Spirituelle Impulse 2010

Was erwarten wir vom Leben ? - Gedanken zum Advent

Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen (Ps. 130,6)

 

Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

 
eines der berühmtesten Theaterstücke, das nach dem zweiten Weltkrieg auf die Bühne kam, war  "Warten auf Godot" von Samuel Beckett.  Das Stück handelt von zwei clownartigen Clochards, Estragon und Wladimir, die neben einem Baum an einer Landstraße warten. Sie warten auf Godot, auf einen Menschen, den sie nicht kennen, der nicht kommt, der niemals kommt. Doch die beiden stehen auf der Bühne, zweieinhalb Stunden lang und warten. Und das  Publikum wartet mit. Wenn  nicht auf Godot, so darauf, dass doch noch irgendetwas passiert. Aber es passiert nichts. Estragon sagt zum Schluss: "Gehen wir!" - Aber sie gehen nicht von der Stelle. - Sie warten.

Samuel Beckett hinterfrägt in diesem Stück die Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins.  Die Menschen erwarten etwas in und von ihrem Leben, aber sie wissen oft gar nicht, auf was sie warten und ob sich das Warten überhaupt lohnt. Das ist sicher sehr pessimistisch gedacht, aber es ist eine gute Anfrage.

In der Nähe unserer Wohnung ist mir vor Jahren einmal ein exklusives Bekleidungsgeschäft aufgefallen. Am Eingang war zu lesen: “more and more, the philosophy of life”. Mehr und mehr, das ist die Philosophie des Lebens.

Treffender kann man die oberflächlichen Erwartungen unseres modernen Lebens gar nicht ausdrücken. Es geht darum, von allem noch mehr zu haben: exklusivere Kleidung, ein größeres Auto, einen schnelleren PC, einen schöneren und noch jugendlicheren Körper und so fort.

Mit Philosophie hat das freilich nichts zu tun, denn Weisheit liegt nicht darin.

Ist es wirklich das, worauf wir in unserem Leben hoffen, was wir von unserem Leben und auch für unsere Gesellschaft erwarten?

Das können wir uns in den kommenden Wochen wieder fragen, wenn wir in den Advent gehen. Auch das ist eine Zeit des Wartens. Das lateinische Wort „Advent“ bedeutet Ankunft, gemeint ist die Ankunft Gottes. Die grünen Zweige des  Adventskranzes und die vier Kerzen, die  wir in den kommenden Wochen nach und nach entzünden werden, sind Zeichen für Hoffnung und Erwartung. Advent ist aber nicht nur die Zeit des Wartens auf den 24. Dezember. Wir werden eingeladen, uns auf etwas viel Größeres einzustellen. Die Texte, die an den letzten Sonntagen im Kirchenjahr und am Beginn des Advents in den Gottesdiensten verkündet werden, sind oft  Endzeittexte, die uns an die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten erinnern.

Advent ist nicht nur die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, wo wir uns der Geburt Jesu in Bethlehem erinnern, also etwas Geschichtlichem, was vergangen ist,  sondern Advent ist  Ausdruck der  Erwartung, dass Jesus Christus wiederkommen wird am Ende der Zeit und die Schöpfung vollenden wird.

Die ersten Christen  lebten tatsächlich in der Naherwartung des Endes dieser Welt und der Wiederkunft Christi.  Wie ist das aber mit uns, fast 2000 Jahre später?

Erwarten wir die Wiederkunft Christi wirklich, wie wir dies im Glaubensbekenntnis und in der Akklamation im Eucharistiegebet jeden Sonntag bekennen,  -  oder haben wir uns nicht längst damit abgefunden, dass er nicht kommt und dass nichts passiert. Wenn das so wäre, dann gäbe es tatsächlich Anklänge an Becketts "Warten auf Godot"! Wenn wir die Wiederkunft Christi aber ernst nehmen, dann hat das Auswirkungen auf unser Denken und unser Leben als Christen und als christliche Gemeinde.

Als Christen wissen wir, dass wir in einer Zwischenzeit leben: nämlich zwischen Ostern, der Auferstehung Jesu Christi und der Wiederkunft Christi.

Wir glauben, dass die letzte Zeit der Geschichte schon angebrochen ist und dass diese Zeit keine unbegrenzte ist. Daraus ergibt sich auch ein besonderes Geschichtsbewusstsein. Die Geschichte der Menschheit, die Geschichte dieser Welt, aber auch meine eigene Lebensgeschichte setzten sich nicht unendlich einfach so fort, sondern werden an ein Ende  kommen.

Es gilt also, unsere Zeit bewusst zu leben, damit wir nicht zu denen gehören, die "nichts merken", die nur in den Tag hinein leben, ohne die Stunde der Geschichte zu prüfen und die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Wenn ich als adventlicher Mensch lebe, dann lebe ich in dem Bewusstsein, dass alles, was ich tue und denke, nur vorläufig ist.

Und ich meine, dass dies ein Stück weit auch entlastend und befreiend sein kann. 

Ich muss nicht alles in meinem Leben erreichen, ich muss nicht immer erfolgreich, schön, stark und perfekt sein. Diese Lebenshaltung führt nicht zum Leben, sondern zum Tod. Sie verwechselt das Vorläufige mit dem Endgültigen.

Ich wünsche uns, dass die Adventszeit für uns mehr sein wird als nur die Vorbereitung auf  Weihnachten. Diese Zeit ist eine gute Zeit, um nach den eigenen Er-wartungen zu fragen, sich über die Hoffnungen und Sehnsüchte klar zu werden. Was er-warte ich vom Leben? Was er-warte ich von Gott? Ich meine dies nicht als Anspruch, also in dem Sinn, was kann ich noch alles bekommen, im Sinne des "Mehr und Mehr", sondern als Anfrage an meine Offenheit für das, was kommt. Für den Menschen, der adventlich lebt, der hoffnungsvoll warten kann, sind weder Erfolg noch Enttäuschung endgültig. Das Große liegt immer noch vor ihm, auch in Krankheit und Tod.  Er nimmt nicht alles hin, was als Realismus bezeichnet wird, er bleibt anfällig für das Mögliche.

Solches Warten trägt, ist geprägt von Glaube und Liebe und ist stärker als der Hass.  Und solches Warten lässt uns auch nicht stehen bleiben, wie die beiden Landstreicher in "Warten auf Godot", sondern bringt uns in Bewegung, diese Hoffnung in Wort und Tat weiter zu geben. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen.

                                    Ihr   

                                                Siegfried Thuringer, Pfr.

Der Glauben ans Christkind

 

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

 

Sie werden’s nicht fassen, aber ich glaub immer noch ans Christkind - nicht oberflächlich naiv, aber sehr ernsthaft.

Jetzt wird’s Winter. Ich sitz in meinem Arbeitszimmer, draußen fällt nass-kalter Schneeregen aufs Land, die Seele sehnt sich nach Ruhe. Das „greislige“ Wetter hat auch was Heimeliges, Beruhigendes.

Ich mag die Zeit, wenn’s Advent wird, wenn das Weihnachtsfest seine Lichtschatten vorauswirft. 

Irgendwie hab ich jedes Jahr das Gefühl, dass in dieser Rückzugszeit eine Chance liegt. Und nie weiß ich am Ende der Weihnachtszeit, ob es mir gelungen ist, diese Chance zu nutzen.

Beim Blättern in einem adventlichen Buch hab ich folgendes Gedicht von Pierre Stutz gefunden²:

 

„Den Winter begrüßen in mir
mir endlich die Brachzeit zugestehen
in der äußerlich alles still steht
und innerlich so viel wachsen und reifen kann

 

Den Winter begrüßen in mir
die mit Schnee bedeckte Landschaft
als Ermutigung zur Langsamkeit sehen

in die Ruhe und Schweigen eintreten kann

 

Den Winter feiern mit dir
in Zeiten der Kälte und der Dunkelheit
einander Wärme und Geborgenheit schenken
in zärtlicher Zuwendung und wohltuendem Austausch


Den Winter feiern in Gemeinschaft
Kerzen und Friedensfackeln entzünden
kraftvolle Räume schaffen
für unsere Sehnsucht nach Solidarität

Den Winter begrüßen in mir
wie die Natur meine Kraft zurücknehmen
in der Energie des einfachen Daseins
höchste innere Aktivität erahnen

 


Den Winter feiern mit Leib und Seele
Erstarrtes in mir wahrnehmen
erkaltete Beziehungen behutsam aufleben lassen
eine Konfliktkultur gestalten

 

Den Winter begrüßen in mir
als schweigenden Seelengrund
in dem das Göttliche sich gebiert
in meinem Selbstwerdungsprozess

 


Den Winter meditieren
aktives Warten kultivieren
bei mir selber zu Hause sein
um suchenden Menschen Beheimatung zuschenken

Obwohl dieses Gedicht den christlichen Inhalt des Weihnachtsfestkreises nicht ausspricht, spiegelt es meines Erachtens tiefsten Glauben an das Weihnachtsgeschehen wieder. Und gerade weil Pierre Stutz hier nicht gleich mit dem „lieben Jesulein“ herausrückt, spricht er die Sehnsüchte, Hoffnungen und Chancen an, die im Geschehen der Weihnacht für uns Heutige liegen.

Ich möcht Sie / Dich / Euch einladen, den Winter, die Zeit vor Weihnachten, Weihnachten selbst und die Zeit nach Weihnachten bewußt und mit innerer Ruhe zu erspüren, zu erleben. Egal welcher „Weihnachtsrummel“ außenrum veranstaltet wird: Wer aufmerksam auf den Winter hört, wer Weihnachten mit der Seele erspürt, der oder die kann lernen wieder ans Christkind zu glauben. Wenn ich die Botschaft von Weihnachten richtig verstanden habe, dann wendet sich unser Leben, dann wendet sich die Welt zum Guten, wenn wir ans Christkind glauben ...

Ich wünsche Ihnen / Dir / Euch besinnliche Tage des Advent, ein tiefes Erleben der Weihnacht und der weihnachtlichen Festzeit, sowie Gottes Segen und Begleitung im neuen Jahr

Ihr/Dein/Euer                                                                Kurat Peter Priller

² Pierre Stutz; Den Winter begrüßen in mir; in: Für jeden leuchtet ein Stern; hersg. v. Ulrich Sander; Freiburg 2006

Lichtgestalten ... - Gedanken von Kurat Peter Priller

... begegnen uns, wenn die Tage kürzer und dunkler werden, die Nächte länger und kälter.

Zunächst treten sie ja geballt auf, die Lichtgestalten – an Allerheiligen. Das Fest all derer, die im Licht sind – die Lieben, die uns vorausgegangen sind und wir selbst mit eingeschlossen.

 

Am 6. November - in meiner Filialgemeinde Bad Tölz natürlich ganz, ganz wichtig: St. Leonhard.

 

Ursprünglich kein Viehpatron, sondern Mönch mit Herz für Gefangene. Ein Heiliger der Freiheit – der inneren Freiheit, die braucht ein Mönch, wenn er glaubwürdig sein soll. Und ein Heiliger der realen Freiheit, die braucht jeder Mensch, um leben und sich entfalten zu können. Kettenlösen könnte auch für uns Aufgabe sein ...

 

Gleich darauf, am 7. November ist St. Willibrord – der Patron unserer alt-katholischen Pfarrgemeinde München, zu der auch die Filialgemeinde Bad Tölz gehört. Willibrord war einer der ganz großen angelsächsischen Missionare auf dem Kontinent. „Bote des Lichtes“ nennt ihn unser alt-katholisches Altarbuch. Gibt es Boten des Lichtes auch heute noch?

 

Und schließlich am 11. November St. Martin: Der Heilige des Lichtes im Spätherbst. Ein Heiliger der Nächstenliebe, ein Heiliger der Wandlung: Vom Soldaten, zum Mönch, zum Bischof ... Und das Martinsfest führt uns hinein in die Zeit unmittelbar vor dem Advent (die ja ursprünglich auch schon zum Advent gehört hat): Die letzten Sonntage und Wochentage des Kirchenjahres sind geprägt von der Ausschau nach dem Licht, das da kommt und alles gut macht. „Adventus Domini“ – die Ankunft des Herrn: Darauf haben die Menschen in der alten Kirche der ersten Jahrhunderte sehnsüchtigst gewartet. Und diese Ankunft geschieht – nicht bloß irgendwann am Ende aller Zeiten. Diese Ankunft geschieht immer und überall – bei Dir?

 

Ich wünsche Ihnen viel Licht in dunklen Tagen<br/>Ihr Kurat in Bad Tölz
Peter Priller

laß mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben 

Ich selber kann und mag nicht ruhn
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen
Ich singe mit, wenn alles singt
Und lasse was dem Höchsten klingt
Aus meinem Herzen rinnen

Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich Dir stetig blühe;
Gib, daß der Sommer Deiner Gnad
In meiner Seele früh und spat
Viel Glaubensfrücht erziehe 

Erwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonstern Keinem mehr
Hier und dort ewig dienen 

Paul Gerhardt 1653

 

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

das sind vier von 15 Strophen, mit denen Paul Gerhardt 1653 die Sommerzeit besungen hat. Die beiden oberen (eigentlich die Strophen 1 und 8) sind auch in unserem alt-katholischen Gesangbuch „Eingestimmt“ unter der Nummer 658 abgedruckt. Die beiden unteren (Strophen 13 und 15) hab ich hier noch dazugefügt.

Typisch Barock, was Paul Gerhardt hier macht: Er nimmt den Sommer als Metapher für die Gnade Gottes, die im eigenen Leben und in der eigenen Seele Früchte hervorbringt – Paradiesfrüchte, die für ewig satt und glücklich machen.

Bischof Joachim Vobbe hat am 10. Juli beim Jahrtagsgottesdienst in unserer Tennerkapelle sinngemäß gesagt, dass die Sehnsucht des Menschen nach endgültigem Heilsein, nach allumfassender Gesundung für ihn der einzige schlüssige Gottesbeweis sei.

Was Bischof Joachim da zum Ausdruck gebracht hat, hat wohl auch schon Paul Gerhardt in der Barockzeit gespürt und vor ihm wie nach ihm unzählige andere: Diese unstillbare Sehnsucht des Menschen nach Ganzheit, nach Heil-Sein könnte es gar nicht geben, wenn es nicht das Ziel dieser Sehnsucht gäbe. Es ist uns eingepflanzt in Leib und Seele, in Herz und Geist. Wir können gar nicht anders als ein Leben lang nach Glück und Heil und Zufriedenheit zu streben. Wir können gar nicht anders als den zu suchen, der die Vollkommenheit geschaffen hat.

Freilich zeitigen unsere Handlungen oft genug das glatte Gegenteil. Das liegt an unserer menschlichen Unvollkommenheit, an unserem eigenen Gebrochensein. Wir habend das Ziel noch nicht erreicht. aber wir sind auf dem Weg und wir können „bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen“ wie’s Paul Gerhardt so blumig zum Ausdruck bringt.

Ein schöner Sommertag ist eben mehr als ein schöner Sommertag, wie so vieles Schöne im Leben.

Es ist Sinnbild und Unterpfand für einen Sommer voll Glück und ohne Ende ...

Ihr Kurat in Bad Tölz
Peter Priller

 

140 Jahre alt-katholische Bewegung - Gedanken von Pfarrer Siegfried Thuringer

Liebe Gemeinde,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

diese Stofftasche war beim 2. Ökumenischen Kirchentag der Renner. Bereits geraume Zeit vor Ende des Kirchentags waren die 1000 Stück am Infostand unseres Bistums vergriffen. Es gab und gibt natürlich geteilte Meinungen über den Sinn und Zweck einer solchen Aktion; auch kann man über einzelne Begriffe sicherlich diskutieren – wir bezeichnen die Eucharistiefeier nicht als Abendmahl -   aber was inhaltlich ausgesagt wird, ist richtig, und warum sollte das nicht auch einmal so zugespitzt formuliert  und unter die Menschen gebracht werden.

Diese Tasche ist mir am 18. Juli wieder in den Sinn gekommen, einem nicht nur für die alt-katholische Kirche denkwürdigen Tag. Vor 140 Jahren, am 18. Juli 1870, wurden auf dem I. Vatikanischen Konzil die Dogmen von der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen und seines Jurisdiktionsprimates verabschiedet.

Katholiken, die diese Dogmen ablehnten, wurden in der Folge exkommuniziert und  schlossen sich zunächst in Katholikenvereinen zusammen, aus denen später die ersten alt-katholischen Gemeinden entstanden.

Die Beschlüsse des 18. Juli 1870 waren somit der  Auslöser für die alt-katholische Bewegung.

Ich habe mir in diesem Zusammenhang die natürlich völlig unhistorische Frage gestellt: Was würden die Frauen und Männer in den ersten alt-katholischen Gemeinden damals, vom Aufdruck auf der Stofftasche gehalten haben?

Verheiratete
katholische
Priesterin feiert
ökumenisches Abendmahl

Ob ein Priester verheiratet sein soll oder nicht, damit haben sich die alt-katholischen Gemeinden sehr bald auseinandergesetzt. Es wurde heftig darum gerungen und gestritten, manche hatten Angst als Neuprotestanten verunglimpft zu werden. Aber das Ergebnis war schließlich, dass die fünfte Synode 1878 die Koppelung zwischen Bischofs- und Priesteramt und Zölibat aufhob, und es den Geistlichen freistellte, ob sie in Ehe und Familie leben wollten oder nicht.

Auch die Vision einer ökumenischen Eucharistiefeier hatte indirekt damals schon ihren Platz. Bereits der (1. Alt-) Katholikenkongress in München 1871 bekannte sich ausdrücklich zum ökumenischen Anliegen und erwartete eine allmähliche Verständigung mit den anderen Kirchen.

1874 und 1875 luden die Alt-Katholiken zu so genannten "Unionskonferenzen" nach Bonn ein, an denen anglikanische, orthodoxe und evangelische Kirchenvertreter teilnahmen. Später war die alt-katholische Kirche Gründungsmitglied des weltweiten Ökumenischen Rates der Kirchen und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland.

Erfreuliche Ergebnisse der ökumenischen Gespräche sind die seit 1931 bestehende volle Kirchengemeinschaft mit der anglikanischen Kirche und die gegenseitige Einladung zur Eucharistie bzw. zum Abendmahl, die vor 25 Jahren zwischen der alt-katholischen Kirche in Deutschland und der evangelischen Kirche vereinbart wurde. Auch die Kontakte zur Orthodoxie, insbesondere der von 1975 bis 1987 dauernde offizielle theologische Dialog zwischen der alt-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche führten zu einem weitgehenden Lehrkonsens.

Und wie steht es mit der Priesterweihe für Frauen?

Auch wenn die alt-katholische Bewegung von Frauen entscheidend mitgetragen wurde, war so eine Entwicklung – und sei es nur als wünschenswerte Vision – damals aufgrund der gesellschaftlichen Stellung der Frau wohl nicht denkbar.

Die gerade aufkommende Frauenbewegung kämpfte in dieser Zeit noch um grundlegende politische und bürgerliche Rechte der Frauen, wie das Frauenwahlrecht, das Recht auf Erwerbstätigkeit und das Recht auf Bildung.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts. wurde es Frauen allmählich ermöglicht, an Universitäten zu studieren. Das aktive und passive Wahlrecht für Frauen wurde 1919 zu Beginn der Weimarer Republik eingeführt.

Frauen im geistlichen Amt – das war an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch gesellschaftlich noch kein Thema.

Eine ernsthafte Diskussion über die Öffnung des geistlichen Amtes für Frauen setzte in unserer Kirche  erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ein und es brauchte 20 Jahre theologischer Grundlegung und synodalen Ringens bis 1996 die ersten Frauen in Konstanz zu Priesterinnen geweiht werden konnten.

Gerade im Blick auf die Entscheidung zur Frauenordination wird für mich aber etwas Grundlegendes im Bezug auf das Kirchesein deutlich:

Es genügt nicht den Status quo eines Bekenntnisses zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte festzuschreiben oder im Blick auf unsere Kirche und die Beschlüsse des I. Vatikanischen Konzils den Protest dauerhaft zu verwalten.

Entscheidend ist es, eine Bewegung zu bleiben, die offen ist für die Herausforderungen der jeweiligen Zeit.

Ich bin dankbar, dass es in unserer Kirche Frauen und Männer gab, die uns geholfen haben, diese Dynamik in den letzten 140 Jahren zu bewahren.

Dass unsere Kirche eine Bewegung bleibt, die auf Jesus Christus und sein Evangelium ausgerichtet ist und die daraus Antworten auf die Fragen der Menschen heute sucht, das wünsche ich uns allen.

Ihr Pfarrer

Siegfried Thuringer

 

Gedanken zum Pfingstfest von Kurat Peter Priller

„Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht...“

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Satz aus dem großen Glaubensbekenntnis, den man einfach so dahin sagt.

Καi εiς τo Πνεuμα τò ¢´Aγιον, τò κύριον, τò ζωοποιόν ...“. Zoopoion/vivificantem heißt wörtlich übersetzt: „Lebenmacher“ – ein schöner Titel für den Heiligen Geist. Wir werden uns damit in der Pfingstvigil näher befassen ...

Die Ostkirche begeht am Pfingstsamstag den sog. Psychosabbaton, den „Seelensamstag“. Das Totengedenken der Ostkirche ist aufs engste mit der Aussendung des Heiligen Geistes, des Lebensspenders, am Pfingstfest verbunden. Ein schöner Tag, um der Toten zu gedenken! Ein schöner Tag, um das Leben zu feiern. Lebendiger als unsere Novembertermine.

Am Pfingstfest wurden die verschreckten Jünger Jesu mit neuem Lebensmut erfüllt. Der Geist, der lebendig macht, täte auch uns in allen Lebensbereichen gut: In der Kirche als solcher sowieso. Aber auch in unserer Gemeinde, in unserem Land, im eigenen Lebensbereich – wo auch immer. Wir brauchen einen, der „Leben macht“

Mit dem Pfingstfest geht die Osterzeit zu Ende. Es führt uns hinüber in die Zeit des Kirchenjahres, die geprägt ist vom Leben in Fülle. Wir haben Menschwerdung, Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christi gefeiert. Aber das alles hat nur dann etwas mit uns zu tun, wenn wir uns davon berühren, beleben lassen. Pfingsten leitet die ganz persönliche Umsetzung all dessen ein, was wir an Weihnachten und Ostern gefeiert haben. Pfingsten ist das Fest des Lebens für dich und mich.

Ob es uns gelingt, als „pfingstliche“ Menschen zu leben, hängt davon ab, inwieweit wir dem Leben in seinem ganzen Reichtum Raum geben. An Pfingsten haben sich die Menschen spontan verstanden. Pfingsten war erlebte Offenheit für alle. Der Pfingstbericht in der Apostelgeschichte könnte geradezu als biblischer Text zum Thema Integration verstanden werden. An Pfingsten wurde Vielfalt zum Reichtum. Aus diesem Reichtum dürfen wir alle schöpfen – bis heute.

Ich wünsche uns allen die Offenheit und die Lebendigkeit des Geistes Gottes, „der Herr ist und Lebendig macht“.

Ihr Kurat in bad Tölz
Peter Priller

 

Karwoche und Osterzeit - Gedanken von Kurat Peter Priller

1. Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht

ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht,

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn!

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!

 

2. Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt

Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn!

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!

 

3. Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.

Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn!

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!

4. Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht.

Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn!

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!

 

5. Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu.

Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du?

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn!

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!

 

6. Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr,

ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn!

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!

 

Jürgen Henkys (siehe: Gesangbuch Eingestimmt Nr. 371)

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses neuere Passionslied von Jürgen Henkys finde ich irgendwie tröstlich in einer weiß Gott schweren Zeit.

Die Kirche ist erschüttert. Was zur Zeit in den röm.-kath. Bistümern in Bewegung geraten ist, hat ja Auswirkungen auf die ganze Kirche, die immer mehr ist als nur eine Konfession. Ob die Kirche auch die Chance nutzt, die in dieser Krise steckt? „Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn!"

In unserem eigenen alt-kath. Bistum vollzieht sich gerade der Wechsel von Bischof Joachim zum Bischof Matthias. Das ist etwas ganz anderes: Ein ganz normaler Vorgang, aber eben ein seltener Vorgang, der dem Bistum neue Impulse geben wird. „Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn!"

In unserer Gemeinde stehen die ersten Kar- und Ostertage ohne den Sepp vor der Tür. Wer die Geschichte unserer Gemeinde ein bisschen kennt, weiß, wie konstituierend diese Tage von Anfang an für unsere Gemeinde waren, und wie entscheidend der Sepp für diese Gemeinde war. Wenn man einen Namen für unsere Gemeinde finden müsste, würde ich für den Namen „alt-kath. Osternachtsgemeinde" plädieren. Ich denke an die erste Osternacht 1995. Ich denke an die Zeit in der Reha-Kapelle. Ich denke an die erste Osternacht in der Tennerkapelle im Jahr 2000, an die Osternacht mit Bischof Joachim 2006, ich denke an die letztvergangene Osternacht 2009 und an alle anderen. In der Osternacht 2010 wird einer fehlen ... Obwohl er sicher doch irgendwie da sein wird, wird es etwas anderes sein .... „Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn!"

Und dann das eigene Leben: Damit meine ich jede und jeden von uns, von Ihnen/Euch in der jeweiligen und ganz eigenen Lebenssituation. Am Karfreitag werden wir wieder an das Kreuz herantreten ... Ist es für mich „der Baum des Lebens", wie’s im Lied heißt? Woraus lebe ich? Woher beziehe ich „die Früchte", die mich nähren, stärken und die auch wohlschmecken? Was ist für mich „das Leben"?

„Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn!"

Das Tröstlich an dem Lied ist die letzte Zeile jeder Strophe, die auf Ostern verweist. Und dieser Hinweis auf Ostern gilt allen - Dir und mir, unserer Gemeinde, der Kirche, der ganzen Welt mit ihrem Wohl und Wehe – nicht erst, wenn wir gestorben sind, sondern heute und jeden Tag:

 „Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!"

Ich lade Sie ein, (wieder) miteinander Ostern zu feiern. Uns allen besinnliche Kartage und ein frohes, gesegnetes Osterfest!

Ihr Kurat in Bad Tölz
Peter Priller

Aschermittwoch - Gedanken von Kurat Peter Priller

Tabernakel und Evangeliar in St. Willibrord

Liebe Gemeindemitglieder,
liebe Freundinnen und Freunde,

jetzt geht’s um DICH! Ja um dich ganz persönlich.

Und da kommt gleich der Aschermittwoch mit seinem berühmten Spruch:

Gedenke, o Mensch, du bist Staub, und zum Staub wirst du zurückkehren – Kehr um und glaub an das Evangelium!“

Der wird ja jedem einzeln ins Gesicht gesagt und die Asche wird jedem einzeln aufs Haupt gestreut.

Mir kommt immer wieder mal ein Lied von Kaplan Alfred Flury (wer kennt den heute noch?) ins Gedächtnis.

Dessen Refrain lautet:

Lass die kleinen Dinge, nimm Dir Zeit, einmal ist es auch für dich soweit!“

Das ist eigentlich die gleiche Aussage, wie die persönliche Anrede bei der Aschenauflegung am Aschermittwoch.

Fastenzeit, österliche Bußzeit heißt ja keineswegs, dass man sich nichts Gutes gönnen dürfte. Im Gegenteil.

Fastenzeit heißt: Lass die kleinen Dinge, nimm dir Zeit! Schau drauf, was für dich wesentlich ist und das tu! Das andere ist überflüssig. Lass es weg! Und so manche Dinge, die „groß“ scheinen, sind genau betrachtet „kleine Dinge“, die wir ebensogut lassen könnten ...

Wenn Fastenzeit zur Be-Lastung wird, weil man das und das angeblich nicht „darf“, dann läuft schon von vornherein was schief.

Fastenzeit könnte aber auch zur Ent-Lastung werden. Das wird sie dann, wenn ich kapiert hab, was ich eigentlich brauche und was nicht. Wenn ich lerne zu unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig ist.

Die Unterscheidung muss jeder Mensch für sich selbst lernen. Das ist auch gar nicht immer so leicht zu entscheiden. Mit vorgefertigten „Das-darf-man-“ und „Das-darf-man-nicht-Regeln“ kommt man da nicht weit und läuft obendrein Gefahr, solche Zeiten ihres Sinns zu berauben.

Fastenzeit heißt Übungszeit für Selbstverantwortung, Übungszeit zur Unterscheidung, was wichtig ist und was nicht. Fastenzeit dauert eigentlich ein ganzes Leben lang.

Damit wir dieses Üben nicht vergessen, gibt es ja sowas wie Bußzeiten, Tage der Besinnung, Advent, Fastenzeit, österliche Bußzeit.

Dabei geht’s immer ums eigene. Es ist dein eigenes Leben, für das du verantwortlich bist, niemand sonst.

Das hat natürlich drei Dimensionen:

Ich – mit mir selbst. Ich – mit den anderen. Ich – mit Gott.

Eigentlich freue ich mich auf die Zeit, die mich zum Üben einlädt. „Ein jeder Tag ist ein neues Abenteuer“ schreibt Alfred Flury in seinem Lied weiter.

Lassen wir uns darauf ein! Es lohnt sich für’s Leben.

Ihr Kurat in Bad Tölz,
Peter Priller

Ab 4. Oktober immer mittwochs

19.30 Uhr Workshop Christbaumschmuck

Wochenende 13. - 15. Oktober

Ökumenisches Bibelwochenende

Samstag, 11. November

10.00 Uhr  - 13.00 Uhr baf-Frauenfrühstück

Sonntag, 12. November

10.00 Uhr Familiengottesdienst

Sonntag, 19. November

10.00 Uhr Firmung in St. Willibrord