Auf ins gelobte Land

 

Das muss man differenziert sehen.“ „Beide Seiten sind schuld daran, dass es so ist, wie es jetzt ist.“ „Wenn die Palästinenser nicht immer bomben würden, dann würden die Israelis auch besser mit ihnen umgehen.“ – Solche und andere Sätze prägten unsere Gespräche auf unserem Hinflug von Stuttgart über Istanbul nach Tel-Aviv Anfang Oktober dieses Jahres. Eine Fact-Finding-Mission der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Baden-Württemberg sollte es sein, auf keinen Fall eine Delegationsreise. Zu heikel war einigen ACK-Mitgliedskirchen der Auftrag gewesen: Die Lage der Christen im Heiligen Land. Denn wenn von Christen im Heiligen Land gesprochen wird, dann geht es unweigerlich um Palästinenser und damit auch um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden und Christen/Moslems. Und wenn es um eine Bewertung dieses Konfliktes geht, kann man sich eigentlich nur in die Nesseln setzen. Daher fuhren wir als offene Reisegruppe von einzelnen Christen aus Baden-Württemberg gen Israel – mit vielen Bildern im Kopf (aus der Presse, aus der Bibel, aus Erzählungen) und mit vielen Vorurteilen – aber im Grunde hatten die meisten von uns keine Ahnung, was uns dort erwartet.

 

Umfangreiches Programm

 

Viel stand auf dem Programm: Erleben des Friedensprojektes Neve-Shalom/Wahat Al-Salam bei Tel-Aviv, Gespräche mit Vertretern der jüdischen Friedensorganisation Gush-Shalom und der israelischen Arbeiterpartei, ein historisch-kritischer Stadtgang durch Tel-Aviv und Jaffa mit der dafür zuständigen Organisation Zochrot, ein Gespräch mit dem Bürgermeister von Neve-Shalom, ein Besuch beim griechischen Patriarchen von Jerusalem, ein Besuch des katholischen Menschenrechtsbüros Society of St. Yves, ein Gespräch mit ÖFPI-Freiwilligen, ein Begegnungsabend mit dem interchristlichen Rat von Jerusalem, ein Gespräch mit der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem und den „Rabbinern für Menschenrechte“, das Erleben der Gedächtnisstätte für den Holocaust „Yad Vashem“, ein Gespräch mit der Fatah, der Besuch eines Ausbildungscenters für Jugendliche in Ramallah, ein Rundgang an der Mauer, die Besichtigung einer Einrichtung für behinderte Menschen mit dem Namen „Zentrum Sternberg“, ein Gespräch mit dem Leiter einer Fachhochschule in Betlehem (Pfarrer Mitri Raheb), ein Gespräch mit dem Umweltminister der Westbank und einer Krankenhausleiterin, die Besichtigung der Hirtenfelder und des YMCA Rehabilitationscenters (dass sich um durch den Krieg körperlich auf Dauer geschädigte Menschen kümmert), ein Besuch des Christian-Peace-Maker-Teams in Hebron, ein Gespräch mit einem Imam aus Betlehem über den politischen Islam und ein Besuch des Centers für Reconcilaion and Peace von Pax Christi.

 

Nicht aufgezählt das, was noch spontan von Wiltrud Rösch-Metzler (Pax Christi) und Ernst-Ludwig Vatter (YMCA) organisiert wurde. Im Rückblick frage ich mich, wie wir das überhaupt in den effektiv fünf Tagen geschafft haben. Wir durften viel sehen, viel erleben und vor allem: viel zuhören.

 

Voreingenommen?

 

Eine Erkenntnis bekamen wir immer wieder von unseren Gesprächspartnern nahegelegt: Wir müssen Israel und Palästina so sehen (wollen!), wie es heute existiert – und nicht, wie es vor 2000 Jahren war bzw. wie wir es uns aufgrund biblischer Vorstellungen und Reiseführern manchmal ausmalen. Ein paar der Organisationen wiesen uns darauf hin, dass nämlich genau diese Erwartungshaltung dazu führe, kein Verständnis für den gegenwärtigen Konflikt zu haben, und vor allem mit einer Grundhaltung an die Bewertung des Konfliktes heranzugehen, die einseitig zugunsten der jüdischen Bevölkerung schon entschieden sei.

 

Diesen, für manchen von uns – auch für mich – herben Schlag gegen unsere vermeintlich differenzierte Herangehensweise machte mich erst einmal stumm. Aber Pfarrer Mitri Raheb aus Betlehem führte aus, was dahinter steckte. Und er betonte: Gerade bei uns Deutschen sei die Voreingenommenheit stark ausgeprägt. In unserer theologischen Vergangenheitsbewältigung des Holocaust und der (Wieder-)Entdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums, ja gerade der Betonung des „Volkes Gottes“, der „von Gott geliebten Kinder“, „dem erwählten Volk“ (auch in unserer Liturgie!), würden wir denjenigen gerade nach dem Mund sprechen, die solche Aussagen des Alten Testamentes zugunsten einer aggressiven Siedlungspolitik auslegen würden.

Rummms. Diese Aussage saß. Und musste erst einmal verdaut werden.

 

Umdenken

 

Langsam begann in unserer Gruppe ein Umdenken. Waren wir wirklich so differenziert in unserer Betrachtung? Und vergaßen wir in all unserer Differenzierung und Relativierung nicht, welche Verbrechen vor unseren Augen in Palästina geschahen? Und mit den Verbrechen, die wir nicht sahen, das war uns allen klar, waren nicht die Terroranschläge gemeint, die wir aus den Medien kannten. (Und gegen die jeder Rechtsstaat vorgehen muss.) Nein, es waren die Verbrechen des Alltags, die wir langsam entdeckten. Mit jedem Gespräch mehr.

 

Wussten Sie,

 

- dass ein Palästinenser den bis zu zehnfachen Preis für Wasser bezahlen muss, den ein Israeli dafür zahlt? Als Ausgleich bekommen die palästinensischen Gebiete dafür lediglich zehn Prozent der Wasservorräte (Ironie!).

- dass eine Baugenehmigung für einen Palästinenser bis zu zehn Jahre auf sich warten lässt, ein israelischer Staatsbürger aber durchschnittlich nur ein halbes Jahr warten muss?

- dass alleine die Existenz eines straffällig gewordenen palästinensischen Familienmitgliedes hohe Repressalien für den gesamten Rest der Familie mit sich bringt? (Straffällig wird man z.B. auch, wen man die lange Wartezeit der Baugenehmigung nicht abwarten will und sein Haus ohne Baugenehmigung beginnt zu bauen.) Bei uns nennt man das Sippenhaftung. Und der israelische Staat nutzt gerade dieses erwähnte Beispiel, um Palästinensern ihre Aufenthaltserlaubnis in Jerusalem zu entziehen.

- dass der israelische Staat palästinensische Häuser im großen Stil beschlagnahmt – und die Bewohner vor die Wahl stellt, entweder das Haus dem Staat einfach zu überlassen, das Haus selber abzureißen oder für den Abriss, den der Staat freundlicherweise übernimmt, auch noch zu bezahlen? Das Ganze geschieht unter willkürlichem Zugriff auf osmanisches Recht aus dem 19. Jahrhundert, je nachdem wie es der Staat gerade auslegen möchte.

- dass ein Plan „Jerusalem 2020“ existiert, der Jerusalem im Jahr 2020 komplett jüdisch sehen will, einschließlich dem jetzigen palästinensischem Altstadtteil?

- dass die israelischen Regierungen seit den offiziellen Friedensgesprächen immer versprochen haben, den Siedlungsbau zu stoppen bzw. bestehende Siedlungen abzureißen – aber immer (!) das Gegenteil passiert ist?

- dass in Israel-Palästina drei offizielle Klassen von Bürgerinnen bzw. Bürgern existieren? Jüdische Bürger mit israelischem Pass, Palästinenser mit israelischem Pass und Palästinenser ohne israelischen Pass. Die erste Gruppe stellt die Hälfte der Bevölkerung. Die zweite ein Zehntel und die letzte vier Zehntel. In der Praxis heißt das, dass die Hälfte der Bevölkerung nur eingeschränkte politische Rechte und kein Recht zum freien Reisen hat. Zum Militär sind nur Staatsbürger Israels zugelassen.

 

Diese Liste könnte wahrscheinlich noch lange erweitert werden. Bei all den Fakten, die wir aufnehmen sollten, brummte mir abends immer der Schädel, und einiges habe ich mittlerweile auch wieder vergessen.

 

Zwiespältiges Land

 

Unsere Reisegruppe reagierte aber jeden Tag neu nicht mit innerem Zumachen, sondern mit dem Wunsch,  mehr zu hören. Wir hatten das Gefühl, einiges nachholen zu müssen. Durch den ständigen Wechsel von jüdischen, christlichen und islamischen Gesprächspartnern bekamen wir auch ein recht buntes Bild präsentiert und uns wurde die Zwiespältigkeit des „gelobten Landes“ immer deutlicher:

 

Jeder jüdische Bürger kann in Israel (z.B. in Tel-Aviv) leben, ohne etwas von den Repressalien gegen die palästinensische Bevölkerung mitzubekommen, wenn er bzw. sie davon nichts mitbekommen möchte. Dass das so ist, ist nicht unbedingt Zeichen von Desinteresse, sondern eine (vom Staat und den Medien) manipulierte Sicht der Dinge. Ein gutes Beispiel dafür ist die Autobahn zwischen Tel-Aviv und Jerusalem. Rechts und links entlang der Autobahn gibt es eine buntbemalte Schallschutzmauer. Wie bei uns in Deutschland auch. Befindet man sich jedoch auf der anderen Seite der Mauer, ist diese betongrau und mit Stacheldraht bewehrt. Wer in einigen Teilen des Landes an diesen Streifen auf mehr als 50 Meter herankommt, läuft Gefahr erschossen, zumindest jedoch mit Tränengas als Abschreckung beschossen zu werden.

Die Checkpoints entlang der Mauer (von denen geschossen wird) heißen in Israel offiziell „Terminals“. Wird in den Medien dann von einem Anschlag auf ein Terminal gesprochen, stellen sich die meisten Menschen einen Anschlag auf eine zivile Einrichtung vor, obwohl es keine ist. Sprache schafft veränderte Wirklichkeit. Ebenso die Bezeichnung der Straßen, die die, nach unserem Rechtsverständnis, illegalen Siedlungen (teilweise so groß wie deutsche Kleinstädte) im Westjordanland mit Jerusalem verbinden und durch die Mauer entlang der Straßen jeden Verkehr innerhalb der palästinensischen Gebiete verhindern: diese Straßen heißen schlichtweg „Highways“.

 

Wem beim Lesen der Eindruck entsteht, ich hätte bis jetzt ja so gut wie nichts Spezifisches über die „Lage der Christen im Heiligen Land“ geschrieben, der hat Recht. Aber alle Organisationen, mit denen wir sprachen, waren sich einig: Die Probleme, die Christen derzeit im Heiligen Land haben, sind in erster Linie palästinensische Probleme und keine spezifisch christlichen. Die große Forderung, die bei allen im Vordergrund stand, war die Forderung nach Beendigung der Okkupation.

 

Antworten

 

Immer wieder fragten wir, was wir denn als baden-württembergische Christen tun könnten, um zu helfen. Die Antworten waren äußerst unterschiedlich, aber drei kamen immer wieder:

1. Wir sollen unsere Regierungen unter Druck setzen, endlich Tacheles zu reden. Und sich nicht von unverbindlichen mündlichen Versprechungen der israelischen Regierung einlullen zu lassen.

2. Wir sollten darauf achten, keine israelischen Produkte zu kaufen, die aus den Siedlungsgebieten kommen  (www.gush-shalom.org pflegt Listen mit Produkten).

3. Wenn wir nach Israel-Palästina kommen, sollten wir auch in den palästinensischen Gebieten übernachten, gegebenenfalls auch einen palästinensischen Führer nehmen. Der Tourismus ist die einzige Einnahmequelle, die vor allem die christlichen Palästinenser haben – und der bricht derzeit zusammen, da die meisten Touristen nur noch Tagesausflüge nach Betlehem machen, ansonsten aber in Israel leben.

Eindrucksvoll die Forderungen von Pfarrer Mitri Raheb: „Wartet nicht auf einen Messias, der es richten wird. Unser Messias kam schon vor 2000 Jahren. Schickt kein Geld (mit dem die Häuser wieder aufgebaut werden, die israelitische Streitkräfte zerstört haben). Schafft keine unnützen Dialogkommissionen, sondern betet für uns. Macht unser Problem zu eurem Problem.“ Und dazu, frei nach Luther, der heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde, wenn morgen die Welt unterginge: „In der sicheren Gewissheit, dass wir immer tiefer in eines der härtesten Apartheitssysteme unserer Zeit hineingeraten, bauen wir heute noch eine Schule, heute noch ein Krankenhaus und erziehen heute noch unsere Kinder.“

 

Hoffnung

 

Die Hoffnung, die dieser Pfarrer ausstrahlte, war unglaublich. Es gab auch andere Hoffnungszeichen. In Wahat Al-Salam, einem Dorf, in dem Palästinenser und Israelis bewusst zusammenleben; oder bei den „Rabbinern für Menschenrechte“, die den Palästinensern jedes Jahr bei ihrer Ölernte helfen, angefeindet von ihren eigenen Glaubensgenossen in den Siedlungsgebieten.

 

Leider teilen diese Hoffnung die meisten Palästinenser nicht. Die Fülle des Unrechts in den besetzten Gebieten schreit nach einem Krieg, nach einer dritten Intifada, nach einem Aufbäumen gegen die scheinbar unbesiegbare Besatzungsmacht, die derzeit unendliche Geldreserven hat.

 

Die Folgen eines Aufstandes, vergleichbar mit einer Intifada, konnten wir in Hebron am besten sehen. 1994 ging Baruch Goldstein schwerbewaffnet in die Abraham-Moschee in Hebron (am Grab Abrahams) und richtete während eines Gebetes dort ein Massaker an. Daraufhin brach ein Volksaufstand bisher ungeahnten Maßes aus. Dieser wurde von der israelischen Armee gewaltsam beendet. Als Folge des Aufstandes beschlagnahmte die israelische Armee den Großteil der Altstadt und schloss mehr als vier Fünftel der Geschäfte. Es zogen viele militante nicht-israelische Siedler (meist aus den Ex-UdSSR-Staaten) nach Hebron und zogen günstig in die beschlagnahmten palästinensischen Wohnungen. Auf dem großen Bild sehen sie ein Gitter über dem Geschäftsbereich der palästinensischen Einkaufsstraße. Es ist die letzte verbliebene Einkaufsstraße Hebrons. Dieses Gitter dient zum Schutz der Händler und Touristen, denn jeden Tag entledigen sich die jüdischen Siedler, die oben wohnen, ihres Unrats, indem sie wahllos Dinge auf die Leute unten auf der Straße werfen: Steine, Stühle, andere Hausgegenstände, auch gebrauchte Unterhosen oder gar die Notdurft selbst.

 

Ja, man muss es differenziert sehen. An dieser Haltung wollten wir auch nach unserer Reise festhalten. Aber anders, als wir es uns am Anfang gedacht hatten. Am Ende unserer Reise war klar: Es gibt eine berechtigte Reaktion des Staates Israel auf Terroranschläge. Aber das, was strukturell Ungleichheit im Staat Israel-Palästina schafft, ist nicht gerechtfertigt. Nur davon bekommen wir bei uns im Westen kaum etwas mit. Wer weitere Informationen und Adressen/Newsletter etc. zum Thema braucht, kann sich gerne bei mir melden unter mail@ulf-martinschmidt.de.

 

Zum Schluss noch eine der Erfahrungen, die mich auf dieser Reise am meisten ergriff und aufwühlte: Am Mittwoch gingen wir in das Gedächtniszentrum für den Holocaust „Yad Vashem“. Seit Schulzeiten bemühe ich mich, die Hintergründe des Holocaust emotional und rational zu begreifen, gerade weil mein Urgroßvater in der Nazizeit Bischof unseres Bistums war. Yad Vashem hat mir ein Stück mehr dabei geholfen. Berührt von den vielen Eindrücken ging ich aus dem Zentrum hinaus und wollte in den Bus steigen, da stellte ich laut fest: „Das Zentrum sieht ziemlich neu aus.“ Unsere Führerin meinte daraufhin ziemlich trocken: „Ja, ein Teil von Yad Vashem wurde vor ein paar Jahren neu gebaut. Aber wussten Sie, was vor Yad Vashem hier stand?“ Ich bin mir sicher, dass Sie die eigentlich unfassbare und doch so klare Antwort erraten können…

 

Ulf-Martin Schmidt