Christen gehen aufeinander zu
Römisch-katholische und alt-katholische Kirche im Dialog
Am 12. Mai verabschiedete die Internationale
Römisch-Katholisch/Alt-Katholische Dialogkommission
(IRAD) auf ihrer Tagung im Johannes Schlössl der
Pallottiner in Salzburg einen Abschlussbericht ihrer mehrjährigen Beratungen,
die sich Kirchengemeinschaft zwischen der römisch-katholischen und der
alt-katholischen Kirche zum Ziel gesetzt haben.
Kirche und Kirchengemeinschaft
Mit dem neuen Dokument, das den Titel „Kirche und
Kirchengemeinschaft“ trägt und über ein reines Konsenspapier hinausgeht,
konnten wichtige Fortschritte erzielt werden. Der Text stellt zum
Kirchenverständnis fest, dass die Alt-Katholischen
Kirchen und die Römisch-Katholische Kirche verbunden
sind im gemeinsamen Bekenntnis zur Heiligen Schrift und zum Nicäno-Konstantinopolitanischen
Glaubensbekenntnis sowie zu den dogmatischen Entscheidungen der im Osten und im
Westen anerkannten ökumenischen Konzile. Ekklesiologische Grundpfeiler ihrer
Bemühungen um eine Kirchengemeinschaft sind für beide Kirchen das sakramentale
Bischofsamt in apostolischer Sukzession, in der die ganze Kirche steht, und die
sieben Sakramente.
Der Hauptgrund der bisherigen Trennung waren Differenzen
über das Verhältnis von Ortskirche und päpstlichem Primat (1723) bzw. die
Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils über die Unfehlbarkeit und über den
Jurisdiktionsprimat des Papstes (1870). Die seitdem von beiden Seiten
vertieften ekklesiologischen Überlegungen zum Dienst des Papstes an der
Gemeinschaft aller Ortskirchen haben gezeigt, dass diesbezüglich keine
unüberbrückbaren Gegensätze mehr bestehen. Der Text verdankt sich nicht zuletzt
einem gemeinsamen Nachdenken über diesen Dienst, zu dem bereits 1995 Papst
Johannes Paul II. in seiner Ökumeneenzyklika „Ut unum
sint“ (Nr. 95-96) aufgerufen hat. Mit diesem
gemeinsamen Text liegt jetzt auch von alt-katholischer Seite eine Antwort auf
diesen Aufruf vor. Er geht davon aus, dass die sogenannte Papstfrage nicht
isoliert erörtert werden kann, sondern nur in einer umfassenden Besinnung über
die Kirche als Gemeinschaft von Ortskirchen, in denen die eine heilige
katholische und apostolische Kirche, die beide gemeinsam bekennen, existiert.
Unterschiede
Im Verlauf ihrer Arbeit hat sich die Dialogkommission dazu
entschlossen, den Text über die Kirche in den Horizont einer möglichen
Kirchengemeinschaft zu stellen. Natürlich konnten die an den Beratungen
beteiligten Fachleute nicht übersehen, dass es auf der Basis des gemeinsam
festgehaltenen katholischen Glaubens in den Kirchen auch unterschiedliche
Weiterentwicklungen in Einzelfragen der Lehre wie der kirchlichen Disziplin
gegeben hat. Dies betrifft vor allem die Fragen der Marienverehrung, der
Ordination von Frauen zum Priesteramt sowie der Übernahme von ehemalig
römisch-katholischen Geistlichen in die alt-katholische Kirche. Diese wurden
jeweils mittels der Methodik des „differenzierten Konsenses“ herausgearbeitet
und dargestellt. Die Kommission war sich darüber im Klaren, dass einige dieser
Divergenzen Einschränkungen in der Verwirklichung einer möglichen
Kirchengemeinschaft mit sich bringen.
Hintergrund
Zum Hintergrund der jetzt abgeschlossen Arbeit der
Kommission ist zu sagen, dass es im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil
zu einer neuen Phase im Verhältnis zwischen der Römisch-Katholischen
Kirche und der Utrechter Union der Alt-Katholischen
Kirchen kam. Seit 1966 befassten sich darauf verschiedene nationale
Gesprächskommissionen mit Fragen des Glaubens und der Pastoral. Am früheren
Dialog waren auf alt-katholischer Seite die Kirchen der Niederlande,
Deutschlands und der Schweiz aktiv beteiligt, in Österreich wurde keine
bilaterale Dialogkommission eingesetzt. Nicht beteiligt waren u. a. die Polish National Catholic Church (PNCC) in Nordamerika und die Polnisch-Katholische
Kirche (PKK) in Europa.
Im großen Jubiläumsjahr 2000 wurde bei einer Begegnung
zwischen Erzbischof Antonius Jan Glazemaker und dem
Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen in Rom eine neue,
diesmal internationale Dialogkommission in Aussicht genommen. Nach der Sitzung
einer Vorbereitungsgruppe 2003 in Stuttgart nahmen die unterdessen von ihren
Kirchen ernannten Mitglieder ihre Arbeit im Mai 2004 in Bern auf. Die
Kommission hat nach insgesamt elf Sitzungen, die in den Niederlanden, Deutschland
und der Schweiz stattgefunden haben, ihre Arbeit im Mai 2009 in Salzburg
abgeschlossen.
Die Mitglieder sind auf alt-katholischer Seite: Bischof
Fritz-René Müller, Bern/Schweiz, als Co-Präsident, Prof. Dr. Angela Berlis, Haarlem/Niederlande, Prof. em. Dr. Jan Visser, Zeist/Niederlande, Prof. Dr. Günter Esser,
Bonn/Deutschland, Prof. Dr. Urs von Arx, Bern/Schweiz
und Pfr. Martin Eisenbraun (Co-Sekretär),
Salzburg/Österreich.
Auf römisch-katholischer Seite nehmen teil: Bischof em.
Paul-Werner Scheele, Würzburg, als Co-Präsident, Weihbischof Johannes Gerardus Maria van Burgsteden,
Haarlem/Niederlande, Domkapitular Prälat Hubert Bour,
Rottenburg/Deutschland, Prof. Dr. Heinrich J. F. Reinhardt, Bochum/Deutschland,
Prof. Dr. Hans Jörg Urban, Paderborn/Deutschland, und Monsignore Dr. Matthias
Türk (Co-Sekretär), Vatikanstadt.
Die Dialogkommission schließt mit der Verabschiedung dieses
Textes ihre Aufgabe ab, mit der sie vom Päpstlichen Rat zur Förderung der
Einheit der Christen und der Internationalen Alt-Katholischen
Bischofskonferenz der Utrechter Union beauftragt wurde. Sie legt ihren Text den
Auftrag gebenden Kirchenleitungen zur Beurteilung vor, wobei sie sich bewusst
ist, dass manche ihrer Überlegungen eines weiterführenden Gesprächs bedürfen.
Zuversichtlich erhofft sie einen Rezeptionsprozess auf allen Ebenen, ohne den
das angestrebte Ziel nicht erreicht werden kann.
Salzburg, den 12. Mai 2009
Matthias Türk, Martin Eisenbraun
Das in der Presseerklärung genannte Abschlusspapier wird bei der Internationalen Alt-Katholischen Theologenkonferez Ende August 2009 in Neustadt/W. einer ersten Bewertung von alt-katholischer Seite unterzogen.