Gemeinde Bonn
Miteinander - Füreinander. Alt-katholisch in Bonn
Liebe Brüder und Schwestern,
„Wohnst du noch oder lebst du schon?“ mit diesem Slogan wirbt seit Jahren eine bekannte schwedische Möbelfirma und verkauft erfolgreich mit der Wohnungseinrichtung gleich ein ganzes Lebensgefühl.
Wenn in den ersten Wochen des neuen Jahres die Christbäume aus den Fenstern fliegen und die Weihnachtsdekoration wieder in den Keller und auf den Dachboden verschwindet, dann sind nicht wenige von uns empfänglich für solche Appelle, sich zu verändern – und das nicht nur bei den Möbeln und Vorhängen. Nur der lebt wirklich, will uns die Werbung weismachen, der sein Leben aktiv gestaltet und sich in seinen vier Wänden so einrichtet, dass darin die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck kommt. Wem das nicht gelingt, der „wohnt“ ja nur. Der haust in seinem Leben, weil er eben nichts daraus macht und sich nicht so recht einrichten mag und kann. Dieses Konzept rührt an unserer tiefen menschlichen Sehnsucht nach gelingendem Leben.
Eine Sehnsucht, die allzu oft zur bloßen Sucht wird, das Leben selbst gestalten zu wollen und die Welt, in der wir leben, nach unserem Willen und unseren Bedürfnissen einrichten und prägen zu können.
„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet“ verkündet Johannes gleich am Anfang seines Evangeliums und entwirft darin ein Gegenmodell zur selbstgebauten Inneneinrichtung. „Wohnst du noch oder zeltest du schon?“ könnte sein Slogan für uns lauten.
Gottes Sohn ist Mensch geworden. An seinem Leben können wir verstehen, wie unser Leben gelingen kann. Gott bleibt nicht bei sich selbst. Er richtet sich eben nicht ein auf seinem Himmelsthron, sondern „er entäußert sich und wird uns Menschen gleich.“ Immer wieder wird im Neuen Testament betont, dass Gott unter uns zeltet.
Aufgegriffen wird da das alttestamentliche Motiv des Offenbarungszeltes. Als Israel 40 Jahre durch die Wüste ins gelobte Land zieht, ist Gott unter ihnen in einem Zelt.
Und als der König David später Gott einen Tempel aus Stein in Jerusalem bauen will, da verbietet Gott ihm das. Er sei seinem Volk schließlich auch in den Krisenzeiten der Wüste im Zelt nahe gewesen. Ein Zelt ist eine Behausung für unterwegs und eine Heimat auf Zeit und in der Zeit. Es ist nicht festgefügt für alle Ewigkeit. Es kann jederzeit abgebrochen und an einem anderen Ort neu aufgeschlagen werden. Gott gibt sich also in unsere Welt, um ganz bei uns zu sein. Im Neuen Testament, insbesondere in den Paulusbriefen, wird das Zelt im übertragenen Sinne sogar zum Sinnbild für das ganze menschliche Leben, für seine Zerbrechlichkeit, seine Endlichkeit und seine Vorläufigkeit.
Wer schon mal für ein paar Tage oder Wochen in einem Zelt gelebt hat, weiß, dass das etwas völlig anderes ist als eine Wohnung in einem festgefügten Haus. In einem Zelt ist man den Stürmen, aber auch der Sonne und dem Regen viel mehr ausgesetzt.
Ein Zelt ist daher ein prekärer Ort – also ein Lebensraum, der erbeten werden muss und einem geschenkt wird. Oder wie wir in einem modernen Kirchenlied singen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, vielmehr die kommende suchen wir. Wir haben hier auch kein bleibendes Haus, aber ein Zelt der Begegnung mit Dir.“
Wahres Leben heißt also biblisch betrachtet „zelten“ Das bedeutet, sich nicht selbstgenügsam einzurichten, sondern immer auf dem Weg und mit Gott, der alles ins Dasein ruft, im Gespräch zu bleiben. Unser Leben gelingt, wenn wir das beherzigen und es als kostbares Geschenk begreifen, das wir nicht machen sondern immer nur von Gott erbitten können. Und wer zeltet, reist mit leichtem Gepäck.
Wenn wir am Anfang des Jahres oder in der vorösterlichen Fastenzeit unsere Wohnungen entrümpeln und entstauben im Drang nach Erneuerung, dann sollten wir uns das in Erinnerung rufen. Sich ganz auf Gott einzulassen und sich ihm anzuvertrauen ist wohl die radikalste Veränderung, die wir Menschen vollziehen können.
Zugleich ist sie aber auch die heilsamste Veränderung und die einzige Antwort auf unsere Sehnsucht nach gelingendem Leben.
„Wohnst du also noch, oder zeltest du schon?“ Ich wünsche Ihnen allen in diesem Sinne eine guten Jahresanfang und eine gesegnete Fastenzeit.
Ihre Pfarrerin Henriette Crüwell
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Ihre
Henriette Crüwell, Pfarrerin
