Bad Tölz

Gemeindebrief

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels,

das Jubiläumsjahr der Reformation neigt sich zu Ende und so möchte ich Sie/Euch im Winter-Kirchenzettel 2017-2018 auf eine kleine Zeitreise mitnehmen.

Wir schreiben das Jahr 1523, also 494 Jahre zurück.

Und wir wechseln den Ort, wir begeben uns ins damals kursächsiche Allstedt. An der dortigen Johanniskirche wurde im Frühjahr 1523 ein neuer junger Pastor bestellt – kein „unbeschriebenes Blatt“, eher schon „berühmt berüchtigt“: Thomas Müntzer.

Mit Luther, den er anfangs hoch verehrte, hatte er sich bereits überworfen und 1521 war er vom Rat der Stadt Zwickau des Aufruhrs verdächtigt und der Stadt verwiesen worden.

Mit Luther stimmte er theologisch nicht völlig überein. Seine Ansichten wichen vor allem in zwei Punkten von Luthers theologischer Meinung ab: Im ersten Punkt ging es um den Glauben und die Bedeutung des Wortes. Das äußere Wort (verbum externum), auch das äußere Wort der Heiligen Schrift, war für Müntzer nicht entscheidend, sondern das innere Wort (verbum internum), das Gott in die Tiefe der einzelnen Menschenseele spricht und das dort Glauben und Handeln des Menschen bewirkt, darauf kam es Müntzer an. Spiritualismus nannte man später die Frömmigkeitsrichtung, die sich daraus entwickelt hat. Der zweite Punkt, in dem Müntzer nicht mit Luther übereinstimmen konnte, war seine Haltung gegenüber der weltlichen Obrigkeit. Missstände in Klerus und Kirche anzuprangern, war eine nachvollziehbare Haltung fast aller Reformatoren. Müntzer aber ging erheblich weiter. Er prangerte offen soziale Missstände an – auch im Angesicht seines eigenen Fürsten, was ihn erneut seine Stellung kosten sollte. Müntzer entwickelt sowas wie eine „Theologie der Revolution“. Das war brandgefährlich.

Kurz darauf wurde er zu einer zentralen Leitfigur in den Bauernaufständen 1524/25.

Nach der verlorenen Schlacht bei Frankenhausen wurde ihm in Mühlhausen/Thüringen der Prozess gemacht. Müntzer wurde gefoltert, geköpft und sein Leichnam öffentlich aufgespießt.

Doch zurück ins Jahr 1523 in Allstedt: Der neue Pastor an der Johanniskirche ist damit beschäftigt, die liturgischen Texte der römisch-katholischen Kirche ins Deutsche zu übersetzen – Mess-Texte, Stundengebet … alles. So revolutionär der junge Theologe in seinen theologischen und politischen Ansichten auch sein mag, in seinen Übersetzungen bleibt er den lateinischen Originalen erstaunlich treu, wenngleich er an bestimmten Punkten durchaus eigene Akzente setzt. Und er setzt im Gegensatz zu Luther und den Wittenberger Reformatoren nicht auf das deutsche Lied als neue Form des Hymnensingens, sondern er hält an der Melodik des gregorianischen Chorals fest. So übersetzt er auch den Adventshymnus des römischen Stundengebets „Conditor alme siderum“ (Kempten, 10. Jahrhundert; Verfasser unbekannt) so ins deutsche Reim-Schema, dass er auf die bekannte gregorianische Hymnus-Melodie gesungen werden kann:

“Conditor alme siderum,

aeterna lux credentium,

Christe, redemptor omnium,

exaudi preces supplicum. …“

„Gott, heylger schöpffer aller stern,

erleucht uns, die wir sind so fern,

zurkennen deynen waren Christ,

der vor uns hye Mensch worden ist. …“

Ins moderne Deutsch übertragen findet sich der Hymnus heute wie folgt in den aktuellen Gesangbüchern, der römisch-katholischen, der evangelischen und der alt-katholischen Kirchen im deutschen Sprachraum:

Gott, heilger Schöpfer aller Stern,

erleucht uns, die wir sind so fern,

dass wir erkennen Jesus Christ,

der für uns Mensch geworden ist.


Denn es ging dir zu Herzen sehr,

da wir gefangen waren schwer

und sollten gar des Todes sein;

drum nahm er auf sich Schuld und Pein.


Da sich die Welt zum Abend wandt,

der Bräut'gam Christus ward gesandt.

Aus seiner Mutter Kämmerlein

ging er hervor als klarer Schein.


Gezeigt hat er sein groß Gewalt,

dass es in aller Welt erschallt,

sich beugen müssen alle Knie

im Himmel und auf Erden hie.


Wir bitten dich, o heilger Christ,

der du zukünftig Richter bist,

lehr uns zuvor dein' Willen tun

und an dem Glauben nehmen zu.


Lob, Preis sei, Vater, deiner Kraft

und deinem Sohn, der all Ding schafft,

dem heilgen Tröster auch zugleich

so hier wie dort im Himmelreich.


Müntzers Hymnen-Übersetzung wurde also im Lauf der Jahrhunderte zum ökumenischen Allgemeingut. Das hätte sich der texttreue Sozialrevolutionär der frühen Neuzeit sicher nicht träumen lassen.

Worum ging es Müntzer in der Hymnus-Übersetzung? Worum ging es dem ursprünglichen unbekannten Dichter des lateinischen Originals, mutmaßlich Mönch im 10. Jahrhundert in Kempten?

Der ursprüngliche Hymnen-Dichter des 10. Jahrhunderts nennt Gott den wohlsorgenden Schöpfer aller Gestirne und das ewige Licht der Glaubenden, um dann Christus, den Erlöser alles Seienden anzurufen. Der Schöpfer-Gott wird im Original mit Christus gleichgesetzt, was der Lehre der Kirche durchaus entspricht. So heißt es im großen Glaubensbekenntnis von Jesus Christus: „Aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht … eines Wesens mit dem Vater. Durch ihn ist alles geschaffen.“ Der unbekannte Mönch des 10. Jahrhunderts stellt den allumfassenden und alle Zeiten umschließenden Heilsplan Gottes an den Anfang und ruft Christus, den Erlöser an, in dem das Wort des ewigen Gottes Fleisch geworden ist.

Thomas Müntzer hält an dieser Idee grundsätzlich fest, verwandelt aber den ursprünglichen Hymnus an Christus in einen Hymnus auf Gott, den Schöpfer. Nicht mehr Christus wird angeredet, sondern, Gott, der Schöpfer aller Gestirne. Müntzer hält diese Anrede allerdings nicht konsequent durch. In der 5. (ursprünglich 6.) Strophe, richtet er sich dann doch an Jesus Christus: „Wir bitten dich, o heilger Christ, der du zukünftig Richter bist …“ Und auch in der zweiten Strophe passiert es ihm, dass er mit „du“ eindeutig Christus meint und nicht den Vater.

Doch fahren wir fort mit der zweiten Strophe: „Denn es ging dir zu Herzen sehr …“

Gott geht etwas zu Herzen – im lateinischen Original übrigens ähnlich formuliert

„condolens interitu“ zeugt bei beiden, beim Dichter wie beim Übersetzer von einem sehr einfühlsamen Gottesbild. Es verweist auf das Wort „Erbarmen“, das im Hebräischen רחמים (rächämim) heißt und soviel bedeutet wie Mutterschoß. Diese mütterliche Seite ist schon in der ersten Strophe angeklungen im lateinischen Wörtchen „alme“, was auf eine nährende Mutter verweist. Gottes weibliche Seite ist nicht erst in den letzten Jahren entdeckt worden!

 

Im zweiten Teil der zweiten Strophe weicht Müntzer deutlich vom Original ab. Während ursprünglich von einem Heilmittel gegen die Todesverfallenheit des angeklagten Menschen, das Christus gebracht hat, die Rede ist, schreibt Müntzer (an Christus gerichtet!) „drum nahmst du auf die Schuld und Pein.“ Vielleicht ist es Luthers Kreuzestheologie, die hier bei Thomas Müntzer wieder durchschlägt.

In der dritten Strophe geht es um die Menschwerdung aus der Jungfrau Maria. „Da sich die Welt zum Abend wandt …“ Dichter und Übersetzer sind der Überzeugung, dass die Welt ihren Zenit überschritten hat und da tritt, wie ein Bräutigam aus dem Gemach der Braut Christus in die Welt ein, „aus seiner Mutter Kämmerlein“. Im Schoß Mariens wird die allerbarmende Mutterliebe Gottvaters (רחמים = Mutterschoß) sichtbar.

Die vierte Strophe verweist auf den Hymnus im Philipperbrief des Apostels Paulus (Phil 2,6-11), der auch das älteste Glaubensbekenntnis der Christenheit enthält: „Jesus Christus ist der Herr“.

Zwischenzeitlich folgte eine 5. Strophe über die Gestirne, die nicht vom ursprünglichen Dichter-Mönch aus Kempten stammte. Müntzer hat sie mit übersetzt. In den heutigen Ausgaben fehlt sie für gewöhnlich.

In der jetzt wieder 5. Strophe wird Christus angerufen als der künftige Weltenrichter. Im Original wird der Angerufene mit „Sancte“ bezeichnet „Heiliger“. Während der Mönch des 10. Jahrhunderts „den Heiligen“ anruft, dass er uns vor dem Zugriff des „bösen Feindes“ bewahren möge, bittet Müntzer um Wachstum im Glauben, das nach seiner Überzeugung nur von Gott selbst in der Seele des Menschen bewirkt werden kann (verbum internum), und um die Fähigkeit den Willen Christi zu erfüllen. Letzteres hatte für Müntzer keineswegs nur geistliche Folgen, sondern durchaus handfeste, zum Beispiel in der Beseitigung sozialer Missstände und Ungerechtigkeiten.

Ganz der liturgischen Tradition entsprechend endet der Hymnus in einer trinitarischen Lobpreis-Strophe auf den dreifaltigen Gott in Zeit und Ewigkeit.

Liebe Leserinnen und Leser unseres Kirchenzettels, vielleicht hab ich Sie/Euch jetzt ein bisschen mit Textkritik und Theologie strapaziert. Wenn Sie es geschafft haben, bis hierher zu lesen, dann lohnt sich auch noch der Rest.

Diese kleine Zeitreise in die Folgejahre der Reformation und der Bauernaufstände und die genauere Betrachtung des uralten Adventshymnus in der Übersetzung des Reformators Thomas Müntzer zeigt, dass Advent und Weihnachten weit mehr bedeuten als romantische Christkindlmärkte, Glühwein und Jingle Bells. Nicht dass Sie mich falsch verstehen! Das darf auch alles sein und auch ich mag den Glanz der Advents- und Weihnachtszeit heute durchaus. Aber das allein kann’s ja wohl nicht sein. Der Mönch aus Kempten im 10. Jahrhundert kannte unseren Weihnachtszauber ganz sicher nicht und auch der Reformator Thomas Müntzer dürfte von der Oberflächlichkeit heutiger Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte eher enttäuscht sein. Aber ihre Botschaft hat überlebt. Sie finden sie in jedem Gesangbuch in fast jeder Kirche. Denn sie trifft auch für uns heute noch zu. Das 10. Jahrhundert war politisch unsicher und die Zeit der Reformation und der Bauernaufstände erst recht. Thomas Müntzer war 1½ Jahre nach seiner Hymnus-Übersetzung bereits tot – aus politischen Gründen.

Im Vergleich dazu leben wir in politisch sehr stabilen Zeiten. Doch auch wir spüren mehr und mehr, wie brüchig diese Stabilität letztendlich ist. Die unmittelbaren Generationen vor uns haben diese Brüchigkeit und Unsicherheit noch viel mehr erleben müssen. Ich hoffe, dass uns derartige Erfahrungen erspart bleiben. 72 Jahre Frieden und Demokratie in unserem Land sind ein hohes Gut, das es auch zu verteidigen gilt. Eine Garantie, dass das selbstverständlich so bleibt sind 72 Jahre Frieden und Demokratie nämlich nicht.

Der Blick auf den „alten“, den ursprünglichen Advent mit seiner herben Blickrichtung auf das Ende aller Dinge könnte das Herz weiten für die eigentliche Weihnachtsbotschaft. Und die spricht von „Menschwerdung“, von einer Mutter und ihrem Kind, von einem Gott der sich erbarmt (רחמים = Mutterschoß), sie spricht vom Frieden auf Erden.

Ich wünsche mir und uns allen, dass die eigentliche Botschaft des Weihnachtsfestes wieder ankommt und innere Sicherheit in unseren Herzen bewirkt:

„‘Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt.‘ Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das lobte Gott und sprach: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade!‘“

Besinnliche Adventszeit, ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest und Gottes Segen im neuen Jahr wünscht

Ihr/Dein/Euer Kurat Peter Priller

 

 

                      

                                                                 Termine in Bad Tölz

 

 

 

 

 

 

Regelmäßige Gottesdienste

Gottesdienst in der Tennerkapelle
Gottesdienst in der Tennerkapelle

Sonntag abwechselnd 10:00 Uhr oder 19:00 Uhr

in der Tennerkapelle, Benediktbeurer Straße 2.

Den Zeitpunkt finden Sie unter Termine.

 

 

Hausbesuche – Krankenkommunion


Gerne besuch ich Sie zu Hause, einfach so, um sich kennenzulernen, oder wenn Sie aus Gesundheits- oder Altersgründen nicht zum Gottesdienst kommen können, bringe ich Ihnen gern die Kommunion nach Hause oder feiere mit Ihnen daheim Gottes-dienst. Das gilt immer .

Anruf genügt: (08041) 73550                                                                        

Peter Priller                                                                                            

                                                                    

 

 

Heilig Abend

17.00 Uhr Christmette in der Tennerkapelle, Bendiktbeurer Str. 2