Spirituelle Impulse 2014

Maria durch ein Dornwald ging

Maria durch ein Dornwald ging,
Kyrie eleison.
Maria durch ein Dornwald ging,
der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.
Jesus und Maria.

Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.

Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.
Jesus und Maria.

 

Ein sehr bekanntes Adventslied. Im alt-katholischen Gesangbuch „Eingestimmt“ finden Sie es in der ursprünglichen siebenstrophigen Fassung unter der Nummer 495.

Die Ursprünge des Liedes liegen im Dunkeln, was es als ein echtes Volkslied auszeichnet. Möglicherweise  als Wallfahrtslied in der Zeit der Reformation und Gegenreformation entstanden atmet es sowohl in seiner Melodie als auch im Text noch den Geist des späten Mittelalters. 1608 wird es im Andernacher Gesangbuch erwähnt und die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts verhilft ihm als Adventslied zu großer Popularität im deutschen Sprachraum.

Das beschriebene Geschehen bezieht sich wohl auf den Besuch Marias bei ihrer Base Elisabeth. Auf dem Weg von Galiläa nach Judäa wird im Lied ein totgeglaubter Dornwald inszeniert: Dornen sind sowieso unangenehm, stachlig und dieser Dornwald hat seit sieben Jahren kein Laub mehr, ist also tot. Aber Moment! Dornwald – war da nicht was? Genau! Im Buch Exodus offenbart Gott dem Mose seinen Namen im brennenden Dornbusch (Ex 3 und 4): YHWH: Ich bin der ICH-BIN-DA. Und Mose erhält den Auftrag, sein Volk in die Freiheit zu führen.

Im Lied wird nun der Sohn Gottes, der Sohn des ICH-BIN-DA im Mutterleib durch einen Dornwald getragen. Und der totgeglaubte Dornwald erwacht zu neuem Leben. Ja, er trägt nicht nur grünes Laub, sondern Rosen.

Gott hat sein Wort, das er dem Mose gegeben hat, nämlich immer da zu sein, gehalten.

Den hebräischen Gottesnamen YHWH zu übersetzen, ist sehr schwierig. „ICH-BIN-DA“ trifft die Bedeutung nur partiell. Etwas genauer: „Ich bin da für dich zu allen Zeiten, an allen Orten, wann immer du mich brauchst und rufst“.

Das Adventslied/Wallfahrtslied steckt für die Menschen der Reformations- und Gegenreformationszeit  voller Hoffnung: Gott lässt sie nicht allein, gerade in schweren, in dornigen Zeiten. Gott hat sich in Dornen geoffenbart. Er kann sich auch auf den dornigen Wegen meines Lebens offenbaren als der, der da ist. Und das Kind, das Maria da durch den Dornwald trägt, wird sich als erwachsener Mann erneut offenbaren in Dornen als der Gott, der bei den Leidenden, den Geknechteten, den Ausgestoßenen ist: Mit Dornen gekrönt vor seiner Hinrichtung.

Offenbarung Gottes, Erscheinung des Herrn, Epiphanie, geschieht nicht in Glanz und Gloria, weder im Alten Testament, noch im Leben Jesu, noch im eigenen Leben. Gott offenbart sich in den Dornen und die Dornen fangen an zu blühen, auch im unseren bewegten Tagen …

Ich wünschen Ihnen / Dir / Euch besinnliche Adventstage, ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest und den Segen des Kindes von Bethlehem für das neue Jahr 2015.

Ihr/Dein/Euer                              Kurat Peter Priller

 

 

 

 

Gedenken an den Ersten Weltkrieg

Liebe Gemeinde,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

dieser Kontaktbrief erscheint in einer Zeit, in der an vielen Orten und in ganz unterschiedlichen Beiträgen an den Ausbruch des 1. Weltkrieges am 01. August 1914 und dem damit verbundenen Grauen vor 100 Jahren erinnert wird. In München wird am 31. Juli um 19.00 Uhr ein zentraler ökumenischer Gottesdienst in St. Johann Baptist/Haidhausen unter dem Motto „Gemeinsam gedenken – Versöhnung leben“ gefeiert. Vor dieser Kirche wurden vor 100 Jahren die Truppen gesegnet, bevor sie in den Kampf zogen. Heute geht es darum ein gemeinsames Zeichen der gewachsenen Versöhnung und des Einsatzes für den Frieden zu setzen.

Auch für unsere Gemeinde sind die Ereignisse vor 100 Jahren ein wichtiges Erinnerungsdatum im Hinblick auf die Geschichte unseres Kirchengebäudes. 

Vor wenigen Wochen haben wir das 100-jährige Jubiläum der Einweihung der Kirche gefeiert. Damals, als St. George, war sie die Kirche der englischen Gemeinde in München, und die Einweihung und das gemeinsame Fest danach, mit den Würdenträgern der Stadt und des Staats gaben Hoffnung auf ein weiteres friedliches Zusammenleben. Der die Weihe vornehmende anglikanische Bischof Herbert Bury berichtete im ­Rückblick: „‚Wo‘, so sagte ich, ‚können wir wie hier eine schöne Gemeinschaft sehen, in der alle Gastgeber einer Nation angehören und alle Gäste einer anderen, …, und wo alle Gastgeber einer Kirche angehören … und alle Gäste einer anderen Kirche, die keine Gemeinschaft haben. Und doch herrscht große Freundlichkeit und alle denken an die eine Kirche des Erlösers. Impliziert das nicht, das wir im Nationalbewusstsein in seiner besten Form und in der Religion in ihrer spirituellsten Form Kräfte und Einflüsse haben, die die Menschheit zusammenbringen können und sie nicht trennen?‘ Niemand von uns wird den Enthusiasmus vergessen, mit der die ganze Versammlung diese Worte begrüßte. Wie oft muss uns das eingefallen sein, wenn wir uns an diese Worte erinnern, denn dies war im Mai – und Ende Juni waren wir im Krieg!“ 

Der Krieg begann tatsächlich erst im August, Bischof Bury spricht hier vom Zeitpunkt des Attentats auf den österreichischen Thronfolger, das den Anlass des Krieges bildete. 

Mit Kriegsbeginn wurde das Kirchengebäude unter Zwangsverwaltung gestellt, da sie in „feindlichem“ Besitz war. Diese wurde durch die bayerischen Behörden allerdings nur milde angewandt, die Kirche blieb geschlossen und wurde keiner anderen Glaubensgemeinschaft zur Verfügung gestellt und auch nicht zu anderen Zwecken genutzt. Auch im Krieg gab es Zeichen der Hoffnung: Die Beziehung zwischen dem Münchner Oberbürgermeister v. Borscht und Bischof Bury sorgte dafür, dass dieser die Lager in Deutschland besuchen konnte, in denen Engländer interniert waren. Er bemühte sich auch um eine gute Versorgung der Deutschen, die in England interniert waren. Der 1. Weltkrieg bedeutete zwar das Ende der englischen Gemeinde in München – der alt-katholischen Gemeinde, die seit 1919 regelmäßig Gottesdienste in der Kirche in der Blumenstraße feiert und die die Kirche 1929 von der anglikanischen Kirche erwerben konnte, war die Gründungsgeschichte aber stets präsent. Seit 1931 besteht die volle Kirchengemeinschaft zwischen alt-katholischer und anglikanischer Kirche und die amerikanische Gemeinde „Church of Ascension“ feiert noch heute einmal im Monat ihren Evensong in unserer Kirche. Mit ihr zusammen wollen wir in einem gemeinsamen Gottesdienst am 03. August an den Ausbruch des 1. Weltkrieges erinnern und der Opfer von Krieg und Gewalt gedenken.

Es geht dabei aber nicht nur um historisches Erinnern, sondern auch um Mahnung, uns des andauernden Auftrages als Christen bewusst zu bleiben, nämlich für Friede, Gerechtigkeit und Versöhnung zu arbeiten, zu beten und danach zu trachten, die Wunden der Geschichte zu heilen, mit Differenzen leben zu lernen und an einer Kultur des Friedens zu bauen.

Gerade in einer Zeit, in der wir täglich in den Nachrichten mit Kriegen und deren schrecklichen Auswirkungen konfrontiert werden, ist es gut sich dieses Auftrages zu erinnern.

Ihre Siegfried J. Thuringer, Pfarrer und

Dr. Elisabeth Bach, Mitglied des Kirchenvorstands

 

 

Die Versöhnungslitanei aus Coventry

Nach der Zerstörung der Kathedrale „St. Michael“ in Coventry durch die ­deutsche Luftwaffe im 2.  Weltkrieg ließ der Dompropst Richard Howard die Worte „Father forgive“ in die Chorwand der Ruine einmeißeln. Diese Worte bestimmen das Versöhnungsgebet von Coventry, das in den fünfziger Jahren entstand.  Dieses Gebet ist ein weltweites Zeichen der Versöhnung und der Hoffnung geworden:

 

Wir haben alle gesündigt
und mangeln des Ruhmes,
den wir bei Gott haben sollten.

Darum laßt uns beten: Vater, vergib!

Den Haß, der Rasse von Rasse trennt,
Volk von Volk:

Vater, vergib!

Das habsüchtige Streben
der Menschen und Völker,
zu besitzen, was nicht ihr Eigentum ist:

Vater, vergib!

Die Besitzgier, die die Arbeit
der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:

Vater, vergib!

Unserern Neid auf das Wohlergehen
und das Glück der anderen:

Vater, vergib!

Unsere mangelnde Teilnahme
an der Not der Flüchtlinge
und Heimatlosen:

Vater, vergib!

Den Rausch,
der Leib und Leben zugrunde richtet:

Vater, vergib!

Den Hochmut, der uns verleitet,
auf uns selbst zu vertrauen
und nicht auf dich:

Vater, vergib!

Lehre uns, o Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen,
dass wir miteinander und mit dir in Frieden leben:

Darum bitten wir dich um Christi willen

Amen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jesus Christus als Grundstein

 

Seit Monaten schon kann es einem beim Hören der Nachrichten Angst und Bange werden.

Zu viele Krisenherde auf einmal: Ukraine, Irak/Syrien, Palästina/Israel … Durch den Ukraine-Konflikt erleben wir plötzlich wieder sowas wie eine Neuauflage des „kalten Kriegs“, den wir schon als Teil Geschichte gewähnt haben, und wir können nur hoffen, dass diese Neuauflage als Krieg wenigstens „kalt“ bleibt und insgesamt wieder (und dann für immer) im Fundus der Geschichte verschwindet, bevor ein „heißer Krieg“ daraus wir. Ausmalen mag man sich das lieber nicht.

Dazu kommen Ebola in Westafrika, fortschreitender Fundamentalismus, Demokratie- und Menschenverachtung, keineswegs nur in islamischen Ländern.

Ein in seinen Ausmaßen und in seiner Bedeutung noch nicht abschätzbarer Flüchtlingsstrom ist die erste Folge dieser jüngeren Entwicklung. Bei sehr vielen Christen im Osten und leider auch bei nicht wenigen im Westen bekommt man zunehmend den Eindruck, sie würden die Errungenschaften der Aufklärung gerne über Bord werfen und am liebsten beim Status nach dem Dreißigjährigen Krieg 1648 anknüpfen. Meine Vorstellung von Christentum ist es nicht, wenn im 21. Jahrhundert Frauen immer noch in den Kirchen benachteiligt werden (und das werden sie, sonst gäbe es längst überall Priesterinnen und Bischöfinnen),  wenn Menschen nach ihrem Sexualverhalten beurteilt werden, obwohl die Psychologie uns längst Besseres gelehrt hat, und wenn konfessionelle Grenzen und Unterschiede immer noch mehr betont werden als der gemeinsame Grundstein: Jesus Christus.

Vor allem in den ländlichen Gebieten Bayerns und Österreichs wird im Oktober das allgemeine Kirchweihfest gefeiert (übrigens eine „Erfindung“ der Aufklärung unter Kaiser Josef II.). Ich möchte dieses Fest, das zunehmend in Vergessenheit gerät, zum Anlass nehmen, Jesus Christus als Grundstein, als „Fundament“ ins Auge zu fassen. Interessanterweise benennen die Fundamentalisten im Christentum alles Mögliche als „grundlegend“ für eine christliche Gesellschaftsordnung – am liebsten die Rollenverteilung der Geschlechter und das Sexualverhalten der Menschen. Da zitiert man dann gerne Paulus und noch lieber das Alte Testament. Doch genau über diese Fragen lesen wir von Jesus nahezu nichts. Was macht also das Fundament des Christentums aus, wenn nicht der Mann aus Nazareth? „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden … selig, die Hungernden, denn sie werden gesättigt werden …“ Die Seligpreisungen der Bergpredigt werden wir am Allerheiligentag als Evangelium hören. Und am letzten Sonntag des Kirchenjahres, in der Gerichtsrede des Matthäusevangeliums den großen Satz: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“ bzw. „nicht getan“.

Ob wir „christlich leben“ oder nicht, entscheidet sich weder an der Frequenz unserer Gottesdienstbesuche (so sehr ich mich freu, wenn die Kirche voll ist), noch an unserem „Wohlverhalten“ durch ein Leben ohne Brüche und Kanten. Christliches Leben zeigt sich aber sehr wohl darin, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen, die an Europas Grenzen Hilfe und Rettung erhoffen. Christliches Leben zeigt sich am liebevollen Umgang mit jedem einzelnen Menschen und seiner Lebensgeschichte. Christliches Leben zeigt sich für mich am Verzicht auf Be- und Verurteilungen anderer.

Die politische Großwetterlage kann einem derzeit Angst machen. Und doch treiben wir nicht hilflos im Ozean der Geschichte. Wir haben ein Fundament, wir haben Bausteine für eine bessere Welt. Diese Sonn- und Feiertage am Ende des Kirchenjahres verweisen uns auf ein Fundament, das nicht fundamentalistisch ist: Auf Jesus Christus, dem’s nie um „Rechtgläubigkeit“ ging, sondern um den Menschen.

Besinnliche Herbsttage und Mut zum Leben wünscht Ihnen / Dir / Euch

Euer Kurat                                                                                                                                          Peter Priller                          

 

 

Geh aus mein Herz und suche Freud ...

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud

in dieser lieben Sommerzeit

an deines Gottes Gaben;

Schau an der schönen Gärten Zier,

und siehe, wie sie mir und dir

sich ausgeschmücket haben.           …

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,

des großen Gottes großes Tun

erweckt mir alle Sinnen;

ich singe mit, wenn alles singt,

und lasse, was dem Höchsten klingt,

aus meinem Herzen rinnen.    …       

(Paul Gerhardt)

 

Die beiden Strophen aus Paul Gerhardts „geistlichem Sommerlied“ finden wir in unserem alt-katholischen Gesangbuch „Eingestimmt“ unter der Nummer 658. Ein Lied das in der deutschen evangelischen Kirchenlied-Tradition fest verwurzelt und nach wie vor beliebt ist. Im Gegensatz zu anderen evangelischen Liedern konnte sich „Geh aus mein Herz“ im katholisch geprägten Bereich nie so recht durchsetzen.

Ich singe dieses evangelische Lied sehr gern, vor allem am eher katholisch geprägten Fest des Heimgangs Marias, am 15. August. Mit diesem alt-kirchlichen Fest, das in der orthodoxen Tradition „κοίμηση της Θεοτόκου“    (= Entschlafung der Gottesmutter“) heißt, verbindet sich der uralte Brauch der Kräutersegnung. Rupert Berger schreibt dazu: „Schon die heidnische Antike und die germanischen Völker wussten um die Heilkraft der Pflanzen … Die Kirche des Mittelalters suchte dieses Brauchtum zu verchristlichen, indem sie in ihren Gebeten die Wirkung der Kräuter auf Gott und die Fürsprache der Gottesmutter und der Heiligen zurückführte … Auch die in der Liturgie übliche Bezeichnung Marias als „Blume auf den Wiesen und Lilie der Täler“ (vgl. Hld 2,1) mag zur Bevorzugung des Festes am 15. August beigetragen haben“ (A. Adam/R. Berger; Pastoralliturgisches Handlexikon; S. 283 f.; Freiburg 1981).

Ich mag dieses Fest am Wendepunkt des Sommers, gerade in seiner ursprünglichen alt-kirchlichen Form, das eine Dogmatisierung wie sie später durch die römische Kirche erfolgte, gar nicht nötig hat. Genau deshalb verbinde ich es gern mit dem „ur-protestantischen“ Sommerlied von Paul Gerhardt.

Wir feiern heuer an diesem Marienfest am 15. August unseren Berggottesdienst auf der Stie-Alm am Brauneck. Unterhalb der Stie-Alm-Kapelle befindet sich ein wunderschöner Kräutergarten. Kann es einen passenderen Ort geben für diesen Gottesdienst an „Mariae Himmelfahrt“ mit der Segnung von Kräutern und Blumen?

Was uns allen verheißen ist, hat Maria geschafft. Sie ist ihrem Sohn gefolgt ins Licht und ins Leben. In diesem Sinn schreibt Paul Gerhardt auch sein Lied weiter:

„ 9. Ach, denk ich, bist du hier so schön

und läßt du’s uns so lieblich gehn

auf dieser armen Erden;

was will doch wohl nach dieser Welt

dort in dem reichen Himmelszelt

und güldnen Schlosse werden!“

 

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen/Euch allen schöne und erholsame Sommertage, einen guten Start in den Herbst und jeden Tag die Freude am Leben, die aus dem Fest am 15. August und aus Paul Gerhards Lied spricht.

Ihr / Dein / Euer  Kurat                                                           Peter Priller

 

 

 

 

 

 

Christliche Werte

Im Hanfstängl-Haus in Bad Tölz haben bekanntlich zwei Organisationen ihre Heimat gefunden: Unsere alt-katholische Filialgemeinde und der SchuTz – Schwule und Lesben in Tölz und im Oberland e.V. Natürlich sind die Besucher des SchuTz-Stammtisches immer auch zu unseren Gottesdiensten eingeladen und nicht wenige kommen ja auch. Aber ansonsten halte ich das schon ordentlich getrennt und die Mehrheit unserer Gemeinde gehört auch der „ganz normalen“ heterosexuellen Mehrheit an, allerdings mit der Offenheit, dass  Lesben und Schwule  von Anfang an voll  integriert sind und sich zusammen mit jungen Familien und Alleinstehenden am Gemeindeleben beteiligen.

Ausnahmsweise möchte ich diese „Kombination“ in meinem Haus einmal thematisieren, aus zweierlei Gründen: Erstens feiert der SchuTz e.V.  am ersten Augustwochenende sein 20-jähriges Bestehen und schließt die Feier mit einem ökumenischen Gottesdienst in unserer Tennerkapelle. Zweitens haben die sehr unterschiedlichen Reaktionen auf den ESC-Sieg von „Conchita Wurst“ in jüngster Zeit doch gezeigt, welcher Bruch sich auch durch unsere Gesellschaft zieht, wenn es um Geschlechterrollen, Lebensformen und sexuelle Orientierung geht. Die einen sind von dem Tabu-Bruch des Tom Neuwirth (so heißt Conchita Wurst wirklich) begeistert, andere sehen darin den „Untergang des christlichen Abendlandes“ besiegelt. Als Christ, der sich der liberalen Tradition der alt-katholischen Kirche verbunden weiß, gestehe ich jedem Menschen zu, dass einem Conchita Wurst und ihr Song gefallen können oder nicht. Aber der Untergang des christlichen Abendlandes ist eine „Frau mit Bart“ (was schon falsch ist, denn es ist ein Mann mit Bart, der sich wie ein Frau schminkt und kleidet) sicher nicht. Wenn man die negativen Reaktionen auf Conchita Wurst so liest, merkt man, dass da ganz schnell immer von irgendwelchen „Werten“ oder „christlichen Werten“ die Rede ist, ohne, dass diese Werte eigentlich benannt werden. Anscheinend liegen die „Werte“, die viele durch das Christentum überliefert sehen, in ziemlich äußerlichen Phänomenen, wie die Frage, wer sich wie anzieht oder wer sich an gesellschaftliche Übereinkünfte hält und wer nicht.

Für mich sind die „Werte“, die das Christentum überliefert andere: Respekt vor der Würde jedes Menschen; Respekt vor der je eigenen (Leidens-)Geschichte; friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Prägung und Geschichte; Respekt vor der Freiheit des Einzelnen, sein Leben unter Rücksichtnahme auf die anderen frei zu gestalten; sich gegenseitig beizustehen, wenn Not ist; Achtung vor der ganzen Schöpfung;  Achtung vor religiöser und politischer Überzeugung; innere (spirituelle) Rückbindung an den Jesus Christus der Evangelien (Bergpredigt); die grundsätzliche Bezogenheit auf andere (Christsein geht nicht alleine); und (jetzt werd ich grundsätzlich) die Demut, dem Lieben Gott das Urteilen zu überlassen. Der Verzicht, permanent sich Urteile anzumaßen, wäre ein hoher christlicher Wert, der den Kirchen sehr viel besser anstünde, als  dauernde Verurteilungen von Menschen und Ansichten. Das Verurteilen sehe ich als eine der Hauptversuchungen an, der die Kirchen leider immer wieder erlegen sind und erliegen.

Unsere alt-katholischen Bistümer sind genau deswegen entstanden, weil die Väter und Mütter unserer Kirche zu Opfern von Verurteilungen geworden sind. Aufgrund dieser Erfahrung hält sich die alt-katholische Kirche weitgehend von Verurteilungen fern. Ganz ist auch ihr das nicht immer gelungen, aber im Vergleich zu anderen weht bei uns doch ein im guten Sinn liberaler Geist, der die „Werte des Christentums“ nicht an Äußerlichkeiten festmacht.

Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich meine Lebensaufgabe darin sehe.

Der Liebe Gott hat sich mit Sicherheit was dabei gedacht, dass er diese Welt und die Menschen so unterschiedlich und bunt gestaltet hat. Ein plumper Biologismus bringt uns gewiss nicht weiter. Aber die Demut, anzuerkennen, dass Gott die Welt und mit ihr die Seele des Menschen vielschichtiger gestaltet hat, als wir uns das selber ausdenken könnten.

Die Lesben- und Schwulenbewegung hat schon lange den Regenbogen als Symbol gewählt. Und das ist gut so. Der Regenbogen steht als Zeichen der Versöhnung zwischen Gott und Mensch über der sinkenden Flut.

Wir sind eingeladen, Gegensätze zu versöhnen. Und wir werden im Miteinander feststellen, dass viele Gegensätze nur künstlich sind.

Wer bei mir im Hanfstängl-Haus ein- und ausgeht, weiß das. Feiern wir zusammen das Leben!

 

Ihr / Dein / Euer  Kurat                                                           Peter Priller

 

 

 

 

 

 

 

Eucharistie

Liebe Gemeinde,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,


„Bleiben wir, was wir empfangen haben, Leib Christi.“ Mit diesen Worten entlasse ich in der Regel die Kommunizierenden am Ende der Kommunionausteilung. Mir ist dieser Gedanke, er stammt vom heiligen Augustinus, im Laufe der Jahre sehr wichtig geworden. „Esst, was ihr seid: Leib Christi! Und seid, was Ihr esst: Leib Christi!“ – so das Original – drückt wie ich finde sehr treffend aus, um was es bei der Feier der Eucharistie eigentlich geht. Nämlich nicht um ein einseitiges Empfangen unsererseits, sondern um ein zutiefst kommunikatives Geschehen, das Veränderung bewirkt und zwar weniger mit Worten als in Zeichenhandlungen.

Von Brot und Wein sagt Jesus: Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird, mein Blut, das für Euch vergossen wird. Brot und Wein sind also Zeichen, die auf Jesus Christus selber verweisen, und die wir in der Kommunion empfangen, als Leib und Blut Christi, als Brot des Lebens und als Kelch des Heiles.

Wenn man die liturgischen Gebete genauer anschaut, dann wird aber über Brot und Wein noch mehr gesagt, nämlich in den Gebeten zur Bereitung der Gaben. Auch da wird davon gesprochen, dass Brot und Wein Zeichen sind. Allerdings bezieht sich die Zeichenhaftigkeit hier noch nicht auf Jesus Christus, sondern auf uns und unser Leben. Brot und Wein sind:

•          Zeichen für Gottes Schöpfung

•          Nahrung für unser vergängliches Leben

•          Zeichen unseres Dankes

•          Zeichen der Bereitschaft einander anzunehmen

•          Zeichen unserer Bereitschaft zur Umkehr

•          Zeichen unserer Liebe zu Gott

•          Zeichen unserer Offenheit und unseres Vertrauens

•          Zeichen unserer Hingabe

•          Zeichen unserer Bereitschaft, Gottes Willen zu erfüllen

In all diesen Texten* wird von uns gesprochen, davon, dass die Gaben etwas mit uns zu tun haben, dass sie von uns gebracht werden, und dass sie ein Zeichen für uns sind, zumindest für einen Teil unseres Lebens. In einem Gebet wird sogar ausdrücklich gesagt: „Mit Brot und Wein bringen wir unser Leben vor dein Angesicht.“

 Brot und Wein werden also nicht erst in der Feier zu einem Zeichen für Jesus Christus, sondern sie stehen für vieles mehr: Sie sind Zeichen für die ganze Schöpfung, für unser Leben als Gemeinschaft, für jedes einzelne Leben und auch für mich selber, der ich an dieser Feier teilnehme. Mit ihnen bringe ich auch mein Leben mit allem, was dazu gehört, in diese Feier ein. Brot und Wein bekommen nicht erst eine Bedeutung nach dem sogenannten Einsetzungsbericht, nach der Wandlung, wie man früher sagte, sondern sie haben schon eine Bedeutung. Sie sind Zeichen für uns selber, die wir zur Eucharistie versammelt sind.

 Wenn Jesus Christus über dieses Brot und diesen Wein sagt, das ist mein Leib, mein Blut, also mein Leben, dann bedeutet das doch auch: Unser Leben ist Jesu Leben, sein Leben ist unser Leben; was unser Leben ausmacht, was sein Leben ausmacht, das wird miteinander verwoben.

 Brot und Wein erfahren keinen Bedeutungswandel, sondern werden in ihrer Bedeutung noch verdichtet: Ich darf mein Leben, ja alles Leben getragen wissen von Jesus Christus.

In der Feier der Eucharistie mache ich mich fest in einer Gemeinschaft, in der mein Leben in all seiner Gebrechlichkeit aufgehoben ist. Ich mache mich fest in der Gemeinschaft mit Jesus Christus und in der Gemeinschaft der Glaubenden untereinander, auch mit denen, die vor uns waren.

So verstanden bekommt die Kommunion, das Teilen von Brot und Wein, für mich einen tiefen Sinn: Es wird nicht nur ein Stück Brot geteilt, sondern ich habe dabei Anteil am Leben Jesu, von dem er sagt, dass es über das vergängliche Leben hinausreicht, und ich habe Anteil am Leben aller, die miteinander Eucharistie feiern.

Diese Teilhabe endet nicht mit dem Gottesdienst, sondern soll in meinem, in unserem Leben erfahrbar sein: „Esst, was ihr seid: Leib Christi! Und seid, was Ihr esst: Leib Christi!“ Dass uns das als Gemeinde immer mehr ge­lingt, wünsche ich uns allen.

 

Ihr

Siegfried J. Thuringer, Pfr.

 

 

*Auswahl Wo. v. Him I /  17. So / Wochentage der Osterwoche 2 / Gründonnerstag / Aschermittwoch / Wo nach So von der Taufe Jesu / Auswahl Wo. v. Him II / 26. So / So. v. wiederkommenden Herrn; Nennung in der Reihenfolge der Aufzählung der Zeichenhaftigkeit im Text

 

 

 

 

 

 

 

 

 

OSTERNACHT – Dreh und Angelpunkt …

 

… nicht nur des Kirchenjahres. Die Osternacht ist der Dreh und Angelpunkt des christlichen Glaubens überhaupt. Man könnte sie als Nacht der Welt- und Zeiterneuerung bezeichnen.

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen: Nun ja, am Gründonnerstag feiern wir das Letzte Abendmahl, am Karfreitag den Tod Jesu und dann kommt logischerweise in der Osternacht die Auferstehung. Und ich wüsste sogar einige Theologen und Kollegen im geistlichen Amt, die so denken. Eine solche Logik ist zwar naheliegend, aber oberflächlich. Die Osternacht ist keine „Auferstehungsfeier“ wie man es landauf, landab in Gottesdienstordnungen lesen kann, seien sie alt-katholischer oder röm.-katholischer Provenienz. Und wenn wir uns die Osterberichte der Evangelien anschauen, dann ist es bereits da nicht so ganz einfach mit dem Erleben des Ostergeschehens, mit dem Glauben an die Auferstehung.

Um Ostern zu begreifen, müssen wir erstmal zurück zu den Wurzeln, zum Osterfest unserer „Mutter“, zum Judentum. Das Pascha-Fest der Juden ist das Fest der Befreiung. Es wird in der Nacht gefeiert. Man vergegenwärtigt sich die Nacht vor dem Aufbruch Israels aus der Knechtschaft Ägyptens. „Warum ist diese Nacht anderes als alle anderen Nächte?“ fragt der jüngste Teilnehmer der jüdischen Paschafeier die Älteren. Und er erhält Antwort: „Weil uns in dieser Nacht die Freiheit geschenkt wird.“  W i r d  -  nicht wurde! Was vor Jahrtausenden in Ägypten für Israel Wirklichkeit wurde, soll aufs Neue Wirklichkeit werden – in der Gegenwart. Das Volk Israel feiert die Freiheit seit dem Jahr für Jahr, nicht als fromme Tradition, sondern als Anspruch an die Gegenwart heute.

Auch Jesus hat dies getan. Sein letztes Paschamahl hinterließ er als Vermächtnis, um gegenwärtig zu bleiben bis in unsere Tage und solange Menschen an ihn glauben. Seine Jünger und ihre ersten Gläubigen gingen davon aus, dass der Gekreuzigte, den sie als den Lebendigen, den Auferstandenen erlebt haben, wiederkommt und die Welt erneuert. Und ihrer jüdischen Tradition folgend war für sie klar: Wenn er wiederkommt, kommt er in dieser Nacht des Pascha. Eine Nacht des Wartens und des Hoffens. Man hat die Heilsgeschichte gelesen, die Heilsgeschichte Israel, vom Schöpfungsbericht über die Befreiung aus Ägypten bis hin zu den  Überlieferungen vom Leben und Sterben Jesu. Wenn diese Nacht des Wartens den Höhepunkt überschritten hatte, griff man wieder auf die zeichenhaften Handlungen, die Sakramente zurück: Man taufte die Taufbewerber und feierte das neutestamentliche Paschamahl, die Eucharistie. Bis zum nächsten Jahr – in der Hoffnung dann das Osterfest „im himmlischen Jerusalem“ feiern zu dürfen. Später hat man nicht mehr die ganze Nacht gefeiert, Teile der Osternacht vorverlagert, es entstanden der Gründonnerstag und der Karfreitag bis zum österlichen Triduum wie wir es heute kennen.

Ostern darf nicht erstarren. Ostern erhebt einen Anspruch und dieser Anspruch hat Sprengkraft:

Den Anspruch der Freiheit. Und der ist allumfassend, in dieser Welt und über sie hinaus. Dieser Anspruch war immer auch politisch: Sowohl beim jüdischen Pascha als auch beim christlichen Ostern wird der Besiegte zum Sieger: Israel, das geknechtete Volk, ist frei. Der gekreuzigte, der hingerichtete Jesus von Nazareth ist der lebendige Christus. Damit überschreitet er die geschichtliche und politische Dimension. Es geht um dich persönlich. Der Tod mag „todsicher“ sein. Und doch hat dein Leben einen Sinn – egal, was ist oder war. Die Antwort des lebendigen Christus auf dein Leben und auf die ganze Welt lautet: Siehe, ich mache alles neu! 

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen / Dir / Euch besinnliche Kartage und ein frohes und gesegnetes Osterfest.

 

Ihr / Dein / Euer  Kurat                                                           Peter Priller

 

 

 

 

Offen, liberal* – und „katholisch“ …

 


Zur Fastenzeit 2014 – ein Leitfaden:

 

Offen, liberal* – und „katholisch“ …

 

ein Anspruch, den die alt-katholische Kirche seit ihrem Bestehen seit gut 140 Jahren an sich selbst stellt. Und wenn man ihr Erscheinungsbild heute anschaut, dann stimmt das auch. Bei uns findet man ja all das, wovon römische Katholiken so träumen, jedenfalls der fortschrittlichere Teil von ihnen: Schon sehr lange können unsere Priester heiraten, von Anfang an gab es synodale Strukturen, die wesenhaft für unser Bistum sind, inzwischen ist es auch schon eine ganze Weile, seit das Diakonen-, Priester- und auch das Bischofsamt für Frauen offensteht, alle Christen sind zum Empfang der Kommunion eingeladen - unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit - wir pflegen Gastfreundschaft am Tisch des Herrn auch mit anderen Kirchen, Geschiedene können in aller Regel wieder heiraten, homosexuellen Paaren wird der Segen zugesprochen …

„Neuprotestanten“ nannte uns der verstorbene röm.-kath. Bischof Dyba deswegen in seiner bekannt undiplomatischen und zynischen Art. „Dem Zeitgeist angepasst“ nennen es andere, die ähnlich denken wie er.

Ich antworte darauf: Jede Zeit hat ihre Fragen und wir drücken uns nicht um eine Antwort. Denn all die oben genannten Dinge, die wir „uns trauen“ und die von der röm.-kath. Kirche offiziell abgelehnt werden (heimlich aber teilweise trotzdem praktiziert werden, je nach Pfarrer und Gemeinde), sind nicht das, was „das Katholische“ ausmacht.

Oberflächlich kann man „das Katholische“ an anderen Dingen festmachen: Amts- und Eucharistieverständnis, „apostolische Sukzession“, die katholische Form des Gottesdienstes, des Kirchenjahres u.ä. – das sind wir durchaus katholisch.

Auf einer tieferen Ebene meint „katholisch“ aber eben das, was es übersetzt heißt: Alles umfassend, allen Raum gebend. Eine „katholische“ Kirche muss eine offene Kirche sein.

Was uns leider manchmal fehlt, ist eine spirituelle, eine geistliche Durchdringung unserer Offenheit, unserer Katholizität im Wortsinn. Liberal-, offen-, katholisch-sein schließen sich nämlich nicht aus,

im Gegenteil! Eine „katholische“ Kirche muss Platz und Raum bieten ohne gleich Bedingungen zu stellen. Das ist oft leicht gesagt, aber gar nicht so leicht gelebt.

Die Wochen auf Ostern hin rufen uns wieder einmal auf, unser geistliches Leben zu pflegen. Dazu gehört sicher, sich Zeit zu nehmen für Reflexion, für Meditation, für Gebet und Nachdenken. Zur Spiritualität, zur geistlichen Lebenshaltung wird es aber nur, wenn wir das auch leben.

Den Mitmenschen so anzunehmen, wie er oder sie eben ist – ohne Vor-Urteil – ist gar nicht immer leicht. Natürlich liegen jedem Menschen die einen mehr und die anderen weniger. Man muss auch nicht mit jeder/jedem seine Freizeit gestalten. Das wäre auf Dauer ungesund. Aber man kann sehr wohl eine innere Haltung entwickeln, die einem hilft, Menschen, ihre Geschichte, ihre Lebensform, ihre Art und Weise so zu akzeptieren, wie sie eben sind – ohne zu urteilen. Das wäre „katholisch“ im Wortsinn.

Das Christentum ist die Religion, die einen Gott verkündet, der liebt – bedingungslos liebt.

Wer sich auf die bedingungslose Liebe Gottes einlässt, der oder dem wird es nicht schwer fallen, offen zu sein, liberal und „katholisch“ …

 

Ihr/Dein/Euer Kurat                                                                                                                             Peter Priller

 

*Das Wort „liberal“ ist hier als Geisteshaltung gemeint, nicht im wirtschaftspolitischen Sinn!

 

 

                      

 

 

 

                                                              

 

 

 

Was war gewesen, da, gestern?

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

 

Was war gewesen, da, gestern?

Rückschauend auf früher, in der Erinnerung an den Schnee von gestern, stellt Arnold Stadler in seinem Roman Einmal auf der Welt. Und dann so, fest: „Hätte mich damals einer gefragt: Was hast du die ganze Zeit gemacht?, dann hätte ich sagen können: Ich habe gelebt. Und nach der Zeit gefragt, hätte ich mir sagen müssen: Sie ist vergangen. Trotzdem hätte ich nun weinen können, vielleicht auch nur weggeddemm.“ *

 

Ich habe gelebt – sie ist vergangen – trotzdem hätte ich nun weinen können. Diese drei Aussagen stehen so da. Es bleibt dem Leser überlassen weiterzublättern oder bei diesen so scheinbar trivialen Aussagen ins Stocken zu geraten.

 

Was war gewesen, da, gestern?  Vermutlich habe ich geatmet, geschlafen, gegessen, getrunken, alle notwendigen und lebensüblichen Tätigkeiten verrichtet. Und die Zeit? Ich habe es ihr gleich getan, wenn sie von Stunde zu Stunde im Glas verrinnt.

 

Die Erinnerungen Arnold Stadlers sind nicht eindeutig, nicht eindeutig negativ. Ja, Wehmut überfällt ihn wahrscheinlich. Zwischen den Zeilen lese ich etwas Melancholisches. So wie ihm geht es anderen Menschen auch. Zum Beispiel, wenn sie am Ende des einen und Beginn des neues Jahres Rückschau halten und versuchen, zu sagen, was war. Glückliche und traurige Stunden kommen mir in den Sinn, ich erinnere frohe und angstvolle Momente. Die Bilanz des Vergangenen steht dann unter der Doppel-Frage: Habe ich schon gelebt – oder nur gelebt?

Auf der Soll-Seite lese ich die Frage: War das dann schon (das) Leben? Braucht es da nicht vielmehr dazu als nur zu vergehen? Was nehme ich mir aber also vor für das kommende Jahr, um mal richtig zu leben? Das Vergangene, war das dann folglich nicht richtig? falsch? nicht gelebt?  Mir kommen Zweifel, und: Hoffnung.

 

Psalm 90 mit seinen widersprüchlichen Ge­danken über das Leben der Menschen kommt mir dabei in den Sinn:

„Ja, alle unsere Tage gehen zur Neige, es schwinden dahin unsere Jahre wie Seufzen. Die Tage unserer Jahre sind siebzig Jahre, und, wenn mit Kräften, sind es achtzig Jahre, und ihr Ungestüm ist (gleichwohl) Mühsal und Unheil. Ja, schnell ist es vorbei, und wir sind (wie ein Vogel) weggeflogen.“ Ps 90,10 **

Der Beter, die Beterin dieses Psalms sieht am Höhepunkt seiner Klage und Notschilderung kein Ziel mehr vor Augen. Aus dem Hier und Jetzt besehen ist das Leben ähnlich der Zeit, die in aller Stille vergeht – mir wird bang bei einer solch äußerst gespenstischen Todeslogik, die mit dem Gott, der das Leben selbst, unvereinbar ist!

 

Auf der Haben-Seite kann ich verzeichnen: Ja, ich habe gelebt. Nein, es braucht nicht das aufregende, besondere, großartige. Ich bin überzeugt, dass ich nicht mehr einfach so vergehe, da sind die Spuren meines Lebens in dieser Welt, mein Lächeln, mein Sprechen, mein Essen und Trinken, mein Wählen und Entscheiden. All dies prägt dieser Welt meinen Stempel auf von Mal zu Mal. Mit all dem gebe ich dem Leben eine besondere Note: meine Note.

 

Unsere Tage zu zählen, lehre uns, JHWH, sodass wir sie bewusst wahrnehmen. Schenke uns den Mut zu Gelassenheit und Ausdauer. –
Wir haben deinen Geist ­empfangen, der uns die Furcht vor dem Tod und der Vergänglichkeit nimmt und uns frei macht, leben lässt!

 

Ich kann mein Leben nicht unendlich in die Breite ziehen, ich kann es auch nicht von Berg zu Berg auf immer höhere Gipfel hinauf jagen. Es kann genauso durch tiefe Täler gehen. Ein erfülltes Leben ist – biblisch gesprochen – ein gerechtes! Also ein Leben das mir und den anderen gerecht wird, angemessen ist.

 

Ich habe gelebt – sie ist vergangen – trotzdem hätte ich nun weinen können. Es werden vielleicht keine Tränen der Freude, vielleicht keine Tränen der Reue, wohl aber Tränen der Rührung sein. Würde ich ein autobiografisches Buch ­schreiben, wie Arnold Stadler, würde es mir denke ich auch so gehen. Mein Leben ist keines, das in die Geschichtsbücher dieser Welt eingehen wird. Die Spuren werden bald verwischen.

 

Und doch: ich kann – heute schon – sagen: Ich darf soviel Gutes und Schönes erleben, begegne immer wieder anderen Menschen, ich meine es gut mit ihnen und sie tun mir gut. Mein ­Wählen und Entscheiden nehme ich von Tag zu Tag bewusster wahr. Und über, unter, neben, vor und hinter allem spüre ich den Namen des ­Kindes: Immanuel, Mit-uns-ist-Gott.

Ihr Thomas Mayer, Vikar

 

* Arnold Stadler, Einmal auf der Welt. Und dann so, Frankfurt 2009

**Übersetzung: Erich Zenger, in: Psalmen. Auslegungen Bd 1, Freiburg 2011

 

 

 

 

 

 

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