Spirituelle Impulse 2015

... wie einen seine Mutter tröstet

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde!

Die von der Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) ausgewählte Jahreslosung für das kommende Jahr ist mehr als passend für unsere Zeit: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ Jes 66,13. Der Bibelvers ist dem letzten Kapitel des Jesajabuches entnommen, der sogenannten Endzeitvision und soll dem Volk in Bedrängnis Hilfe und Trost sein. Das hier verwendete Bild von einem mütter­lichen Gott, der Trost anbietet und zusagt, ist eingängig: Ein Kind weint, ist traurig, die Mutter nimmt es in ihren Arm, setzt es auf ihren Schoß, streichelt ihm das Haar, beruhigt es, schweigend oder mit tröstenden Worten.

Während ich dies schreibe, steht die Welt im Eindruck der grausamen Attentate von Paris. Menschen wurden durch bestialische Anschläge getötet, verletzt und für viele Familien wird nichts mehr so sein, wie es war. Viele Zeichen des Mitleids werden gesetzt: An den Orten der Verbrechen aber auch vor den Auslandsvertretungen Frankreichs werden Blumen abgelegt, Kerzen entzündet, Monumente werden in den Farben der Trikolore angestrahlt. In den sozialen Netzwerken bekunden Menschen ihr Mitgefühl, rufen zum Gebet für die Opfer auf und drücken damit ihre Sympathie (wörtlich übersetzt Mit-Leid) aus. Mich berührt das sehr und ich meine auch, dass das mehr ist, als der oft hilflos wirkende Versuch einer freiheitlichen Gesellschaft, dem Terror etwas entgegenzusetzen. Ich meine, dass solche Zeichen tatsächlich auch Trost zu geben vermögen. Das deutsche Wort „Trost“ hängt mit dem indogermanischen Wortstamm „treu“ zusammen. Wer tröstet, der bekundet damit auch seine Treue gegenüber dem Menschen, der des Trostes bedarf: „Du bist in deinem Leid und deinem Kummer nicht alleine, ich stehe zu dir!“ Was im persönlichen Umgang Geltung hat, gilt auch für das Zusammenstehen einer ganzen Gesellschaft und ist auch der Kern der biblischen Botschaft.

Die Jahreslosung 2016 erinnert uns daran, dass auch Gottes Verhältnis zu uns von einer solchen Treue bestimmt ist: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“.

Der neue Kontaktbrief erstreckt sich zeitlich gesehen über die zwei Hauptfeste des christlichen Jahres, Weihnachten und Ostern. Was wir an diesen beiden Festen feiern, ist für mich unendlich tröstlich, denn an den Höhepunkten des Kirchenjahres wird deutlich, was getröstet sein durch Gott heißen kann:

Ich glaube gerne an einen Gott, von dem gesagt wird, dass er in einem Kind zur Welt kommt, unterwegs, ohne Obdach und der das Schicksal von Menschen auf der Flucht kennt und teilt, ja der uns sagt, dass wir in Geflüchteten und Geschundenen ihn selber erkennen können.

Ich finde es tröstlich, dass dieser Gott in seinem Sohn Jesus Christus auch in Leid und Tod mit uns vereint ist und noch tröstlicher ist die Botschaft, dass der Tod niemals das letzte Wort hat.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine ge­segnete Zeit!

Ihr

Siegfried J. Thuringer, Pfr.

 

 

 

 

Die Weihnachtsgeschichte findet jetzt statt

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

zu viel ist passiert in diesem Jahr 2015 als dass ich jetzt einfach nur so über den Advent oder über Weihnachten schreiben könnte, ohne die Ereignisse und Entwicklungen dieses Jahres dabei aufzugreifen.

Menschen auf der Flucht klopfen an den Türen Europas an und zwar in einer Zahl wie wir sie bislang nicht gekannt haben. Die Gesellschaft ist offenbar ziemlich gespalten – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Gleichzeitig ist der Terror, der immer da war, und dem die meisten der Flüchtenden durch ihre Flucht ja zu entkommen hoffen, auch in Europa (wieder) angekommen. Das ist alles sehr schlimm.

Und jetzt kommt – ob es uns in den Kram passt oder nicht – das Weihnachtsfest auf uns zu. „Das hilft uns aber auch nicht weiter“ mögen viele nüchtern und realistisch – aber leider herzenskalt – sagen. Und dann lassen sie die Zeit der Lichterketten, der Kerzen, des Glühweins und der Lebkuchen mal wieder über sich ergehen. Das war’s dann. Ändern darf Weihnachten natürlich nichts – weder an der eigenen Einstellung, noch am gewohnten Leben.

Doch! Sage ich. Wenn etwas an dieser politisch so schwierigen und oftmals düsteren Zeit etwas ändern kann, dann ist es Weihnachten. Der ganze äußere Glitzerglanz, der sich jetzt wieder allüberall breit macht, hat dann – und nur dann – einen tieferen Sinn, wenn die Botschaft dieses Festes auch gehört wird. Und da hilft es nichts die bekannten Texte des Lukasevangeliums beim einen Ohr rein und beim anderen wieder rauszulassen.

Ich fühl mal nach: Die Weihnachtsbotschaft im Lukas- und im Matthäusevangelium ist geprägt von Bewegung, von Ortswechseln: Von Nazareth geht’s nach Bethlehem. Dort ist „kein Platz in der Herberge“. Das Matthäusevangelium führt uns dann sogar noch weiter: Es erzählt von einem Herrschenden; der hat Angst, Angst vor dem Neuen, Angst vor einem neugeborenen Kind. Deshalb veranstaltet er Terrorakte. Jedenfalls steht’s so im Evangelium. Das Kind und seine Eltern müssen fliehen – ins Ausland, nach Ägypten, wo sie eine Minderheit sind, Flüchtlinge. Gleichzeitig machen sich ganz andere auf den Weg, die keine Angst haben und deren Horizont nicht an den engen Grenzen ihres Landes und ihrer Kultur endet. Und sie suchen nichts, für das es sich, materiell gedacht, lohnen würde aufzubrechen. Sie suchen ein kleines Kind, sie suchen den Menschen.

Merken Sie was? Die ganze Weihnachtsgeschichte findet jetzt statt. Weihnachten war nicht mal irgendwann vor gut 2000 Jahren. Weihnachten war immer – zu allen Zeiten und an allen Orten. Weihnachten geschieht jetzt bei uns. Der Stall von Bethlehem schaut heute anderes aus. Und Maria und Josef haben weit beschwerlichere Wege zurückzulegen als damals von Nazareth nach Bethlehem und nach Ägypten. Schreien wir „das Haus ist voll“, „kein Platz mehr in der Herberge“ wie die Wirte von Bethlehem oder suchen wir den Menschen, so wie die Hirten auf den Feldern? Haben wir Angst wie Herodes, dass uns irgendwer, irgendwas streitig machen könnte, oder haben wir den weiten Horizont der Weisen aus dem Morgenland?

Wie werden die Menschen, die da gekommen sind, dieses Fest erleben in unserem Land? Als hohle Feier mit Glitzer und Glühwein oder werden sie etwas spüren vom Inhalt dieses Festes?

Was im Lukasevangelium steht, ist aktueller denn je: „Fürchtet euch nicht! Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, Christus, der Herr … Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt  … Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!“

Feiern wir Weihnachten! Die Welt hat es bitter nötig.

Besinnliche Tage des Advent, ein friedvolles und, trotz allem, frohes Weihnachtsfest, sowie Gottes Segen für das neue Jahr 2016

 

Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Oh wie schön ist Jerusalem !

Liebe Gemeinde,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

alles ist schön bei Tiger und Bär. Die beiden sind dicke Freunde. Damit beginnt Janosch seine Geschichte „Oh, wie schön ist Panama“*. Der kleine Bär und der kleine Tiger fürchten sich vor nichts, weil sie zusammen wunderbar stark sind. Zusammen leben sie in einem kleinen, gemütlichen Haus – mit Schornstein. Als der Bär eine Kiste mit der Aufschrift „Panama“ findet, die soooo gut nach Bananen riecht, sagt er zum kleinen Tiger:  „In Panama ist alles viel schöner, weißt du. Denn Panama riecht von oben bis unten nach Bananen. Panama ist das Land unserer Träume.“ Das Buch kreist dann im wahrsten Sinn des Wortes um dieses Land ihrer Träume.

„Oh, wie schön ist Panama“ das könnte auch der Titel zu einem Text gegen Ende der Offenbarung des Johannes sein: Johannes sieht, wie aus dem Himmel eine Stadt herabkommt. Sie glänzt wie ein kostbarer, klarer Edelstein. Sie strahlt ganz von Innen heraus und ist wehrhaft, denn sie hat als Grundsteine die Zwölf Apostel (vgl. Offb 21,9–22,5). Damit stellt uns Johannes die Kirche – also sowohl das Gebäude aus Stein als auch die Gemeinschaft der Getauften – als das Land seiner und unserer Träume vor; frei nach dem Motto: „Oh, wie schön ist Panama!“

Aber: Reiseberichte aus Panama lesen sich da sehr viel nüchterner: „Als ich nach etwa vier Stunden Flug in Panama-Stadt (auf Spanisch einfach Panamá) ankomme und den Flughafen verlasse, ist es, als würde ich gegen eine Wand laufen. Schwül und heiß ist es hier, ganz anders als in Südamerika. Wenn ich unterwegs Leute getroffen habe, die schon einmal hier waren, hieß es immer, die Stadt sei langweilig und hässlich. Das würde ich so nicht unterschreiben. Für eine Stadt mit nicht einmal einer Million Einwohner hat Panama-Stadt eine erstaunliche Skyline. Einige der höchsten Gebäude Lateinamerikas stehen in der Stadt.“

Und so ist es auch mit unserer/n Kirche(n): der Putz bröckelt, ein Blick hinter manche Fassade zeigt die Realität, die nicht immer gerade rosig ist. Abgeschminkt entpuppt sich manche Schönheit als unterer Durchschnitt. So ist das nun mal mit Gebäuden aus Stein, aus Menschen, aus Idealen.

Dem kleinen Bär und dem kleinen Tiger passiert Ähnliches. Sie gehen weiter und immer weiter, lernen viele freundliche Leute kennen, werden in die falsche Richtung geschickt und kommen dann doch da an, wo ihre Reise hin wollte: ins Land ihrer Träume. Das ist ein kleines, gemütliches, wenn auch sanierungsbedürftiges Haus – mit Schornstein. Der kleine Bär findet ein Stück Holz mit der Aufschrift „Panama“ – das soooo gut nach Bananen riecht und macht ein Ortsschild daraus. Jeder weiß es – keiner spricht es aus: Sie sind wieder da angekommen von wo sie losgezogen waren. Nur: jetzt sind sie im Land ihrer Träume.

So kann auch ich immer wieder ausziehen in die Ferne, um das Größere, das Schönere, das Perfekte, das Ideal, zu finden. Ich kann es mir ausmalen, davon träumen. Ja es ist gut, eine Vorstellung vom Land meiner Träume zu haben. Ob das dann - religiös gesprochen - „Paradies“, „Garten in Eden“, „Himmlisches Jerusalem“, „Land des Friedens“, etc. heißt – ist zweitrangig.

Johannes lädt uns ein, Ausschau zu halten, ob wir es schon/noch sehen wie es uns aus der Ferne entgegen blitzt und blankt, wie es duftet und schmeckt. Er will unsere Sehnsucht wach halten, die über die Grenzen dieser Welt hinaus geht. Machen wir es wie der Kleine Bär und der Kleine Tiger und kommen wir wieder bei uns an, machen wir es uns gemütlich in unserem Leben und ziehen wir wieder ein in unsere vermeintlich alte Kirche!

Wenn wir es den beiden Zeichenfiguren von Janosch gleich tun, dann kann es auch hier und jetzt schon in unserem bescheidenen Dasein passieren, dass es keine Sonne braucht und keinen Mond, keine Glühbirne und keine Nachttischlampe. Dann kann es auch hier und jetzt schon passieren, dass unser Leben zu leuchten beginnt, weil wir zwar weiterhin wieder unseren Alltag leben, wir aber angekommen sind und zur Ruhe.

Thomas Mayer, Vikar

 

*„Oh, wie schön ist Panama“ von Janosch (Horst Eckert), erschienen im Verlag Beltz & Gelberg

 

 

 

 

 

Herbsttag

                                                                                                            

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

           Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
           Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
           wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
           und wird in den Alleen hin und her
           unruhig wandern, wenn die Blättertreiben.

           (Rainer Maria Rilke)

 

Ja, der Sommer war sehr groß. Der Sommer war lang und heiß – für viele ein Genuss, für andere schwer auszuhalten, je nach Lage und Veranlagung.

Heiß war der Sommer auch im politischen Sinn. Die Welt verändert sich, die Völker des Nahen und Mittleren Ostens, die Völker Afrikas klopfen an, Europa ist gespalten.

Jetzt ist es Herbst, der Winter wird kommen. Mir fiel das bekannte Rilke-Gedicht „Herbsttag“ ein. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“ Und wer allein ist wird Mühe haben, Ruhe zu finden, wird „hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“  Die Schwierigkeiten des Sommers sind nicht gelöst, Europa hat keinen solidarischen gemeinsamen Weg gefunden, weder nach außen noch nach innen. Jetzt steht der Winter vor der Tür und die Menschen werden weiter anklopfen. Das Improvisieren wird schwieriger werden im Winter …

Aber mal ehrlich! Uns geht es immer noch sehr gut, zumindest im Verhältnis. Wir haben allen Grund, Erntedank zu feiern und an die zu denken, die nichts bzw. nichts mehr haben.

Allerheiligen, das „herbstliche Ostern“ verweist mich auf das eigene Ziel, das nicht darin bestehen kann, dass alles so bleibt wie es ist. Wir sind im Wandel solange wir leben. Und mögen wir uns noch so sehr am Gewohnten festhalten, spätestens mit dem Tod wird eh alles anderes. Wie? Das ist Glaubenssache. Und jede und jeder von uns hat schon Menschen verloren. Allerseelen und die Novembertage laden ein, dass wir uns auf unsere Wurzeln besinnen, auf diejenigen, die uns vorausgegangen sind.

St. Martin taucht da auf im November. Eine Lichtgestalt in dunkler werdenden Tagen. Einer, der bereit war etwas abzugeben, zu teilen. Uns wird nicht „der Mantel“ genommen – auch Martin hat nicht den ganzen Mantel abgegeben, sondern er hat ihn geteilt. Martin hatte keine Angst, zu kurz zu kommen, wenn er was vom Überfluss seines römischen Reitermantels abgibt. Viele haben Angst, dass diejenigen, die da in unser Land und auf unseren Kontinent gekommen sind und die noch vor unserer Tür stehen, uns was wegnehmen. Ich glaube das Gegenteil: Nur im solidarischen Handeln, nur im Teilen werden wir etwas verändern. Ein egoistisches, selbstgefälliges Europa hat allen Grund, Angst zu haben vor denen, die da anklopfen. Ein Europa, das solidarisch handelt, das sich seiner vom Christentum überlieferten Haltung des Teilens und der Geschwisterlichkeit bewusst ist, muss sich nicht fürchten. Es wird durch sein Tun und Handeln glaubwürdig.

Ja, der Sommer war sehr groß. Es liegt auch an uns, wie der Winter wird.

 

Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

 

 

unsere Filialgemeinde wird "erwachsen"


Wir sind auf dem Weg! Jeder Mensch persönlich sowieso, das ist klar. Aber auch Kirche und Gemeinde sind auf dem Weg und zwar gemeinsam, zusammen. Das bedeutet das Wort „Synodalität“. Unsere Filialgemeinde geht seit 19 Jahren einen synodalen, einen gemeinsamen Weg. Nun wird sie ein Stück weit „erwachsen“. Mit den Beiratswahlen übernehmen auch andere als der Seelsorger eine Vertretungsberechtigung nach außen und eine Stimme nach innen. Das ist wichtig.

Einen gemeinsamen Weg finden, ist mehr als demokratische Entscheidungen treffen. Demokratie ist ein wichtiges Element der Synodalität, aber Synodalität kann und darf sich nicht in Mehrheitsbeschlüssen erledigen. Synodalität ist oft mühsam, man muss immer wieder auf einander Rücksicht nehmen, immer wieder alle „ins Boot holen“, integrieren. Doch dieser mühsame Weg lohnt sich. Denn es ist der Weg, der uns atmen und leben lässt – auch als Gemeinde.

Ihr/Dein/Euer                                                                                                                          Kurat Peter Priller

 

 

 

Befreiungsgeschichte

Liebe Gemeinde,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

während eines Stehempfanges im Gemeindesaal einer griechischen Gemeinde erblickten ein Kollege und ich ein auf die Glaswand geklebtes Schild mit einem Pfeil und der für uns irritierenden Aufschrift ΕΞΟΔΟΣ (EXODOS). Irritierend, weil wir beide damit natürlich ein biblisches Buch bzw. den Auszug der Israeliten aus Ägypten verbanden. Im Griechischen ist es schlicht der Hinweis, da geht’s zum Ausgang.

EXODOS – Auszug oder auch Ausgang, das kann man auch über die Feier der Osternacht schreiben, denn die Texte, die wir da hören, erzählen von Aufbrüchen. So auch die klassische Exodusgeschichte mit der Errettung der Israeliten am Roten Meer, die wir als eine der Lesungen der Nachtwache hören und die im Exultet, dem feierlichen Osterlob besungen wird: „Dies ist die Nacht, die unsere Väter und alle Kinder Israels aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.“

Die Israeliten kommen aus Ägypten, dem Land ihrer Sklaverei. Die Exodusgeschichte erzählt ihre Befreiungsgeschichte und davon, wie Gott sie am Schilfmeer vor ihren Verfolgern rettet. Eine wirkliche Rettungsgeschichte – jedenfalls aus der Sicht der Israeliten. Für die Ägypter ist das anders, für sie war es ein militärisches Desaster und bedeutete Tod und Vernichtung.

Jenseits der Frage nach der Schuld der Ägypter, die in dieser Geschichte mit einem ­großen Heer die wehrlosen Israeliten verfolgen, bleibt bei mir und vielen von uns bei solchen Erzählungen doch ein Unbehagen: Was ist das für ein Bild von Gott, der die einen vernichtet, um die anderen zu retten?

Eine Anfrage, die auch der jüdischen Theologie nie fremd war. Im Talmud, neben der Heiligen Schrift das wichtigste religiöse Buch der Juden, ist in Bezug auf diese Errettungsgeschichte Folgendes überliefert:

„Die Rabbiner lehren, dass die Engel das große Loblied zusammen mit den Israeliten singen sollten, nachdem Israel gerettet war: „Siehe doch, Herr: Deine Kinder sind gerettet!“ Aber Gott zürnte und sagte: „Meine Kinder Israel sind gerettet, aber meine Kinder Ägypten sterben! Wie könnt ihr Loblieder singen, wenn meine Kinder sterben!“, und der Engelchor schweigt." (nach Rabbiner Albert H. Friedländer)

Die Exoduserzählung vom Auszug aus Ägypten ist die zentrale Geschichte bei der Feier des jüdischen Pessachmahles, das auch Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat. Der jüdische Gelehrte Friedrich Weinreb (1910 – 1988) hat dazu eine Interpretation geschrieben, die ich als hilfreich für das Verständnis der Auszugsgeschichte empfinde.

Er fragt darin, was Ägypten eigentlich ist? Ob es wirklich nur um diese alte Geschichte geht, die irgendwann einmal stattgefunden hat?

„Irgendein Land, vor Jahrtausenden, wo wir (die Juden) als „Volk“ geknechtet waren? Was hat der Mensch davon, wenn er nur im Sinne des „Wir“ denken und sehen kann, im Sinne seines „Volkes“? Ist er dann gesund, ist er dann glücklich? Lebt er dann ewig?" (F. Weinreb, Das jüdische Passahmahl. Und was dabei von der ­Erlösung erzählt wird, München, o.J., S. 20f.)

Weinreb fragt danach, welch einen Sinn es eigentlich macht, sich einer Befreiungsgeschichte zu erinnern, die vor Jahrtausenden stattgefunden hat, und stellt fest, dass das allein relativ bedeutungslos ist. Die jüdische Pessachfeier ist tatsächlich mehr als nur eine Geschichtsstunde. Die Feiernden werden ermahnt: „Ein jeder soll sich betrachten, als wäre er selber aus Ägypten ausgezogen.“

Es geht also um eine Befreiungsgeschichte, die sich zu allen Zeiten und in jedem Leben wiederholt. „Wir alle warten auf den Auszug aus Ägypten, wenn wir uns unserer Gefangenschaft, unseres Befangenseins klar geworden sind." (F. Weinreb, Das jüdische Passahmahl, S 21f.) – so Weinreb und er geht noch weiter: Ägypten, das sind wir ein Stück weit auch selber: „Ägypten, …, ist dasjenige im Menschen, das nur die Maßstäbe des Zeitlichen gelten lässt. Dann sind wir selber eigentlich die Ägypter. Und es ist eine Dummheit, ein Volk, irgendwo in der Zeit, kollektiv zu verdammen. Wir sind manchmal mehr, manchmal weniger Ägypten. … Der Ägypter mag es nicht, andere Maßstäbe als die der erscheinenden Welt anzuerkennen. Es ist ihm ein Greuel. Er organisiert, produziert und denkt kaum mehr an andere Maßstäbe." (aaO, S. 25)

Ägypten – das sollen wir selber sein? Wie ist das zu verstehen?

Wir brauchen nur daran zu denken, was uns zum biblischen Ägypten einfällt: Die großartigen Bauwerke, die Pyramiden, das reiche Land am fruchtbaren Nil mit vielen ­Kornspeichern, die Sklaven, die die Arbeit tun. Der Ägypter lebt im Überfluss, er hat alles um gut zu leben. Der Ägypter lebt so, wie wir vielfach heute leben und er will seinen Besitz, seinen Wohlstand verteidigen.

Weinreb erinnert daran, dass wir alle diesen ­Ägypter in uns haben: „Der Mensch, in dem dieser biblische Ägypter stark anwesend ist, bringt diese Art Welt hervor; zum Beispiel diese heutige Welt mit ihren politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Problemen, mit ihrem Konsumdenken, mit ihren Aggressionen und Depressionen. Das ist die Knechtschaft." (aaO, S. 26)

Und diesem Ägypten steht Israel gegenüber.

Israel stellt für den Ägpyter eine Gefahr dar, es relativiert seine Welt, das, was ihm so wichtig ist. Weinreb erinnert daran, dass der Name „Hebräer“ besagt, dass sie von der „anderen Seite“, also von Gottes Seite her kommen.

An den Israeliten wird deutlich, was für Gott wichtig ist. Nämlich dass der Mensch als freier Partner Gottes lebt, er ist nicht Knecht oder Sklave, sondern Abbild Gottes, ausgestattet mit großer Würde.

Für den Ägypter ist das gefährlich, es bedroht seine Ordnung, seine Werte.

„Hier das sinnlich Wahrnehmbare, dort das Ungebundene, das Freie, das Befreite. Und immer mehr werden diese Hebräer. Das heißt, immer meldet sich im Leben, dass man eigentlich, ganz andere Maßstäbe haben könnte. Dann wächst der Ärger der Ägypter, je mehr die Hebräer sich melden. Und dann knechten sie die Hebräer." (ebd.)

Weinreb entwickelt einen kühnen Gedanken:

Ägypten und Israel, das sind wir eigentlich beides, beides ist in uns. Oft sind wir wie die Ägypter, wollen dass alles so bleibt wie es ist, manchmal sind wir wie die Israeliten, die wissen, dass es da noch ganz andere Möglichkeiten gibt.

Ich finde das eine interessante Deutung, in der ich mich gut wieder finden kann. Wir alle sind hin- und hergerissen zwischen den Werten, die in unserer Gesellschaft gelten: Geld, Ansehen und Macht auf der einen Seite und die Maßstäbe, die Gott uns vorgibt und die Jesus und beispielhaft vorgelebt hat.

Die Exodusgeschichte, die wir in jeder Osternacht hören, ist so gesehen eine Geschichte, die sich in jeder Gesellschaft, in jedem Leben, ja letztlich auch in mir selber abspielt. Der Zwiespalt zwischen der Wirklichkeit, in der wir leben, und dem Leben, zu dem wir berufen sind und das in uns schon aufkeimt.

Paulus drückt das in seinem Brief an die Gemeinde in Rom sehr drastisch aus, indem er uns daran erinnert:

„Wir wurden mit Christus begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ ( Röm 6,3-11).

Auch bei Paulus taucht der von Weinreb gedachte Zwiespalt Ägypten-Israel im Leben des Menschen auf, der sich auf Gott ausrichtet.

Paulus spricht vom alten Menschen, der mit Jesus mitgekreuzigt wurde, damit wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Und durch die Auferstehung sollen wir uns als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben, wie die Hebräer, die von der anderen Seite, der Seite Gottes her kommen.

Wie die Israeliten in der Exodusgeschichte, sollen wir als neue, von der Auferstehung Christi erfüllte Menschen leben.

EXODOS – Ausgang, so ein Schild müsste bei uns auf die Osterkerze zeigen. Sie erinnert uns an den, der den Auszug vom Dunkel zum Licht, vom Tod zum Leben schon vollzogen hat. Sein Licht leuchtet in die Finsternisse unseres Lebens und zeigt an, in welche Richtung wir gehen sollen, wo der Ausgang ist.

Weil wir den Ausgang kennen, weil wir um die andere Seite des Lebens wissen, sollen wir als österliche Menschen leben.

Das ist der Anspruch! Aber wie ist die Wirklichkeit?

Auch da machen wir die gleiche Erfahrung wie das Volk Israel.


Die befreiten Israeliten bewegen sich nämlich immer noch in beiden Welten. Auf dem Weg durch die Wüste, sehnen sie sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens, und als Mose auf dem Berg Sinai ist, errichten sie das goldene Kalb als Götzen und tanzen um dieses.

Ich glaube, es ist schon viel gewonnen, wenn wir uns dieses Zwiespaltes auch in unserem Leben immer wieder bewusst werden. Wenn wir uns fragen, wo ist in mir, in meinem Leben und in unserer Gesellschaft Ägypten? Aber auch indem wir uns daran erinnern, dass wir zu mehr berufen sind, als wir derzeit leben. In der jüdischen Pessachfeier rufen sich die Feiernden zu: Nächstes Jahr in Jerusalem! – und das obwohl sie wissen, dass es wahrscheinlich nicht so sein wird. Aber es ist eine Ermutigung zum ständigen Aufbruch in Gottes neue Welt.

Für uns Christen ist diese neue Welt mit der Auferstehung Jesu Christi angebrochen. Er ist für uns die Tür, der Ausgang oder besser der Eingang in die Welt Gottes.

 

Ihr

Siegfried J. Thuringer, Pfr

 

 

 

 

 

Idealbilder im Herzen

 

Pfingsten bildet eine gewisse Zäsur im Kirchenjahr. Mit Pfingsten endet die österliche Festzeit, es geht hinein in die „normale“ Zeit des Jahreskreises, die – von mehreren Festen unterbrochen – bis zum Advent dauert. Aber erstmal geht’s hinein in den Sommer. Wenn das Wetter mitspielt, was man bei uns nie so sicher weiß, ist das in unseren Breiten die Zeit, in der es warm ist, mediterran anmutet, aber nicht so unerbittlich heiß ist wie im Süden. Idealvorstellung von Sommer. Wir wissen alle, dass so ein „Bilderbuchsommer“ nicht allzu oft vorkommt. Und doch tragen wir dieses Ideal im Herzen und wünschen uns einen sonnigen Sommer, mit viel Sonne, aber nicht zu heiß …

So geht es uns mit vielem: Wir tragen Idealbilder im Herzen und sind dann auch gern mal enttäuscht, wenn’s nicht ganz so ideal kommt, wie es vielleicht hätte kommen können. Sollten wir also immer das Schlechteste annehmen, damit wir danach nicht enttäuscht sind? Blödsinn! Eine solche pessimistische Grundhaltung würde jede Planung, würde das ganze Leben letztendlich verunmöglichen. Wir dürfen an Ideale glauben, und wir werden uns leichter tun im Leben, optimistisch zu sein, auch wenn wir dann immer wieder Abstriche machen müssen.

Ich denke, es gehört zu den „Gaben des Heiligen Geistes“, Ideale im Herzen zu tragen und sich an dem zu freuen, was davon Wirklichkeit wird, anstatt sich über das zu grämen, was nichts geworden ist. Man kann ein Glas bekanntlich halb voll oder halb leer sehen.

Ich wünsch uns zum Pfingstfest den heil-machenden Geist, der uns hilft, uns über das zu freuen, was ist.

Und ich wünsch uns einen schönen Sommer.

Ihr/Dein/Euer                                                                                                                          Kurat Peter Priller

 

 

 

Ostern als Bild unseres eigenen Lebens

 

Jesus Christus war Gott gleich,

hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,

sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave

und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen;

er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod,

bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott über alle erhöht

und ihm den Namen verliehen,

der größer ist als alle Namen,

damit alle im Himmel,

auf der Erde und unter der Erde

ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu

und jeder Mund bekennt:

"Jesus Christus ist der Herr" –

zur Ehre Gottes, des Vaters.                               Phil 2,6-11

 

 

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

Sie kennen diesen Text. Wir hören ihn oft als Lesung, meistens an den Brennpunkten des Kirchenjahres, also an den Brennpunkten des christlichen Glaubens überhaupt. Ich halte ihn für einen der zentralsten Texte des Neuen Testaments. Je länger ich über ihn nachdenke, umso wichtiger wird er für mich.

Paulus zitiert hier im Brief an die Philipper einen Hymnus, den er aus der urchristlichen Gottesdienstfeier übernommen hat. Und er erweitert ihn um einen kleinen wichtigen Zusatz, nämlich „bis zum Tod am Kreuz“.

Der Hymnus beschreibt einen Abstieg und einen Aufstieg: Die Entäußerung Gottes in Jesus Christus. Um seinem Geschöpf unüberbietbar nahe zu sein, wird er Mensch, bis hin zu letzten Konsequenz des Menschseins, bis hin zum Tod. Paulus weist nun mit seinem kleinen Zusatz darauf hin, dass es sich nicht um ein „seliges Ableben“ im hohen Alter handelt, sondern um einen Tod am Kreuz. In den Ohren der Menschen damals hatte das einen brutalen Klang. Um es zu verstehen und gleichzeitig zu aktualisieren, müssen wir den Satz – und das halte ich für legitim – verändern: Bis zum Tod durch den Strang, durch Steinigung, bis zum Tod auf dem Scheiterhaufen oder auf dem Schafott, bis zum Tod durch die Giftspritze oder auf dem elektrischen Stuhl, bis zum Tod durch Hinabstürzen, bis zum Tod in der Gaskammer. Um sich zu solidarisieren stirbt der menschgewordene Gottessohn den Tod aller Opfer von Gewalt bis zum heutigen Tag. Wieder und wieder wurde und wird der Mensch „gekreuzigt“ in Hinrichtungen, in Lynchmorden, in den Massenmorden der Schoa und anderswo. Und oft genug auch noch im Namen Gottes. Der Text entlarvt die Selbstgerechtigkeit des Menschen, der glaubt, sich über die Menschenschwester und den Menschenbruder erheben zu können und damit Gott selbst zum Delinquenten macht, Gott selbst hinrichtet.

Aber der Hymnus hört nicht beim Abstieg auf. Die ersten Christen haben genau in diesem Tiefpunkt menschlicher Existenz immer gleichzeitig den Aufstieg, die Erhöhung erkannt: „Darum hat ihn Gott über alle erhöht …“ Der am Kreuz erhöhte Gottessohn ist nicht nur diesseitig über der Erde erhöht. Er ist erhöht über die ganze Welt und Schöpfung, ist erhöht über die Himmel. Und mit ihm ist der erniedrigte und zertretene Mensch erhöht, über allen Staub, über alle Bosheit. Der Name des Erniedrigten, des Gekreuzigten, der Name Jesu wird zum Mittelpunkt der Schöpfung. Und alle, die ein solches Schicksal zu erleiden hatten und zu erleiden haben, sind mit ihm erhöht über den Staub der Selbstgerechtigkeit, der Anmaßung, der Bosheit.

Am Ende zitiert der Hymnus das erste Glaubensbekenntnis der Kirche: „Jesus Christus ist der Herr“. Ebenfalls eine Provokation, die wir heute nicht mehr heraushören, die Menschen damals sehr wohl: Der Herr, der Κύριος, das war allein der Kaiser in Rom, der (vermeintlich) mächtigste Mann der damaligen Welt. Der am Boden zerstörte, der ohnmächtige Mensch wird zum „Herrn“ oder zur „Herrin“ – anders als „die Herren der Welt“.

Ostern ist kein „billiges“ Fest. Ohne den Karfreitag ist Ostern nicht zu haben. Doch nur durch Ostern erhält der Karfreitag Sinn. Damit wird Ostern auch zum Bild unseres eigenen Lebens und zum Urbild für die Welt zu allen Zeiten.

Auch wenn es uns oft sinnlos erscheint, Ostern sagt: Kein Mensch komm sinnlos in die Welt und keiner geht sinnlos aus ihr hinaus. Ostern gibt dem scheinbar Sinnlosen einen Sinn. 

Ich wünsche Ihnen/Dir/Euch besinnliche Kartage, ein frohes Osterfest voll Hoffnung und Zuversicht und jeden Tag die Gewissheit, dass das Leben siegt.

Ihr/Dein/Euer                                                                                                                          Kurat Peter Priller

 

 

 

 

 

 

Ernst und Gelassenheit

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

da schaukelt sich doch grade was hoch: Auf der einen Seite die Pegida-Demonstrationen derer, die meinen, das „christliche Abendland“ retten zu müssen. Erfreulicherweise sind da aber auch die Gegendemon-strationen, die im Allgemeinen weitaus mehr Menschen auf die Straße bringen, weil Respekt, Akzeptanz und Menschenwürde doch die höheren „abendländischen“ Werte sind, die es zu verteidigen gilt.

Auf der anderen Seite die Terroranschläge von Paris auf die freie Presse, die Angst vor radikalen Ideologen, die im Namen einer Religion es sich herausnehmen, zu morden und Angst und Schrecken zu verbreiten.

Das Ganze ist eine ungute und explosive Mischung. Das Jahr 2015 hat nicht gerade erheiternd begonnen.

Dennoch möchte ich nicht verzweifeln oder finstere Szenarien malen. Das Jahr 2015 nimmt seinen Lauf und wir würden diesen Lauf bestimmt nicht dadurch verbessern, dass wir finstere Szenarien malen oder uns ängstlich in unser Schneckenhaus verkriechen.

Als aufgeklärter Mensch und als Christ, der reflektiert und erwachsen seinen Glauben lebt, scheint mir eine andere Haltung hilfreich zu sein: Ernst und Gelassenheit. Was da innerhalb und außerhalb Europas abgeht, muss schon ernstgenommen werden. Doch mit Rückzug und Schwarzmalerei würden wir sowohl denen in die Hände spielen, die Ängste und Vorurteile schüren als auch den anderen, die Terror und Tod verbreiten.

Gelassenheit und Vertrauen, Weitergehen auf dem Weg der Menschlichkeit und der Vernunft sind starke Boten der Freiheit und auch des Glaubens.

Dieser Kirchenzettel, der von Lichtmess bis Palmsonntag gilt, führt uns allmählich auf Ostern zu. Am Lichtmesstag schauen wir nochmal zurück auf Weihnachten, das Fest der Menschwerdung. Wie sagt doch der greise Simeon im Lukasevangelium zu Maria und Josef? „Dieser ist dazu bestimmt, dass viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden. Und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden.“ (Lk 2,33-35) Wie ist das Kind, über das Simeon spricht als Mann mit den Menschen umgegangen? Er hat sich nicht abgegrenzt. Er hat mit denen gesprochen, mit denen zu sprechen damals verboten war, mit Frauen, Samaritern und Kanaanäern. Er hat sich von Huren und Zöllnern berühren lassen, er war zu Tisch bei den Reichen und bei den Armen gleichermaßen, weil es Menschen waren. Freilich war er nicht entwurzelt. Er wusste, wo er steht und wo er herkommt. Als Jude hat er die jüdischen Feste gefeiert, den Sabbat gehalten. Doch für ihn war ganz klar: „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27) Was für den Sabbat gilt, gilt auch für andere Vorschriften und Texte. Es geht immer um den Menschen. Fundamentalisten, egal welcher Religion, sehen das anders. Und christliche Fundamentalisten haben genau am entscheidenden Punkt nichts von der Lehre Jesu verstanden.

Jesus von Nazareth ist seinen Weg weitergegangen aufrecht und gelassen. Äußerlich gesehen ist er gescheitert. Sein menschlicher Lebensweg endete mit der Hinrichtung am Kreuz. Doch genau in diesem Scheitern liegt seine Stärke. Es offenbart sich ein Gott der Menschlichkeit, ein Gott der Liebe bis hin zur letzten Konsequenz.

Die wenigsten von uns werden die innere Stärke und Gelassenheit Jesu haben und das müssen wir auch nicht. Aber wir können es immer wieder versuchen, Zeichen der Menschlichkeit zu setzen, wo immer uns Unmenschlichkeit und Grausamkeit und Herzenskälte begegnen.

Ich wünsche uns allen Mut machende Tage von Weihnachten auf Ostern zu.

Ihr/Dein/Euer        Kurat Peter Priller

 

 

 

 

 

Auf den Spuren Döllingers

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freudinnen und Freunde unserer Gemeinde,


AUF DEN SPUREN DÖLLINGERS – Herzliche Einladung zu einer Begegnung
mit einem der geistigen Väter der Alt-Katholischen Kirche.

Am 10. Januar 2015 jährt sich zum 125mal der Todestag Ignaz von Döllingers (1799 – 1890). Das Bistum und die Gemeinde München laden deshalb zu einer Spurensuche ein, bei der auch Döllinger selbst zu Wort kommen soll.

 

Im Laufe seines langen Lebens war Döllinger viel unterwegs, nicht nur ganz wörtlich, seine Lebens- und Arbeitsstationen umfassen u.a. Bamberg, Würzburg, Aschaffenburg, Frankfurt und vor allem München, sondern auch in seinem theologischen Denken. Ursprünglich wollte er als Pfarrer „eine Pfarrei, nahe an einem Walde und mit so viel Einkommen, um sich eine Bibliothek anschaffen und ungestört studieren zu können“. Doch stattdessen machte er Karriere in der theologischen Wissenschaft und war als einer der bedeutendsten Theologen des 19. Jahrhunderts weit bekannt und angesehen. Seine Ansichten entwickelten sich im Laufe seines Lebens weiter, wobei sein Maßstab seine aus der geschichtlichen Forschung gewonnenen Erkenntnisse waren. Sein Schüler und Freund John Lord Acton (1834-1902) beschied Döllinger Jahr 1871 in einem Brief: „Was alle ihre Schriften der letzten 40 Jahre auszeichnet ist nicht eine besondere gemeinsame Doctrin – ich finde wenigstens keine- sondern dieselbe moralische Gesinnung, der Muth die Wahrheit zu suchen und zu sagen“ (Döllinger Briefwechsel mit Lord Acton, Band 3, S. 46)

 

Als am 18. Juli 1870 das I. Vatikanische Konzil die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen und den Jurisdiktionsprimat des Papstes für die gesamte Kirche festschrieb, war Döllinger eine zentrale Figur des Widerstandes. Seine kritische Analyse der Kirchengeschichte und der Stellung des Papsttums führten zu seiner Ablehnung der Beschlüsse des Konzils. 1871 wurde er deswegen förmlich exkommuniziert und zu einem der geistigen Väter der alt-katholischen Bewegung und später der alt-katholischen Kirche.

 

Sein hohes Ansehen als Gelehrter führte dazu, dass er im gleichen Jahr abermals zum Rektor der Universität München gewählt wurde, er war seit 1873 Präsident der bayerischen Akademie der Wissenschaften und Leiter aller bayerischen staatlichen Sammlungen.

 

1874 und 1875 leitete er die Bonner Unionskonferenzen, die bedeutendsten ökumenischen Bemühungen des 19. Jahrhunderts, zu denen sich Vertreter der Orthodoxie, der anglikanischen Gemeinschaft, der evangelischen Kirchen und Alt-Katholiken unter der Leitung Döllingers zusammengefunden haben. Die Full Communion (volle Kirchengemeinschaft) mit den Anglikanern (1931) aber auch der weitgehende Lehrkonsens mit der Orthodoxie in den 80er Jahren des 20. Jhd. wurden hier grundgelegt.

Döllinger bekam eine Vielzahl von Ehrentiteln, so war er auch Ehrenbürger der Stadt München. Er starb am 10. Januar 1890 und wurde auf dem Münchner Südfriedhof nach alt-katholischem Ritus bestattet. Die Trauerfeier hielt sein Schüler Prof. Johannes Friedrich unter Assistenz von Pfarrer Anton Gatzenmaier. Der Eintrag im Beerdiungsmatrikel der alt-katholischen Gemeinde München (13. Januar 1890) vermerkt ferner, dass der griechisch-katholische Pfarrer Dr. Spiliotopoulos und der anglikanische Pfarrer Blomefield am Begräbnis im Ornat teilnahmen.

 

Ein beeindruckendes und langes Forscherleben, das fast das gesamte 19. Jahrhundert umfasst, ging damit zu Ende. Döllinger hat in seiner Jugend in Würzburg Napoleon gesehen, war Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung 1848, mit vielen bedeutenden Männer und Frauen seiner Zeit befreundet und hat vielfältig das theologische Denken seiner Zeit geprägt.

Bei uns in der Gemeinde ist sein Name durch den Döllingersaal in der Unterkirche präsent, wir sehen sein Bild und sein Büste bei jedem Kirchenkaffee.

Was von seinem Gedankengut ist heute noch lebendig? Welche Spuren hat sein ­Denken und Handeln hinterlassen?

Am 10. und 11. Januar laden wir Sie mit einem vielfältigen Programm ein, diesen Fragen nachzugehen:

 

Samstag, 10. Januar 2015

11.00 Uhr  Stadtspaziergang (Gasteig, Schwabing, Innenstadt)

               Stationen von Döllingers Leben und Arbeiten

               Treffpunkt ist die Nikolaikirche am Gasteig.

               Wir laufen und fahren zu Orten, die Döllingers Alltag prägten.

               Bitte gutes Schuhwerk anziehen und eine MVV-Karte mitnehmen.

 

17.00 Uhr  Festakt in der Alt-Katholischen Kirche St. Willibrord

               mit anschließender Begegnung im Döllingersaal

               Die Festansprache hält Prof. Dr. Angela Berlis,

               Departement für Christkatholische Theologie der Universität Bern.

               Es erklingt Musik des 19. Jahrhunderts.

 

Sonntag, 11. Januar 2015

10.00 Uhr  Festgottesdienst mit Bischof Dr. Matthias Ring mit Besuch des Döllingergrabes auf dem alten Südfriedhof

               Anschließend gemeinsames Essen im Hofbräuhaus.

 

 

Ihre Siegfried J. Thuringer und Dr. Elisabeth Bach, Mitglieder des Kirchenvorstands

 

 

 

 

 

 

Ab 4. Oktober immer mittwochs

19.30 Uhr Workshop Christbaumschmuck

Wochenende 13. - 15. Oktober

Ökumenisches Bibelwochenende

Samstag, 11. November

10.00 Uhr  - 13.00 Uhr baf-Frauenfrühstück

Sonntag, 12. November

10.00 Uhr Familiengottesdienst

Sonntag, 19. November

10.00 Uhr Firmung in St. Willibrord