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Baufortschritt "Christuskirche"

Kurzer baugeschichtlicher Überblick

Die Konstanzer Jesuitenkirche St. Konrad (heute alt-ka­tholische Christuskirche) wurde 1604-07 nach Plänen des Jesuiten Stephan Huber zusammen mit dem nach Süden anschließenden Kolleg erbaut. Das freistehende Gymnasium kam 1607-10 hinzu. Die Kirche ist eine von römischen Vorbildern inspirierte gestufte Wandpfeiler­kirche mit eingezogenem Chor. Über Oratorien an der seitlichen Chorwand schließt der Kollegbau an. Der ur­sprüngliche Raumeindruck war von einer Flachdecke bestimmt.

1682 erhielt das Kirchenschiff statt der flachen Decke ein stuckverziertes Gewölbe, womit sich das Raumge-füge dem römischen Hochbarock weiter annäherte. Das massive Ziegelgewölbe war im frühen 20. Jh. einsturzgefährdet und wurde 1929/30 durch ein Schein­gewölbe in Rabitztechnik ersetzt, welches über eine Stahlaufhängung mit dem Dachstuhl verbunden ist. Die barocken Stuckelemente erfuhren eine Nachbildung. Die qualitätsvolle Innenausstattung stammt aus dem 17. und 18. Jh.

Nach der Schließung des Jesuitenkollegs im Zuge der ge­nerellen Aufhebung des Jesuitenordens 1773/74 stand die Kirche zunächst leer und wurde im 19. Jh. als Se­minarkirche des Bistums genutzt. Per großherzoglichem Dekret wurde das Gotteshaus 1904 der alt-katholischen Gemeinde zur Nutzung überlassen. Die Kirche ist seit 1962 im Besitz des Landes Baden-Württemberg.

 

 

 

Aktuelle Restaurierung des Innenraums -technische Ausgangslage

Von Mitte 2005 bis Mitte 2007 erfuhr die Kirche eine Außeninstandsetzung. Während dieser Baumaßnahme traten im Bereich des Chorgewölbes erhebliche Schäden auf. Diese wurden vermutlich durch den Orkan „Kyrill" im Januar 2007 verursacht.

Es zeigte sich, dass das Chorgewölbe bereits zu einem früheren Zeitpunkt Schwächen aufwies. Das Ziegelge­wölbe besitzt auf einer Fläche von ca. 50 m2 keinen Stich, es verläuft waagrecht. Risse waren bereits vorhan­den. Die Oberseite des Gewölbes wurde bereits früher mit einer Ausgleichsschicht versehen, das Gewölbe über Gewindestangen an die vorhandene Holzkonstruktion gehängt. Die Gewölbeeinsenkungen orientieren sich nach Norden, vermutlich weil einzig zu dieser Seite die Chorwand freisteht. Der Stützpfeiler an der Nordwand zeigt eine Ausknickung in Kämpferhöhe. Die anderen Chorwände sind durch angrenzende Bauteile - Turm, Langhaus und ehem. Kollegsgebäude - gehalten.

Das Gewölbe scheint durch die auf die Dachkonstruktion einwirkenden Kräfte, welche sich durch die vorhandene Sicherungskonstruktion auf das Gewölbe übertragen, einen erneuten Schub erhalten zu haben. Diese Kräfte führten zu Abplatzungen und zu neuen Rissbildungen an der reich stuckierten Gewölbeschale.

Dieses Schadensbild war Ausgangspunkt für eine um­fassende Instandsetzung, welche den Kirchenraum für

Jahre zur größten Konstanzer Denkmalbaustelle ver­wandelt.

Bauhistorische Untersuchungen

Sämtliche Instandsetzung- und Restaurierungsmaßnah­men werden durch bauhistorische Untersuchungen vor­bereitet und begleitet. Dabei tragen Archäologen, Bau­forscher und Restauratoren wertvolle Beobachtungen zur Bau- und Ausstattungsgeschichte zusammen. In der Überlagerung der Befunde ergibt sich ein eindrucksvol­les Gesamtbild.

Die Archäologen konnten durch die soeben abge­schlossene Grabung im Langhaus mittelalterliche Vor­gängerstrukturen und mehrere Bestattungsplätze aus der jesuitischen Zeit nachweisen, die Bauforschung un­terscheidet die verschiedenen Bauphasen, Restautoren dokumentieren und befunden die historische Ausstat- , tung. Bauforscher und Restauratoren liefern dabei ge­meinsam Hinweise zur Gestalt des flachgedeckten Ur­sprungsbaus. Zu den spektakulärsten Befunden zählen dabei Reste der malerischen Erstausstattung sowie das demontierte, in den Einzelteilen indes weitgehend er­haltene spätbarocke Theatrum Sacrum („heiliges Thea­ter"), welches zunächst „auf dem Papier" rekonstruiert werden konnte: Der spätbarocke Hochaltar konnte ur­sprünglich zu einem Kulissenaltar erweitert werden, wel­cher über verschiedene Wandlungen und theatralische Effekte das Passions- und Ostergeschehen nacherzählte.

Die Ergebnisse der noch laufenden bauhistorischen Untersuchungen werden im Rahmen einer geplanten Baudokumentation nach Abschluss der Maßnahmen publiziert.

Tabernakelaufsatz nach der Reinigung | Modell neuer Zelebrationsaltars

Zu den einzelnen Maßnahmen

Die Maßnahmen umfassen die konstruktive Gewölbesi­cherung, die Konservierung und Restaurierung der stuckierten Raumschale und der kompletten Ausstattung sowie die haustechnische Modernisierung.

In einem ersten Bauabschnitt 2007-2008 wurde das Chorgewölbe in seinem gegenwärtigen Zustand mittels Zugstangen stabilisiert und der Chorraum instandge­setzt. Die Stuckpartien wurden konserviert. Risse dabei materialgerecht verkeilt bzw. injiziert. Die getünchten Stuckoberflächen erfuhren lediglich eine konservieren­de Reinigung.

Der Vorrang des Konservierens auf Basis von Befund­untersuchungen zu Fassungen und Schadensbildern gegenüber einem (wiederherstellenden) Restaurieren gilt im Grundsatz auch für sämtliche Ausstattungsteile; genannt seien die Holztafelbilder des Rosenkranzzyklus  - wertvolle Stücke der Erstausstattung, hochbarocke Leinwandbilder, das spätbarocke Ensemble aus Hoch­altar, Seitenaltären und Kanzel. Der Hochaltar besitzt einen kunstvollen Tabernakelaufsatz. Dessen Metall­verkleidung aus feuervergoldetem Kupferblech mit silbernem Ornamentschmuck wird zur Zeit durch die Metallrestauratorin behutsam gereinigt. Ein Wartungs­vertrag stellt die weitere turnusmäßige Pflege sicher. Die konservierende Reinigung des marmorierten Hochaltars steht unmittelbar bevor, das Theatrum Sacrum wird wieder in Funktion gesetzt.

Den mittlerweile weitgehend vollendeten Arbeiten im Chor schließt sich die Raumschale des Langhauses als zweiter Bauabschnitt an. Dabei wird die konservierende Vorgehensweise übernommen.

Aufgrund gravierender Feuchtigkeitsschäden stellte sich die Demontage des Steinfußbodens und der kon­struktive Neuaufbau als unausweichlich dar - zugleich Voraussetzung für die archäologische Grabung. Leider war eine zunächst angestrebte Wiederverwendung der barockzeitlichen Steinplatten aufgrund des schlechten Zustandes nicht möglich, so dass der Boden unter Wah­rung des Fugenbildes komplett erneuert werden muss. Das wertvolle barocke Gestühl wird indes durch den Holzrestaurator substanzschonend repariert und wie­dereingebaut. Die Kritzeleien der Ablagen bleiben da­bei als historische Dokumente bewusst erhalten, intakte Teile des Gestühlblocks lassen sich in den Neuaufbau integrieren. Auch die Beichtstühle erfahren eine behut­same Instandsetzung.

Bei der Elektroinstallation und der Erneuerung der Be­leuchtung wird ebenso auf ein substanzschonendes Vorgehen geachtet. D.h. für die Leitungsführung wer­den größtenteils bestehende Schlitze bzw. Durchbrüche verwendet, das Anfahren der Hauptleuchten erfolgt of­fen auf dem Hauptgesims.

Planung und Bauleitung obliegen dem Amt Konstanz des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Würt­temberg. Die fachrestauratorische und denkmalpflegerische Betreuung erfolgt durch die Dienststellen der Landesdenkmalpflege in Esslingen und Freiburg sowie durch die städtische Denkmalpflege. Für die Grabung zeichnet unmittelbar die staatliche archäologische Denkmalpflege verantwortlich.

Die gesamte Instandsetzung soll bis Herbst 2011 ab­geschlossen sein. Das Land Baden-Württemberg inves­tiert in die Baumaßnahme über eine Million Euro. Die einzelnen Maßnahmen orientieren sich an denkmalpflegerischen Grundsätzen wie Eingriffsminimierung, Erhalt der gealterten Oberflächen, Materialgerechtigkeit, Les­barkeit der historischen Schichten. Der Konservierung wird gegenüber der Restaurierung ein grundsätzlicher Vorrang eingeräumt.

Alois Arnold (Architekt, Vermögen u. Bau Baden-Württemberg - Amt Konstanz)
Frank Mienhardt (Denkmalamt der Stadt Konstanz)