Profile und Gefahren

 

Seit 1996 bin ich für diese Zeitschrift zuständig und bin immer wieder erstaunt, welche Artikel zu Leserbriefen anregen. Manche Autorinnen und Autoren sind enttäuscht, weil sie meinen, ein heißes Eisen angepackt und provokante Thesen formuliert zu haben – und kein einziger Leserbrief geht ein. Christian Flügel kann sich in dieser Hinsicht mit seinem Beitrag „Aus Liebe zur Kirche“ (Juni-Ausgabe) nicht beschweren. Er hat offenbar ein Thema angesprochen, das viele bewegt, wie die in dieser Ausgabe abgedruckten Leserbriefe beweisen. Jenseits der Detailfragen – wie eucharistische Anbetung oder Marienverehrung – geht es um die Frage nach dem alt-katholischen Profil. Zumindest nach meiner Einschätzung spitzt sich die Problematik letztlich darauf zu.

 

Spezifische Auslegung

 

Ich hoffe, wir sind uns darin einig, dass eine Kirche ein erkennbares Profil braucht, nicht nur, um sich von den anderen unterscheiden zu können, sondern aufgrund der vorgegebenen Botschaft, die in jeder Konfession eine spezifische Auslegung erfährt. Auch der Alt-Katholizismus steht für eine bestimmte Interpretation des Evangeliums. Er steht nicht für alles, zum Beispiel nicht für die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit, aber auch nicht – um noch ein absurdes Beispiel zu nehmen – für die Ansicht, mit Mohammed sei die Offenbarung Gottes abgeschlossen (dann wären wir Alt-Katholiken im Grunde Moslems). Ein Alt-Katholizismus, in dem alles einen Platz hätte, würde sich selber abschaffen; ein Alt-Katholizismus, der sich nicht mehr von anderen Konfessionen unterscheiden würde, wäre überflüssig.

 

Solange wir bei den großen Themen bleiben, quasi bei den groben Linien einer Profilskizzierung, werden wir ohne große Probleme Einigkeit erzielen. Im Detail wird es schon schwieriger. Und das zeigt sich an der aktuellen Diskussion, die man noch auf andere Themen ausweiten könnte. Ich möchte hier nicht auf diese Einzelfragen eingehen, sondern auf einige Gefahren hinweisen, wie sie sich mir darstellen.

 

Gefahren

 

Erstens: Es besteht die Gefahr, die gegenwärtige Erscheinungsform des Alt-Katholizismus in Deutschland als den Alt-Katholizismus schlechthin zu betrachten. Auch der Alt-Katholizismus hat sich in seiner noch jungen Geschichte entwickelt und immer wieder verändert. Warum sollte er sich nicht weiterentwickeln? Zumal er in sich auch ein gewisses Maß an Pluralität aufweist, wenn man die verschiedenen Landeskirchen miteinander vergleicht. Dass es in anderen Ländern anders ist, ist aber noch kein Argument, ebensowenig der Hinweis, seit 1873 sei es so, und so müsse es deshalb bleiben. Bei Fragen des Glaubens kommt man ums theologische Argumentieren nicht herum.

 

Zweitens: Es gibt die Tendenz, die wohl in jedem Menschen steckt, seine eigenen Ansichten für die richtigen zu halten. Im kirchlichen Raum folgt daraus, dass man gerne von der Kirche bescheinigt haben möchte, die eigene Spiritualität mit ihren spezifischen Ausprägungen sei auch die (!) Spiritualität der Kirche. Für eine solche kirchliche Sanktionierung besteht allerdings überhaupt keine Notwendigkeit, solange es sich nicht um Formen handelt, die gemeinsam praktiziert und von einem Amtsträger geleitet werden müssen. Es ist zum Beispiel niemandem verwehrt, Rosenkranz zu beten und andere dazu einzuladen. Was die (!) Kirche darüber denkt, kann ihm herzlich egal sein. Es kann auch der einzelne der Mutter Jesu einen hohen Stellenwert in seiner persönlichen Frömmigkeit zuweisen, ohne gleich kirchlich bescheinigt zu bekommen, dass das auch gut ist.

 

Super

 

Drittens: Sobald es sich freilich um Ausdrucksformen des Glaubens handelt, die gemeinsam praktiziert werden, die sogar von einem Ordinierten bzw. einer Ordinierten zu leiten sind, muss die Kirche als Gemeinschaft entscheiden, ob dies mit ihrem Profil zu vereinbaren ist oder nicht. Sie sollte dies nach gründlicher Diskussion tun und in der in Punkt 1 ausgesprochenen Erkenntnis, dass es keine unwiderruflichen Entscheidungen gibt. Ich meine also nicht, dass dann, wenn die Kirche, also die Synode, gesprochen hat, dies das Ende der Debatte bedeutet und man nur noch demütig diese Entscheidung akzeptieren kann. Aber man muss akzeptieren, dass es diese Form der Entscheidungsfindung gibt. Ich habe manchmal den Eindruck, viele, die zu uns kommen, finden Synodalität toll und super – bis sie die erste Abstimmung verlieren.

 

Was ich fatal fände, wäre die Meinung, das Profil des Alt-Katholizismus bestünde darin, alles zuzulassen. Damit würde man die Profillosigkeit zum Profil erheben und sehr schnell die Erfahrung machen, dass sich eine Gemeinschaft verliert, wenn sie keinen gemeinsamen Grundbestand an Überzeugungen und an Handlungen und Feiern hat, in denen sich diese Überzeugungen ausdrücken. Zu unserem Profil sollte es freilich gehören, wie wir uns dieses Grundbestandes immer wieder vergewissern: in (oft mühsamen) synodalen Prozessen und nicht durch autoritäre Dekrete.

 

Matthias Ring