Wie viel Freiheit verträgt die Liturgie?

Ein Diskussionsbeitrag

 

Mir wurde die Ehre zuteil, zur Zielscheibe einiger Menschen im alt-katholischen Bistum zu werden, die sich um Entwicklungen in Bayern, in der Dekanekonferenz und in unserer Kirche insgesamt liturgisch gesehen Sorgen machen. Zuviel der Ehre. Direkt zu Beginn möchte ich sagen, dass ich gar nicht so fortschrittlich und umstürzlerisch bin, wie einige vielleicht vermuten. In meiner knapp 40-jährigen Dienstzeit als Priester, Pfarrer und Dekan habe ich - was vielleicht erstaunt - noch nie und nirgends die liturgisch geregelten Antworten der Gemeinde verändert und umgestoßen, und ich habe auch noch nie die sogenannten Einsetzungsworte Jesu zum Abendmahl (die „Verba Testamenti“) wissentlich gegenüber der offiziellen Vorgabe abgefälscht. Das mag ein Schwachpunkt in meiner Persönlichkeit sein, aber es ist so. Unabhängig davon bin ich aber der Meinung, dass man und frau darüber reden, fragen und diskutieren darf. Das war sicherlich ein Grund dafür, dass ich einmal (vor langer Zeit) alt-katholisch geworden bin. Wenn ich nur einfach Sonntag für Sonntag das alte apostolische Glaubensbekenntnis hätte beten wollen, hätte ich auch woanders meine Heimat suchen können.

 

Ich möchte Fragen der heutigen Zeit an Kirche und Tradition stellen dürfen, und ich möchte sie nicht mit Argumenten der Tabuisierung und Sprachheiligung verboten bekommen.

 

Nicht würdig?

 

In der „Ansichtssache“ von Christen heute, Ausgabe Oktober 2012, sind zwei Problemfelder aufgezeichnet worden, die sicherlich viel Herzblut betreffen. Da ist zum Einen das in den meisten Gemeinden übliche Wort vor der Kommunion „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach; sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“ aufgezählt. Tatsächlich, in einer bayerischen Kirchengemeinde ist das - unter meiner seelsorglichen Mithilfe - zum Thema geworden. Mir persönlich ist dieses letzte Wort vor der Kommunion immer sehr wichtig gewesen. Das Nachdenken über die eigene Wertigkeit und Würde in Bezug auf Gott und Jesus muss uns als Christen unverzichtbar sein.

Aber zweifellos gibt es Menschen, die mit diesem abgeänderten Bibelzitat (denn das ist es) ihre Schwierigkeiten haben. Obwohl schon zu Beginn in Schuldbekenntnis, Kyrie und Vergebungsspruch und auch noch mal im „Lamm-Gottes-Gebet“ die notwendige Sündenvergebung an- und zugesprochen wurde, wird hier noch mal ausgesagt, wie unwürdig der Mensch und Christ ist oder sei: unwürdig, dass Jesus zu ihm kommt. Da fragen dann manche, welchen Zusammenhang denn dieses Wort zum nachfolgenden Empfang der Kommunion habe. Im biblischen Zusammenhang sollte Jesus ja damit abgehalten werden, tatsächlich in das Haus des heidnischen Hauptmanns zu gehen. Sprich ein Wort, und dann wird mein Sohn/Knecht auch so gesund, ohne dass Du kommst. Passt dieses Wort nicht eigentlich viel genauer auf Zeiten der Kirchengeschichte, als die Christen tatsächlich nicht oder nur einmal im Jahr zur Kommunion gingen und ansonsten hinten in der Bank eben nur um das eine Wort baten? Ich habe noch alt-katholische Zeiten und Gemeinden erlebt, in denen es üblich war, nur am Gründonnerstag, also einmal im Jahr, das Abendmahl zu empfangen.

 

Wenn aber das Hauptziel des sonntäglichen Zusammenkommens heutzutage dieses Empfangen Jesu unter den Gestalten von Brot und Wein ist, dann darf man über dieses seit langen Jahren gebräuchliche Kommunionwort, das ein syrischer Papst vor 1300 Jahren in die Eucharistiefeier eingeführt hat, auch mal nachdenken. Und das ist in der betreffenden Gemeinde geschehen. Einige Gemeindemitglieder sagten, es sei für sie eine unglaubliche Abqualifizierung, eine Entwertung, die mit dem Handeln und Leben Jesu ansonsten nicht in Übereinstimmung zu bringen sei.

Tatsächlich hat Jesus sich berufen gefühlt, zu jedem Menschen hinzugehen. Jesus hat niemanden als unwürdig für seinen Besuch empfunden. Nicht nur die Armen und Kleinen, Benachteiligten und Unschuldigen hat Jesus aufsuchen wollen, sondern gerade auch die Sünder, die Verlorenen. Aus der Sicht Jesu stimmt dieser Satz also absolut nicht. Und wenn wir genau an der Bibelstelle nachlesen, erfahren wir auch, dass Jesus sich selbst schon längst zum Haus des Hauptmanns aufgemacht hatte, also ganz selbstverständlich da eintreten wollte.

Trotzdem - mir war es wichtig, wie auch anderen in der Gemeinde, dass wir nicht einfach ein liturgisches Wort unserer Kirche abschaffen oder unter den Tisch fallen lassen. Da lag dann der Schluss nahe zu sagen, dass solche Gemeindemitglieder, die es nicht mitsprechen wollen, für sich selber das Wort „nicht“ durch das Wort „Dir“ (Dativ ethicus) ersetzen mögen. Hört sich ähnlich an, zerbricht nicht den Sprachrhythmus der Gemeinde und drückt letztlich etwas Verwandtes aus: Denn man kann sich auf den Standpunkt eines neutralen Beobachters außerhalb von Gott und Mensch stellen und dann sagen: Der Mensch ist nicht würdig, dass ein allmächtiger und unfassbarer Gott ihn aufsucht. Man kann sich aber als Christ auch auf die Sicht und den Standpunkt Jesu und damit Gottes einlassen, der mit seinem ganzen Kommen gesagt hat: Ihr seid es mir (Dativ ethicus) wert, dass ich Euch aufsuche.

In beiden Fällen geht es um die Frage nach dem Wert des Menschen: einmal wird aus einer fiktiven Sicht heraus der Mensch als unwürdig bezeichnet, einmal wird er aus der offenbarten Sicht der Liebe Gottes als würdig bezeichnet.

Ich kann mir gut vorstellen, dass wir es offiziell bei der bisherigen Verwendung und dem bekannten Wortlaut des Kommunionspruches belassen. Wer sich aber im Herzen an einem Tag nicht als ferner Diener, sondern als wertgeschätzter Freund Jesu betrachten möchte, darf auch (fast unbemerkt) die zweite Version leise sagen. Denn sie entspricht auch oder ganz besonders dem, was Jesus uns als Frohe Botschaft verkündet hat.

In diesem Sinne war unser Gemeindebeschluss gedacht, also nicht zum Brechen der Gemeinschaft im Bistum sondern zum Bewahren der Tradition, freilich mit einer kleinen Hintertür für Menschen, die die Botschaft der Wertschätzung durch Gott besonders brauchen. Es ist schade, dass durch die kurze Mitteilung im Gemeindebrief so eine Aufregung entstanden ist über die Gemeinde hinaus; ich entschuldige mich dafür.

 

Fragen und Nachdenken

 

Zum Zweiten: Das Thema der Opfer- und Sühneopfertheologie ist sicher auf Zukunft hin noch etwas, das lange zu bedenken und zu überdenken ist. Dass wegen dieser mitunter neuen Gedanken die Einsetzungsworte Jesu beim Abendmahl abgeändert werden sollen, ist schlicht falsch. Wer etwas genauer informiert ist, der weiß, dass wir in der alt-katholischen Kirche eben nicht die Orginalworte aus den Evangelien verwenden als Grundtext für die Eucharistiefeier, sondern das, was das römisch-katholische Konzil in Trient (um 1550) während der Zeit der Gegenreformation daraus gemacht hat. In der Bibel werden diese Worte („Nehmt und esst: Das ist mein...“) auf verschiedene Weise überliefert, jedes Evangelium und erst recht Paulus hat da seine eigene Version. Nach Aussage der Bibelforschung ist die Version des Markusevangeliums diejenige, die den historischen Worten Jesu eventuell am nächsten kommt. Wenn wir in der Dekanekonferenz darüber nachdenken wollten, welcher Wortlaut in unseren Hochgebeten erlaubt und zugelassen sein sollte, um falsche Opfervorstellungen zu vermeiden, dann ging es nicht um Änderung, sondern schlicht um Hinwendung zum Ursprung. Unsere Anregung war, in Zukunft nicht nur die tridentinische (s.o.) Version zuzulassen, sondern zum Beispiel auch die wörtlichen Versionen der biblischen Evangelienberichte.

 

Aber wie gesagt, es ging und geht erst mal nur ums Fragen und Nachdenken. Wer aber mit dem Hinweis „Nicht wir formen die Liturgie, sondern die Liturgie muss uns formen“ Ungewohntes im Grundsatz ablehnt, bewegt sich auf gefährlichem Terrain.

 

Dekan Harald Klein, Rosenheim