Gemeindebrief

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Über die Kraft des Dankens

Bald feiern wir Erntedank – und mit ihm das einzige Fest im Jahr, das sich ganz ausdrücklich und ausschließlich allein dem Danken widmet. Dem Dank für eine reichhaltige Ernte; dafür, versorgt zu sein; für die Fülle des Lebens insgesamt.

Danken ist heute „in“: es ist ein modernes, ein schickes Thema, das auch die Psychologie und Coaching-Lehrer vor Jahren entdeckt haben. Oft allerdings mit dem Blickwinkel einer Einbahnstraße – nämlich vor allem auf das eigene Leben und Fortkommen, zum Beispiel so: „Dankbarkeit als Weg zum persönlichen Glück.“

Wenn ich auf mein eigenes Leben blicke, geht mir dieser Gedanke durch den Kopf: Ich habe das Glück, glücklich zu sein. Ich bin von Menschen guten Herzens umgeben, habe einen Arbeitsplatz, der mir viele Geschenke des Denkens und Lernens macht, genieße eine schöne Wohnung und muss nicht jeden Pfennig umdrehen. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der ich meine Meinung äußern darf, ohne nachts „abgeholt“ zu werden; die Schwache und Verfolgte stützt; in der Bildung frei zugänglich ist; die Arztbesuche bezahlt, und die Natur ist (großenteils) schön und sauber, d.h. wenig belastet. Nichts davon ist selbstverständlich. Nichts davon kommt von allein.

Jeder dieser Sätze hat allerdings eine Kehrseite. Denn schnell hat man Menschen vor Augen, die all dies nicht von sich sagen können. Damit stellt sich die Frage, was „nach“ der Dankbarkeit kommt, was sie ergänzt. Es ist, meine ich: Verantwortung. Die Verantwortung dafür, dass, was Menschen – oft mit viel Liebe, Hingabe und oft zu einem hohen Preis – aufgebaut haben, dass dies bestehen bleibt. Es ist das Einstehen füreinander, für eine gerechte Verteilung von Arbeit, von Gütern, von Chancen. Das sind auch die Werte, die eine Demokratie schützt: die Achtung jedes einzelnen Menschen; die Freiheit, einem individuellen Lebensentwurf zu folgen; politisches Engagement – und nicht zuletzt: die Freiheit, einen religiösen Glauben zu leben, ohne deswegen bedroht zu werden. Gerade in dieser Zeit, in der wir so viel Extremismus, Abwertung und zerstörerische Wut – auch in der Sprache – erleben, ist es wichtig, diese Werte eben nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie klar zu benennen und eine Haltung zu zeigen. Den Schreienden nicht „einfach so“ das Feld zu überlassen. Das geht auch in vielen der Gespräche, die jeder und jede täglich führt.

Zurück zum Danken: Mit dem Dank selbst ist immer auch ein „wofür“ und ein „wem“ verbunden – und damit sprechen wir über Beziehungen. Man dankt nicht „irgendwohin“, sondern ganz konkret jemandem. Wie viel Wärme, Wertschätzung, wie viel Bindung entsteht, wenn ein Mensch dem anderen für etwas dankt! Vielleicht sogar gerade für etwas, das man über Jahre einfach als normal und alltäglich wahrgenommen hat: für eine Freundschaft, für ein immer offenes Ohr, für die liebevoll ausgerichtete Geburtstagsfeier…, Anlässe gibt es unendlich viele!

Damit komme ich auf eine Frage, die, zugegeben, einen großen Bogen schlägt, die mich aber immer wieder neu in den Blick nimmt. Es ist die Frage Kains: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ In der Antwort auf diesen Satz – die das Alte Testament nicht in Worten gibt – zeigt sich die ganz grundlegende Verantwortung des einen Menschen für den anderen. Denn die Antwort kann kaum anders lauten als: „Ja, bin ich. Ich bin der Hüter, die Hüterin aller meiner Geschwister.“

Jutta Wagner