Synodalität und/oder Demokratie
Das Leben ist manchmal schneller als man denkt. Kurz nach
der letzten Synode wollte ich in dieser Zeitschrift mal der Frage nachgehen,
was denn Synodalität und Demokratie voneinander unterscheidet, denn immer
wieder bemerke ich, dass einige größten Wert darauf legen, beides sei nicht
dasselbe. Dabei kann man es in diesem Zusammenhang getrost unberücksichtigt
lassen, dass sich unsere Kirchenverfassung als bischöflich-synodal versteht,
denn gegen die Bezeichnung „bischöflich-demokratisch“ käme genauso Widerspruch.
Nun steht uns früher als gedacht eine Synode ins Haus und prompt wird da und
dort, zum Beispiel in Internetforen, wieder darüber debattiert, ob „synodal“
gleich „demokratisch“ sei – und wenn nein, warum nicht.
In einem Forum las ich zum Beispiel: „Der wesentliche
Unterschied zwischen Demokratie und Synodalität ist die Geisteshaltung: bei
Demokratie gibt es Wahlkämpfe, Parteien, Lager, Macht- und Geltungssucht. Die
Synodalität steht für Gemeinschaft, Einvernehmen, die Suche nach einem
Kompromiss, mit dem alle leben können, eigene Ansichten nicht zum höchsten Gesetz
machen, auch mit der zweitbesten Lösung leben können, Versöhnlichkeit wahren.“
So ähnlich habe ich es schon oft bei Diskussionen gehört,
aber ich frage mich stets, ob dabei nicht das Ideal von Synodalität mit der
Realität der parlamentarischen Demokratie verglichen wird – und dabei kommt die
Demokratie immer schlecht weg. Im Übrigen gibt es auch in synodal verfassten
Kirche klar erkennbare Parteiungen; das ist oftmals nur eine Frage der
Kirchengröße.
Weggemeinschaft?
Auch klingt in solchen Argumenten die Definition von
Synodalität als „Weggemeinschaft“ an. Aber was bedeutet dies konkret, wenn sich
eine Kirche als Weggemeinschaft versteht? Über die Strukturierung dieser Kirche
ist meines Erachtens damit gar nichts gesagt. Darf ich mir darunter eine fröhliche
Wandergruppe vorstellen, die sich vorher auf ein Ziel verständigt hat? Oder
eher eine Bergwanderung mit einem Bergführer, der im Zweifelsfall sagt, wo es
lang geht? Oder eine Armee – auch da sind Menschen gemeinsam auf dem Weg –, die
eine klare Kommandostruktur hat? Wie findet die Weggemeinschaft zu
Entscheidungen, wer geht voran, wer entscheidet im Zweifelsfall …? – Das Wort
von der synodalen Kirche als Weggemeinschaft eignet sich wunderbar für
meditative Betrachtungen, aber um das Wesen einer Kirche zu erfassen, ist es
denkbar ungeeignet.
Oft habe ich als Argument gehört, in einer synodalen Kirche
könne man nicht über alles abstimmen. Allerdings kann man dies in vielen
Demokratien auch nicht. Zumindest die modernen Demokratien westlichen Typus
kennen einen Verfassungskern, der nicht verhandelbar ist. Oberste Gerichte
haben darüber zu wachen, dass er unangetastet bleibt.
Einmütigkeit
Viele sehen in der Synodalität – anders als bei der
Demokratie – den Trend zur Einmütigkeit. Jemand aus unserer Kirche schrieb vor
einiger Zeit hierzu: „Demokratie heißt: 51 Stimmen dafür, 50 Stimmen dagegen,
also wird die Sache gemacht. Synodalität gibt sich erst dann zufrieden, wenn
alle sich für eine Sache entscheiden, sie will überzeugen, ist herrschaftsfrei.
Sie fasst auch die Minderheit ins Auge. Eine knappe Entscheidung, die nicht von
einem Gros getragen wird, ist demokratisch, nicht aber synodal.“
Auch hier ist die Sache meiner Meinung nach differenzierter
zu sehen, denn selbst in den Demokratien gibt es Fragen, für die es mehr als 50
Prozent der Stimmen braucht. Und viele Gesetze werden in unserer Republik
parteiübergreifend verabschiedet. Andererseits werden viele Fragen in
kirchlichen Gremien mit einfacher Mehrheit entschieden. Gewiss, wir kennen
einen Minderheitenschutz, aber damit lässt sich eine Entscheidung nur
aufschieben. Und blickt man auf die Kirchengeschichte, muss man beschämt
feststellen, dass mit den unterlegenen Minderheiten nicht gerade pfleglich
umgegangen wurde. So wurden zum Beispiel die beiden Bischöfe, die sich den
Beschlüssen des Konzils von Nizää 325 verweigerten,
kurzerhand vom Kaiser verbannt. Sicherlich, das hat der Kaiser gemacht, aber
die anderen Bischöfe haben nicht versucht, ihn davon abzuhalten, im Gegenteil.
Die hier skizzierte Debatte beantwortet natürlich nicht die
Frage, was denn das Wesen einer synodalen Kirche ist (darüber gibt es
vielleicht bald einen weiteren Artikel in Christen heute) und ob nun
„demokratisch“ gleich „synodal“ sei. Sie scheint mir aber symptomatisch in
zweierlei Hinsicht zu sein. Zum einen zeigt sie, wieviele
ein Problem damit haben, den Meinungsstreit, von dem Demokratie lebt, als etwas
Positives zu erleben. Das Wort vom Parteiengezänk wird in Deutschland schnell
in den Mund genommen, ohne zu bedenken, dass es ohne diesen Meinungsstreit
keine Demokratie geben kann.
Der Mensch
Zum anderen sagt diese Debatte viel aus über die Sehnsucht,
die mit dem Wort von der synodalen Kirche verbunden ist: eine Kirche, in der
alle aufeinander Rücksicht nehmen, keiner untergebuttert und immer nach
gemeinsamen Lösungen gesucht wird. Zweifelsohne: das wäre das Ideal.
Dummerweise ist der Mensch wie er ist: nicht immer edel, nicht immer großzügig,
nicht immer altruistisch, nicht immer bereit, die eigene Meinung hinten
anzustellen. Und deshalb braucht eine synodale Kirche Regeln, die diese Seite
des Menschseins mit einkalkulieren – so, wie es in der Demokratie auch der Fall
ist.
Matthias Ring