Ende hören wir nochmal vom Feuer: Am Pfingstfest, vom Feuer des Heiligen Geistes.

Hier ist  bewusst etwas umgekehrt. Und „Umkehr“ ist ja auch das Schlüsselwort der österlichen Bußzeit, der „Fastenzeit“ wie sie gemeinhin genannt wird. Wir sind es gewohnt, da erst mal an Umkehr im persönlichen Leben zu denken: Was will ich ab dem Aschermittwoch anders machen, worauf will ich verzichten und so weiter. Die einen sehen darin eine willkommene Einladung, die eigenen Gewohnheiten zu überdenken und das Eine oder Andere umzukrempeln. Die anderen empfinden das als „moralinsaure“ Bevormundung. Aber egal – darum geht’s mir hier jetzt gar nicht. Das muss jeder Mensch für sich entscheiden. Ich möchte diese Umkehr weiter deuten, auf die ja allein schon das Symbol der Asche hinweist und noch viel mehr die umgekehrte Reihenfolge, erst Asche, dann Feuer. Hier tun sich Dimensionen auf, die weit über „gute Vorsätze“ oder sowas hinausgehen.

Die erste Dimension, die ich in dieser Umkehrung sehe, ist die Dimension des eigenen Lebens.  Asche ist normalerweise etwas Totes, scheinbar Wertloses. Da kommt nichts mehr heraus.  Aber stimmt das? In früheren Zeiten, ehe es Waschmittel gab, hat man die weiße Asche zum Wäschewaschen verwendet. Sie kann also reinigend wirken. Wer über Asche im Haushalt verfügt (was im Gegensatz zu früher heute eher nur noch eine Minderheit tut) kann sie im Winter auch als Streumittel auf dem Eis verwenden. Sie gibt Halt, wenn der Boden glatt wird. Und Asche ist nicht inhaltslos. Wer Asche und einen Garten zur Verfügung hat, streut sie auch mal auf den Kompost, sie birgt chemische Elemente und reichert den Humus an. Asche kann also reinigen, Halt geben und Nährboden bieten, auf dem neues wachsen kann.  Asche ist ein Produkt der Vernichtung - ja. Ein verbranntes Holzscheit ist weg und vernichtet – unwiederbringlich. Und alles, was verbrannt ist, ist fort und weg und kommt nicht wieder. Dennoch ist die Asche weder wertlos noch nutzlos.

Asche wird zum Symbol des Neuanfangs, der Umorientierung. Die meisten Menschen erleben solche „Aschenereignisse“: Träume zerplatzen, Beziehungen zerbrechen, Existenzen scheitern, Fundamente, auf denen das bisherige Leben beruht  hat, brechen weg. Aus Asche lässt sich das Alte nicht wieder aufbauen. Aber das, was vorher war; ist nicht wertlos und nicht nutzlos. Das, was war, kann mich läutern, reinigen, es kann mir Halt und Sicherheit geben, wenn der Boden wieder glatt und rutschig wird. Auf der Asche meiner Verluste und Zusammenbrüche kann Neues entstehen und wachsen, wenn ich diese Asche einbringe, einsetze, nutze. Die Asche am Anfang der Fastenzeit wird auch zum Symbol der Versöhnung verschiedener Teile meines Lebens. Und daraus wächst Hoffnung, wächst Chance auf was Neues. Und dann wird der Tag kommen, an dem ich ein neues Feuer entzünde und sein Licht und seine Wärme auch wieder weitergeben kann.

Das Weitergeben des Feuers hebt uns auf eine höhere Dimension dieser Symbolik und ihrer umgekehrten Reihenfolge: Die soziale Dimension. Aus Asche wird nichts, wenn ich sie nicht nutze,  nicht einsetze. Und auch das neue Feuer brennt runter und erlischt, wenn ich seine Flamme nicht erhalte und weitergebe, so wie das in der Osternacht von der Osterkerze aus, die am neuen Feuer entzündet wird, geschieht.

Schon die Philosophen der Antike haben erkannt: Der Mensch ist ein „Zoon politikon“, ein „animal sociale“ – auf Deutsch: Ein Gemeinschaftswesen. Es hilft nichts, wegen der Katastrophen der Geschichte und vor den Herausforderungen unserer Zeit zu resignieren. Und wir vertun uns die Chance, die Welt besser zu machen, wenn wir die Asche der Katastrophen, ausblenden oder wegleugnen, wie das nicht wenige nur allzu gern tun. Es liegt an uns, daraus etwas Neues, etwas Besseres zu machen. Das geht aber nicht, wenn man die Asche in die Tonne des Vergessens und Verdrängens klopft, sondern nur wenn man sie in die Hand nimmt und den Mut hat, daraus etwas wachsen zu lassen. Und das Licht und die Wärme eines Feuers werden sich nur erhalten, wenn ich dieses Feuer empfange und weitergebe.

Mit der dritten Dimension, die in der Symbolik steckt, kann nicht jeder Mensch was anfangen, sie ist Glaubenssache: Die religiöse bzw. die christliche Dimension. Doch wer sie fassen kann, wird die beiden erstgenannten Dimensionen – die persönliche und die soziale Dimension – von selbst darin wiederfinden. Diese ganze Aschen- und Feuersymbolik macht sich fest an der Botschaft des Osterfestes. Der Tod Jesu und die Botschaft vom leeren Grab lassen auf der Asche der Sinnlosigkeit und Verzweiflung Neues wachsen. Das schwarze Loch des Todes, vor dem jeder Mensch steht, die scheinbare  Sinnlosigkeit des Leidens der Menschheit und der ganzen Schöpfung werden wir nicht mit dem Verstand auflösen können. Der Osterglaube sagt: Es gibt mehr als du begreifen kannst. Und alles, was geschieht und geschehen ist findet im Letzten seinen Sinn – so wie die Asche, die aus dem Feuer kommt …

Besinnliche Tage der österlichen Bußzeit und ein frohes, gesegnetes Osterfest wünscht

 

Ihr / Dein / Euer                                                                        Kurat Peter Priller

 

Barmherzigkeit – (k)ein Jahresthema ! ?

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde!

das von Papst Franziskus für 2016 ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit ist zu Ende gegangen und es ist tatsächlich das passiert, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, die Tore der Barmherzigkeit wurden wieder geschlossen. Nicht nur die zu Beginn des Heiligen Jahres geöffnete Heilige Pforte im Petersdom, sondern auch die in vielen Bischofskirchen eingerichteten Tore der Barmherzigkeit. In einem Bistum führte das dazu, dass mangels einer bisher verschlossenen Tür vor dem Dom ein Tor der Barmherzigkeit aufgestellt wurde, durch das man gehen konnte, das aber nirgendwo hinaus oder hinein führte. In den meisten Kathedralen wurden freilich sonst bisher verschlossene Türen zum Tor der Barmherzigkeit erklärt, oft künstlerisch interessant gestaltet und feierlich eröffnet. Am letzten Sonntag des Kirchenjahres 2016 wurden sie jetzt genauso feierlich wieder zugemacht. In der Pressemitteilung eines Bistums war der Hinweis zu lesen: Tore der Barmherzigkeit – nur noch wenige Tage geöffnet. Wer so eine Tür wieder schließt, zerstört die Symbolik oder verkehrt sie ins Gegenteil. Der Zugang zur Barmherzigkeit kann nicht einfach wieder abgebaut, versperrt oder zugemauert werden, da tröstet auch das Versprechen, Barmherzigkeit werde auch weiterhin ein zentrales Thema kirchlichen Lebens sein, nur wenig.

Barmherzigkeit ist tatsächlich kein Jahresthema, sondern eine zentrale Botschaft im Leben und Wirken Jesu, der in seinem Umgang mit den Menschen und seiner Verkündigung die Barmherzigkeit Gottes zu vermitteln versteht. Gott ist einer, der ein weites Herz hat, ein barmherziger Gott, der niemanden verloren gibt (ich denke an den verlorenen Sohn, an das verlorene Schaf, an Jesu Umgang mit Sündern, Bedürftigen und Ausgegrenzten), einer, der sich um jede und jeden sorgt.

Die Rede vom barmherzigen Gott richtet sich zum einen an die Menschen, die wirklich der Barmherzigkeit bedürfen, aber und das scheint mir noch dringlicher, vor allem an die Menschen, die barmherziges Handeln eher verhindern, denn die Botschaft Jesu ist: „Seid barmherzig, wie auch Euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Lk  6,36

Aus meiner Sicht sind die Adressaten der Barmherzigkeit damals wie heute deshalb vor allem legalistisch Denkende und Handelnde.

Viele, die vermeintlich der Barmherzigkeit bedürfen, fühlen sich zu Recht auch gar nicht angesprochen.

Die wiederverheirateten Geschiedenen wollen nicht auf Dauer als die permanent geduldeten Sünder gesehen werden und die homosexuell Liebenden erleben sich nicht als Sünder, die auf Barmherzigkeit angewiesen sind. Sie wollen mit ihrer Lebensgeschichte, mit ihren Erfahrungen und Gaben angenommen und geachtet werden. Es geht um Anerkennung, nicht Duldung – auch nicht um Barmherzigkeit.

Bischof Matthias Ring hat in seinem Bischofsbericht bei der Synode im Hinblick auf die Verwendung des Begriffs Barmherzigkeit zur Vorsicht gemahnt. Barmherzigkeit setze nämlich „ein hierarchisches Gefälle voraus. Barmherzigkeit ändert nicht die Regeln. Sie verzichtet nur auf deren Umsetzung.“

 

Barmherzigkeit ist kein Gnadenakt, sondern Ausdruck der liebenden Zuwendung Gottes zum Menschen, daran sollen wir uns orientieren.

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ Ez 36,26

– mit dieser Verheißung dürfen wir in das kommende Jahr 2017 gehen. Diesen Vers aus dem Buch Ezechiel hat die ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) als Jahreslosung ausgewählt. Das Herz meint im Hebräischen das Innerste eines Menschen, es ist der Sitz des Verstandes, der geistigen Fähigkeiten, es ist aber auch der Sitz der Gefühle, wie Mut und Freude, aber auch von Kummer und Leid. Das Herz ist der innere Antrieb, aus dem heraus ein Mensch handelt und deshalb kann Ezechiel den Menschen, derer Herz verstockt ist, von Gott her sagen: „Ich nehme das Herz von Stein aus Eurer Brust und gebe Euch ein Herz von Fleisch“.

 

Ich sehe die Jahreslosung auch als Einladung, an Gottes Barmherzigkeit Maß zu nehmen.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegnete Zeit!

Ihr

Siegfried J. Thuringer, Pfr.

 

 

 

Sonntag, 16. September

10.00 Uhr Familiengottesdienst zum Schuljahresbeginn

Donnerstag, 27. September

19.30 Uhr Gartenhausgespräch in der Adalbertstraße 32

Sonntag, 30. September

10.00 Uhr Familiengottesdienst zum Erntedankfest