Gemeinde Bonn
Miteinander - Füreinander. Alt-katholisch in Bonn
Liebe Gemeinde,
nach der Explosion und dem Untergang einer Bohrinsel im Golf von Mexiko strömen täglich Hunderttausende Liter Erdöl ins Meer und zerstören auf Jahre und Jahrzehnte hin dort den Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen. Das volle Ausmaß dieser Umweltkatastrophe ist noch nicht auszumachen. Längst können wir nicht mehr die Augen vor der Tatsache verschließen, dass wir mit unserem teils völlig entgrenzten Lebensstil dazu beitragen, dass die Erde, auf der wir leben, zerstört wird. Überall sind daher Menschen darum bemüht umzudenken und zu einem anderen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen zu finden. Auf internationalen Konferenzen heißt der kleinste gemeinsame Nenner dieser Bemühungen „Nachhaltigkeit". Es geht darum, so zu wirtschaften, dass auch kommende Generationen den gewohnten Lebensstil beibehalten und auch jene Länder daran partizipieren können, die bisher davon ausgeschlossen waren. Ein Umdenken, das zwar den besinnungslosen Verbrauch geißelt, aber noch nicht wirklich zu einem veränderten Umgang mit den Gütern dieser Erde führt. Eben das aber wäre not-wendend: Wir müssen unseren Lebensstil von Grund auf verändern. Daran kommen wir nicht vorbei. Das aber erfordert zunächst einmal eine veränderte Wahrnehmung. „Achtsamkeit" ist ein anderes Schlagwort, das in diesem Zusammenhang heute oft in die Diskussion eingebracht wird. Es geht darum achtsam zu werden. Die Dinge und Menschen sind nicht nur dazu da unsere Bedürfnisse zu stillen. Lange genug wurden Natur und Mensch nach Kosten und Nutzen befragt und ausgebeutet. Viel zu lange. Religions- und kulturübergreifend machen sich in diesen Tagen viele Menschen auf den Weg der Achtsamkeit. Sie wollen ein neues Sehen lernen. Ein Sehen, das die englische Dichterin Barret-Browning in einem ihrer Gedichte so schön beschreibt:
Die Erde ist randvoll mit Himmel,
und in jedem gewöhnlichen Dornbusch brennt Gott.
Aber nur jene, die sehen können, ziehen ihre Schuhe aus;
Die anderen sitzen drumherum und pflücken Brombeeren.
Ich meine, treffender lässt sich kaum ausdrücken, um was es geht. Nichts auf dieser Welt ist allein dazu da verbraucht zu werden. Alles ist wertvoll um seiner selbst willen, weil es von Gott kommt, der doch alles in allem ist. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er ist der Urgrund des Daseins. Das Gute, das zwischen uns lebt und webt. Es ist an der Zeit, dass wir achtsam werden für den Sinn dieser einzigen schönen und verletzlichen Welt, in der sechseinhalb Milliarden Menschen in immer neuen Generationen zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen gut leben wollen. In jeder Eucharistiefeier üben Christen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden diese Achtsamkeit – dieses neue Sehen. Immer wieder neu. Wenn wir wirklich glauben, dass Christus in diesem Brot und in diesem Wein gegenwärtig und erfahrbar ist, dann können wir ihn auch in jedem ölverschmierten Vogel, in jedem verendenden Fisch, in jedem Menschengesicht sehen. Viele Heilige haben uns das vorgelebt und sind uns auf dem Weg der Achtsamkeit vorangegangen. Hildegard von Bingen, um nur eine herauszugreifen, oder Teilhard de Chardin und viele, viele andere. Dieses neue Sehen, das man auch einfach Glauben nennen kann, wird uns zu einem neuen Lebensstil führen. Dem Lebensstil Christi - voller Respekt, Liebe und Lebensfreude. Die Sommerzeit, in der die Sonne alles farbenfroh und voller Düfte neu erblühen lässt, ist dazu besonders angetan, dies nicht nur in der Eucharistie sondern auch im Alltag einzuüben: Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen - staunend und bedächtig.
Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne einen schönen Sommer!
Ihre Pfarrerin Henriette Crüwell
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Ihre
Henriette Crüwell, Pfarrerin

