Zur Besinnung
Sonntag, den 13.11.2011 (Mt 25,14-30)
Meine lieben Brüder und Schwestern!
Im vergangenen Jahr hatte ich Abi-Treffen. Von überall her –aus allen Ecken der Bundesrepublik, aus Frankreich, Italien, den USA kamen wir wieder in unserer alten Schule zusammen. Viele von meinen Klassenkameradinnen hatte ich seit dem Abitur vor 20 Jahren nicht mehr wiedergesehen. Und es war sehr spannend zu erleben, was so aus den Einzelnen im Laufe der Zeit geworden ist. Spät am Abend saß ich mit einer Freundin, die schon immer eine echte Lebenskünstlerin gewesen ist, etwas abseits im Dunkeln. Und wir schauten auf die Frauen, die da unter den Bäumen des Biergartens im Kerzenschein lachend und manchmal auch mit sorgenvoller Miene ins Gespräch vertieft waren. Da saßen fertige Oberärztinnen, erfolgreiche Architektinnen und Managerinnen, Mütter mit 3, 6 und 9 Kindern, Professorinnen und aufstrebende Künstlerinnen zusammen. „Mensch“, sinnierte meine Freundin, „schau sie dir an, die haben alle was aus sich gemacht! Und ich? Ich hangele mich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob…“
Wenn man das heutige Evangelium so hört, liebe Brüder und Schwestern, dann ist man versucht, dasselbe zu denken: „Die haben was aus sich gemacht!“ Denn zwei der Diener wissen wirklich mit ihren Talenten umzugehen. Sie sind wirtschaftlich erfolgreich und vermehren das Vermögen, das ihnen anvertraut worden ist. Und sie bekommen von ihrem Herrn, als er wiederkommt, Anerkennung und Ansehen. Sie werden Teilhaber seines Unternehmens. Nur der dritte, der vor lauter Angst vor Verlusten nichts aus sich macht, steht am Ende als Verlierer da.
Aber wie so oft bei den Gleichnissen, die Jesus erzählt, finden wir die „Moral der Geschichte“ meist gerade nicht dort, wo wir sie erwarten, sondern etwas abseits. Jesus macht es uns oft gerade nicht einfach mit seinen Geschichten. Er verlangt von uns, dass wir genau hinhören und aufmerksam sind. Seine Worte gehen nicht „direkt ins Ohr“. Denn Jesus lebt sozusagen in einem anderen Koordinatensystem als wir. Das, was uns wichtig ist, ist für ihn nebensächlich. Und das, was wir überhören, ist dann oft genau jenes, worauf es ihm ankommt. Er verlangt mit seinen Gleichnissen von uns, dass wir unsere eigenen Denkmuster, in denen wir uns auf sehr engem Raum eingerichtet haben, verlassen, um seinen Blick auf das Leben gewinnen zu können.
Und so geht es Jesus im heutigen Evangelium auch nicht um Erfolg und Misserfolg. Das lesen nur wir hinein, weil das nun mal Größen sind, die unser Leben bestimmen. Wir sind es gewohnt, dass die Ansehen genießen die erfolgreich sind, die etwas aus ihrem Leben gemacht haben. Aber um die geht es Jesus in seiner Geschichte nicht. Und auch nicht um den Spießer, der auf Sicherheit bedacht ist und kein Risiko eingehen will, um ja sein Scherflein im Trocken zu haben. In diesem Gleichnis von den drei Dienern geht es vielmehr um unsere Haltung zum Leben und damit um unser Verhältnis zu Gott.
Hören wir also noch einmal in das Gleichnis hinein. „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging“, so beginnt Jesus seine Geschichte. Ein spannendes Bild ist das: das Himmelreich ist unterwegs. Gott ist unterwegs. Das heißt, er ist kein Marionettenspieler, der uns an seinen Strippen tanzen lässt. Er ist nicht so da, dass er unsere Hand führt und jeden unserer Schritte penibel verfolgt. Und er greift in unsere Geschichte auch nicht ein, selbst wenn wir uns das manches Mal sehnlichst wünschen. Es zischt kein Blitz vom Himmel herab, wenn sich einer am anderen versündigt. Gott hat vielmehr alles, was ihm gehört, in unsere Hände gelegt. Er vertraut uns, dass wir in seinem Sinne handeln und darüber verfügen. Er hat uns das ganze Leben als Gabe und als Vermögen anvertraut, um es so einzusetzen, dass sich alle daran erfreuen können und durch unser Dasein bereichert werden. Diesen Vertrauensvorschuss Gottes kriegen wir im wahrsten Sinne des Wortes „gratis“ – allein aus seiner Gnade. Und nicht weil wir vorher schon so erfolgreiche Typen gewesen wären, die sein Vertrauen verdient haben. Weil Gott uns so vertraut, können auch wir ihm vertrauen, so dass wir wirklich frei und mit einem weiten und mutigen Herzen leben können, das sich selbst ins Spiel bringt. Das ist die Moral der Geschichte, die Jesus uns heute erzählt.
Und wie die drei Diener im Gleichnis sind auch wir gefragt, wie wir denn das Vertrauen, das Gott in uns setzt, beantworten und wie wir zu ihm stehen. Auf den ersten Blick ist ja sogar der dritte Diener, der sein Talent vergraben hat, der, in dessen Leben Gott eine sehr große und dominante Rolle spielt. Im Unterschied zu den anderen beiden, die leicht, geradezu spielerisch und locker mit dem ihnen anvertrautem Vermögen wirtschaften, fürchtet er Gott so sehr, dass er Angst vor ihm hat.
Er empfindet das Vertrauen in ihn als schwere Last, weil er kein Vertrauen in sich und in den hat, der ihm das Leben geschenkt hat. Er versucht sein Leben krampfhaft zu schützen, um es ja nicht zu verlieren. Denn er hat ja kein anderes. Er vergräbt es in der Erde, erzählt Jesus. Und damit verbuddelt sich der Diener selbst im Irdischen. Er richtet sich ein im Hier und Jetzt. In der kleinen Welt seiner eigenen vier Wände. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, denkt er sich. Er erwartet nichts Besseres als das, was er hat. Denn den Himmel gibt es für ihn nicht. Doch die Tragik ist, genau in diesem Moment hat er sein Leben schon verloren. Denn so kann Leben nicht wachsen und gedeihen. Es steht still. Und was geschieht, wenn wir es nicht wagen, unser Leben einzusetzen und auch Fehler zu riskieren? Unser Menschsein verkommt. Aus Angst vor Enttäuschung und Verlust verlernen wir Menschen dann zu lieben, zu staunen und achtsam zu sein. Also all das, was uns auszeichnen sollte.
Für diesen dritten Diener ist in Wahrheit Gott der Tod oder besser: der Tod ist sein Gott. Denn der Tod ist es ja, der erntet, wo er nicht gesät hat und sammelt, was er nicht ausgestreut hat. Dieser Tod, der willkürlich daherkommt, ist das einzige, was dieser Diener ängstlich erwartet und vor dem er gleichzeitig die Augen fest verschließt, indem er sein Vermögen, sein Lebenstalent in der Erde vergräbt und gar nicht wahrhaben will, dass es noch andere Möglichkeiten für ihn gibt.
Und wir? Wem geben wir, liebe Brüder und Schwestern, Macht über unser Leben? Wie stehen wir zu Gott? Vertrauen wir denn darauf, dass Er uns das Leben geschenkt hat und es nicht von uns zurückfordern wird, ohne uns gleichzeitig in sein Leben zu rufen und uns Anteil an seiner Freude zu geben? Oder mit den Worten des Apostel Paulus, die wir in der ersten Lesung gehört haben: Glauben wir denn wirklich, dass wir Söhne und Töchter des Lichts sind und nicht der Nacht, nicht der Finsternis und nicht dem Tod gehören?
Jesus ruft uns in dieses Vertrauen: Das Himmelreich ist nahe! Ja, es ist schon da! Er möchte uns anspornen, uns darauf einzulassen und mitzuhelfen, dass es weiterwachsen kann. Indem wir lieben auch auf das Risiko hin, verletzt und enttäuscht zu werden. Indem wir Schritte des Friedens und der Versöhnung gehen auch auf das Risiko hin, dass wir verlacht und abgelehnt werden. Indem wir für Gerechtigkeit eintreten, auch auf das Risiko hin, als Idealisten und Freaks abgestempelt zu werden und zu scheitern.
Es kommt also nicht darauf an, dass wir etwas aus uns machen, sondern dass wir dem Leben, dass wir Gott selbst, vertrauen lernen und im wahrsten Sinne des Wortes Lebenskünstler sind, die mit schöpferischer Hingabe dazu beitragen, dass das Himmelreich wachsen kann. Schon hier und heute. Wie jene Freundin, von der ich zu Anfang erzählt habe. Die uns anderen beim Abi-Treffen, ohne es selbst wahrhaben zu wollen, viel voraushatte. Denn um Erfolg, Anerkennung und Besitz ging es ihr nie. Auch schon zu Schulzeiten nicht. Sie musste sich und uns anderen nichts beweisen. Das Einzige, was ihr aber immer wichtig sei, so erzählte sie mir an jenem Abend unter den Bäumen des Biergartens, sei aufmerksam zu bleiben für das Leben, gut hinzuhören, dann Antwort zu geben und einfach da zu sein, wo sie gefragt ist und gebraucht wird – mit all ihren Begabungen und mit dem Maß ihrer Fähigkeiten.
Liebe Brüder und Schwestern! Wenn wir so leben und unsere Talente einsetzen, dann kommen wir in Kontakt mit dem Geheimnis unseres Lebens, nämlich dass Gott mit seinem Heiligen Geist schon in uns atmet und uns belebt. Immer wieder neu. Das ist das Gottesverhältnis, zu dem Jesus uns beruft.
Und erlauben Sie mir am Ende der Predigt noch einen letzten Gedanken: So hingebungsvoll zu leben ist nicht ohne Risiko. Auch da dürfen wir uns nichts vormachen. Wir gehen nämlich das große Risiko ein, dass wir uns in der Liebe und damit in Gott verlieren. Das heißt, dass unsere Denkmuster und Koordinatensysteme, die uns bisher Orientierung und Halt boten, zwangsläufig zerbrechen. Das kann wirklich Angst machen. Aber es ist ein Risiko, das wir ruhig eingehen können. Denn in ihm ist zugleich auch der Gewinn: „Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ so sagt es das Gleichnis. Unser Gewinn ist die tiefe Lebensfreude, die auch der Tod nicht ausbremsen kann. Die Lebensfreude, die uns ins Weite lockt, die uns dazu treibt, über uns selbst hinauszugehen, für andere da zu sein und den zu erwarten, dessen Lebensatem schon in uns ist. Dann sind auch wir im Kleinen unseres Lebens treue Verwalter gewesen, die dazu berufen sind, Teilhaber und Teilhaberinnen zu sein am Himmelreich. Seine Söhne und Töchter.
Amen