„Alle Menschen höret auf dies neue Lied …“
Der Text dieses Liedes, das bereits im Gesangbuch „Lobt
Gott, ihr Christen“ (1986) stand und unter der Nummer 232 nun auch ins neue
Gesangbuch „Eingestimmt.“ aufgenommen wurde, stammt aus Holland. „Alle mensen luistert“ beginnt die von
Simon Jelsma verfasste Dichtung, die die zentralen
Punkte der Eucharistiefeier beschreibt und deutet. Sigisbert Kraft (+ 2006),
bis 1995 Bischof unseres Bistums, hat es 1974 ins Deutsche übertragen. Paul
Ernst Ruppel, Kirchenmusiker und Komponist aus
Neukirchen-Vluyn, überarbeitete dafür die von Wim ter
Burg 1966 geschaffene Melodie. 1980 erschien das fünfstrophige Lied bereits im
Ökumenischen Jugendgesangbuch „Kumbaya“.
Die erste Strophe spricht eine Einladung aus – und zwar an
„alle Menschen“. „Een tafel
voor allen, geluk voor ieder mens“,
heißt es im Refrain des Originals. Es geht um die heilsame Bedeutung der
Eucharistie: um ein neues, intensives, friedliches Miteinander, das sich in
jedem Menschen einstellt, wenn er sich auf diese Feier einlässt. In
Weiterführung des holländischen Originals stellt Sigisbert Kraft klar, dass das
Handeln Jesu „jetzt bei uns geschieht“. Wir hätten nichts davon, würden wir uns
heute nur erinnern. Deshalb verzichtet der promovierte Liturgiewissenschaftler
und Kirchenliedexperte auf die ursprüngliche Beschreibung des Abendmahlcharakters:
„Nu de dag verduistert en het
licht verschiet – der Tag wird nun dunkel, das Licht
schwindet dahin.“ Wichtig ist ihm, dass Jesus uns anspricht und einlädt und
dass er sehr wohl weiß, wer dann alles kommt: junge und alte, schlechte und
gute Menschen, wie es im Originaltext heißt. Sigisbert Kraft verdichtet es in
die Worte: „Er… kennt uns allzumal.“
Neubeginn
Die zweite Strophe nimmt die Einladung auf und führt uns
mitten hinein in den Ablauf der Abendmahlsfeier. Es scheint, als habe der
Dichter insbesondere die neu Angesprochenen vor Augen, die einfach nur schauen
und auf sich wirken lassen: „Brot wird nun gebrochen, Becher sind voll Wein,
Licht ist angezündet, bricht ins Dunkel ein.“ Es sind im Grunde ganz einfache
Dinge, die geschehen. Und doch lösen sie in den Gekommenen eine neue Wirkung
aus. Sie laden zum Mittun ein: „Sprechen, Singen, Künden…“ Und sie offenbaren:
Wer sich einladen und rufen lässt, wer den Weg wagt und den Mut aufbringt, die
Schwelle zu überschreiten, wer einstimmen kann ins Sprechen und Singen, gibt
„sich selbst“ und „findet Neubeginn“. Neubeginn im Sinne einer Erfahrung, die
so ganz anders ist als das, was wir gewöhnlich erleben. Die Eucharistiefeier
vermittelt den Kontrast zwischen dem, was Paulus mit dem Alten bezeichnet, das
„vergangen“, und dem Neuen, das „geworden ist“ (2. Korintherbrief 5,17).
Dieser Gedanke wird in den nächsten beiden Strophen
weiterentwickelt. „Öffnet eure Herzen, ändert euren Sinn.“ Der Blick richtet
sich auf Gott, der tut, was viel zu wenig geschieht und doch so lebensnotwendig
ist für diese Welt: Sich geben. Sich hineingeben in
das Leben und gerade auch in seine Wunden und seine Not. Wo sonst allein die
eigene Sache gesucht und alles andere als störend empfunden wird, wo mehr
Gleichgültigkeit herrscht als die Bereitschaft sich einzufühlen und zu kümmern,
rücken Menschen nach Jesu Beispiel zusammen, nehmen Anteil aneinander und
stecken sich gegenseitig an, auf das Neue zu schauen. „Unrecht muss nun
weichen, Lüge untergehn“, heißt es folgerichtig. Und
damit sind nicht die kleinen, alltäglichen Lügen gemeint, sondern die große,
die entsteht, wenn wir uns etwas vormachen und uns herausreden aus dem, was
ebenso lebensnotwendig und manchmal vielleicht lebensnotwendiger ist als die
eigene Sache. Die Kontrasterfahrung der Eucharistie
kann, vorausgesetzt, wir geben uns selbst (siehe Strophe 2), dieses
verhängnisvolle, Unrecht hervorrufende Entweder-Oder in uns aufbrechen. „Wolken
sind zerrissen, hell strahlt auf das Licht“, lautet es in poetischer Sprache.
Hoffnung
Und wenn es in der abschließenden Strophe heißt: „Gott ist
mit uns allen“, dann bedeutet das: Er gibt mit seinem Sohn dieses Neue, dieses
Lebensnotwendige hinein in unsere Gemeinschaft. Er macht den „Blinden, Lahmen,
Tauben“ unter uns – und das bezieht sich nicht nur auf die eucharistiefeiernde
Gemeinschaft, sondern auf die ganze Gesellschaft und die ganze Welt – Hoffnung.
„Er heilt alles Unheil, Einsamkeit und Not.“ Er vollbringt das, indem er uns
ruft und einlädt, indem er uns füreinander öffnet und so hineinnimmt
in das Geheimnis des Sich-Gebens. Das ist Er. Das
wird in Jesus offenbar. Und jetzt, hier und heute, wird es offenbar „in Wein
und Brot“.
Joachim Pfützner