Der Katastrophe Vorschub geleistet

 

Benedikt XVI. bekommt das Reisen nicht“, so titelte die französische Zeitung Midi Libre. Wir erinnern uns noch an seine Äußerungen über die Gewaltbereitschaft des Islam. Sie hatte den ersten Besuch des Papstes in Deutschland überschattet. Und bei seiner Reise nach Afrika setzte er nun noch einen drauf.

Mit seinem Verdikt gegen die Verwendung von Kondomen hat Papst Benedikt indes keine Neuigkeit verkündet. Immerhin verweisen seine Äußerungen auf die Enzyklika Humanae Vitae aus dem Jahre 1968, in der jegliche empfängnisverhütende Methode, und damit auch der Gebrauch von Präservativen, dem römisch-katholischen Kirchenvolk untersagt bleibt. Theologische Argumente hierfür entbehrten bereits damals einer wissenschaftlichen Basis, war doch die weibliche Eizelle bereits im Jahre 1827 entdeckt worden. Dennoch hält man an diesem Dogma fest, den modernen Erkenntnissen zum Trotz.

 

Barmherzigkeit

 

In unserer aufgeklärten Hemisphäre ruft der Pontifex damit allenfalls verständnisloses Lächeln, bestenfalls Sarkasmus hervor. Und auch in den eigenen Reihen nimmt man solche Worte nicht allzu ernst. Rom war schon immer weit weg. Missionare in Afrika sehen sich der Sorge um den Menschen, dem Tagesgeschäft sozusagen, meist mehr verpflichtet als dem Prinzipiellen. Es gibt gottlob zahlreiche Kirchenleute, die nicht viel reden, sondern handeln und die (in Anbetracht der Pandemie AIDS geradezu kriminellen) Gebote Roms ignorieren. Das Ausmaß an Barmherzigkeit ist durchaus abhängig von der Entfernung zum Vatikan.

 

Man mag aus unserer Warte über den altbekannten Anachronismus aus dem Munde Benedikts lächeln. In Afrika hingegen, wo der Glaube sehr ursprünglich und unreflektiert ist, wo er nicht von der Aufklärung hinterfragt wird, werden die Worte des Papstes wie heilige Gebote aufgenommen. Dabei rennt der Papst in Afrika offene Türen ein und fällt damit den kircheneigenen Aufklärungsbemühungen vor Ort in den Rücken. Und er tut damit ein weiteres: Er leistet der Katastrophe Vorschub, die wie ein Damoklesschwert den afrikanischen Kontinent bedroht. Überfüllte Leichenhallen, Waisenkinderheere, endlose Beerdigungszüge prägen das Land. In Sambia ist fast jede Familie betroffen, jede dritte Schwangere ist HIV positiv. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl infizierter Afrikaner auf 30 Millionen.

 

Tabu

 

Died of an illness. An einer Krankheit gestorben, steht in den Todesanzeigen. Man stirbt an Malaria, Tuberkulose oder durch einen Verkehrsunfall. Aber niemals an den Folgen der Immunschwäche.

 

Aids ist in Afrika ein Unwort, denn es verbindet den Tod mit der Sexualität, und über die redet man nicht in Afrika, jedenfalls nicht so, wie wir das in Europa tun. Das Thema ist tabu. Menschen die sich zu dieser Krankheit bekennen, schlagen Angst und Abscheu entgegen. So tut die Gesellschaft, als würde das Acquired Immune Deficiency Syndrome gar nicht existieren, es wird verdrängt. Alle kausalen Zusammenhänge werden bestritten. Wozu dann Kondome benutzen?

Der Gegner der Aufklärung ist dabei schwer fassbar. Er tritt im Gewand des Gerüchts oder mythisch verbrämt auf, er kleidet sich in Dogmen und Denkverboten, Tabus und Traditionen. Kirchliche Aufklärer kämpfen mit Vehemenz gegen die Probleme der Unwissenheit und des Aberglaubens. Jeder dritte Sambier glaubt, der Erreger werde durch Hexerei, böse Blicke oder Moskitos übertragen.

 

Kirchenleute rennen immer wieder vergeblich gegen die Bollwerke der Ignoranz an. Die Abwehr- und Verdrängungsmechanismen Afrikas sind stark. „Die Hölle sind immer die anderen“, so umschreibt Afrikakenner Bartholomäus Grill die Haltung der meisten Afrikaner. Von vielen wird Aids als reine „Schwulenseuche“ betrachtet, andere meinen, Sex mit Jungfrauen könne vor Ansteckung und Aids schützen.

 

Der Feldzug der Aufklärungsaktivisten erscheint mitunter aussichtslos wie der Kampf gegen Windmühlen. Vor diesem Hintergrund wirken die Forderungen des deutschen Papstes wie ein Schlag ins Gesicht aller tatkräftigen und barmherzigen Menschen. Eine „Humanisierung der Sexualität“, wie sie Benedikt hoch preist, „eine innerliche Erneuerung“ des Menschen wäre sicherlich wünschenswert. Doch entbehren diese feingeschliffenen Appelle um Enthaltsamkeit einer realistischen Einschätzung der Lage. Man muss nicht den Vorurteilen der Plapperfürstin Gloria von Thurn und Taxis das Wort reden, betont man den hohen Stellenwert von Fortpflanzung und Fruchtbarkeit in Afrika. Polygamie und Konkubinat haben ihren Platz in einer Gesellschaft, in der das Prestige eines Mannes mit der Anzahl seiner Nachkommen wächst. In ökonomischen, sozialen und sexuellen Fragen bestimmen allein die Männer. Sie haben schließlich den Brautpreis gezahlt. Frauen sind dazu da, Männer glücklich zu machen, das ist common sense. Was Männer nicht freiwillig bekommen, holen sie sich mit Gewalt oder bei einer Prostituierten. Mit der wachsenden Armut steigt auch das Heer jener Frauen, die bereit sind, ihren Körper für Geld anzubieten. Lieber morgen an Aids krepieren, als heute an Hunger. Das ist die Philosophie.

 

Folgen

 

Die volkswirtschaftlichen Folgen ungeschützten Verkehrs sind unübersehbar. Eine ganz neue Gefahr nagt an den Fundamenten. Erschien früher vielen der Kommunismus als größte Bedrohung für Demokratie, Sicherheit und Stabilität auf dem afrikanischen Erdteil, so ist es heute Aids. Es ist absehbar, dass in den nächsten Jahren die Seuche Aids das Bruttosozialprodukt Schwarzafrikas um zwanzig Prozent reduzieren wird. Das ist die verheerendste Katastrophe seit Sklavenhandel und Kolonialherrschaft. Produktivität und Absatzmärkte brechen zusammen, Arbeitskräfte stehen nur noch in geringem Maße zur Verfügung, Steuereinnahmen werden ausbleiben, die Gesundheitskosten explodieren. Auch das ohnehin marode Bildungssystem wird kollabieren. Allein im Jahre 2001 starben in Sambia fast 2000 Lehrer an der Immunschwäche. Hunderttausende elternloser Kinder leben auf den Straßen, entwurzelt, verzweifelt, hoffnungslos – zum Teil gewalttätig und in kriminellen Gangs organisiert.

 

Nur eins kann dieser Entwicklung Einhalt gebieten: der konsequente und flächendeckende Schutz durch Kondome. Auch die Entdeckung eines Mittels gegen die Killerviren wird der Seuche nicht Einhalt gebieten, sind doch bereits entdeckte retrovirale Therapeutika in Afrika unerschwinglich.

 

Es wird weiterhin gestorben auf dem afrikanischen Kontinent. Was bleibt ist die Vision von einer römischen Kirche, die diesem Leid nicht erschütterungsresistent gegenübersteht. Welche Siege könnten errungen werden, wenn sich unsere Schwesterkirche als größte globale Institution, die sich in Afrika einer schnell wachsenden Anhängerschaft von derzeit 140 Millionen Menschen erfreut, konsequent den Kampf gegen Aids aufnehmen würde? Bis dies soweit ist können die Betroffenen nur auf den zivilen Ungehorsam derer hoffen, die es als ihre Christenpflicht betrachten Leben zu schützen.

 

André Golob