Spirituelle Impulse 2016

Die Phantasie des Weihnachtsfestes

                                      

„… ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr. Allüberall auf den Tannenspitzen sah ich goldene Lichtlein sitzen …“ (Theodor Storm)

 

Sie kennen das.  Seit Wochen - längst vor dem ersten Adventsonntag - verwandeln sich Kaufhäuser und Geschäfte in glitzernde Weihnachtsparadiese und winter-wonder-worlds. Lichterketten erscheinen an öffentlichen wie an privaten Gebäuden. Mit den „goldenen Lichtlein“ auf den Tannenspitzen, von denen Theodor Storms Gedicht „Knecht Ruprecht“ erzählt, hat das alles  herzlich wenig zu tun.

Was mir am heutigen Weihnachten am meisten fehlt, ist die Phantasie, die Phantasie des Wunderbaren. Storm konnte im 19. Jahrhundert noch die Dunkelheit des Advent erleben und das Aufleuchten weihnachtlicher Lichter als Erlösung, als Heraufdämmern einer Festzeit, die in der Heiligen Nacht beginnt und nicht – wie heute viele meinen – zu Ende geht. Als Kind der 1960er Jahre kann ich Storms Welt auch nur vom Kopf her begreifen, erlebt hab ich den dunklen Dezember, die „stade Zeit“, wie sie bei uns im Süden heißt, auch nicht mehr. Aber irgendwas war in meiner Kindheit trotzdem anders als heute. Nicht nur, weil ich ein Kind war und Kinder anders wahrnehmen, sondern weil Weihnachten so gestaltet war, dass es meine Phantasie enorm angeregt hat.  Ja – wir haben als kleine Kinder noch an den Nikolaus und an das Christkind geglaubt. Das war schon mal ungeheuer aufregend. Der Nikolaus kam am 5. oder  6. Dezember und er wusste erschreckend viel. Aber er war nicht böse. Und wenn er weg war, durften wir Lebkuchen essen und die kleinen Nikolaus-Geschenke auspacken.  Spätestens ab Nikolaus träumte ich jeden Abend vor dem Einschlafen Wachträume vom Christkind. Ich wusste genau, wie das Christkind aussieht: Es war wie ein Engel, ein Putto, aber viel strahlender als die Engel und ganz golden. Ab dem 23. Dezember – ab da durften wir nicht mehr ins Wohnzimmer – flog es um den Christbaum herum und unzählige größerer und kleinerer Engel halfen ihm beim Aufputzen des Baumes, beim Schmücken des Weihnachtszimmers und beim Drapieren der Geschenke. Und wenn dann endlich, endlich am Heiligen Abend das Glöcklein geläutet hat und wir wieder ins Wohnzimmer durften, dann war das wie das Betreten des Paradieses. Aber erstmal wurde gesungen, Klavier gespielt,  an der Krippe gebetet und nochmal gesungen, erst dann durften wir uns auf die Geschenke stürzen. Irgendwann hatten wir Hunger, es gab Würstel und anschließend natürlich Plätzchen in rauhen Mengen … Der darauffolgende Weihnachtstag war ein echter Festtag mit Schönanziehen, Kirchegehen und großem Mittagessen, süßen Nachspeisen und ganz viel Spielen und Fernsehen am Nachmittag und frühen Abend.

Später, als wir nicht mehr so recht an das Christkind geglaubt haben, belehrte uns meine Mutter eines Besseren: Ja – es stimmt, das Christkind kommt nicht vom Himmel zum Baumschmücken und Geschenke verteilen, aber es ist ja tatsächlich gekommen, damals als kleines Kind in Bethlehem. Und deshalb gibt es das Christkind auch. Ehrlich gestanden: Das glaub ich heute noch. Von da weg wurden wir Kinder mit in das Christbaumschmücken einbezogen, am Abend des 23. oder am Vormittag des 24. Dezember. Von da weg machten auch wir unseren Eltern kleine Geschenke zu Weihnachten und es hat uns gefreut, wenn die Eltern erstaunt und angenehm überrascht waren.

Mag sein, dass ich jetzt ein bisschen in Kindheitserinnerungen abgeschweift bin und auch eine Portion Vergangenheitsverklärung mit dabei ist, die das Unschöne, das Schmerzliche verdrängt hat: Die Streitereien mit meinem großen Bruder, die sich gerade vor Weihnachten bedrohlich zuzuspitzen pflegten, oder in den späteren Kindheitsjahren die Krebserkrankung meiner Mutter, die zumindest ihre beiden letzten Weihnachten unübersehbar überschattet hat.

Was ich mir wieder angewöhnen möchte, ist die Phantasie des Weihnachtsfestes. Nicht, dass ich mir noch ein strahlendes Christkind vorstellen müsste, das mit Myriaden von Engeln, um den Baum und durchs Wohnzimmer schwirrt, aber die Phantasie, zu der die Weihnachtsbotschaft anregt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen!“ (Lk 2,14). Wenn wir aufhören, vom Frieden auf Erden zu phantasieren, wird es um diese Welt bald geschehen sein. In einer der Orff’schen Weihnachtsgeschichten sagt ein Hirte zum anderen: „Solang’s auf dera Welt Hominibus gibt, gibt’s aa koan Pax ned“. Das stimmt leider. Und trotzdem möchte ich nicht aufhören, davon zu träumen und immer wieder ein Stück davon Wirklichkeit werden zu lassen, spürbare, greifbare Wirklichkeit.

Der zweite große Teil der Weihnachtsbotschaft fordert noch mehr Phantasie heraus: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14)

Das Wort, der Logos, die urewige Idee und Phantasie Gottes ist Fleisch geworden, Mensch, Kind, greifbare – und auch sterbliche Wirklichkeit.

Das geht weit über die heile-Welt-Phantasie eines Kindes hinaus. Da hat alles Platz, die ganze Welt mit ihrem Wohl und Wehe.

Ich versteh heute Weihnachten als große Einladung, als Aufforderung, ja auch als Herausforderung, die guten Träume Wirklichkeit werden zu lassen – soweit wir es halt können. Und Liebe und Frieden dürfen nicht nur Ideen, Tagträume und schöne Phantasien bleiben – nein! Sie sollen Wirklichkeit werden, greifbar werden, Fleisch werden, jeden Tag des Miteinanders.  Dann wohnt das Wort auch heute unter uns.

Ich wünschen Ihnen / Dir / Euch besinnliche Tage des Advents, ein frohes phantasievolles Weihnachtsfest und ein gesegnetes und friedvolles neues Jahr.

 

Ihr / Dein / Euer                                                                        Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Synodalität - Vielfalt und Uneindeutigkeit

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde!

vom 29. September bis 2. Oktober 2016 tagte unsere 60. Bistumssynode. Bischof ­Matthias stellte zu Beginn der letzten sinngemäß fest: „Eine Kirche ist immer synodal. Wenn eine Kirche aufhören würde synodal zu sein, würde sie aufhören Kirche zu sein.“ Und tatsächlich: Die preußische Evangelische Kirche hatte 1872 zeitnah zu unserer Synodal- und Gemeindeordnung ihre Kirchengemeinde- und Synodalordnung in Kraft gesetzt. In der römisch-katholischen Kirche gibt es Pfarrgemeinderäte, Bistums- (z.B. Trier) und Bischofs-Synoden. Am 19. Juni dieses Jahres wurde für die Ostkirchen die erste pan-orthodoxe Synode der Neuzeit eröffnet. Die drei großen Stränge der Kirche haben also allesamt synodale Strukturen. Gibt es demnach eine spezifisch alt-katholische Synodalität?

 

Koinonia, griechisch für Gemeinschaft, ist ein Schlüsselwort des urchristlichen Verständnisses von Kirche. Die Alte Kirche hatte erweiterte Gemeindeversammlungen mit gottesdienstlichem Charakter. Mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion wurde die kirchliche Struktur abgestuft und die Bischöfe nahmen eine führende Rolle in Kirche und Staat ein. Der Koinonia-Gedanke trat zusehends in den Hintergrund. Mittelalterliche Reformversuche blieben als Stachel im Fleische stecken. Danach erstarkte das synodale Bewusstsein erst wieder bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die alt-katholische Gründungsgeneration integrierte in den alten Begriff der Synodalität aus dem damaligen gesellschaftlichen Diskurs Gedanken aus der Demokratie und dem Liberalismus. Als Gegenentwurf zu den beiden päpstlichen Neuerungen des Ersten Vatikanischen Konzils von 1869/70 prägt die Synodalität seitdem die Kirchenverfassungen der alt-katholischen Bistümer. In ihnen wird deutlich: Es geht bei alt-katholischer Synodalität im Kern um die Mitwirkung aller. Kein Bischof kann eine Kirche allein leiten. Er ist mindestens auf die Beratung durch ein Delegierten-Gremium angewiesen und dazu auch verpflichtet. Die Einbindung der Laien wurde als not-wendig erkannt. Organ dafür ist die Synode, die in Abstimmungen zu einem deutlichen Votum an den Bischof kommt. Dieses Verhältnis drückt sich nicht zuletzt in unserer Selbstbezeichnung als bischöflich-synodale Kirche aus.

 

Die alt-katholischen Verfassungen haben damit eindeutig demokratische Züge. Das kann aber nicht als altkirchlicher oder gar biblischer Zustand bezeichnet werden. Es gibt eine geistige und historische Distanz zwischen der neuzeitlichen Demokratie und der Alten Kirche. Wie eng soll sich eine Kirchenverfassung an der eines Staates orientieren? Wäre die klassische Gewaltenteilung im Bereich der Kirche überhaupt vertretbar? Müsste es so etwas wie die Möglichkeit einer Verfassungsklage geben? Und wie steht es um den Verfassungsschutz? – Manchmal drohen die gravierenden Unterschiede zwischen Staats- und Kirchenverfassung zu verwischen: Staatlicherseits kennt man keine Versammlung im Namen Jesu und nicht die Einwirkung des Heiligen Geistes. Es wäre theologisch auch nicht haltbar, dass alle Kirchengewalt vom Volk ausginge: Das Volk Gottes ist ecclesia, von Gott Heraus­gerufene. Jedes ihrer Glieder ist zur Mit­wirkung am Aufbau des Reiches Gottes berufen. Der Zweck von Kirche ist auch nicht, menschliches Zusammenleben möglichst sicher, gerecht und gut zu organisieren. Sondern die Kirche drückt sich aus in Diakonia (Nächstenliebe), Leiturgia (Gottesdienst), Martyria (Zeugnis). Die Koinonia bindet diese drei zusammen. In ihr vollzieht sich Synodalität. Synoden sind dadurch immer auch Leiturgia, Diakonia und Martyria. Über diese Tatsachen können wir nicht abstimmen und verfügen. Aber wer achtet darauf?

 

Mir ist im Laufe meiner alt-katholischen Karriere deutlich geworden, dass sich die Synodalität am ehesten in der Akzeptanz von Unterschieden widerspiegelt. Wer gemeinsam an einem Strang zieht, muss nicht uniform sein. Synodalität bedeutet somit Bewegung auf ein Ziel hin, das wir erst nach dieser Weltzeit mit ihren Kategorien erreichen werden, das stets pendelt zwischen dem Noch-Nicht und dem Doch-Schon der christlichen Hoffnung, das immer über sich selbst hinausweist. Synodalität bedeutet vielmehr eine stete Entscheidung für Vielfalt und Uneindeutigkeit. Sie kann auch als eine Haltung verstanden werden, die es dem Geist ermöglicht, zu wirken.

 

Ihr

Thomas A. Mayer, Pfarrvikar

 

 

 

Lieben Sie Herbst ?

 

Ich schon. Inzwischen ist er sogar meine Lieblingsjahreszeit. Das war früher anders. Als Schüler, Jugendlicher und junger Erwachsener war der Herbst immer so ein bisschen mit unangenehmen Gefühlen verbunden:

Im frühen Herbst, also im September fing die Schule wieder an, das war nicht immer so prickelnd.

Und dann kam der Spätherbst. Die Nebel im Oktober und November empfand ich als junger Mensch eher trist, die sinkenden Temperaturen beschränkten die Außenaktivitäten, und selbst das zauberhaft bunte Herbstlaub fand ich zwar ganz hübsch, aber es konnte mich damals nicht über die bevorstehenden kahlen Laubbäume und den heraufdämmernden Winter hinwegtäuschen.

Heute seh ich den Herbst ganz anders. Heute kann ich die bunten Wälder im späteren Herbst für sich als Schönheit genießen, ohne dass mir die bevorstehende Kahlheit die Freude daran verdirbt. Das Wechselspiel von Nebel und goldener Sonne empfinde ich heute als Reichtum der Schönheit dieser Welt. Und das Kälterwerden draußen, der Rückzug des Lebens in die Häuser fühlt sich für mich heute eher heimelig an.

Der erste Teil des Herbstes hat was von Fülle und Genießen. Erntedank und Kirchweih fallen in diese Zeit:

Es ist schön, zu genießen, was die Erde hervorgebracht hat.

Der zweite Teil des Herbstes berührt dann die wesentlichen Fragen des Lebens: Es kommt der November mit seinen Totengedenktagen. Und die letzten drei Sonntag des Kirchenjahres, die in der alten Zeit schon zum Advent gezählt haben, konfrontieren uns mit den wesentlichen Fragen des Daseins: Woher komme ich, wohin gehe ich, was wird aus dieser Welt?

Jede Jahreszeit weist bereits auf die folgende hin: Der Herbst auf den Winter, der Winter auf den Frühling, der Frühling auf den Sommer und der Sommer wieder auf den Herbst … Und jedes Menschenalter weist bereist auf das folgende hin: Das entstehende Leben auf den Säugling, der Säugling auf das Kleinkind, das Kleinkind auf das Schulkind, das Schulkind auf den Jugendlichen, der Jugendliche auf den Erwachsenen, der erwachsene Mensch auf den alten Menschen, der alte Mensch auf den Sterbenden, der Sterbende auf den Toten und der Tote … Jetzt kommt der Glaube ins Spiel.

Manche glauben an einen ewigen Kreislauf des irdischen Lebens und würden die Reihe einfach so fortsetzen wie sie begonnen hat: … der Tote auf das entstehende Leben. Das scheint logisch, aber ist es wirklich so? Der christliche Glaube zeichnet sich eigentlich dadurch aus, dass er diesen äußerlichen Kreislauf zwar anerkennt und ernstnimmt, aber gleichzeitig durchbricht. Das Christentum ersetzt in der oben aufgeführten Reihe am Ende das Wort „entstehende“ durch das Wort „ewige“. Also: … der Sterbende weist auf den Toten hin und der Tote auf das ewige Leben. Ansichtssache, natürlich! Das kann man glauben oder nicht. Entscheidend ist, dass der christliche Glaube seinen letzten „Aufhänger“ nicht in der Welt hat, sondern darüber hinausgeht.

Und genau wie ich mir heute nicht mehr die Schönheit des Herbstes vermiese, weil er den Winter ankündigt, mag ich mir heute die Schönheit irgendeines Menschenalters vermiesen lassen, weil es bereits auf das nächste Menschenalter und letztlich auf das Ende hinweist. Im Gegenteil: Jede Zeit und jede Lebensphase hat ihre Schönheit, die es zu genießen gilt, und ihre Aufgaben, die es zu bewältigen gilt.

Wer offen ist für den Herbst, kann drei „Weisheiten“ daraus ableiten, die helfen können, Sinn und Freude im Leben zu finden:

Dankbar genießen, dankbar bedenken und zuversichtlich den nächsten Schritt des Lebens wagen.

Frohe und besinnliche Herbsttage wünscht

                                                                  Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Träume sind stärker als dumpfer Hass

„Wer keine Visionen mehr hat, fängt an, Jubiläen zu feiern“ (Paul Zulehner)

Nun – wir haben jetzt mehrere Jubiläen gefeiert, doch ich denke nicht, dass uns die Visionen abhanden-gekommen sind. Mir zumindest nicht.

„I have a dream …“ hat Martin Luther King in seiner berühmten Rede am 28. August 1963 in Washington, DC formuliert. Ein großer Teil der Träume von Martin Luther King ist – im Hinblick auf sein Land, die USA – heute Realität, wenn auch längst nicht alle. Im Hinblick auf die Welt fehlt es noch weit. Martin Luther King hat gegen Rassismus und Sklaverei gekämpft. Und er hat nicht aufgegeben, an seinen Traum zu glauben, bis ihn am 4. April 1968 die tödlichen Schüsse eines fanatischen Rassisten niederstreckten.

Noch länger und älter ist der Traum von mutigen Frauen, die aufzuzählen hier den Rahmen sprengen würde, nach Gerechtigkeit, gleichen Chancen und gleichen Rechten. Sie hatten Erfolg, doch bis heute keineswegs überall und nahezu nirgendwo selbstverständlich. Viele von ihnen haben diesen Kampf mit ihrer Gesundheit, ihrem Ansehen und manche auch mit ihrem Leben bezahlt.

Harvey Milk setzte sich in den 1970er Jahren in den USA für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Vieles von seinen Träumen ist in einigen Regionen der Welt heute Wirklichkeit, aber es fehlt noch weit. Er hat an seinen Traum geglaubt, bis auch er am 27. November 1978 dem tödlichen Hass zum Opfer fiel.

Und der Hass treibt leider heute noch sein Unwesen – an allen Fronten. Auf der einen Seite erleben wir den fanatischen Islamismus und seine erschreckenden Früchte: Orlando, Istanbul, Paris, Brüssel, Bangladesch, man kommt mit dem Aufzählen gar nicht nach. Auf der anderen Seite erschreckt uns der Hass, der von eigenen Landsleuten und leider auch von Leuten, die sich „christlich“ wähnen, ausgeht auf alle, die anderes sind, anderes denken, anders ticken als der kleine und enge eigene Horizont das fassen kann.

Eine gefährliche Mischung! Manchmal habe ich das Gefühl wir sitzen in Deutschland und Europa auf einem Pulverfass oder tanzen auf einem Vulkan, der jederzeit eruptieren kann.

Aber alle die Träumerinnen und Träumer einer besseren Welt haben diese Welt auch weitergebracht, besser gemacht – leider immer nur ein Stück weit, aber immerhin.

Nein! Ich möchte nicht dem blinden Hass zum Opfer fallen, weder dem der einen, noch dem der anderen. Und ich möchte auch nicht, dass irgendwer in die Mühlen des Hasses gerät. Wenn alle Menschen, die Träume haben wie M.L. King, wie Bertha Suttner, wie Anita Augspurg, wie Johannes XXIII., wie Harvey Milk … ihre Träume zusammentun, dann sind wir stärker als der dumpfe Hass, aus welcher Ecke er auch kommen mag. Ich habe diesen Traum, diese Vision. Und Du?                                    
                                                                  Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Der Christen neue Kleider

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde!

Ein Stehempfang. Üblicher Smalltalk. Wetter, Job, Politik. Da „outet“ sich einer als Christ. Verblüfftes Schweigen, bis jemand sagt: „Christ? Ach! Interessant! Und was macht man da so?“ – Diese Geschichte, die mir vor einiger Zeit untergekommen ist, fragt nach der Erkennbarkeit des Christen/der Christin und danach, ob ein christliches Leben anders ausschaut als das „normale“ Leben. Tun Christen etwas, was andere nicht tun?

In den Briefen des Apostels Paulus wird oft ein Bild benutzt ist, dass hier vielleicht hilfreich sein kann. Paulus und seine Schüler sprechen vom neuen Gewand, das Christinnen und Christen angezogen haben, also etwas, was durchaus sichtbar sein soll.

Dabei empfehlen sie keine Uniform, aber vielleicht schon eine besonders christliche Haute Couture: „Legt den alten Menschen ab, … Zieht den neuen Menschen an.“ Eph 22ff. oder auch im Brief an die Gemeinde in Rom: „Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an…“ Röm 13,14 und im Blick auf die Taufe heißt es im Brief an die Gemeinde in Galatien: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt.“ Gal 3,27

 

Noch heute ist im Taufritus vorgesehen, dass dem/der Getauften nach der Taufe ein weißes Kleid angezogen und ihm/ihr dabei zugesagt wird: „Empfange das weiße Kleid als Zeichen der Freude, dass du in der Taufe Christus angezogen hast. Bleibe in Christus, und er bleibt in dir.“

 

Wenn jemand in einem Taufbecken oder in einem Fluss getauft wird, ist das sehr eindrücklich. Der Mensch legt die alten Kleider ab, steigt ins Wasser, wird untergetaucht und danach in ein neues Gewand gekleidet, denn er hat in der Taufe Christus angezogen. Ein eindrückliches Bild: Christus ist mir so nah, wie mir meine Kleidung nahe ist, aber ist es mehr als nur ein Bild?

 

Was hat es auf sich, mit „der Christen neuen Kleider“? „Der Christen neue Kleider“, das erinnert an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen. Ein Kaiser lässt sich von betrügerischen Schneidern neue Kleider aufschwatzen. Kleider, die es in wirklich gar nicht gibt, von denen aber viele meinen sie seien da, nur sie selber könnten sie nicht wahrnehmen. Keiner traut sich zu sagen, dass er die Kleider gar nicht sieht. Zum Schluss steht der Kaiser nackt da und alle bewundern seine neuen Kleider. Nur ein Kind spricht die Wahrheit aus: „Der hat ja gar nichts an!“

 

Auf dem Hintergrund dieses Märchens ist der Titel „Der Christen neue Kleider“ auch provokativ. Denn, wie schaut das Kleid aus, das ich in der Taufe angezogen habe?

 

Ist etwas von diesem Christusgewand sichtbar und spürbar für mich, für andere, für meine Familie, meine Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, für die Menschen, denen ich täglich begegne? Ist das etwas Wirkliches, etwas was mit meiner Realität, meinem täglichen Leben zu tun hat? Merkt man davon etwas oder ist das nur eine fromme Rede? Ist das Christusgewand vielleicht nur ein Phantom wie des „Kaisers neue Kleider“ im Märchen und in Wirklichkeit habe ich gar nichts an?

 

Es lohnt sich, über diese Fragen nachzudenken!

 

Hinweise, was es heißt, sich mit dem Gewand Christi zu bekleiden, gibt uns der Brief an die Gemeinde in Kolossä. Dort heißt es: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld!

Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.

In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!

Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade.

Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!“ Kol 3,12-17

 

Dieser Text macht die Gewandung der Christen etwas augenscheinlicher und greifbarer. Er macht deutlich, was es heißt, in der Taufe Christus angezogen zu haben und in ihm zu bleiben. Er gibt Hinweise darauf, was im Leben von Christinnen und Christen erfahrbar sein sollte:

Erbarmen, Güte, Demut,
Milde, Geduld, Sich ertragen,
Vergebung schenken, Vergebung annehmen,
Liebe, Friede, Weisheit, Dankbarkeit.

 

Wäre das nicht auch eine treffende Antwort auf das eingangs erwähnte Votum: „Christ? Ach! Interessant! Und was macht man da so?“

 

Ihr

Siegfried J. Thuringer, Pfr.

 

 

 

 

Pfingsten - Beginn der Kirche

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

Der Kirchenzettel beginnt mit Pfingsten, dem Abschluss der Osterzeit, dem Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes, dem Geburtsfest der Kirche, wie man so schön sagt.

Pfingsten markiert in der Apostelgeschichte das Ende der Angst, den Aufbruch der Urgemeinde aus ihrer Lähmung. Pfingsten ist ein neuer Anfang. Und Pfingsten bedeutet Verstehen. Das Pfingstwunder in der Apostelgeschichte erzählt davon, dass Sprachbarrieren plötzlich überwunden waren, dass alle begriffen haben, was Sache ist – egal welcher Sprache und welcher Herkunft. Pfingsten  markiert auch ein neues Selbstbewusstsein der vor kurzem noch verschreckten und verängstigten Jünger Jesu. Mit Pfingsten beginnt das, was heute in den meisten Ohren ziemlich negativ besetzt ist: Mit Pfingsten beginnt Kirche. Warum das Wort Kirche bei sehr vielen Menschen einen so schlechten Klang hat, hat viele Gründe, zum Teil auch sehr gut nachvollziehbare Gründe. Ich kenn nicht wenige, die bei den Worten „die heilige katholische Kirche“  bzw. „und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ in den beiden Glaubensbekenntnissen nicht mitsprechen. Wenn man Kirche äußerlich und oberflächlich versteht, ist das verständlich. Wir denken da gleich an konkrete Institutionen, an die röm.-katholische Kirche, die evangelische Kirche, die alt-katholische, die anglikanische, die orthodoxe Kirche. Nur die sind damit alle nicht gemeint – oder bestenfalls sekundär. Wer den Begriff „Kirche“, oder auch deren Eigenschaften „katholisch“, „evangelisch“, „orthodox“ nur konfessionell versteht, übersieht das Wesentliche und bleibt im Oberflächlichen hängen. Kirche meint erstmal gar keine bestimmt Konfession oder Institution, genauswenig wie das die Begriffe katholisch, evangelisch, orthodox und so weiter meinen. Kirche ist zuallererst ein „Mysterium“ ein Geheimnis. Sie wurzelt in Tod und Auferstehung Jesu und sie keimt auf, treibt aus mit dem Geschehen des Pfingsttages. Jeder Mensch, der seine Hoffnung auf Jesus Christus setzt, ist Teil der Kirche, egal zu welcher konkret verfassten Kirchen-gemeinschaft er sich zählt oder nicht zählt. Weder ein Papst, noch irgendein Bischof, aber auch keine Synode oder sonst was, sind die „Herren“ der Kirche, auch wenn sie manchmal der Versuchung erliegen und genau diesen Eindruck erwecken. So gesehen sind auch Exkommunikationen höchst fragwürdig. Sie können sich allenfalls auf eine konkrete Institution beziehen, niemals auf die Kirche als solche. Denn Kirche als solche ist nicht Menschenwerk und auch nicht der Verfügbarkeit des Menschen anheimgestellt. Kirche ist allein das Werk dessen, den die Jünger am Pfingsttag erfahren haben, das Werk der „ruach elohim“, wörtlich übersetzt der „Geistin Gottes“, des Heiligen Geistes, der – wie’s im großen Glaubensbekenntnis heißt „Herr ist und lebendig macht“.

Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Die „Accessoires“ des Osterfestes

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

Ostern hat – mehr noch als andere Feste – uralte Attribute, „Accessoires“ könnte man sagen, die das Osterfest ausdeuten und die für uns dazu gehören. Ihr Sinn liegt weitaus tiefer als nur im Dekorationseffekt oder in den Köstlichkeiten, die man sich nach einer einstmals strengen Fastenzeit gegönnt hat.

Ostern hat seine Wurzeln im vorderen Orient. Es war anfangs mit Sicherheit ein nomadisches Fest. Vermutlich gab es bereits in vorgeschichtlicher Zeit einen Wechsel von der Winter- zur Sommerweide, der wohl mit dem Schlachtopfer eines Lammes verbunden war. Somit dürfte das Osterlamm das älteste  Oster-Symbol sein – auch wenn es heute oft aus Biskuit- oder Rührteig besteht.

Die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens hat dann dem jüdischen Paschafest (oder Pessach) sein bis heute im Judentum lebendiges Gepräge gegeben. Es war und ist ein Fest der Befreiung und der Migration. Israel musste sich durch Flucht der Knechtschaft des Pharao entziehen. Auch da spielt gem. dem Buch Exodus das Pascha-Lamm eine zentrale,  ja lebensrettende Rolle. Die jährliche Paschafeier als Vergegenwärtigung der Befreiung aus der Knechtschaft wurde für Israel durch die Jahrtausende zum identitätsstiftenden Erleben – bis zum heutigen Tag.

Und im Christentum? Bereits die Schriften des Neuen Testaments, v.a. die vier Evangelien bringen den Tod des Jesus von Nazareth von Anfang an mit der jüdischen Paschafeier in Verbindung. Und sie transzendieren die Befreiung aus der Knechtschaft des Pharao zur Befreiung aus der Knechtschaft des Todes. Das alte Osterlamm des Ersten Bundes wird zum Sinnbild für das wahre und endgültige Osterlamm Jesus Christus, der den Tod besiegt hat und zum Leben befreit.

Bereits in der frühen Kirche gab es die Osterkerze. Ihre Symbolik ist leicht zu verstehen: Sie verweist zunächst auf die Feuer- und Wolkensäule, die Israel in die Freiheit geführt hat. Dann aber auf Christus, der Licht und Leben spendet und in dem Anfang und Ende zusammenkommen, der aus dem Tod das Leben hervorgehen lässt (siehe hierzu den Text des Osterlobs „Exsultet“!).

Damit sind wir beim dritten großen Ostersymbol: Dem Ei. Das Osterei, ist ziemlich alt, wenn auch nicht so alt wie das Osterlamm. Natürlich ist das Ei auch ein Frühlingssymbol, ein Zeichen des neu aufkeimenden Lebens. Bereits die frühen Christen im Gebiet des heutigen Syrien und Irak haben Eier rot gefärbt, um an das Blut des gekreuzigten Christus zu erinnern, aus dem, wie aus einem Ei, neues Leben hervorgeht. Das Ei ist ein weibliches, ein mütterliches Symbol für neues Leben. Und es symbolisiert den Durchbruch des Lebens durch die tote Schale. Somit wird es zum österlichen Hoffnungssymbol und verweist auf das leere Grab am Ostermorgen.

Jetzt fehlt noch der Osterhase. Da wird’s etwas schwieriger. Möglicherweise ist er tatsächlich ursprünglich ein heidnisches Fruchtbarkeitssymbol. Doch bereits Ambrosius v. Mailand (339-397) deutet den Hasen als Auferstehungssymbol. Wohl weil die Zahl seiner Nachkommen kaum überschaubar ist, so zahlreich sollen die Menschen sein, die Christus in der Auferstehung nachfolgen.  Als Osterfigur ist der Osterhase aber erst seit der Barockzeit nachweisbar. Das älteste Zeugnis liefert Georg Franck von Franckenau (1644-1704) in seiner Abhandlung „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“.

Vielleicht denken wir daran, wenn wir unsere Wohnungen österlich schmücken, Ostereier, Lämmer aus Biskuit und Hasen aus Schokolade essen, dass dahinter mehr steckt als ein bisschen Deko und süße Sachen. An Ostern geht’s ums Ganze, an Ostern geht’s ums Leben – in Zeit und Ewigkeit.

 

Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Fastenzeit als Chance

Das geht heuer Schlag auf Schlag: Kaum hat Lichtmess den Weihnachtsfestkreis beendet, ist auch schon der Fasching da und am 10. Februar beginnt mit dem Aschermittwoch schon die „Fastenzeit“ und damit der Osterfestkreis. Wenn Weihnachten und Ostern so nah beieinander liegen, ist das zwar terminlich immer etwas gedrängt, aber es steckt auch eine Chance darin. „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub kehrst du zurück!“ Nicht gerade angenehm dieser persönliche Zuruf am Aschermittwoch bei der Aschenauflegung. Aber ist nicht in der Geburt auch das Sterben schon automatisch vorprogrammiert – für jeden Menschen? Weist nicht das Holz der Krippe an Weihnachten nicht auch schon hin auf das Holz des Kreuzes am Karfreitag? Martin Heidegger spricht von einem „Sein zum Tode hin“. Dass dem so ist lässt sich nicht leugnen – egal, was ein Mensch glaubt oder nicht.

Das Kirchenjahr endet aber nicht am Karfreitagnachmittag. Im Gegenteil! Auf den Karfreitag folgt ein Tag der Ruhe und dann kommt der Ostersonntag. Auferstehung ist freilich Glaubenssache. Wer den Auferstehungsglauben, wer Ostern als „Vertröstung“ versteht, wird mit dieser Vorstellung nicht wirklich weiterkommen – jedenfalls nicht, wenn’s hart auf hart kommt. Deshalb sind der Aschermittwoch und die 40 Tage der Besinnung auch hilfreich. Ostern will eben keine „billige Vertröstung“ sein. Ostern, die Zeit davor und die Zeit danach bieten dir Raum ganz persönlich: Raum für deine eigenen Ängste und Zweifel, Raum für die oft gefühlte Sinnlosigkeit, Raum, all das anzuschauen, was dich bedrängt, was dir Angst macht, was dich ärgert. Raum, diese Welt mit ihrem Wohl und Wehe anzuschauen. Und wir sollten uns hüten, weil wir wissen, dass Ostern ja kommt, allzuschnell mit jenseitigen Antworten daherzukommen. In der Fastenzeit seh ich eine Chance, all das ernst zu nehmen, was auch ich gern mal wegdränge. 40 Tage, die uns auf das Hier und Jetzt verweisen, auf diese Welt, in der wir leben. Die müssen wir erstmal ernstnehmen und bearbeiten. Danach können wir Ausschauhalten nach etwas, das über die Welt hinausgeht, Ausschau halten nach Ostern.

 

Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Ab 4. Oktober immer mittwochs

19.30 Uhr Workshop Christbaumschmuck

Samstag, 2. Dezember

17.00 Uhr Ökumenisches Adventsansingen in St. Bonifaz