Kampf der Kulturen
Eine Ansichtssache zum Konflikt in der anglikanischen
Gemeinschaft
Als 1996 der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel
P. Huntington seine bereits in der Fachzeitschrift Foreign
Affairs veröffentlichte Studie „The Clash of Civilizations?“ als Buch
vorlegte, das unter dem Titel „Der Kampf der Kulturen“ auch auf Deutsch
erschien, löste er eine heftige Debatte aus. Huntingtons Grundthese lautete:
Nach dem Aufeinanderprallen der Nationalstaaten im 19. und dem Konflikt der
großen Ideologien im 20. Jahrhundert werden im 21. Jahrhundert die
verschiedenen Kulturkreise und Religionen das größte Konfliktpotential in sich
bergen. Hand in Hand ging damit die Annahme, dass das westliche Ideal einer
offenen und demokratischen Gesellschaft zunehmend in die Defensive gerät.
Vielfach wurde der wachsende islamische Fundamentalismus als Bestätigung dieser
These, die freilich auch Widerspruch erfuhr, gedeutet.
Frauen und Homosexualität
Man mag zu Huntingtons Thesen stehen wie mal will und
einwenden, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen habe schon immer
ein erhebliches Konfliktpotential besessen, aber wenn ich auf die weltweite
anglikanische Kirchengemeinschaft blicke, frage ich mich, ob dort nicht die
innerkirchliche Variante dieses Kampfes der Kulturen zu beobachten ist. Wie Sie
in diesem Heft dem Artikel von Bischof Joachim Vobbe
über die Lambeth-Konferenz entnehmen können (Seite
195-198) sind es zwei Themen, die die anglikanische Gemeinschaft schwer
belasten: die Weihe von Frauen, insbesondere zu Bischöfinnen, und das Thema
Homosexualität, vor allem die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften
und die Weihe Homosexueller. Bischof Joachim Vobbe
schreibt, es seien unterschiedliche Begründungsmuster auf der Konferenz zu
erkennen gewesen: „Die Ablehnung der Segnung homosexueller Paare und speziell
von Gene Robinsons Bischofsweihe wird vornehmlich biblisch, vereinzelt auch ehetheologisch begründet (afrikanische Bischöfe führen auch
kulturelle Gründe ins Feld). Dagegen wird die Ablehnung der Frauenordination
und insbesondere von Bischöfinnen weniger biblisch (und theologisch) als
vielmehr historisch oder kulturell begründet.“
Die Kultur spielt also bei der Argumentation mit eine Rolle. Und man wird nicht in die Irre gehen, wenn man
grundsätzlich annimmt, dass die jeweilige Position, die jemand zu diesen beiden
Fragen vertritt, sei es eine ablehnende oder eine befürwortende, stark durch
die Kultur, in der er lebt, geprägt ist – auch wenn er vornehmlich theologisch
argumentiert. Machen wir uns nichts vor: Unsere Kirche hat die Frauenordination
erst eingeführt, als die Emanzipation der Frau auf gesellschaftlichem und
politischem Feld erkämpft war. Erst dann erkannten wir, dass es vom Evangelium
her keine Gründe gibt, Frauen vom Amt auszuschließen. Beim Thema Homosexualität
wird man eine ähnliche Reihenfolge feststellen können. Die Kirche in ihrer
Mehrheit ist eben selten Avantgarde gewesen.
Schrift und Kultur
So darf es uns freilich auch nicht verwundern, dass
afrikanische Anglikaner die Position der US-Amerikaner in Sachen Homosexualität
nicht teilen können. Aufgrund ihrer Kultur kommen sie da und dort zu einer
anderen Antwort auf die Frage, was denn das Evangelium von einem
Christenmenschen verlange.
Kurienkardinal Walter Kasper, von der Katholischen
Nachrichtenagentur zum Streit in der anglikanischen Gemeinschaft befragt, meinte hierzu: „Nicht die Kultur bestimmt die
Interpretation der Schrift, sondern die Schrift sollte die Interpretation der
Kultur bestimmen.“ Nun ist das ein Satz wie aus dem Lehrbuch, dem man gerne zustimmen möchte, der aber, wie leider mancher Lehrbuchsatz,
wenig lebenstauglich ist und zudem eine gewisse hermeneutische Naivität an den
Tag legt. Denn die Schrift ist eben nicht Offenbarung pur, quasi ein Extrakt,
sondern sie bietet die Offenbarung in einem bestimmten kulturellen Kontext dar.
Allein schon der Umstand, dass sie in einer Sprache verfasst wurde und in
andere erst übersetzt werden muss, zeigt ihr Verhaftetsein
an eine bestimmte Kultur und deren Denkvorstellungen. Ein Römer des 3.
Jahrhunderts hat die Schrift anders gelesen und ausgelegt als ein Chinese im
20. Jahrhundert, Männer kamen bisweilen zu anderen Auslegungen als Frauen und
ein Armer wird aus der Bibel anderes als Quintessenz herausziehen als ein
Reicher. Das heißt nicht, dass die Auslegung der Bibel beliebig wäre, auch wenn
es sich vielleicht im Moment so anhört. Aber man muss immer um die eigene
Verwurzelung in einer bestimmten Kultur wissen und darum, dass dies bei den
biblischen Schriftstellern nicht anders war. Erst auf dieser Basis kann um
Antworten gerungen werden.
Der Konflikt innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft ist
im Grunde unvermeidlich. Dass er an den Themen Frauenordination und
Homosexualität aufbricht, ist eher zufällig. Jede weltweite Gemeinschaft, die
verschiedene Kulturen umfasst, hat mit solchen Konflikten zu tun. (Übrigens
auch die römisch-katholische Kirche, allerdings drückt das päpstliche Lehramt
mit viel Kraft den Deckel auf manchen dampfenden Debattenkessel.) Von daher,
meine ich, bringt es auch wenig, theologisch die beiden genannten Sachfragen
weiter zu ventilieren. Entscheidend ist, wie viele Unterschiede in der
Interpretation des Evangeliums eine Gemeinschaft aushält, Unterschiede, die
nicht per se theologischer, sondern kultureller Natur sind. Der anglikanischen
Gemeinschaft ist es zu wünschen, dass sie gerade in der Fähigkeit, enorme
Spannungen auszuhalten, weiter Modell für eine weltweite Kirche sein kann. –
Auch wenn das alle Beteiligten viel Nerven kostet.
Matthias Ring