Die Essener Gemeinde

Geschichte der Essener Gemeinde

 

17. Mai 1872

Gründung der alt-katholischen Gemeinde in Essen

 

01. Nov. 1873

Erster alt-katholischer Gottesdienst in der evangelischen Pauluskirche

 

01. Juli 1875

Eröffnung einer eigenen Schule im alten Gerichtsgebäude an der Akazienallee (bis 1939)

 

12. Sep. 1876

Einzug in die katholische St. Johanniskirche (heute Anbetungskirche)

 

04. Okt. 1874

Staatliche Anerkennung als Pfarrei. Hierzu gesellten sich später die Gemeinden Bottrop, Gladbeck (bis 1935), Oberhausen und Mülheim

 

1891

Gründung eines Krankenschwesterheims, zeitweilig als alt-katholisches Waisenhaus genutzt

 

1914-1916

Die Stadt Essen baut der alt-katholischen Gemeinde eine eigene Kirche: Die heutige Friedenskirche. (1943 zerstört und 1951 in Eigenleistung wieder aufgebaut)

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Das Kirchengebäude als Raum christlicher Versammlung und gemeindlicher Identität

Die katholische Pfarrei der Alt-Katholiken in Essen macht sich unter großer Anstrengung an das Werk der Renovierung der Pfarrkirche, der Friedenskirche in der Bernestraße. Eigentlich ist die Gemeinde mit etwa 280 Mitgliedern in Essen, Oberhausen und Mülheim in finanzieller Hinsicht zu schwach für dieses Unterfangen. Sie traut es sich dennoch zu, weil sie um die kunstgeschichtliche und architektonische Bedeutung dieses Bauwerkes nicht nur für die Alt-Katholiken sondern für die ganze Stadt Essen weiß. Deswegen vertraut der Kirchenvorstand auch auf die Hilfeleistung kunstsinniger und heimatverbundener Mäzene, denn Essen ist im Stadtkern arm geworden an qualitätsvoller Bausubstanz.

Aber einer christlichen und katholischen Gemeinde geht es bei der Pflege und dem Erhalt ihrer Kirche noch um anderes. Wer in den christlichen Kirchenbauten die Fortsetzung des heidnisch-antiken oder des jüdischen Tempels sehen wollte, befindet sich in einem grundlegenden Irrtum. Die neutestamentlichen Schriften, in denen sich das urchristliche Bewusstsein spiegelt, bezeichnen an keiner Stelle Ort und Raum der gottesdienstlichen Versammlung als Tempel, Gotteshaus oder Heiligtum. Tempel des Neuen Bundes ist Jesus von Nazareth, in dem "wirklich die ganze Fülle Gottes" wohnt (Kol 2,9). In weiterem Sinn wird auch das von ihm geheiligte Volk Tempel genannt. Demgegenüber spielt das Haus der Gemeindeversammlung eine sekundäre Rolle, es hat nur dienenden Charakter, empfängt von daher aber seine große Würde (vgl. Adolf Adam, Wo sich Gottes Volk versammelt, Freiburg 1984). Es ist das Haus, in dem sich inmitten der versammelten Gemeinde das Chistusgeschehen in Wort und Sakrament vergegenwärtigt und verwirklicht. Dadurch besitzt eine Kirche objektiv eine hohe Würde, die durch den Kirchweihritus eindrucksvoll dokumentiert und besiegelt wird. Auch subjektiv erleben die einzelnen Gläubigen das Kirchengebäude als Haus des Gebetes und der sie persönlich zutiefst berührenden sakramentalen Feiern und vielfältigen religiösen Erfahrungen. So ist es verständlich, dass ihnen "ihre" Kirche ans Herz gewachsen ist und sie dafür auch zu oft erstaunlichen Opfern bereit sind. Die kostbare materielle "Raumschale" will den geistlichen "Kern" hüten und fördern.

Und ein weiteres. Nachdem mutige Katholiken den neuen Lehren von der Unfehlbarkeit und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes, 1870 nach Abreise u.a. der deutschen Bischöfe vom 1. Vatikanischen Konzil wider besseres

Wissen beschlossen, die Zustimmung verweigert hatten und exkommuniziert worden waren, konstituierte sich auch in Essen eine alt-katholische Gemeinde. Katholisch waren sie ein Leben lang gewesen-katholisch wollten die Gründer der Gemeinde auf jeden Fall bleiben. Die Überzeugung, wahrhaft katholisch zu sein, schenkte den Essener Alt-Katholiken die Energie, einen steinigen Weg zu gehen, der so manches Mal gesellschaftlich Ächtung bedeutete.

Der Bau der Friedenskirche 1916 hatte daher auch ein psychologisch wichtiges Moment: Sie steht für eine stabile Gemeinde, für die Bestätigung des wenige Jahre zuvor begonnenen eigenen kirchlichen Weges und für die echte und aufrichtige Frömmigkeit derer, die gegen ihren Willen in die kirchliche Selbstständigkeit gedrängt wurden. 1916 fand das durch die Stadt und die hochherzigen Spender beim Bau der Friedenskirche Anerkennung. Die in diesen Tagen nicht nur stabile sondern aufblühende Essener Gemeinde hofft auf Freunde ihres Gotteshauses, damit es in frischem Glanz wieder würdige Raststätte am Wege der Essener Bürger sein kann.

Ingo Reimer, Dipl.-Theol.
Pfarrer