Im Winter ist es kalt

Eine Ansichtssache

 

Erich Honecker war schuld, dass ich dreizehn Jahre ohne Fernsehapparat lebte. Denn als er Ende Juli 1992 aus Moskau nach Deutschland zurückkehrte, wo ihn ein Gerichtsverfahren erwartete, berichteten am Abend nicht nur die TV-Nachrichten von seiner bevorstehenden Ankunft, sondern es gab auch Sondersendungen genau zu dem Zeitpunkt, da das Flugzeug mit ihm als Passagier landete. Sondersendungen, die schon damals aufmerksamkeitsheischende Titel wie „Brennpunkt“ oder „Spezial“ trugen.

 

Ich saß an diesem herrlichen Sommer-abend auch vor der Röhre. Und was sah ich? Nichts! Beziehungsweise nichts, was ich nicht schon vorher in den Nachrichten gehört hatte. Dieselben Informationen wurden nochmals aufgewärmt, um einige O-Töne von Passanten und Prominenten ergänzt – und das war es. Der Höhepunkt der Sendung bestand in Honeckers Rückkehr. Man sah ein Flugzeug landen (es sah aus wie alle Flugzeuge und landete auch so). Dieses rollte in ein Areal, das für die Kameras nicht einsehbar war, was allerdings schon vorher bekannt war. Aus diesem Areal fuhr nach einiger Zeit eine Kolonne schwarzer Limousinen mit abgedunkelten Scheiben heraus – wie eben so Limousinen ausschauen. Und da fragte ich mich: Was war das denn? Es war vorher schon klar, dass es keinen Blick auf Honecker geben würde. Und selbst wenn, worin lag der Informationsgewinn der ganzen Sendung gegenüber den vorherigen Nachrichten? Ich fühlte mich verschaukelt. Wieder Zeit vor der Röhre verplempert! Danach schaltete ich das Gerät nicht mehr an.

 

Sondersendungen

 

Seit drei Jahren habe ich wieder einen Fernseher, so dass ich am 7. Januar Zeuge eines denkwürdigen Fernsehabends werden konnte. Ich hätte es selbst gar nicht bemerkt, aber ein Freund machte mich darauf aufmerksam: Sowohl ZDF als auch ARD brachten eine der genannten Sondersendungen, weil … Russland den Gashahn abgedreht hatte? … wieder eine Bank vor dem Abgrund steht? … Lothar Matthäus erneut geheiratet hatte? Nein, wichtigeres war zu vermelden: Die Kälte in Deutschland! Bildungsbürgerlich angehauchte Zeitgenossinnen und Zeitgenossen hätten angesichts des Themas vielleicht eine aufrüttelnde Reportage über die soziale Kälte in unserem Land erwartet, aber es ging wirklich um die Kälte im eigentlichen Wortsinn, also darum, dass zu diesem Zeitpunkt an den meisten Orten der Republik das Thermometer unter Null Grad gefallen war.

 

Dass wir uns richtig verstehen: Es gibt Menschen in unserem Land, die unter der Kälte wirklich leiden, vor allem Obdachlose und jene, die kein Geld für die Heizung haben. Ich frage mich nur, was war denn so besonders an dieser Kälte, dass man mit Sondersendungen darüber berichten musste? Gewiss, bei Regensburg ist die Donau zugefroren. Das ist schon lange nicht mehr passiert – zuletzt 2006. Nachts hatten wir hier 16 Grad Minus – 1997 waren es an Weihnachten am helllichten Tag Minus 20. Ich verstehe ja die Rheinländer, die es diesmal ärger getroffen hat als sonst. Aber wirklich extrem war der Winter, wie übrigens auch die Meteorologen zugeben, noch nicht. Entsprechend waren die Sondersendungen. Da wurden zum Beispiel Müllmänner interviewt, von denen man den Eindruck hatte, dass sie die Kälte recht gelassen nehmen (Sensibelchen und Weicheier wird man in diesem Beruf eh kaum finden). Und Jörg Kachelmann erklärte aus der Sicht eines Meteorologen, warum es so kalt ist. Er bestätigte meinen Verdacht, den ich schon vor der Sendung hegte: Das Ganze hat etwas mit dem Winter zu tun!

 

Dramatisierung des Banalen

 

Was ich an jenem Abend bestaunen konnte, war die mediale Dramatisierung des Alltäglichen, ja des Banalen. Dies ist leider nichts Neues, sondern das Ergebnis eines tiefgreifenden Umbruchs unserer Medienlandschaft, der mit den privaten Fernsehsendern begann (RTL feiert heuer sein 25-jähriges Jubiläum) und vor den öffentlich-rechtlichen nicht Halt gemacht hat. Da man meint, die Zuschauer nur mit dem Ungewöhnlichen, ja Sensationellen und Dramatischen gewinnen zu können, wird das Alltägliche dramatisiert – denn das Leben an sich hat nicht so viel Sensationelles zu bieten. Bei den Wetterphänomenen ist mir dies erstmals aufgefallen. Egal, ob es kalt ist oder ein paar Tage hintereinander heiß, ob Regen kommt oder Schnee, die Nachrichten darüber klingen wie Frontberichterstattung (und das hat nichts mit der Klimaveränderung zu tun; die wird meistens gar nicht thematisiert). Ach ja, die Grippewelle rollt an. Den Hauptnachrichten war dies bereits eine Meldung wert. Gewiss, Grippe ist eine ernste Erkrankung, aber im Winter nicht ungewöhnlich, um es vorsichtig auszudrücken.

 

Vielleicht denken Sie jetzt: Eine typische Medienschelte, wie sie auch in vielen Feuilletons zu lesen ist. Das mag sogar richtig sein, aber ich frage mich: Wenn das Alltägliche ständig dramatisiert wird, wird dann das eigentlich Dramatische überhaupt noch erkannt? Zumal wenn es sich um politische Fragen handelt, da diese wesentlich komplexer und komplizierter sind als der Wintereinbruch. Wird dem Bürger nicht vorgegaukelt, er werde über das Wesentliche informiert, und stattdessen wird er mit Banalitäten zugemüllt?

 

Matthias Ring