Gott lässt sich nicht mundgerecht servieren

 

Bei einem Gottesdienst in kleinem Kreis hatte ich mir selbst ein Ei ins Nest gelegt, indem ich als Lesung einen Abschnitt aus dem Epheserbrief wählte. Dort heißt es unter anderem, die Frau solle sich in allem dem Mann unterordnen. Meine Frau weigerte sich, diese Lesung vorzulesen, und nachdem der Ruhestandsgeistliche den Text mit einem gewissen Genuss vortrug, fingen alle an zu lachen. Ernst genommen hatte diese „Botschaft“ eigentlich niemand. Im Anschluss an den Gottesdienst entwickelte sich dann eine lebhafte Diskussion, bei der unter anderem eine Frau sagte: „Haben wir nicht andere Botschaften für die Menschen heute?“ Und ich hatte den Eindruck, ihr wäre es am liebsten gewesen, dass wir unsere Frohe Botschaft heute selbst formulieren statt die alten Texte vorzulesen.

Mir ging das nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe mir die Frage gestellt, ob das denn richtig sei, alles Sperrige, all das, was ich heute für überholt halte, einfach beiseite zu schieben. Viel mehr aber hat mich der Gedanke beschäftigt, wie das wäre, wenn wir in unseren Gemeinden je nach Beliebigkeit plötzlich anfangen würden, all das zu ändern, was es uns schwer macht, unseren Glaubensweg zu gehen.

 

Persönliche Vorlieben?

 

Im diesjährigen Jahrbuch hat Oliver Kaiser, Pfarrer in Hannover, einen Artikel über seine Sicht der Liturgie veröffentlicht, der für viel Aufsehen sorgte. In der Liturgie geht es ja immer auch um Formulierungen und um Rituale, die uns manchmal holprig und sperrig vorkommen. Wie frei sind wir in der Gestaltung der Liturgie und im Umgang mit bestimmten Formulierungen? „Öffnet uns das, was wir hier tun, zuallererst auf den hin, in dessen Namen wir feiern?“, fragt Kaiser.

Meiner Ansicht nach können liturgische Regeln eine gute Hilfe sein und Halt bieten. Sie ermöglichen es, das Rad nicht immer wieder selbst neu erfinden zu müssen. Zudem würde manches nicht einfach besser, indem man es selbst ändert. Dazu Oliver Kaiser: „In dem, was anders gemacht wird, begegnen wir vielfältig den persönlichen Vorlieben und theologischen Meinungen des Priesters oder der Priesterin.“ Für das Sprechen von Gott brauche es vor allem das demütige Bewusstsein, dass alles Sprechen über das Mysterium hilfloses Stammeln sei und ein ungenügender Wegweiser, schreibt Kaiser an anderer Stelle.

 

Unbeschreiblich

 

Ich frage mich: Ist das Ringen um bestimmte Formulierungen nicht auch ein Schutz, sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, dass das Unbeschreibliche immer unbeschreiblich bleiben wird? Ist es nicht ein Schutz, um nicht anerkennen zu müssen, dass Gott immer der Größere bleibt? In einem Gemeindebrief einer bayerischen Gemeinde war zu lesen, dass die Gemeindemitglieder jetzt vor dem Empfang der Kommunion sagen dürfen: „Ich bin dir würdig, dass du eingehst unter mein Dach.“ Wer die übliche Formulierung verwenden möchte, kann beten: „Ich bin nicht würdig“. Auf mich persönlich wirkt die neue Formulierung befremdlich. Nicht nur, weil mir darin der Aspekt fehlt, dass Gott immer der Größere und Andere bleibt, sondern auch, weil ich solche Alleingänge für bedenklich halte. Solche liturgischen Änderungen sind meiner Ansicht nur dann gerechtfertigt, wenn sie auf breiter Ebene diskutiert und letztendlich bischöflich abgesegnet sind. So autoritär das klingen mag: Wir bewegen uns immer noch auf katholischem Boden, auf dem die Bischöfin oder der Bischof die Sorge für die Liturgie trägt. An mancher Stelle würde ich mir hier ein deutlicheres Wort des Bischofs wünschen.

Solch ein klares Wort hat Bischof Matthias Ring gesprochen, als unter einigen Theologinnen und Theologen die Frage aufkam, ob man nicht die verba testamenti, die Einsetzungsworte, die vom Abendmahl Jesu berichten, ändern müsse, da zum einen keine Jüngerinnen erwähnt werden und zum anderen die Aussage vom Blut, das zur Vergebung der Sünden vergossen wurde, eine Sühnetheologie wiedergebe, mit der heute kaum ein Mensch mehr etwas anfangen könne.

 

Demut

 

Ich schätze in unserem Bistum den Raum, den es für die Diskussion solcher Fragen gibt. Ich nehme aber auch wahr, dass sich in solchen Fragen auf manchen Seiten die Fronten verhärtet haben. Es ist bedauerlich, wenn auf unserem Glaubensweg der Eindruck entsteht, der Weisheit letzter Schluss sei gefunden. Das erinnert mich dann an die Atheisten ebenso wie an die religiösen Fundamentalisten, die alle Fragen des Glaubens wie ein Problem behandeln und es lösen wollen. Ich habe keine Lösung parat. Denn ich glaube, dass mein Glaube an Gott kein Problem ist, sondern ein Geheimnis. Und ein Geheimnis kann man nicht in Formulierungen fassen, und man wird mit einem Geheimnis auch niemals fertig sein. Oliver Kaiser schreibt: „Eine neue Demut vor Gottes Unaussprechlichkeit scheint mir eigentlich viel fruchtbarer und menschlicher als der unmögliche Versuch, das Phänomen Gott allen mundgerecht zu servieren.“

 

Stephan Neuhaus-Kiefel