Seelsorgebericht

Erfahrungen aus der Seelsorge jenseits der Statistik

 

In jedem Jahr werden die Pfarrerinnen und Pfarrer aufgefordert, dem Bischof, den Dekanen und den Kirchenvorstandsmitgliedern einen Seelsorgebericht vorzulegen. Das mit Seelsorgebericht überschriebene Formblatt konzentriert sich im Wesentlichen auf die Gemeindestatistik. Die Zahlen der Gemeindemitglieder, der Altersstruktur, der Gottesdienstfeiern und der Gottesdienstbesucher, der Taufen, Beerdigungen, Eheschließungen, Erstkommunionkinder, Firmlinge, Haus- und Krankenbesuche, der Beitritte und Austritte, der Zuzüge und Wegzüge u.s.w. werden ebenso erfragt wie die Zahl der Aktivitäten in den verschiedenen Gruppen der Gemeinde, in der Diakonie, der Öffentlichkeitsarbeit und in der Ökumene. Alle, die diese Seelsorgeberichte ausfüllen oder vorgelegt bekommen, wissen natürlich, dass diese statistischen Daten nur eine sehr nüchterne und auf ein dürres Zahlenwerk reduzierte Wiedergabe dessen sind, was sich an Lebendigkeit, an Wegerfahrung in Freude und Leid, an Glaube und Zweifel, in der tatsächlichen Seelsorge einer Gemeinde bei der Begleitung von Menschen in unterschiedlichen Situationen ereignet. Wichtig scheint mir bei all diesen Zahlenangaben zu erahnen, was sich dahinter an Schicksalen, an Such- und Lernprozessen verbirgt. Daher möchte ich beispielhaft über einige Erfahrungen in der Seelsorge berichten, die für mich sehr wichtig geworden sind und bei denen ich viel lernen durfte.

 

Erfahrungen in der Seelsorge

 

In den ersten Monaten dieses Jahres wurden zwei behinderte Kinder durch das Sakrament der Taufe in unsere Gemeinde aufgenommen. Zuvor war ich mehrmals bei den Pflegeeltern dieser Kinder, um den Taufgottesdienst vorzubereiten. Die Eltern wählten für diesen Anlass zwei biblische Texte aus. Als Evangelium Mt 28, 16-20 mit dem Auftrag Jesu an seine Jünger, die Menschen zu taufen verbunden mit der Zusage: „Ich bin bei euch alle Tage!“, und als Lesung Ex 3, 13-17 die Gottesoffenbarung an Mose im brennenden Dornbusch.

Wir haben lange darüber gesprochen, warum gerade diese Worte in dem bekannten Text der hebräischen Bibel zur Situation dieser Kinder passen könnten. Da wird uns erzählt, dass Gott dem Hirtenjungen Mose im brennenden Dornbusch am Berg Horeb begegnet, um ihm den Auftrag zu geben, das geknechtete Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens herauszuführen. Er sagt: „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und den Klageschrei gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und sie herauszuführen in ein schönes weites Land.“ Und dann kommt, so haben wir empfunden, das Entscheidende: Mose, der sich mit diesem Auftrag völlig überfordert fühlt, fragt Gott, was er denn den Israeliten sagen soll, wer ihm, dem unbedeutenden Hirtenjungen, denn einen solch gewaltigen Auftrag gegeben hat. Mose fragt nach dem Namen Gottes. Und Gott sagt, so lesen wir in der Bibel: „ich bin der ‚ich bin da!’“

 

Ich bin da

 

Nach der Tauffeier kam ein ganz aufgewecktes Mädchen auf mich zu und sagte zu mir: Du hast gerade was Falsches gesagt. Ich habe im Religionsunterricht gelernt, dass der Name Gottes „Jahwe“ heißt. Ich war natürlich überrascht und erfreut über solch tolles Wissen und antwortete: Du hast völlig recht, denn der Name Gottes heißt wirklich „Jahwe“, so heißt er auf Hebräisch. Aber ich habe auch recht, denn die Übersetzung des hebräischen Wortes Jahwe heißt auf Deutsch, so steht es in unseren Übersetzungen: „ich bin da!“

Genau um diese Erfahrung, die in diesen drei Worten des Namens Gottes steckt, sollte es bei der Taufe dieser Kinder gehen. Jesus greift diese Erfahrung am Ende des Matthäus-Evangeliums auf: „Ich bin bei Euch!“ sagt er in Verbindung mit dem Auftrag, seine Botschaft zu verkünden und in seinem Namen die Menschen zu taufen. Die Eltern waren der Überzeugung: Da wo diese Kinder und wir alle diese Erfahrung machen: da ist eine(r) in meiner Nähe, der mich begleitet, die mich in den Arm nimmt, der mich lieb hat, mir seine Nähe und Zuneigung schenkt, die mich annimmt und versteht so wie ich bin, der mit mir lacht, spielt, singt, tanzt, weint, mich tröstet und streichelt, da spüren sie, da spüren wir Gottes Nähe und Wirklichkeit.

 

Kommunionvorbereitung

 

Nach der Taufe, einige Monate später, wurde das ältere der beiden behinderten Kinder, Katharina mit Down-Syndrom auf die Erstkommunion vorbereitet (vgl. Christen heute September 2009, S. 214). Mehrmals war ich vor dem großen Fest in Katharinas Schule für geistig und körperlich schwer behinderte Kinder. Jedes mal bin ich von dem, was ich dort erlebt habe, tief beeindruckt und beschenkt worden. Ich versuchte, zusammen mit den Pädagoginnen das Geschehen der Kommunion, also der Gemeinschaft mit Jesus, den Kindern etwas näher zu bringen und war dabei selbst immer wieder ein Lernender. Die Spontaneität, Herzlichkeit, Dankbarkeit und Freude der Kinder ist überwältigend. Kerzen wurden mit viel Geduld gestaltet und entzündet, einzeln wurde jedes Kind zur Osterkerze geführt oder getragen, um das eigene kleine Licht zu entzünden. Brot wurde gebacken, geteilt, betastet, gerochen, alles muss bei diesen Kindern hautnah gefühlt und handgreiflich sinnenfällig spürbar werden: ich stand im Gewand vor den Kindern und überlegte kurz, wie ich die Bedeutung der Stola vermitteln kann. Spontan kam mir die Idee, jedem Kind ein Stück Stola in die Hand zu geben, sie spürten, wir sind miteinander verbunden durch dieses bunte Band, wir gehören zusammen, ihre Augen strahlten! Der Kelch wurde berührt, die Gesichter spiegelten sich in der Schale, das Kreuz wurde betastet, das Wasser gefühlt. Es geht darum, die Kinder über ihre Sinne, über das Gefühl zu erreichen, es kommt ganz auf das Herz an, nicht so sehr auf den Kopf. Besonders über die Musik wird das Herz der Kinder erreicht. Immer, wenn ich mit der Gitarre spiele, kommt Katharina zu mir, legt ihr Ohr oder und ihre Hand auf den Gitarrenkörper, um die Klangschwingungen zu fühlen und in sich aufzunehmen, dabei ist ihre Freude und Begeisterung deutlich zu spüren. Ein unbeschreiblich faszinierendes Erlebnis.

 

Keine Sprüche klopfen

 

Was ich selbst in der Begegnung mit Katharina und den anderen Kindern spüren konnte, finde ich genau wiedergegeben in den Worten, mit denen der frühere Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, der, seitdem er in den Ruhestand gegangen ist, in einem Haus mit Behinderten lebt, seine Erfahrungen in einem Interview beschreibt (vgl. Christen heute Januar 2009, S.4/5). Ich kann’s nicht besser formulieren, daher möchte ich ihn zitieren, denn er spricht mir aus dem Herzen:

„Ich bin mit Menschen zusammen, von denen die meisten nicht sprechen können – und doch viel zu sagen haben, allein durch ihr Dasein: ‚Seht ihr – sagen sie – wie behindert ihr seid: behindert durch eure Wahnvorstellung, ihr müsstet immer fit und rundum belastbar sein, ihr dürftet von niemand abhängig sein; ihr müsstet alles selbst in den Griff bekommen. …‘ Festgefahrene und verengte Bilder vom geglückten Leben werden aufgebrochen. Ja, ich entdecke am anderen, mit den Grenzen des eigenen Lebens umzugehen. Man lernt einen respektvollen Umgang mit Verschiedenheiten, ohne immer wieder die alten Muster von besser und schlechter zu traktieren. Selbsttäuschungen zerbrechen sehr schnell. Behinderte bezeugen: Unser Leben ist endlich und hat Grenzen. … Die Sprache meiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ist unmittelbar und direkt. Man muss sich abschminken Sprüche zu klopfen. Es kommt darauf an ebenerdig zu reden und zu leben.“

Abschließend sagt Kamphaus: „Ich habe das noch nie in meinem Leben so erfahren, dass es das Allerwichtigste ist, einfach da zu sein. Entscheidend ist nicht so sehr, was ich sage oder tue, sondern, dass ich einfach dazwischen bin!“

 

Einfach da sein

 

Einfach da sein ist das Entscheidende! Das ist auch die Erfahrung, die ich in den 38 Jahren meiner Tätigkeit als Seelsorger immer wieder machen konnte, nicht nur im Kontakt mit behinderten Menschen.

Vor einem Jahr ist ein Gemeindemitglied verstorben, dem ich in den Jahren davor regelmäßig monatlich die Krankenkommunion gebracht habe. Viele harte Schicksalsschläge hatte er in seinem Leben zu ertragen. In seinem Zimmer hing ein Kalenderblatt, auf dem diese Worte standen: „Ich bin da“. Ich erfuhr die Geschichte zu diesen Worten, der alte Mann erzählte: „Kurz nachdem mein Sohn so plötzlich verstorben war, und ich voll Trauer und Verzweiflung nicht mehr weiter wusste, sagte mir eine Schwester vom Pflegedienst: ‚Ich bin da!‘ Das hat mich getröstet und aufgerichtet, denn tatsächlich war sie regelmäßig da nicht nur zur körperlichen Pflege, sondern auch, um mir gute Worte und Zuwendung zu geben!“ Ich habe unserem Gemeindemitglied dann erzählt, dass diese drei für ihn so wichtigen Worte auf seinem Kalenderblatt in der Bibel genau den Namen Gottes bezeichnen.

Wie viele Stunden habe ich schon am Bett von Schwerkranken und Sterbenden, die nicht mehr sprechen konnten, gesessen mit dem Gefühl der Ohnmacht, in stillem Gebet, die Hand haltend, die Stirn kühlend, die Lippen befeuchtend. Und dabei kann sich ja manchmal die Empfindung einschleichen: Macht das Sinn, einfach nur da sein, wo doch so viel Arbeit mit sichtbareren Erfolgserlebnissen an anderer Stelle zu erledigen wäre. Die Botschaft „ich bin da“ mit der sich Gott zu erkennen gibt, ermutigt mich in meiner Hilflosigkeit auszuharren und einfach „nur“ da zu sein.

 

Ohnmacht aushalten

 

Bei einem meiner Einsätze in der Notfallseelsorge vor einiger Zeit musste ich zusammen mit der Polizei einer Mutter, deren Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, diese grausame Todesnachricht überbringen. Eine unglaubliche Verzweiflung, ein unsäglicher Schock war die Reaktion dieser Mutter. Ich konnte nur da sein und ihre Schreie, ihre Tränen aushalten. Ich kam mir ohnmächtig und hilflos vor, als sie sich an mich klammerte und laut schrie: „Nein!“, „Nein!“, „Sagen Sie, dass das nicht stimmt!“ Sie schluchzte herzzerreißend. Ich war „nur“ da. Ich konnte das Geschehene ja nicht rückgängig machen, ich spürte auch, dass noch so gut gemeinte Worte nichts bewirken und nur ein vergeblicher Versuch sind, die eigene Hilflosigkeit zu überspielen und das Gefühlschaos nicht auszuhalten. Nur Da -Sein und Da-bleiben, das war in dieser Situation für mich alles. Als ich mich verabschiedete, sagte sie Danke. „Danke, dass Sie da waren“. Ich verließ sie still, mit Tränen in den Augen, ohnmächtig und beschämt. Später rief sie mich sogar noch mal an, um sich erneut zu bedanken, mein Da-Sein habe ihr in dieser schlimmen Situation geholfen.

 

Wunder der leeren Hände

 

Diese Erfahrungen haben mich gelehrt, dass es eine „ich bin da“-Seelsorge gibt, die für mich sehr wichtig und kostbar geworden ist. Jenseits der eigenen Leistung und Erfolgserfahrung darf ich bei aller selbst empfundenen Ohnmacht in der Reaktion derer, denen ich zur Seite zu stehen versuche, immer wieder Dankbarkeit erfahren. „Oh Wunder unserer leeren Hände!“

Ich möchte uns wünschen, dass der Name Gottes (Jahwe = Ich bin da), den Mose in einem ihn überfordernden Brennpunkt seines Lebens mitgeteilt bekommt, auch in unserem Leben nicht nur Wort bleibt, sondern zur konkreten Erfahrung wird, wenn uns Menschen in frohen oder auch furchtbaren Situationen unseres Lebens sagen und uns vor allem spüren lassen: „Ich bin da!“ und wenn auch umgekehrt wir durch unser Dasein anderen Trost und Mitgefühl vermitteln, denn darin zeigt sich konkret die Wirklichkeit und Nähe des Namens Gottes: Jahwe – ich bin da!

 

Ulrich Katzenbach

 

 

Ich bin da

 

In die Lichtblicke deiner Hoffnung und in die Schatten deiner Angst, in die Enttäuschung deines Lebens und in das Geschenk deines Zutrauens lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft, in den Segen deines Wohlwollens und in das Elend deiner Ohnmacht lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In das Spiel deiner Gefühle und in den Ernst deiner Gedanken, in den Reichtum deines Schweigens und in die Armut deiner Sprache lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In die Fülle deiner Aufgaben und in deine leere Geschäftigkeit, in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und in die Grenzen deiner Begabung lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In das Gelingen deiner Gespräche und in die Langeweile deines Betens, in die Freude deines Erfolgs und in den Schmerz deines Versagens lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In das Glück deiner Begegnungen und in die Wunden deiner Sehnsucht, in das Wunder deiner Zuneigung und in das Leid deiner Ablehnung lege ich meine Zusage: ICH BIN DA.

 

In die Enge deines Alltags und in die Weite deiner Träume und in die Kälte deines Herzens lege ich meine Zusage:

ICH BIN DA.