Spirituelle Impulse 2013

Weihnachtskrippe

„.. und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war …“ (Lk 2,7)

 

Dieser kurze Satz aus dem Lukasevangelium und die anschließende Erzählung von den Hirten haben die Christen schon sehr früh angeregt, das Kind in der Krippe darzustellen. Ein Kind im Futtertrog, das keinen Platz in der Herberge findet, berührt uns ganz natürlich. Kein Platz für arme Leute. Nicht willkommen. Manchmal wundere ich mich, warum uns heute die Menschen, die draußen stehen (Bettler, Obdachlose, Flüchtlinge) weniger zu berühren scheinen als das Kind von Bethlehem vor über 2000 Jahren.

Richtig populär wurden die Weihnachtskrippen allerdings erst durch einen Mann, der sich sehr wohl von der Armut seiner eigenen Zeit hat anrühren lassen: Franz von Assisi. An Weihnachten des Jahres 1223 soll er in Greccio für die armen Bauern und Hirten der Umgebung eine Krippe in einer Höhle aufgebaut haben – mit echten Menschen und echten Tieren. Er tat es anstelle einer Predigt. Und die Krippe tat ihre Wirkung, besser als jede Predigt. Franziskus hat die Menschen, die armen Bauern und Hirten, die Taglöhner, die Bettler und Krüppel, kurzum die Armen seiner Zeit dort abgeholt, wo sie standen: Draußen! Arm und ohne Platz, so wie das Kind, von dem im Lukasevangelium die Rede ist. Da geht’s um einen der ihren, also um sie selbst und nicht um die vermeintlich Wichtigen und Reichen.

Seitdem haben die Weihnachtkrippen ihren „Siegeszug“ angetreten durch Kirchen und Klöster, hinein in die ärmlichen Behausungen der Außenseiter genauso wie in die bürgerlichen Wohnstuben bis in unsere Zeit. Sie rühren uns an, wecken Kindheitserinnerungen. Es gibt sie in jeder Form und Art: Einfach oder aufwändig, orientalisch oder alpenländisch, mediterran oder afrikanisch. Die Grenze zwischen Kunst und Kitsch verläuft mitten durch die Weihnachtskrippe. Man findet alles.

Die Wirkung, welche die Krippe des Franziskus im mittelalterlichen Greccio auf die Menschen damals hatte, war sicher anders als die Wirkung, die heutige Krippendarstellungen auf uns haben. Und doch ist jede Krippe, die uns in der Weihnachtszeit begegnet, eine Herausforderung. Wer an Weihnachten in die Krippe schaut, sollte nicht wegschauen, wenn der Menschenbruder oder die Menschenschwester unserer Tage draußen steht, weil angeblich „kein Platz“ da ist. Das Jesuskind strandet heute vor der Insel Lampedusa, es fällt durch die sozialen Netzwerke europäischer Staaten, weil es „verwaltet“ und nicht geliebt wird.

Das Kind in der Krippe wird zunehmend zur Herausforderung – zum Maßstab an dem wir uns messen lassen müssen als sog. „christliches Abendland“.

Ich wünsche Ihnen/Dir/Euch einen besinnlichen Weg durch den Advent hin zur Krippe. Damit die Krippe wieder zum Segen wird, zum Segen für alle, die draußen stehen, für die kein Platz da ist. Wer sich darum bemüht, darf auch getrost Weihnachten feiern. Denn dann wird die Krippe auch zum Segen für uns selbst – im neuen Jahr und an allen Tagen und Jahren. Das wünsche ich uns allen von Herzen.

 

Ihr/Dein/Euer
Kurat Peter Priller

                      

 

 

 

                                                                 Termine in Bad Tölz

 

 

 

Wo Euer Schatz ist, da ist auch Euer Herz. LK 12,34

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

bei den Salzburger Festspielen, die jetzt im Sommer wieder stattfinden,  ist ein Höhepunkt die Aufführung des Mysterienspiels „Jedermann“ von Hugo von Hofmannstahl. Die packenste Szene ist dabei die, wo der schwerreiche Jedermann durch den Tod plötzlich vor den Richterstuhl Gottes gerufen wird.

Jedermann fühlt sich von all seinen Freunden und Bekannten im Stich gelassen. In seiner Verzweiflung nimmt er seine letzte Zuflucht zur Geldtruhe. Mit ihr will er die große Reise ins Jenseits antreten. Er wirft sich über die schwere Truhe und beschwört sie: „Du wenigstens hast mir mein Leben lang treue gedient. Du wirst mich jetzt nicht im Stich lassen.“ Da springt der Deckel der Truhe auf, und heraus fährt der Kopf des Götzen Mammon. Höhnisch ruft er: „Wie? Ich hätte dir jemals gedient? Du Tor! Nie habe ich dir gedient. Du bist es, der ein Leben lang mein Sklave war. Und doppelt Tor bist du, wenn du glaubst, ich würde mit dir gehen. Ich bleibe hier.“

Nach diesem Worten schlägt der Dämon den Deckel der Truhe zu und überläßt Jedermann seinem Schicksal. Mit Nichts in der Hand steht Jedermann am Ende seines Lebens da. Freunde und Beziehungen haben nicht gehalten, sind zerrissen, was bleibt ist sein Geld mit dem er sich aber keinen bleibenden Schatz kaufen kann.

„Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst.“ Lk 12,32-48

Das hat Jedermann offensichtlich versäumt. Himmelsschätze hat er keine, alle seine vermeintlichen Schätze bleiben zurück.

Was sind aber Himmelsschätze, Schätze, die im Reiche Gottes zählen?
Himmelsschätze sind bleibende Schätze, die nicht abnehmen.
Himmelsschätze sind keine materiellen Schätze, sie können nicht gestohlen oder von Motten zerfressen werden.
Himmelsschätze sind aber nicht nur etwas Jenseitiges, wenn wir ernst nehmen was Jesus über das Reich Gottes gesagt hat, nämlich das es schon begonnen hat.

Vor einigen Jahren habe ich eine  Kinderfreizeit des Dekanates Südbaden organisiert die unter dem Thema stand: Auf der Suche nach einem Schatz.

Mit biblischen Geschichten, Spielen und Märchen haben wir versucht herauszufinden, was die wirklichen Schätze unseres Leben sind. Gleich zu Beginn wurden die Kinder eingeladen, ihren wichtigsten Schatz zu zeichnen. Das Ergebnis waren nicht Nintendo, iPod oder ­anderes modernes Spielzeug, sondern überwiegend Beziehungen, in denen die Kinder leben und die ihnen so wichtig sind wie ein Schatz. Da wurden die Familie, Mama, Papa, Geschwister und Freunde gezeichnet, freilich auch der Hund, die Katze und verschiedene Kuscheltiere. Wichtig war aber nie der materielle Wert, sondern die Beziehung, die dahinter stand. Und Kuscheltiere waren oft deshalb wichtig, weil sie von Oma und Opa geschenkt worden waren. Auch dahinter stand also eine lebendige Beziehung.

Die Beziehungen, in denen wir leben, die Beziehungen, die wir knüpfen als bleibende Schätze, auch als Himmelsschätze? Die eigene Lebenserfahrung denke ich bestätigt dies: Wenn wir ehrlich sind, dann leben wir von vielen Dingen, die uns einfach als Kinder von den Eltern oder anderen Menschen mitgegeben wurden: Vertrauen, Lieben können, Verzeihen können, Hoffen und Glauben können. Schätze, die heute noch Zinsen tragen.

Freilich auch das Umgekehrte stimmt. Wir leiden auch an Dingen, die uns versagt geblieben sind oder die uns negativ beeinflußt haben, auch an diesem Erbe tragen wir.

Das Reich Gottes, der Himmel ist nicht nur etwas Jenseitiges, sondern etwas, was jetzt schon gegenwärtig ist und das wir ein Stück weit mitgestalten können, aus den Schätzen, die uns mitgeben wurden, und denen, die wir weitergeben und die deshalb auch in Zukunft Auswirkungen haben.

Für den, der glauben kann, dass mit dem Tod nicht einfach alles aus ist, kommt noch etwas anderes hinzu. Wie ich mein Leben gestalte, wie ich meine Beziehungen in diesem Leben gestalte, wie ich sie mit Leben fülle, hat auch Auswirkungen für mein Leben nach dem Tod. 

„Wo Euer Schatz ist,
da ist auch Euer Herz“.
Lk 12,34

Es ist gut, dann und wann zu fragen, was die wirklichen Schätze in meinem Leben sind, was mein Leben wirklich bereichert!

Ihr Siegfried J. Thuringer, Pfarrer

 

 

Ostern im Herbst

Nein! Es geht nicht um „Gräberrally“, es geht nicht um schwarze Krawatten und Wintermäntel, nicht um düstere Gedanken und auch nicht um ein vom Kalender festgesetztes Trauern – jedenfalls nicht zwingend.

Ostern im Herbst“ so könnte man das Fest Allerheiligen am 1. November nennen. Geschichtlich hat sich dieses Fest wahrscheinlich aus zwei Quellen entwickelt: Erstens aus einem römischen Fest für alle Märtyrer, das eingeführt worden ist als man das römische Pantheon in eine christliche Kirche umgewidmet hat. Es wurde ursprünglich im Mai gefeiert. Zweitens aus dem keltischen Samhein-Fest, mit dem der Winteranfang begangen wurde. Die gallisch-fränkische Liturgie, die im ganzen Frankenreich einschließlich Norditaliens gefeiert wurde, hat die beiden Feste zusammengeführt, indem man das Gedenken aller Märtyrer und mit ihnen aller Heiligen auf das keltische Samhein-Datum verlegt hat. Dies hat sich dann in der ganzen westlichen Kirche durchgesetzt. Erst im Mittelalter führten die Mönche von Cluny noch einen eigenen Totengedenktag am Tag nach Allerheiligen ein: Allerseelen. Irgendwie ist es schade, dass sich der Allerseelengedanke wie ein Schleier über das Allerheiligenfest gelegt hat. Im Volksbewusstsein ging der österliche Charakter des Allerheiligentags dadurch leider ziemlich unter.

Wenn es im Glaubensbekenntnis heißt „die Gemeinschaft der Heiligen“, dann ist damit keineswegs ein erlesener Zirkel von „heiliggesprochenen“ Personen gemeint. Die „Gemeinschaft der Heiligen“ meint die Gemeinschaft a l l e r Getauften, all derer die an den auferstandenen Christus glauben, über alle Konfessionsgrenzen hinweg, aber auch über die Grenze von Raum und Zeit hinweg. Auch die, die sich vor uns im Namen des auferstandenen Christus versammelt haben, gehören immer noch zur Gemeinschaft der Heiligen. Von daher ist ein Totengedenken hier schon sinnvoll, aber eben nur ein Aspekt. Zuerst geht es immer um die lebenden Heiligen. Und das sind derzeit wir.

Dass Martin Luther seine berühmten Thesen am Vorabend des Allerheiligenfestes angeschlagen haben soll, ist nicht zufällig so erdacht. Luther wollte die Christenheit daran erinnern, dass alle zur Gemeinschaft der Heiligen gehören, nicht nur irgendwelche vom Papst als „Heilige“ erhöhte Verstorbene. Denn „Heiligkeit“ ist kein moralischer Begriff wie wir oft meinen. Heiligkeit ist uns geschenkt – aus Gnade wie Luther es im Rückgriff auf den Apostel Paulus ausdrückt. Uns Menschen, auch uns als Kirche steht es nicht zu, den Getauften diese Heiligkeit zu- oder abzusprechen.

Wenn sich jetzt im Herbst die Natur zurückzieht, der Winter vor der Tür steht, dann sagt mir dieses herbstliche Osterfest: Eines ist sicher, dass das Leben siegt – für immer !

Besinnliche Herbsttage wünscht Ihr / Dein / Euer

 

Ihr/Dein/Euer                                                                                                                        Kurat Peter Priller

 

 

 

 

 

 

Aktuelle Termine in Bad Tölz

 

 

 

Wählen gehen – Christensache! Passt denn das zusammen?

Glaube und Politik. Bei dem Thema gehen die Meinungen bekanntlich sehr auseinander. Nun stehen bald zwei Wahlen an, am 15. September die Wahlen zum Bayerischen Landtag (und zu den Bezirkstagen) und am 22. September die Wahl zum Deutschen Bundestag. Und im nächsten Frühjahr geht es weiter mit den Kommunalwahlen und den Wahlen zum Europäischen Parlament.

Ich werde mich hüten, an dieser Stelle einer bestimmten Partei oder ihren Wahlkampfinhalten das Wort zu reden. Das gehört nicht hierher.

Das Thema Politik und Wahl als solches meines Erachtens schon. Die „Demokratiemüdigkeit“, die einem landauf landab begegnet erfüllt mich durchaus mit Sorge. Mag sein, dass sich in der - Gott sei Dank - langen Phase des Friedens und des Wohlstandes so einiges eingeschlichen hat und dass so mancher Politiker (keineswegs alle) das seine dazu beigetragen hat, dass die Menschen das Vertrauen in die Politik verloren haben.

Doch mal ehrlich: Ich möchte in keinem Land leben, in dem ein anderes politisches System herrscht. Ich möchte in keinem Land leben, in dem die Menschen nicht frei wählen dürfen, oder in dem die Wahlen von vornherein so manipuliert sind, dass das Ergebnis ohnehin klar ist.

Es waren übrigens zum Teil die selben Frauen und Männer, die im 19. Jahrhundert für Freiheit und Demokratie gekämpft haben, die dann die alt-katholische Kirche auf die Beine gestellt haben. Die Unabhängigkeit von Kirche und Politik war ihnen dabei ebenso wichtig wie Freiheit des einzelnen Menschen in Staat und Kirche. Man hat den Alt-Katholizismus phasenweise als „unpolitisch“ klassifiziert, weil sich die alt-katholische Kirche gerade in der ersten Zeit, also im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert, parteipolitisch nicht festgelegt hat. Das war in der römisch-katholischen Kirche ganz anderes, wo man versucht hat, kirchenpolitische Interessen auf parteipolitischem Weg durchzusetzen. Damals saßen viele röm.-katholische Priester und Prälaten für das Zentrum und die BVP in den Parlamenten. Ihre Predigten waren teilweise dementsprechend.  Die Väter und Mütter der alt-katholischen Kirche haben gut daran getan, so nicht zu agieren. (Der spätere Irrweg in der Nazi-Zeit hingegen hat dem Alt-Katholizismus nachhaltig geschadet und wir sind dabei, diese Zeit aufzuarbeiten.)

„Unpolitisch“ waren die alt-katholischen Frauen und Männer am Anfang unseres Bistums allerdings ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Ihr Eintreten für Freiheit und Demokratie und ihr Eintreten für die Trennung von Kirche und Politik waren durchaus politisches Programm. Und – jetzt kommt’s – es war Ihnen ein spirituelles, ein geistliches Anliegen. Macht und Einfluss der Kirche sollten nicht länger das vorrangige Anliegen kirchlichen Handels sein, sondern der Mensch in seiner Beziehung zu Gott und den Mitmenschen. Es waren Christen, die in Staat, Kirche und Gesellschaft eigenverantwortlich handeln wollten, im Vertrauen auf einen Gott, der dem Menschen die Freiheit des Gewissens geschenkt hat. Es ist manchmal unbequemer, dem eigenen Gewissen zu folgen, anstatt sich an Vorschriften zu halten, sei es im Staat, sei es in der Kirche. Das verlangt Mut, auch den Mut, vor Gott für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Wir leben als Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie und wir können ein eigenverantwortliches Leben als Christen führen. Das sind beides  hohe Werte, die nicht hochgenug geschätzt werden können.

Für mich ist es am 15. und am 22. September selbstverständlich, wählen zu gehen – Christensache!

Ihr Kurat in Bad Tölz
Peter Priller

 

 

 

 

Doch obwohl die Glocken so heftig gegen die Mitternacht hämmerten...

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

Ostern geht weiter, zieht Kreise, jedenfalls im Kirchenjahr. 50 Tage lang feiern wir, was wir in der Feier der Osternacht besingen: „Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.“ Das ist der Grund warum „die glocken läuteten, als überschlügen sie sich vor freude“ wie es der Schriftsteller Reiner Kunze in seinem Gedicht ausdrückt:


Die glocken läuteten
als überschlügen sie sich vor freude
über das leere grab
Darüber, dass einmal
etwas so tröstliches gelang,
und dass das staunen währt
seit zweitausend jahren


Staunen und Jubel über die überwältigende Hoffnung, dass das mit der Auferstehung wahr ist, dass das Leben letztendlich doch den Sieg über den Tod davonträgt. Dass die ­Finsternis des Todes, aber auch die Finster­nisse unseres Lebens erhellt werden vom tröst­lichen Licht, das keinen Abend mehr kennt.

Das ist die eine Seite von Ostern, aber auch an eine andere erinnert uns Reiner Kunze:

Doch obwohl die glocken
so heftig gegen die mitternacht hämmerten –
nichts an finsternis sprang ab


„Nichts an finsternis sprang ab“ – selbst wenn das freudige Läuten der Glocken zum heftigen Hämmern in der Nacht wird, es vermag die Finsternis nicht zu vertreiben.

Schöner kann man seinen Glaubenszweifel kaum ausdrücken, als mit diesen wenigen Worten und großartigen Bildern. Und der Zweifel sitzt wie ich meine tief. Es geht nämlich nicht nur um die sehr oberflächliche Frage: Wie kann das sein, mit der Auferstehung? Die Frage, so gestellt, lässt uns nämlich – wie auch in den biblischen Ostergeschichten beschrieben – nach kriminalistischen Beweisen suchen, die das Geschehen plausibel zu machen versuchen: das Grab Jesu war ja verschlossen, von Wächtern bewacht, ein Betrug deshalb kaum möglich. Es muss also doch etwas dran sein!

Das Misstrauen Reiner Kunzes setzt woanders an: Er fragt nicht nach der Plausibilität und Wahrhaftigkeit der Ostererzählungen, sondern er spiegelt sie mit seiner persönlichen Erfahrungswirklichkeit. Er macht die Erfahrung: Trotz der Osterbotschaft bleiben die Finsternisse in unserem Leben und die Finsternis in dieser Welt: „nichts an finsternis sprang ab“. Nichts ist Nichts, nicht einmal ein Hoffnungsschimmer bleibt übrig, scheint durch.

Das Gedicht könnte statt mit „Ostern“ auch überschrieben werden mit „Enttäuschte Osterhoffnung“. Ostern also doch nicht mehr als eine fromme Hoffnung, die schlussendlich in Resignation endet?

Das ist eine wichtige, wenn nicht sogar die alles entscheidende Frage. Und die Antwort darauf finden wir – wie auch Reiner Kunze – nur, wenn wir uns an die Erfahrungen der Freunde und Freundinnen Jesu erinnern und uns unsere eigene Erfahrungswirklichkeit vergegenwärtigen. Verändert die Osterbotschaft tatsächlich nichts im Leben der Menschen oder ganz konkret auch ich meinem eigenen Leben? Lebe ich mit Blick auf Ostern, auf dieses tröstliche Ereignis nicht doch anders, als wenn da nichts wäre?

Bei einem Kinderbibelnachmittag, bei dem wir uns mit dem Leiden und Sterben Jesu beschäftigt haben, sagte ein Kind am Ende, auf die Frage, was ihm an diesem Nachmittag am besten gefallen hat: „Dass die Geschichte mit Jesus, so gut ausgegangen ist!“

Was spricht aus dieser Antwort? Kindliche Unbekümmertheit gegenüber dem Leben? Unbegrenzte Hoffnung des Kindes, dass alles letztlich wieder gut wird? Oder doch nur kindliche Naivität? Wissen wir Erwachsenen es nicht besser? Erfahren wir nicht oft genug, dass etwas eben nicht gut ausgeht sondern in einer großen Enttäuschung endet.

Als Kinder haben wir vielleicht gelernt, dass Gott uns beschützt und dass Jesus unser Freund und Bruder ist. Aber früher oder später kam dann doch die bittere Erfahrung, dass er nicht so einfach half. Es gab Krankheiten, Unglücksfälle, Kreuze. Erfahrungen und Zweifel, die nicht einfach weggewischt werden können, auch nicht mit der Botschaft: Gott hat Jesus aus dem Tod erweckt!

Das ist eine Erfahrungswirklichkeit, die auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu gemacht haben. Ihnen erging es nicht anders, als wir das oft erleben. Vieles hatten sie von Jesus von Nazareth erhofft: In ihm wurde für die, die im folgten, erfahrbar und spürbar, was Gottes rettende Nähe bedeutet. Für viele von denen, die am Rand der Gesellschaft lebten, begann durch die Begegnung mit Jesus ein neues Leben. Er weckte Glauben und Hoffnung bei vielen, die dann selbst seinen Weg gingen und Zeugnis für ihn ablegten.

Für viele wurde er zu dem, was er nach dem Johannesevangelium selbst über sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Joh 8,12 So ein Wort gibt unendliche Hoffnung. Eine Hoffnung, die zerbrochen ist, denn am Ende stand der Tod Jesu am Kreuz. Sie sind diesem Jesus nachgefolgt, manche haben vieles aufgegeben und alles auf eine Karte gesetzt. Nach menschlichem Ermessen haben sie alles verspielt, alles verloren. Ihre Träume und Hoffnungen sind zerstört.

Das Licht, das Jesus gebracht hat, war für sie schlagartig erloschen. Nach dem Tod Jesu umgibt seine Anhänger zunächst einmal Finster­nis: Hoffnungslosigkeit, Zweifel, Angst und Trauer. Es wäre zu einfach, diesen Einschnitt im Leben der Jüngerinnen und Jünger Jesu zu übergehen und mit dem Osterhalleluja oder dem Ostergeläut zu übertönen. Die Ostergeschichten im Neuen Testament erliegen dieser Versuchung übrigens nicht. Die Erfahrungen, die uns dort überliefert werden, sind vielschichtig und nehmen die Beteiligten und ihre Gefühlslage sehr ernst: Die Evangelien erzählen von den Frauen am leeren Grab, ihrer Begegnung mit Engeln und deren Botschaft: Jesus ist auferstanden. Aber auch wenn die Frauen darin einen Hoffnungsschimmer sehen, es packt sich doch Schrecken und Entsetzen.

Später erzählen einzelne von Begegnungen mit dem Auferstandenen; die Jünger glauben es nicht, sie halten das für Geschwätz. Und auch die so genannten Emmausjünger flüchten aus Jerusalem in Richtung ihres Heimatdorfes Emmaus, obwohl sie von der Auferstehung gehört haben. Der Mensch kann zu sehr enttäuscht sein, als das er noch an etwas Gutes glauben könnte. Trauer und Enttäuschung haben eine große Kraft, und auch die Freundinnen und Freunde Jesu können nicht einfach an die Auferstehung glauben. Sie waren alles andere als leichtgläubig. Jesus sollte auferstanden sein? Sie sollten noch einmal hoffen und möglicherweise wieder enttäuscht werden?

Zur Gewissheit kommen sie erst in der Begegnung mit dem Auferstandenen, als sie ihn selber erfahren; erst dann wird ihnen klar, dass das Gerücht wahr ist. Und dennoch: Es bleibt der Einschnitt des Kreuzes und des Todes. Denn trotz der Auferstehung Jesu bleibt nichts so, wie es vorher war. Es geht nicht einfach so weiter wie vor dem Karfreitag. Es werden auch nicht einfach die Hoffnungen nachträglich erfüllt, die die Menschen auf Jesus hin hatten. Diese Hoffnungen sind zerstört. Jesus lebt, aber er lebt auf eine andere Weise. Die Menschen dürfen neue Hoffnung schöpfen und neue Träume haben, aber eben neue Hoffnung und neue Träume und nicht die alten. Das alte ist vergangen, Neues ist geworden. Das ist die Erfahrungswirklichkeit der Freundinnen und Freunde Jesu damals, ist es vielleicht auch die unsere?


In den biblischen Ostergeschichten so meine ich können wir uns alle wieder finden.

Vielleicht geht es mir wie den Frauen am leeren Grab, und ich sehe in der Botschaft des Engels sehr verhalten einen Hoffnungsschimmer für mein Leben.

Oder ich sehe ich mich in den Jüngern, die sagen: das alles ist nur Geschwätz und die zunächst nicht glauben können.

Vielleicht habe ich den Auferstandenen aber auch schon als den erfahren, der mich in meinem Leben begleitet; so wie er mit den Emmausjüngern auf dem Weg war, ihre Enttäuschungen anhörte und mit ihnen redete, ohne dass sie ihn erkannt haben. Erst beim Brechen des Brotes merkten sie, es ist der Herr. Und ihm gleichen Moment sahen sie ihn nicht mehr. Gibt es solche Erfahrungen nicht auch in meinem Leben? Erfahrungen, bei denen ich rückblickend sagen kann, hier war Gott mir ganz nahe, hier habe ich seine Nähe gespürt, in einem Wort das mir gesagt wurde, in einer hilfreichen Geste, im wortlosen Mitgehen in einer schwierigen Lebenssituation oder wo und wie auch immer…


Wenn ich diese Erfahrung gemacht habe, dann kann ich persönliche Kreuze in meinem Leben vielleicht auch stehen lassen, kann meine alten Hoffnungen und Träume an diese Kreuze nageln, kann wieder auferstehen und wirklich Ostern feiern, kann neue Träume haben und neue Hoffnung schöpfen!


Doch obwohl die glocken

so heftig gegen die mitternacht hämmerten –

nichts an finsternis sprang ab


Nein, ganz so wie Reiner Kunze sehe ich es nicht. Weil etwas so tröstliches wie die Auferstehung Jesu bezeugt wird, und zwar nicht nur von den Freundinnen und Freunden Jesu damals, sondern auch durch die Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen dürfen, ist es gut wenn die Glocken läuten, als wenn sie sich überschlügen.


Ihr Siegfried J. Thuringer, Pfarrer

 

Ostern

Die glocken läuteten
als überschlügen sie sich vor freude
über das leere grab
Darüber, dass einmal
etwas so tröstliches gelang,
und dass das staunen währt
seit zweitausend jahren
Doch obwohl die glocken
so heftig gegen die mitternacht hämmerten –
nichts an finsternis sprang ab

Reiner Kunze

 

 

Die Kirche gehört zu den Menschen

Taufen, Hochzeit, Erstkommunion, Hochzeitsjubiläum, Primiz, Jahrtag.

Diesmal ist der Gottesdienstplan voll von sog. „Kasualien“, also von Feiern zu bestimmten Anlässen.

Das sind Glanzpunkte und Gedenktage im Leben eines Menschen, einer Familie, eines Paares. Und – darauf lege ich wert – es sind auch Glanzpunkte oder Gendenktage im Leben einer Gemeinde und einer Kirche.

Oft genug bekomme ich zu hören, dass Kirche ja eh nur noch gebraucht wird für solche Feiern, ansonsten hat sie als Institution, die das Leben prägt, ausgedient. Ich widerspreche da gern. Was heißt da schon „nur“. Ich finde es bemerkenswert, dass es ganz vielen Menschen in allen Kirchen wichtig ist, die Knotenpunkte im Leben zu feiern und zwar nicht nur mit einem Glas Sekt in der Hand, einem guten Essen und ein paar höflichen Glückwünschen. Das geht nämlich auch. Aber vielen reicht das nicht.

Mag sein, dass die Volkskirchen (die großen wie die kleinen – ich red hier nicht nur über andere Kirchen, sondern ich mein auch die eigene) ein Auslaufmodell ist; mag sein, dass die „Steuerkirche“ in den letzten Zügen liegt. Ganz sicher prägt das Kirchenjahr – von Weihnachten abgesehen – nicht mehr den Lebensrhythmus der Gesellschaft. Wenn ich jemandem zum Namenstag gratuliere, ernte ich meistens eher ein erstauntes „Ach so!“ anstatt eines erfreuten Dankes für die Glückwünsche.

So mancher „Kirchenmann“ (meistens handelt es sich dabei um Männer) verfällt deshalb in eine Art Melancholie, trauert alten Zeiten nach, in denen die Kirche noch im Dorf stand und man ganz selbstverständlich je nach Landstrich katholisch oder evangelisch war. Alles andere war eh suspekt.

Ehrlichgesagt: Ich trauere diesen Zeiten nicht nach. Mag sein, dass das kirchliche Leben zwar den Menschen Halt und Stütze gegeben hat, aber diese Stütze wurde nur allzu oft als Prügel missbraucht, und der eigentlich hilfreiche Rahmen wurde für unzählige Menschen zum Gefängnis ihres Lebens, aus dem auszubrechen nahezu unmöglich war.

Heute ist es anders – Gott sei Dank! Niemand muss heute noch kirchlich heiraten, niemand muss sein oder ihr Kind taufen lassen, niemand muss sich kirchlich bestatten lassen.

Aber viele tun es trotzdem und wollen das auch.

Mir fällt eine Evangelienstelle ein: „Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. …  Dann begann er zu reden und lehrte sie: Selig, die Armen …, selig, die Trauernden, … selig, die Hungernden …, selig, die Frieden stiften …, selig die Barmherzigen …“ usw.  (vgl. Mt 5,1ff. und Lk 6,20ff.)

Jesus geht nicht her und erzählt den Menschen, was sie zu tun und zu lassen haben. Er sieht die Bedürfnisse derer, die da sind. Er löst auch nicht einfach ihre Probleme, aber er sieht sie und er sagt das auch. Er ist bei den Menschen, bei den Menschen seiner Zeit, bei ihren Bedürfnissen, Sorgen und Nöten.

Da – und nirgendwo sonst – gehört Kirche hin: Zu den Menschen unserer Zeit, zu unseren Bedürfnissen, zu unseren Nöten, Ängsten und Sorgen, aber auch zu unseren Möglichkeiten, zu unseren Chancen und Fähigkeiten, die wir heute haben. Und da ist es an uns, an den Kirchen, die Menschen erstmal überhaupt zu sehen, wahrzunehmen und ihnen zu sagen und zu zeigen, dass wir sie sehen. Vorgefertigte und vorschnelle Antworten habe ich zumindest in der Regel nicht – eigentlich nie.

Was ich anzubieten hab, ist der Gott Jesu – ein Gott, der dich ganz persönlich sieht und ernst nimmt, in dem, was dich ganz persönlich betrifft. Und er lässt dich damit nicht allein. Auch nicht auf dieser Welt. Mit all denen, die sich von diesem Gott gesehen wissen, sind wir Kirche, sind wir Gemeinde. Die darf ich auch mal in Anspruch nehmen. Da dürfen wir ruhig die Knotenpunkte unseres Lebens feiern – Hochzeit, Taufe Erstkommunion … Sie verknüpfen uns mit einem Gott, der uns sieht, ernstnimmt und liebt.

Ihr Kurat in Bad Tölz,
Peter Priller

 

 

 

 

Karfreitag in Dachau – und dann Ostern

eine Zumutung!

Ja – es ist eine Zumutung. Und das soll es auch sein. Es braucht Mut, sich dem zu stellen, was genau vor 80 Jahren, im März 1933, in Dachau begonnen hat. Dachau war der erste Knoten eines Netzwerkes des Terrors, der Entwürdigung, der Vernichtung und des Todes, das die Nazi-Verbrecher über Deutschland und weite Teile Europas geworfen haben. Namenloses Leid mussten die Menschen dort ertragen und daran zerbrechen, namenloses Leid ging von Dachau aus, zerstörte Lebensentwürfe, Familien, Freundschaften, vernichtete Menschenleben, deren Zahl nur noch geschätzt werden kann.

Es braucht Mut, De-Mut, hinzuschauen und sich in das Leid der Opfer einzufühlen, es wenigstens an sich heranzulassen. Demut, denn es ist in unserem Namen geschehen, im Namen der Deutschen. Demut auch als Christen, denn die Kirchen haben allesamt mehr oder weniger weggeschaut, den Mund gehalten und danach alles möglichst schnell unter den Teppich gekehrt. Es gab freilich mutige Christen, insbesondere in Dachau („Priesterblock“), aber die meisten haben weggeschaut und den Mund gehalten. Und Alt-Katholiken waren da auf unrühmliche Weise leider besonders „regimekonform“. Umso wichtiger ist es, dass wir uns dem heute stellen – nicht nur am Karfreitag.

Für Christen hat der Karfreitag eine herausragende Bedeutung. „Passion“ – Leiden ist das Thema des Karfreitags. Das Leiden Jesu Christi kann aber nicht losgelöst vom Leiden der Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten gesehen werden. Es ist zunächst ja nicht der „auferstandene Gottessohn“, der auf Golgatha gestorben ist, sondern der Mensch Jesus von Nazareth, der Jude, der nicht konforme Zeitgenosse, derjenige, der anders war, der unbequem war und der deshalb vernichtet wurde.

Die Shoa, der Holokaust, hat Religion verändert. Der Glaube an Gott kann angesichts der Opfer nicht mehr derselbe sein wie vorher. Ostern kann nicht einfach den Karfreitag wegwischen. Eigentlich wollte das Ostern ja auch gar nie. Hätten die Christen den Blickwinkel, unter dem sie seit Jahrhunderten Karfreitag und Ostern gefeiert haben, einmal grundsätzlich verändert, wären sie vielleicht gegen solche menschenverachtende Ideologien immun gewesen. Aber sie haben es nicht und viele sind auch heute nicht dazu bereit. Auch wenn das Leid der Shoa in seinem Ausmaß beispiellos und unvergleichbar ist, es geschieht nach wie vor auf dieser Welt Schreckliches, das aus ähnlichen Antrieben und ähnlichen Mechanismen passiert, wie damals in Dachau, in Buchenwald, in Theresienstadt, in Auschwitz …

Als Christen, insbesondere in Deutschland, aber eigentlich überall, kann der Karfreitag nicht mehr losgelöst von der Shoa gefeiert werden. Eine „Spiritualität des Leids“, eine „Spiritualität des Einfühlens in die Opfer“ steht uns weitaus besser an als Selbstgerechtigkeit und Scheinheiligkeit. Wer den Mut hat, zu einer Spiritualität des hingerichteten Juden Jesus von Nazareth, der oder die wird eine neue und tragfähigere Frömmigkeit des Auferstandenen, des österlichen Christus finden. Immerhin: In der christlichen Kunst, wird der Auferstandene nie ohne die Wundmale dargestellt. Ich möchte darüber nicht hinweggehen. Der Karfreitag hinterlässt Wunden – auch an Ostern. Dachau, die Shoa hat Wunden geschlagen. Es liegt an uns, Heilung darin zu finden. Ein oberflächlicher Osterjubel, ein Halleluja ohne das Kreuz ist „tönendes Erz und lärmende Pauke“ um die Worte des Paulus zu gebrauchen. Allein die Liebe, um bei Paulus zu bleiben, hat den Mut, Wunden zu sehen, zu pflegen und zu heilen.

Besinnliches Kar-Tage und den Frieden des Gekreuzigten und Auferstandenen wünscht

Ihr Kurat in Bad Tölz,
Peter Priller

Shalom!

 

 

 

 

 

 

 

Freie Fastenzeit!

Kaum schließt der Weihnachtsfestkreis endgültig mit Lichtmess ab, fängt auch schon der Osterfestkreis mit dem Aschermittwoch an. Das liegt heuer sehr nah beieinander.

Im Gegensatz zur vorweihnachtlichen Bußzeit, dem Advent, hat die österliche Bußzeit einen ziemlich schlechten Klang: „Fastenzeit“ heißen die vierzig Tage vor Ostern landläufig. Und so sehr das Fasten als Heilfasten oder Entschlackungsmaßnahme durchaus eine gewissen „Konjunktur“ erlebt, um so weniger hat es im Bewusstsein der Allgemeinheit was mit Religion, Glaube, oder gar mit Kirche zu tun. Fasten als „säkulare Gesundheitsmaßnahme“ – ja gerne, aber als religiöse Übung oder gar als kirchlich geprägte Zeit – bitte nicht!

Könnte es sein, dass die Kirchen da irgendwas falsch rübergebracht haben? Ich denke ja.

Insbesondere verordnete „Fast- und Abstinenztage“ wie sie v.a. von der römischen Kirche seit Jahrhunderten lang festgesetzt werden und deren Nichtbeachtung immer noch als Sünde gebrandmarkt wird, die man dann zu beichten hat, haben das Image der Fastenzeit nachhaltig schwer beschädigt. Die vierzig Tage vor Ostern wurden vom „Kirchenvolk“ nicht mehr als Chance gesehen, neu anzufangen und was besser zu machen, sondern im Gegenteil: „Du musst …“, „du darfst nicht …“ usw. Wer will das schon!

Auch in meinem Innern löst weder das Wort „Fastenzeit“ noch der komplizierte Name „österliche Bußzeit“ irgendeine angenehme Assoziation aus: Im Gegenteil.

Liest man bei den „Erfindern“ der christlichen Fastenzeiten nach, so stellt man sehr schnell fest, dass es denen - zumindest den Vernünftigen unter ihnen – nicht um das Fasten um des Fastens willen ging. Fasten hat immer etwas mit der Erfahrung von Freiheit zu tun. Das Freiwerden von Zwängen, das Freiwerden von überflüssigen Bedürfnissen, und oberflächlich gesehen auch das Freiwerden von überflüssigen Pfunden.

So manche „klassische“ Fastenzeit-Vorsätze stellen eigentlich eine Überforderung dar, und man hält sie eh nicht ein oder ist froh, wenn man diese Verzichts-Zeit überstanden hat, um dann genauso weiter zu machen wie vorher.

Wenn es beim Fasten um Freiheit geht, um frei werden, dann wäre der Ansatz vielleicht woanders.

Wo wünsche ich mir Freiheit?

Wovon kann ich mich guten Gewissens befreien und wovon lieber nicht?

Was sollte ich mir endlich mal gönnen, oder auch klassisch, was kann ich auch sein lassen?

Eine sehr sinnvolle Fastenübung könnte ein frei gehaltener Tag in der Woche sein. Das zu tun, was ich eigentlich will, aber wozu ich nicht komme, oder was ich nicht wage, weil „man“ von mir anderes erwartet …

Dies dann beizubehalten würde, auch nach der fastenzeit, auch wenn’s nur was Kleines ist, in meinem Leben was zum Positiven verändern – über die Fastenzeit hinaus.

Das „Wie“ einer solchen „Fastenübung“ kann nur individuell und vielleicht auch reine Privatsache sein.

Das Freiwerden als solches hingegen ist keine Privatsache. Freiheit ist Aufgabe und hohes Gut aller. Das gilt sowohl im kirchlichen als auch im säkularen gesellschaftlichen Bereich.

Dem Mitmenschen die Freiheit zu lassen, das eigene Leben zu gestalten, ist eine weitere „Fastenübung“. Denn Freiheit hat immer auch mit Toleranz und Akzeptanz zu tun. Lieber in einem Staat, in einer Kirche, in einer Gesellschaft leben, in der nicht alle das Gleiche tun, sondern sich an der Vielfalt der anderen freuen und diese wertschätzen.

Ja – ich lade Sie/Dich/Euch ein, die österliche Bußzeit, die Fastenzeit zu begehen. Als Aufbruch in die Freiheit.

Ihr Kurat in Bad Tölz,
Peter Priller

 

 

 

 

 

 

 

„Wir haben keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14)

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

als ich die von der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) ausgewählte Jahreslosung für 2013 gelesen habe, dachte ich zunächst, na ja das klingt aber sehr nach Bestattung und Trauerfeier. Mir kamen Lieder in den Sinn wie „Wir sind nur Gast auf  Erden…“ oder „O Welt, ich muss dich lassen…“. Das hat natürlich alles seine Berechtigung – aber als geistliches Leitwort für ein ganzes Jahr?

Teile ich überhaupt die Erfahrung, die der Vers aus dem Hebräerbrief ausdrückt? „Wir haben keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14)

Haben wir wirklich keine bleibende Stadt? Gibt es nicht einen Ort, den ich als Heimat bezeichnen würde, an dem, wenn ich hinkomme, sofort heimatliche Gefühle aufkommen? Wenn ich in die Stadt komme, in der ich aufgewachsen bin, dann ist das so. Der Schriftsteller Max Frisch hat im Hinblick auf seine Heimatstadt Zürich einmal darauf hingewiesen, dass der Bahnhof einer Heimatstadt kein Bahnhof ist, an dem man das erste Mal ankam, sondern der, an dem man das erste Mal abgefahren ist. Also gibt es doch etwas Bleibendes, jedenfalls in der Erinnerung.

Ganz gleich, welche Gefühle ich mit dem Gedanken an meine Heimatstadt verbinde – es könnten ja auch negative sein – ich weiß, wo ich herkomme. Und damit meine ich nicht nur den äußeren Rahmen eines Ortes, sondern noch viel stärker, das was mein Leben dort ausgefüllt hat:  Die Familie, die Freunde, Bekannte – eben die Beziehungen, in denen ich gelebt habe. Und so gesehen, hat der biblische Vers doch recht: Es gibt doch nichts Bleibendes. Keine Stadt bleibt so, wie sie einmal war, andernfalls würde sie zu einem Museum verkommen. Meine Heimatstadt verändert schleichend ihr Erscheinungsbild und vieles, was ich heute mit ihr verbinde, ist längst verloren gegangen oder hat sich schlicht gewandelt. Wenn ich heute dort durch die Straßen gehe, treffe ich fast niemanden mehr, mit dem mich etwas aus früheren Zeiten verbindet.

Und: Jeder Ort verändert sich, so auch ich. Immer wieder muss ich aufbrechen – und wenn vielleicht nicht räumlich, so doch geistig in neue Lebensabschnitte und Lebenssituationen hinein, muss mit neuen Herausforderungen und Ungewissheiten klar kommen.

Die Jahreslosung beschreibt schon eine Erfahrung, die ich teile, die aber schrecklich banal ist: Nichts bleibt so, wie es ist, wie es einmal war. Aber das wissen wir doch, das erfahren wir Jahr für Jahr. Soll dies das Leitwort für 2013 sein? Das wäre zu wenig!

Die eigentliche Botschaft der Jahreslosung finde ich auch nicht in der Zustandsbeschreibung des ersten Teils, sondern in der folgenden Aufforderung, die als Behauptung dargestellt wird. Es soll darum gehen, die zukünftige Stadt zu suchen.

Die zukünftige Stadt – das ist natürlich eine theologische Aussage. In ihr drückt sich die Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem aus und die Erwartung der Vollendung des Reiches Gottes am Ende der Zeiten. Das ist weit weg oder vielleicht auch nicht: Denn es kommt nicht darauf an, das Zukünftige gleich morgen zu erwarten und am besten schon zu wissen, wie es sein wird. Entscheidend ist, sich im Leben einen weiten Raum des Denkens und Hoffens zu bewahren, und zu wissen, dass diesen Raum am Ende nur Gott zu füllen vermag.

Wer auf der Suche ist, der richtet sich nicht für immer ein, der ist offen für Veränderungen, der bleibt in Bewegung, der bricht auf, der lebt auch in einer gewissen Distanz zum äußeren Rahmen seines Lebens.

Wer sich auf diese lebenslange Suche einlässt, der kann hoffen, dass selbst Leid, Krankheit und Tod nicht das Letzte sind, was sie/ihn erwartet, sondern dass die größere Zukunft immer noch vor ihr/ihm liegt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein ge­segnetes Jahr 2013.

Ihr Siegfried J. Thuringer, Pfarrer

Ab 4. Oktober immer mittwochs

19.30 Uhr Workshop Christbaumschmuck

Wochenende 13. - 15. Oktober

Ökumenisches Bibelwochenende

Samstag, 11. November

10.00 Uhr  - 13.00 Uhr baf-Frauenfrühstück

Sonntag, 12. November

10.00 Uhr Familiengottesdienst

Sonntag, 19. November

10.00 Uhr Firmung in St. Willibrord