Gescheiterte Priester

Eine Ansichtssache zur Kluft zwischen zölibatärem Ideal und der teilweise schrecklichen Wirklichkeit, die jetzt ans Tageslicht kam.

 

Es war im Frühjahr des letzten Jahres: Da ich vorhatte, mit den Kindern, die sich auf die Erstkommunion vorbereiten, Brot zu backen, fand das Treffen bei mir zuhause statt. Ich bat die Mütter, doch so lange im Wohnzimmer zu warten, aber die Frauen genossen lieber einen gemeinsamen Stadtbummel in der Wiesbadener Innenstadt. Wahrscheinlich hatte ich mir selbst zu viele Gedanken gemacht.

 

Eine andere Situation: Bei einer Kinderbetreuung stand plötzlich ein recht lebhafter Junge vor mir und fragte mich: „Darf ich auf deinen Schoß?“ Was tun? Wenn es nach meiner Sensibilität für das Thema, das seit Wochen durch die Medien geistert, gegangen wäre, hätte ich sagen müssen: „Das geht nicht, weil ansonsten mancher etwas Schlimmes vermuten würde!“ Letztendlich landete der Junge auf meinem Schoß, und für eine Weile war das lebhafte Kind sozusagen „aufgehoben“. War wieder nur ich es, der sich zu viele Gedanken gemacht hatte?

 

Zwei Situationen, die aufgrund der jüngsten Missbrauchsfälle eine besondere Brisanz bekommen. Eigentlich ganz normale, alltägliche Situationen. Aber mittlerweile ist man als Priester gemeinsam mit der Öffentlichkeit so sensibilisiert, dass nichts mehr normal zu sein scheint.

 

Ich war von 1988 bis 1990 oft im Kloster Ettal zu Gast und spielte sogar mit dem Gedanken, dort einzutreten. Noch gut erinnere mich daran, dass ich als Achtzehnjähriger dort zum Abschied auf die Wange geküsst wurde. Damals interpretierte ich das als väterliche Wertschätzung. Aber tue ich das heute auch noch? Nein, ich stelle etwas in Frage, was eigentlich normal wäre, genauso wie das Alleinsein beim Brotbacken mit den Erstkommunion-Kindern. Das, was in Ettal und anderswo ans Tageslicht kam, wirft einen großen Schatten, und zwar auf alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, auf Priester und auf die ganze Kirche, gleich welcher Konfession.

 

Ich stehe zu meiner Meinung, dass es nicht gerechtfertigt ist, die Kirche an sich in Frage zu stellen. Alle, die aus der römisch-katholischen Kirche ins alt-katholische Bistum gekommen sind, werden auch um die vielen guten Seiten wissen, die durch engagierte und glaubwürdige Priester verwirklicht werden. Eines allerdings ärgert mich an der Argumentation im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen: nämlich die Aussage, in Kirchenkreisen seien die Missbrauchsfälle im Verhältnis seltener als sonst wo.

 

Die These mag stimmen, sexueller Missbrauch komme in den „besten Familien“ vor. Es stellt sich aber doch ganz grundsätzlich, für jeden Menschen, die Frage: „Wohin mit meiner Sexualität?“ Deshalb glaube ich, dass das eine entscheidende Frage auch im Blick auf den Zölibat ist. Denn dieser verhindert eine Antwort auf diese Frage. Die Argumentation, die frei gewählte Ehelosigkeit setze Kräfte frei, die viel stärker und wertvoller seien als das sexuelle Verlangen, die Sublimierung also, halte ich mittlerweile für spirituell überhöht, weil es in der Wirklichkeit ja ganz anders aussieht. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Ich schätze und achte Priester, die aus dem Antrieb der Ehelosigkeit heraus für andere da sind. Ich will nicht sagen, dass es das nicht gibt. Wenn ich mich aber daran erinnere, wie ich mich mit anderen Kandidaten im römisch-katholischen Priesterseminar über Fragen der Sexualität ausgetauscht habe, dann war da vom Ideal der Sublimierung nichts zu hören. Vielmehr ging es da um ganz tiefe Nöte und um eine große Sehnsucht.

 

In dieser Situation liegt eine Gefahr. Es kann die Versuchung entstehen, seine Sehnsucht dort zu befriedigen, wo ich zunächst einmal nicht mit Widerstand rechnen muss: bei wehrlosen und schweigsamen Opfern. Es fällt natürlich schwer, vor gleichberechtigten Menschen, vor Erwachsenen und vor Verantwortlichen in der Priesterausbildung, zu thematisieren, dass man das mit der Keuschheit eben nicht so „im Griff“ hat, wie es das Ideal des Zölibats erwartet. Auch weil eine Folge ist, dass man dann in der römisch-katholischen Kirche kein Priester werden kann.

 

Ich muss offen gestehen: Im römisch-katholischen Priesterseminar war unter uns Studierenden neben der theologischen Ausbildung die „Sexualität“ das Thema schlechthin. Das klingt einerseits sehr offen, war es aber nicht. Allein das Sprechen darüber geschah nur im Verborgenen. „Wohin mit meiner Sexualität?“ Das wäre eine Frage, die in der Priesterausbildung neu und offen zu stellen wäre. Und zwar ohne das Modell der Sublimierung. Ich bedauere, dass in all den Diskussionen um den Zölibat in den vergangenen Wochen nicht einmal ein alt-katholischer Priester dazu befragt wurde. Es wäre eine Chance für unsere Kirche gewesen, zu zeigen, dass es auch anders geht. Es geht hier nicht um eine Überheblichkeit, in unserer Kirche wäre alles besser. Es geht vielmehr um die nicht bis ins letzte Detail festgelegte Grundhaltung unserer Kirche zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit der Sexualität, und die gilt für jeden Menschen, gleich ob als ehelos lebender oder verheirateter Priester oder als Nicht-Geistlicher in den Gemeinden.

 

Ein römisch-katholischer Priesteramtskandidat muss sich viele Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel die nach seiner sexuellen Orientierung. Vielleicht wird nirgendwo so viel gelogen wie im Skrutinium, dem Gespräch mit dem Bischof vor der Diakonenweihe. Es kursiert die Anekdote, dass ein römisch-katholischer Bischof, der beim Skrutinium die Frage nach dem Umgang mit der Sexualität vermeiden wollte, statt dessen die Frage stellte: „Haben Sie ein Problem mit Frauen?“ Das ermöglichte die Antwort: „Nein, mit Frauen habe ich kein Problem.“ Dieser Bischof scheint mir weise gewesen zu sein, denn darin offenbart sich das Bewusstsein für die Wirklichkeit.

 

Ein nicht unbedeutender Teil der Wirklichkeit kommt jetzt, leider mit grausamen Nachrichten, nach und nach ans Tageslicht. Man mag jetzt wieder mit dem Argument kommen, ich mische mich in innerkonfessionelle Angelegenheiten ein. Das ist in gewisser Weise wahr. Aber ich tue dies vielleicht auch deshalb, weil ich nicht möchte, dass unsere eigenen und oft konvertierten Priester als „Abtrünnige“ oder „Gescheiterte“ bezeichnet werden, nur weil sie den Mut hatten, der eigenen Lebenswirklichkeit vielleicht aufrichtiger zu begegnen. In diesem Punkt bekommt der Gedanke des Scheiterns, wie ich finde, noch einmal eine ganz neue Dimension.

 

Stephan Neuhaus-Kiefel