Die Utrechter Union und die Ökumene

 

Es gibt objektive und gefühlte Wahrheiten. Mein Bischofsbericht bewegt sich, wie immer, zwischen beidem. Mein Gefühl sagt mir: Es läuft in den meisten Gemeinden gut, sogar sehr gut. Viele Gemeinden dürfen sich rühmen, dass sie im Kern einen hoch motivierten aktiven Mitgliederbestand haben, in welchem nicht selten viel Sachkompetenz im seelsorglichen, sozialen, pädagogischen, medialen, aber auch juristischen und finanziellen Bereich zusammenkommt. Und: Wir haben hochmotivierte, gut ausgebildete Geistliche.

 

Utrechter Union

 

In der Utrechter Union werden sich in der nächsten Zeit einige Veränderungen ergeben. Bischof Heitz hat anlässlich seines 65. Geburtstages zum Jahresende 2007 seinen Rücktritt angekündigt. In der Schweiz hat man aus Finanzgründen mit der Zusammenlegung von traditionsreichen Gemeinden, z.B. im Fricktal, begonnen. Das ist kein unumstrittener Prozess. Es gibt dort immer noch eine starke Gemeindeautonomie, die zum Teil auch in der kantonalen Gesetzgebung ihre Wurzeln hat. In anderthalb Jahren geht Professor von Arx in Pension. Damit verliert die Utrechter Union nicht nur einen ihrer profiliertesten Köpfe im aktiven Universitätsdienst, es stellt sich zugleich ein Nachfolge- und ein Existenzproblem. Bischof Fritz René Müller wird in anderthalb Jahren siebzig, so dass spätestens dann auch in der Schweiz ein Bischofswechsel ansteht. Ebenfalls siebzig wird in anderthalb Jahren Bischof Wiktor Wysoczanski, der einzige noch verbliebene residierende Bischof in Polen. Die polnische Kirche blieb leider nach der Wende eine zeitlang wegen einer gewissen Anlehnung an das kommunistische Regime und innerer Zwistigkeiten krisengeschüttelt und richtet sich erst allmählich wieder auf. Eine Vereinigung der Mariaviten mit der polnisch-katholischen Kirche wäre zwar angezeigt, ist aber wohl aus psychologischen Gründen kaum möglich.

In Holland ist Bischof Bert Wirix nach wie vor gesundheitlich angeschlagen und nun schon seit mehr als zwei Jahren nicht voll dienstfähig. Der Erzbischof muss daher viele Aufgaben vor allem für die IBK selbst übernehmen. In Tschechien stehen die Dinge soweit gut. In Italien gibt es viele kleine Samenkörner in der alt-katholischen Bewegung, auch wenn es sehr an Geld und an Treffmöglichkeiten in der weiten Diaspora fehlt, zumal alle Geistlichen ihren Dienst dort ehrenamtlich tun. Was dort – und natürlich auch anderswo – immer wieder neu erlernt werden muss, ist, dass eine kleine Anzahl von Ordinierten ein Höchstmaß von Einheitswillen und offenem Umgang miteinander erfordert. Neben der Gemeinde in Mailand gibt es inzwischen eine – noch sehr kleine – Gemeinde in Rom, Frau Dr. Tosatti ist die Priesterin, die ich im vergangenen Jahr in Bonn geweiht habe, und in Sabaudia Latina mit Don Luciano Bruno. Dort habe ich eine Kirche auf dem Grundstück eines wohlhabenden Tierarztes eingeweiht. Weitere Gruppen bilden sich in Reggio Calabria und in Palermo.

 

Immer wieder beschäftigt die IBK auch die Frage, wie denn unser Anspruch der Katholizität auch in einem weltumspannenden Sinne aufrechterhalten werden kann für unsere kleine, seit dem Wegfall der PNCC auf Mitteleuropa beschränkte Kirchengemeinschaft, zumal sich die Verhandlungen mit der Anglican Communion bezüglich der overlapping jurisdictions sehr schleppend gestalten. Einmal kommt immer wieder der Gedanke auf – zuletzt im Zusammenhang mit der 75-Jahrfeier des Bonn-agreement – doch eine über die Anglikanische Gemeinschaft hinausgehende sakramentale und konziliare Gemeinschaft bischöflich-synodal verfasster Kirchen zu bilden. Die Idee ist nicht neu, sie wurde gelegentlich schon von Bischof John Hind aufgebracht. Es gibt ja noch andere sogenannte „Churches in Communion“, die Mar-Thoma-Kirche in Indien und die Philippine Independent Church. Wir haben zu diesen Kirchen Kontakte aufgenommen und den Erzbischof von Canterbury angefragt, ob es möglich sei, auf der nächsten Lambeth-Konferenz 2008 einmal einen solchen Gedanken weiterzudenken. Allerdings haben wir bis jetzt keine Antwort. Das rührt wohl daher, dass die Anglikaner zur Zeit viel zu sehr mit dem Erhalt ihrer eigenen Gemeinschaft beschäftigt sind. Ich komme noch darauf.

 

Es gibt überdies stets eine Fülle von Anträgen von sogenannten alt-katholischen Kirchen aus Amerika und Afrika, die jedoch meist dem Vagantenmilieu entstammen und selten über ihren Klerus hinaus, meist alles Bischöfe, Mitglieder haben. Es gab – sogar recht intensive – Kontakte zu einer Old Catholic Church of British Columbia (Kanada), die neben einem Bischof und einigen Priestern immerhin über drei real existierende Gemeinden mit ca. 3000 Mitgliedern verfügte. Jürgen Wenge war im Auftrag der IBK dort und fand alles so vor, wie es sich im Internet und durch die speziellen Kontakte eines Koblenzer Gemeindemitglieds darstellte. Der Bischof, den wir schließlich einluden, war ein offener, ehrlicher, sicher auch charismatischer Mann, der für seinen designierten Nachfolger nach einer seriösen Weihe suchte. Allerdings hatte diese kleine Kirche am anderen Ende der Welt keinerlei alt-katholisches Profil. Man benutzt in Kanada ein Messbuch mit stark römischem Einschlag, zelebriert die Messe mit dem Rücken zum Volk, hat mehr Marienfeste im Kalender als die römische Kirche und ist von theologischen Einsichten in unsere alt-katholische Kirchlichkeit völlig unbeleckt. Also haben wir den Kontakt wieder aufgegeben, da eine theologische Nachrüstung bei einer so kleinen Gruppe am anderen Ende der Welt zu aufwendig wäre. 

Inzwischen hat sich eine Gruppe römisch-katholischer Priester aus Guatemala an uns gewandt. Hinter ihr stehen angeblich über 150000 Indios. Wir überprüfen zur Zeit, warum sich diese Gruppe von der römischen Kirche trennt. Professor Franz Segbers als Spezialist für die lateinamerikanischen christlichen Armenbewegungen und Christian Edringer und seine Frau Svenja als Spanisch-Experten sind in die Untersuchungen involviert.

 

Ökumene

 

Das Bild der Ökumene stellt sich nach wie vor als kompliziert dar. Allenthalben wird zur Zeit der Trend zu einer Rekonfessionalisierung erkennbar, auch dort, wo er nicht die erwarteten Folgen zeitigt.

Die anglikanische Gemeinschaft befindet sich in schwerem Seegang. Dabei ist der derzeitige Primas Rowan Williams ein Hoffnungsträger, der auch zu uns gute Kontakte pflegt. Anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die evangelische Fakultät der Uni Bonn besuchte er uns im Bischofshaus – das erste Mal, dass ein Erzbischof von Canterbury dies tat. Sein Besuch beim Kongress und seine Mitwirkung am Geburtstagsbuch „Im Himmel Anker werfen“ waren weitere Belege seiner freundschaftlichen Haltung uns gegenüber. Er ist ein tief spiritueller Mann und international anerkannter Theologe.

Dennoch gibt es im anglikanisch-alt-katholischen Verhältnis leider trotz der schönen Feiern auf dem Kongress und dem Pilgerweg der Bischöfe letztes Jahr keine wirksamen Fortschritte.

 

Inzwischen gibt es ein zunehmendes jurisdiktionelles Chaos – sogar der „Spiegel“ berichtete darüber – durch den nigerianischen Primas Peter Akinola, der jetzt schon ohne Absprache mit Canterbury für Gemeinden in den USA, welche gegen die Segnung und Weihe homosexueller Menschen sind, eigene Bischöfe weiht und auch anderswo, z.B. in Italien, anglikanische Gemeinden unter seine Jurisdiktion nimmt.

 

Eins ist wirklich, speziell in der anglikanisch-alt-katholisch-evangelischen Ökumene, sehr, sehr schade: Dass es in einer Zeit, wo das Papsttum verhältnismäßig medienstark auftritt, die römisch-katholische Kirche aber nach innen doch recht große Probleme hat, nicht gelingt, die große Vision von einem sakramentalen Verbund westlich-katholischer synodaler Kirchen einzulösen. Das hätte den Namen „Vision“ verdient und wäre vielleicht ein großer Wurf.

 

Die römisch-katholische Kirche ist offensichtlich – nach dem Programm des Papstes – in erster Linie an der Orthodoxie interessiert. Immerhin aber hat auch der internationale römisch-katholische/alt-katholische Dialog endlich seit drei Jahren wieder eingesetzt. Zur Zeit findet so eine Art Bestandsaufnahme statt. Einige Kommissionsmitglieder versuchen, praktische Fortschritte ins Auge zu fassen, ohne allerdings eine Gewähr dafür bieten zu können, ob diese dann auch kirchenpolitisch gegenüber dem Vatikan oder den nationalen Bischofskonferenzen durchsetzbar sind. Eine solche – die weitestgehende – Option sieht so aus: Die Exkommunikation aller ehemaligen römisch-katholischen Priester (und Laien!) in unserem Bistum würde aufgehoben. Die Jurisdiktion des alt-katholischen Bischofs würde als eigenständige anerkannt. Die Frauenordination würde nicht grundsätzlich verurteilt, auch wenn die römische Kirche sie aus historischen Gründen als nicht nachvollziehbar erachtet. Die alt-katholischen Kirchen versuchten zwar tendenziell, einen „eigenen“ Klerus heranzuziehen, blieben aber bei Bedarf auch weiterhin offen für die Aufnahme ehemals römischer Priester. Diese müssten dann nur von ihrem Heimatbischof ein Dimissoriale erhalten. Das sind die weitestgehenden „Phantasien“. Jedoch ist es schlicht nicht vorstellbar, dass der Vatikan oder z. B. einflussreiche römisch-katholische Bischöfe einem Vertrag zustimmten, der eine grundsätzliche Übertrittsmöglichkeit für römisch-katholische Ordinierte in Aussicht stellt. Das würde der Schlüsselfrage Pflichtzölibat doch wohl aus römischer Perspektive sehr schaden. Auch ist nicht denkbar, dass die Ablehnung der Frauenordination, die zwar bislang nicht ex cathedra, aber doch als Lehrentscheidung von höchster Qualität ausgesprochen wurde, relativiert würde durch die Anerkennung eines Bistums, in dem es ordinierte Frauen gibt. Es stellt sich also die Frage, ob hier nicht ein Zustand angepeilt wird, der in überschaubaren Zeiträumen schlicht nicht realisierbar ist.

 

Langwieriger läuft es mit der Orthodoxie. Auch hier gibt es eine neue Vorkommission zur Vorbereitung weiterer Dialoge. Der Dialog wird fortgeführt auf der Basis der bisherigen Dokumente weitgehender Übereinstimmung. Neues Thema ist allerdings jetzt die Frauenordination. Es gelten in diesem Dialog aber bislang keine Argumente der westlichen Bibelexegese oder kirchenhistorischer Entwicklung oder gar unserer bisherigen gemeinsamen orthodox/alt-katholischen anthropologischen Betrachtungen. Die jetzigen orthodoxen Partner argumentieren ausschließlich unter Verwendung von Kirchenväterzitaten aus den ersten Jahrhunderten. Das macht den Dialog schwierig.

 

Evangelische Kirche

 

Im Jahr 2005 wurde die evangelisch/alt-katholische Vereinbarung gegenseitiger Gastfreundschaft bei der Feier der Eucharistie zwanzig Jahre alt. Wir haben dies beim Evangelischen Kirchentag in Hannover zusammen mit dem Ratsvorsitzenden Bischof Huber, mit dem Vorsitzenden der Vereinigung evangelisch-lutherischer Kirchen, Bischof Hans-Christian Knuth, und dem anglikanischen Bischof von Wolverhampton, Michael Bourke, gefeiert. Zugleich aber wurden entscheidende Punkte dieser Vereinbarung kritisch reflektiert:

In der Vereinbarung steht, dass beide Seiten gewährleisten, dass „die Feier der Eucharistie nur von Ordinierten geleitet“ wird. Schon in einer Abendmahlsdenkschrift, die 2003 von der EKD vertrieben wurde, wird jedoch festgestellt, dass die Feier des Abendmahles im Prinzip kraft des „Allgemeinen Priestertums“ von jedem geleitet werden kann. Im besonderen aber können, so die EKD-Denkschrift, außer den Ordinierten auch nichtordinierte Vikare im Auftrag ihrer Pfarrer und zeitlich und örtlich beauftragte Gemeindemitglieder, „Lektoren“, Prädikanten, Jugendleiter usw. mit der Leitung sakramentaler Feiern betraut werden. In einer im November 2004 erschienenen Empfehlung der VELKD-Bischofskonferenz wird diese Feststellung zunächst wiederholt. Diese neuen Aussagen widersprechen eindeutig nicht nur dem biblischen und kirchengeschichtlichen Befund, sondern auch unserer Vereinbarung, und wir haben uns daraufhin auf beiden Seiten gemeldet. Im Dialog mit den VELKD-Kirchen sollen die strittigen Punkte weiter verhandelt werden. Inzwischen hat die evangelische Seite geklärt, dass die Beauftragung von Prädikanten/Lektoren auch in einem nur einmaligen geistlichen Akt geschehen soll, der allerdings nicht „Ordination“ genannt wird. Ich habe nun in Absprache mit dem Ratsvorsitzenden Bischof Huber ein kleines Memorandum herausgegeben, in welchem die Vereinbarung gegenseitiger eucharistischer Gastbereitschaft zwar dankbar gelobt wird, zugleich aber die strittig gewordenen Punkt benannt und der weiteren Kommissionsarbeit anempfohlen werden.

 

Aber es gibt auch Positives zu berichten: Dass auf dem Kölner Kirchentag nun zum dritten Mal in Folge – trotz abgelegener Kirche – unter alt-katholischer Leitung eine überfüllte Lima-Liturgie gefeiert wurde, in der Bischöfin Jepsen predigte und der anglikanische Bischof Jones von Liverpool und Vizepräses Petra Bosse-Huber mitfeierten, wurde von der neuen Kirchentags-Generalsekretärin, Frau Dr. Überschär, immerhin mit großem Interesse und Wohlwollen vermerkt.

 

Jenseits aller theologischen Haken und Ösen bleiben aber selbstverständlich unsere Freundschaften intakt. Und das ist dann wieder außerordentlich wichtig. Wir kooperieren schon lange mit der bayrischen Landeskirche hinsichtlich der Kirchensteuer. Wenn die Synodalkasse kommt, ist die Evangelische Kirche im Rheinland bereit, uns Amtshilfe zu leisten und wesentliche Teile der Finanzverwaltung zu übernehmen. Es gibt zur Zeit Verhandlungen, ob unsere Theologen nicht teilzeitlich in den evangelischen Religionsunterricht an Schulen einsteigen könnten. Evangelische Professoren predigen gelegentlich in unserem Döllingerhaus. Die Bensheimer Akademie und der Evangelische Bund achten und schätzen uns. Einige Alt-Katholiken sind Mitglieder der Michaelsbruderschaft oder der Gemeinschaft St. Michael. Wir können jederzeit jede evangelische Kirche mitnutzen. Ich durfte als ein ökumenischer Vertreter im Beirat des Evangelischen Kirchentags 2007, der in Köln stattfand, dabeisein. Man hat mich ins Kuratorium der Stiftung der St.-Florinskirche zu Koblenz berufen. Das sind gute Zeichen praktischer Ökumene, für die ich sehr dankbar bin.

 

Joachim Vobbe