Mehr Weggenossin als Amtsinhaberin

Priesterin Brigitte Glaab im Interview

 

Christen heute: Wie sieht Ihre ‚alt-katholische Biografie‘ aus?

 

Brigitte Glaab: Nach einer Kennenlernzeit von etwa eineinhalb Jahren bin ich im November 1999 nach langem Ringen in die alt-katholische Kirche eingetreten. Die Entscheidung ist mir unter anderem deshalb schwer gefallen, weil ich damit alle Berufsperspektiven in der römisch-katholischen Kirche aufgeben musste. Eine hauptberufliche Tätigkeit in der alt-katholischen Kirche kam für mich nicht in Betracht. Ich fand es zwar wunderbar, dass es in dieser Kirche die Frauenordination gibt, habe das aber damals für mich nicht als möglichen Weg gesehen.

 

Warum ich dann doch die römisch-katholische Kirche verlassen habe? Ich habe es schlicht und ergreifend nicht mehr ausgehalten, mit einem Pfarrer konfrontiert zu sein, der nach der Devise vorging: „Ich bin der Pfarrer. Ich brauche mich nicht an Beschlüsse des Pfarrgemeinderats halten“. Die Messe wurde runtergelesen und die Verkündigung war mindestens vorkonziliar, wenn nicht schlimmer. Bei der Arbeit in der Pfarrgemeinderatsfortbildung wurde mir auch immer deutlicher, wie aufgrund der hierarchischen Struktur die Pfarrer die Ehrenamtlichen ausbremsen und frustrieren konnten. Die Laien mussten im Zweifelsfall immer klein beigeben, da sie keine Entscheidungskompetenz hatten. In diesem Punkt hat mich die alt-katholische Kirche mit ihrer synodalen Struktur überzeugt. Wenn mündige Christinnen und Christen an den Weichenstellungen beteiligt sind, dann können Reformen greifen.

 

Ein wichtiger Faktor für meinen Beitritt war aber auch die lebendige Gemeinde, die ich im Raum Aschaffenburg vorgefunden habe. Mir war persönlich wichtig, dass diese Gemeinde weiter lebt, und deshalb habe ich mich in einer Krisenzeit sehr dafür eingesetzt. Als mir die Frage gestellt wurde, ob ich mir vorstellen könne, hier als ehrenamtliche Priesterin zu wirken, war wieder ein längerer Entscheidungsprozess nötig, bis in mir die nötige Sicherheit gewachsen war – auch in der Frage nach der Berufung. Dann machte ich mich auf den Weg, auch die „äußeren Voraussetzungen“, zu erfüllen, das heißt, Blockseminare in Bonn, schriftliche Arbeit und Kolloquium. Im April 2009 wurde ich zur Diakonin und im Mai 2010 zur Priesterin geweiht.

 

Was motiviert Sie, als Geistliche in der alt-katholischen Kirche Dienst zu tun?

 

Als Jugendliche habe ich einen Pfarrer erlebt, der begeistern konnte und bei dem Glaube und Kirche mit Freude verbunden war, aber auch mit sozialem Engagement. Kirche so zu erleben war ermutigend, mein Glaube war mir wichtig und ich wollte in meinem künftigen Beruf mit Menschen zu tun haben, also wählte ich nach dem Abitur das Theologie-Studium. Mit Menschen gemeinsam Glauben zu (er-)leben, mit ihnen auf dem Weg zu sein und sie, soweit möglich, in schweren Zeiten zu unterstützen, das war damals meine Motivation, einen Beruf in der Kirche anzustreben. Und das ist auch heute mein Beweggrund, in der Gemeinde ehrenamtlich als Priesterin zu wirken. Den meisten Gemeindemitgliedern ist die Eucharistie sehr wichtig. Und dass ich nun dieser Feier vorstehen darf, ist organisatorisch für den Offenbacher Pfarrer eine Erleichterung und vielleicht auch insgesamt eine Bereicherung.

 

Ist es für Sie etwas Besonderes, als Frau diesen priesterlichen Dienst zu tun?

 

Mann und Frau sind ja laut Schöpfungsbericht Gottes Ebenbilder, deshalb müssen meiner Überzeugung nach an der Verkündigung, an unserem menschlichen Forschen, Denken und Reden über Gott auch beide Geschlechter beteiligt sein. Die weibliche Sicht hat in der Geschichte des Christentums viel zu lange gefehlt. Teresa von Avila klagte schon im 16. Jahrhundert, dass Frauen nur deshalb nicht ernst genommen würden, weil sie eben Frauen sind. Unterschiede zu den männlichen Kollegen gibt es sicher. Die zu benennen ist aber schwierig, denn es gibt ja unter uns „Geistlichen“ nicht nur die „typischen Männer“ oder die „typischen Frauen“. Wie wir in unserem Dienst wirken, ist doch eher eine Frage der Persönlichkeit des oder der Einzelnen.

 

Für mich als ehemals römisch-katholische Theologin ist es natürlich etwas Besonderes, als Frau diesen Dienst tun zu dürfen. Schließlich habe ich früher von kirchenamtlicher Seite immer gehört, das ginge einfach nicht. Aussagen von Professoren verschiedener Fachrichtungen, dass das theologisch gesehen sehr wohl möglich sei, wurden dort beharrlich ignoriert. Insofern finde ich es sehr erfreulich und auch sehr mutig, dass die alt-katholische Kirche ihrer Überzeugung gefolgt ist und die Frauenordination möglich gemacht hat.

 

In welchem Beruf sind Sie hauptberuflich tätig?

 

Seit einigen Jahren bin ich an der Volkshochschule und in einem kirchlichen Bildungshaus als Yogalehrerin tätig. Streng genommen ist das keine hauptberufliche sondern eine sogenannte „nebenberufliche selbstständige Tätigkeit“.

 

Sehen Sie eine Verbindung zwischen Ihrem ‚Hauptberuf‘ und Ihrem ehrenamtlichen Dienst?

 

Yogalehrerin und Seelsorgerin sein liegt für mich relativ eng beisammen. Ich habe mit Menschen zu tun, die ein Bedürfnis oder eine Sehnsucht nach „mehr“ haben, nach etwas, was sie aus dem Alltag herausholt und ihnen Kraft und Orientierung gibt für ihr Leben. Selbst die Menschen, die zunächst wegen körperlicher Beschwerden in den Yogakurs kommen, merken sehr schnell, dass das bewusste Üben, der Umgang mit dem Atem, der Wechsel von Anspannung und Entspannung und auch die inhaltlichen Impulse mehr bewirken als nur eine Linderung von Schmerzen oder ein besseres Körpergefühl – was ja für die Betroffenen auch schon toll sein kann.

 

Sowohl in der Gemeinde als auch im Yogakurs bin ich mit Menschen unterwegs – nicht als die, die weiß wo es lang geht, sondern als eine, die Hilfen anbietet, den eigenen Weg zu finden. Mein Einsatz ist meine Fachkompetenz als Theologin etwa bei der Predigt oder bei Glaubensfragen und als Yogalehrerin zum Beispiel beim Zusammenstellen sinnvoller Übungseinheiten und bei der richtigen Ausführung der Übungen. Darüber hinaus traue ich den Menschen dann ganz viel Eigenkompetenz zu. Die Gemeindemitglieder bringen eine reiche Glaubenserfahrung mit, wissen selbst zu beten und können sich an der Gestaltung des Gottesdienstes beteiligen. Wenn ich ab und an einlade, zum Schrifttext etwas zu sagen, sind die Äußerungen stets eine Bereicherung. So helfen wir uns gegenseitig, unsere Blickwinkel zu weiten und uns im Glauben zu stützen.

 

In den Yogakursen möchte ich die Menschen befähigen, sich zu spüren und für sich Verantwortung zu übernehmen. Manchmal reicht ein kleiner Impuls meinerseits, um einen Erkenntnisprozess anzustoßen. Die Teilnehmerinnen lernen, welche Übungen für sie besonders gut geeignet sind und welche nicht. Und sie können das auf ihren Alltag übertragen und auch dort Belastendes erkennen und möglicherweise vermeiden.

 

Was ist Ihr ‚Traum von Kirche’?

 

Ich wünsche mir eine Kirche, in der Menschen geschwisterlich miteinander auf dem Weg sind und in der „Geistliche“ ihren Auftrag wirklich als Dienst verstehen. Bunt und vielfältig soll sie sein, und es soll in ihr der Geist des Respekts herrschen vor dem, was der oder die andere glaubt und in der persönlichen Spiritualität zum Ausdruck bringt. Es braucht Fantasie und Einfühlungsvermögen, um die unterschiedlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen, ohne das große Ganze aus dem Auge zu verlieren.

 

Ich wünsche mir, dass Tradition gepflegt wird im Sinne von „… nicht die Asche aufbewahren, sondern die Flamme weiterreichen“. Aber Vorsicht: die Flamme könnte heftig auflodern! Nach einem alten Grundsatz soll die Kirche ja stets bereit sein zur Erneuerung. Das möchte ich auch auf ihre Feierformen anwenden. Ich wünsche mir Gottesdienste, in denen der Gemeinschaftscharakter spürbar bleibt und in denen die feiernde Gemeinde aktiv beteiligt ist – nicht nur bei den vorformulierten Gebeten. Ich wünsche mir Gemeinden, in denen die Menschen sich etwas von ihrem Glauben an Gott mitteilen.

 

Nach dem Wort Jesu „Bei euch aber soll es nicht so sein…“ (Mk 10,43) soll es unter uns keine Standesunterschiede geben. Es wäre schön, wenn sich das auch in unseren Kirchengebäuden zeigen würde und wenn es dort keine besonderen Sitze für „Amtspersonen“ geben müsste. Ich frage mich auch, ob wir uns außerhalb der Liturgie durch unsere Kleidung als „Geistliche“ zu erkennen geben müssen. Ich wünschte mir, die Menschen würden es irgendwie anders merken, dass wir zu einem besonderen Dienst beauftragt und von einer Hoffnung getragen sind. Sie dürfen auch merken, dass auch wir Zweifel haben; das macht unsere Botschaft vielleicht sogar glaubwürdiger. Wir sollen „mehr Weggenossen … als Amtsinhaber, mehr Mit-Pilger als Reiseführer“ sein, wie Erzbischof Joris Vercammen das ausgedrückt hat. Das klingt alles sehr ideal? Ja! Ohne Ideale könnten wir ja stehen bleiben und meinen, wir wären fertig. Und das sind wir nicht. Nie.

 

Manche meiner Wünsche und Träume finde ich in unserer Kirche verwirklicht, manche nur zum Teil und einiges bleibt Wunsch und wartet noch auf Erfüllung. Es ist ja auch mein ganz persönlicher Blickwinkel und ich weiß und respektiere, dass nicht alle den teilen.

 

Das Interview führte

Walter Jungbauer