Gemeindebrief

Anklicken für Gemeindebrief als PDF-Datei.

Aufleben

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht“.

So beschreibt Johann Wolfgang von Goethe den Osterspaziergang in seinem „Faust“, die Tragödie erster Teil.
„Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden“ - aus dem Dunkel ihrer Gemächer, aus dem Druck ihres Berufes, sie erleben sich wie „ans Licht gebracht“, wie erlöst und befreit zu neuem Leben, ihr Leben kommt ihnen stimmig und sinnvoll vor, so dass sie sagen können: Ja, so soll es sein. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“, wie der „Osterspaziergang“ dann endet.
Ostern heißt: das Leben hier wandelt sich. Ostern ist eine überwältigende Erfahrung, die das Leben neu bestimmt und erfüllt. Vor nichts und niemandem werden wir Angst um unser Leben haben müssen, selbst angesichts des Todes. Seit der Auferweckung Jesu zum neuen Leben bei Gott ist es unwiderruflich, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Aus Dunkelheit und Finsternis ans Licht gebracht! Dieses Licht schenkt Vertrauen in die lebenspendende Gegenwart Gottes als Grundprinzip österlichen Lebens.
Ostern heißt nicht nur: „Es gibt ein Leben nach dem Tod“. Das kann wie eine Vertröstung klingen. Ostern heißt: Das Leben hier wandelt sich. Ich sterbe hier nicht nur viele Tode – der Ablehnung, der Enttäuschungen, der Frustration und der Hoffnungslosigkeit, – ich kann aus diesen Toden auch wieder aufstehen. Hier und jetzt kann etwas Neues aufblühen in meinem Leben. Hier und jetzt erfahre ich, dass Steine weggewälzt werden von den Gräbern meiner Angst, meiner Resignation. Hier und jetzt kann ich aufatmen, frei werden, neu anfangen. Ich bin erlöst! Aus der Dunkelheit und Finsternis ans Licht gebracht, in ein Licht, das stärker ist als die Schatten des Todes. Denn dieses Licht ist der auferstandene Christus, Halleluja!

Pfarrer Bernd Panizzi